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Marburgs Freitag, 10 November 1876.

XL «Jahrgang.

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Anzeigen nimmt entgegen: ^Expedition d. Blatte#, <oaie die Annoncen-Bureaux #Pn ö- Dietrich & 60. in j^ffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M-; Laasenstein & Vogler in feantfutt a- M, Berlin, Leiv- ,tg Löln rc; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt <u M. re.

jrihniii.

Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blattes sowie die Nmwncen-Burraux von G 8. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; JLger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Juvalidendank, Ü- Stete* meyer in Berlin; Lari Schütz* ler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich anßer den Werktagen nach Sonn* und Aeiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Aluftrirteü Gountagsdlatt" durch die Expedition (lloch'sche Buchdruckerei) bezogen % Wart, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Wart 50 Pf«, (exl. Bestellgebühr). - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pfg. Für in der Expedition ,u ertbellende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf,, berechnet.

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Lage-bertcht.

* Unser Kaiser, sch eibt die „Prov.-Con." ist von dem - jüngsten Unwohlsein vollständig wieder hergestellt und ’ konnte bereits am Sonntag wieder eine Ausfahrt unter __nehmen. Falls die WitterungSverhällnisse es gestatten, . gedenkt Se. Majestät sich Donnerstag (9) mit den Pria I jtn zur Abhaltung der hergebrachten großen Hotjagden 7 ♦ nach Letzlingen zu begeben und am Sonnabend (11) von dort zurückzukehren.

Der Kaiser empfing Mittwoch Nachmittag in besonderer

Audienz das Pristbium des Reichtags, ferner den Bot-

schaster in Parts, Fürst Hohenlohe, die so Empfangenen „rden auch zur Tafel geladen.

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ES liegt in der Abstcht der ReichSregierung die Be« schlußfaflung de« BundeSratheS über den Entwurf eines Reichspatentgesetzes herbeizuführen, obwohl beschlofien ist,

dem Reichstage in der gegenwärtigen Session den Entwurf

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sicht vor zulegen. Der Entwurf schließt sich dem Verneh men nach an die Beschlüsie der Enqus ekommisston für bttf Patentwesen im Wesentlichen an, behandelt aber außer­dem einzelne Punkte, über welche die Ei qust-kommifston

i» der Lage war, nur beiläufig stch zu äußern.

Ueber die Petitionen deS Vorstandes des Klubs der

Landwirthe zu Frankfurt o. M. betr. daS Eisenbahntarif- steh«, stzstem hat der Reia Stag am 20 Januar 1875 beschlofien, llig«, dieselben dem Reichskanzler mit der Aufforderung zu über­weisen, die Eisenbahntariffrage einer erneuten und einge- ____henden ©tiquee durch eine zu diesem Zwecke zu berufende »riae> zu unterwerfen und von dem Ergebniffe der«

' ° reiben dem Reichstag bei seinem nächsten Zusammentritt dMittheilung zu machen. Wie nunmehr dem Reichstage tmitgetheilt wird, hat die für die Enquste über die Etfen- bthntariffrage eingesetzte Kommission gutachtlichen Bericht über daS Ergebniß der Enquste am 13. Dezember 1875 «stattet und ist dieser im Januar 1876 dem BunveSrathe

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mttgeiheilt worden. DaS ReichSeisenbahnamt hat sodann f# einer Denkschrift vom Mat 1876 daS Ergebniß der E-quste in Bezug auf defien praktische Lerwerthbarkett eingehend beleuchtet und dabei zugleich die thatsächlichen ».»'^erhällnifie erörtert, welche es seines Erachtens er« S" J wünscht erscheinen lafien, die im Jahre 1874 zuze- F " ftandene provisorische Frachterhöhung bis zu 20 Prozent lhunlichst in Wegfall zu bringen. Diese Denkschrift ist

gei von dem R ichSkanzler dem BundeSraihe zur Beschlußnahme dorgelegt worden.

Wie die „Agence HavaS" meldet, würde von England ein Programm vorbereitet, um solches der Eonferenz vor­zulegen, falls die Mächte übet letztere einig werden. Als Conserenzort wurde Konstantinopel vorgeschlagen.

Ueber den englischen Conserenzvorschlag «fährt die „Kölnische Zeitung": Die Conferenz wird in Konstan­tinopel von allen Mächten mit Einschluß der Türkei abgehalten und jede Macht durch zwei Bevollmächtigte ver­treten werden. Die Conferenz soll auf zwei Grundlagen beruhen: 1) Unabhängigkeit und Integrität der Türket; 2) Erklärung aller Mächte, daß sie keine GebtetSvergtö ßerung suchen noch ausschließlichen Einfluß ober Zugeständ­nisse in HandelSangelegenheiten mit der Türkei anstreben; 3) werden für die Pacificatton der insurgirten Provinzen die englischen durch Elliot überreichten Vorschläge zu Grunde gelegt werden. Die „Köln. Ztg." fügt hinzu, daß man noch nicht wifie, ob der englische Vorschlag von allen Mächten angenommen worden sei.

Lmtfchriö «ritz. '

Berlin, 9. November. Die heutige Provinzial- Cotrespondenz beschäftigt sich hauptsächlich mit den bis­herigen Reichstagsverhandlungen. Dieselben haben wiederum gezeigt, wie wenig Einfluß die auch noch so heftige Pole­mik in der Tagesprrfie gegen die Regierung aus daS Ver­halten der Reichstagsobgeordneten ausübt. So ist die Neuorganisation des RerchskanzleramteS, d. h. die Errich­tung eines Reichsjustizamtes unter einem Staates-krctariat und die gesonderte Verwaltung für Elsaß Lothringen mit einem UnterstaatSfrkretär beides FrageÜ, welche so viel Staub in der regierungsfeindlichen Presse aufgewirbelt hatten, fast ohne Debatte angenommen worden. Eine anbere Frage, welche ihrer Zeit zur Aeußerung vtelfeiliger Be­denken Anlaß gegeben hat, die Berufung der Herren von Bülow und Hofmann als Minister in bas preußische Staats Ministerium, ist nicht einmal beiläufig im Reichstag berührt worden. Möglicherweise beabsichtigt die Opposition diese Frage erst im Landtage zum Gegenstand der Debatte zu machen. Jedenfalls kann man an nehmen, daß die Erör­terung derselben, wenn die Opposition Hoffnung gehabt hätte, sie mit einigem Erfolg als brennende Frage auSzu- teuten, schon jetzt im Reichstage ftattgefunben haben würde. BetnffS les Zustandekommens der Reichsjustizgesetze be­merkt daS halb« fizielle Blatt, daß der bringente Wunsch und baS gewissenhafte Streben für baS Gelingen des hoch bedeutsamen Werkes innerhalb des Reichstages und von den verbündeten Regierungen gleichmäßig vertreten zu sein

scheine. Man dürfte daher den n eiteren Verhandlungen mit guter Zuversicht entgegensetzen. Diese Zuversicht scheint den fortschrittlichen Blättern sehr unbequem zu sein, da dieselben schon jetzt ohne jeden Grund von einem faulen Kompromiß zu sprechen anfangen. — Der Kaiser ist so­weit glücklich wieder hergestellt, daß er sich morgen zu den großen Jagden nach Letzlingen zu begeben gedenkt. Der Minister deS Innern Graf Eulenburg wird sich in der Begleitung beS Monarchen befinden.

Posen, 8. Nov Authentischer Mittheilung zufolge ist die Ausfuhr von Hafer unb Heu aus Rußland Über Strzalkowo verboten. In ganz Rußland werden die Staats­magazine gelüllt.

Lüneburg. 6. Nov. Bei Berathung der bekannten, von Seiten des Ministers an die Handelskammern gerich­teten Anfrage wegen Betheiligung der deutschen Industrie an der Pariser Weltausstellung im Jahre 1878 konnte bie hiesige HanbelSkammer in ihrer letzten Sitzung, dem „H. C." zufolge, bie großen Bedenken, welche solcher Be­theiligung wegen der gegenwärtigen gedrückten Lage der Industrie und der zu raschen Aufeinanderfolge dieser Weltausstellungen entgegenstehen, nicht verkennen, glaubte indlß, falls die Betheiligung ces deutschen Reichs beschlofien werden sollte, trotzdem einige Betheiligung aus dem hiest gen Bezirke in Aussicht stellen zu dürfen.

Darwstadt, 6. Novbr. Das neueste „RegierungS- Blalt" enthält eine Verordnung, wonach bie schriftliche Prüfung in der Polizei-Wissenschaft unb National-Oekono» mie, die bisher bezüglich der Juristen im zweiten Examen (Staatsexamen) statifand, in die erste juristische Prüfung vor der Fakultät in Gießen erlegt wird. Man billigt diese Aenderung, die mit der Frühjahrsprüfung in 1878 in Kraft treten soll, allgemein, da jene wichtigen Fächer bisher entschieden vernachlässigt wurden.

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Wie», 8. Novbr. Lord Loftus ist gestern in Wien eingetroffen unb geht heute über Berlin nach London. — Wie aus Belgrad berichtet wirb, reist Tschernajeff nach Rußland. Das Obereommanbo der serbischen Armee übernimmt Hoivalovic, bie Stelle beS Generalstabschiffs Dcktoroff. Ueberhaupt sollen viele Russen nbgesetzt werden. — Das „Tagblatt" will aus Belgrad erfahren haben, daß Tschernajeff stch nach Rußland zurückoegeben werde. Das Ober Cornrnando habe Horvatovics übernommen; die Armee liege zur Zeit in CrntonnemenlS Quartieren.

Rom, 8. Nov. Nach den nunm'hr vorliegenden Meldungen gestaltet sich das Ergebniß der Drputirten Wahlen folgendermaßen: D-finitiv gewählt sind 269

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gsten Weife mit vollen Händen ausstreute, so fiel e« nicht schwer, seine Wünsche nach den verschiedensten en hin zu befriedigen. Leider war ihm hierbei der ube an die Tugend und Ehlenhastigkeit des weiblichen chlecht« fast gänzlich verloren gegangen, weil er solche t nicht aufjuchte, wo er diese Eigenschaften sicherlich

Unser alter Freuad.

Erzählung von Carl von Kessel.

(Fortsetzung.)

Viktor von Bodungen hatte im elterlichen Hause eine strenge Erziehung genossen und w r in tugendhaften Gtund- 0 sitzen erzogen worden. Der Knabe entwickelte auch Hoff­nung erregende Eigenschaften und war nicht unempfänglich 'tür daS Gute und Schöne, aber im Ganzen blieb er sich doch zu sehr selbst überlassen unb im Stillen bilbete stch M ihm ein Hang zu Vergnügungen und NichtSthun aus, Micher noch dadurch genährt wurde, daß fein Lebensziel rin ganz unbestimmtes blieb. Er machte zwar bas Gym­nasium durch, kehrte bann aber in daS elterliche Haus iu ück und sollte später dann das väterliche Gut über« Nehmen. Ader schon nach reinigen Jahren starben die Eltern rasch hinter einander, das Besttzthum wurde Der« gen kaust und unter der Aufsicht eines lästigen Vormundes, der B z stch nur wenig um ihn kümmerte, verlebte dec junge Mann «uch die nächsten Jahre, ohne sich zur Ergreifung eines ernsten Berufs zu entschließen. Als er volljährig geworden ■■■«, befand er stch im Besitz eines Vermögens von etwa —- Pvanzigtaufenb Thalern und nun hatte er nichts Eiligeres in thun, als sich nach Beilin zu begeben, wo er sich bald t zw in den Strudel eines buntbewegten Lebens stürzte unb sich u ve allen ben Genüssen hingab, welche stnnereizend auf ein [265 jugenblicheS, nur dem Augenblick Rechnung tragendes Ge —— »Üth einzuwirken vermögen. Da er ein angenehmes Aeußere 876. besaß, im Umgang galant und rücksichtsvoll war unb er

Geld, welches ihm zu Gebote stand, stets in der frei­

gefunden hätte. Dennoch konnte man nicht behaupten, baß baS Befiere bei Viktor schon unter gegangen sei. Er hielt auf Ehre, er war vertrauensvoll, er hatte auch Stunden, wo ihn dieses Leben voll Sinnlichkeit anekelte, aber bald stürzte er sich wieder in den Strubel der Zerstreuungen unb abermals kam bann bet moralische Halt in ein be benkiichrS Schwanken. Wie die Leser wifien, war bie Gräfin von Buttstädt seine nächste Verwandte, aber bie alte Dame war eine Egoistin, sie war geizig, mit kaltem Spott blickte sie auf bie Menschen herab, welche ste Der achtete, unb nur Diejenigen, die stch in ihre Launen zu fügen und ihr auf eine angenehme Weise die Zeit zu Der treiben verstanden, genossen ihre Gunst. So regte sich auch bei ihr keine tiefe Theitnahme für ihren Neffen; im Ge­wühl der großen Welt war ihr das menschliche Gefühl allmälig abhanden gekommen, sie hatte meistens nur mit Leuten verkehrt, denen die Beobachtung der Form als das höchste Gesetz galt, sie hatte manche irdische Größe zu­sammen brechen gesehen und war Augenzeugin gewesen, nie Mancher, der stch in den vollen Glanz der Erhabenheit hüllte, schließlich der gänzlichen Lächerlichkeit preisgegeben worden war. Wenn ter N ffe ihr von Zeit zu Zeit einen Besuch abstattete, so nahm sie dies zwar wohin ollend an, weil sie hierin eine Abwechselung für stch erblickte, aber eine befentere Zuneigung für den nahen Verwandten sprach sich darin nicht aus und um sein Thun und Lasten kümmerte ste stch daher auch gar nicht.

AIS Viktor wenige Tage nachher, nachdem er seinen Besuch angekündigt hatte, in dem alten Herrenhause an- langte, war fein Vermögen bereit« bis auf vierzehntausend Thaler zusammen geschmolzen. Aber darüber machte er 'sich nur geringe Sorge. Er wußte ja, daß er einst der Erbe seiner Tante wurde unb dies war für ihn eine Hypothek, auf welche es ihm nicht schwer fallen konnte, Leute zu finden, die ihm gegen Wucherzinsrn nötigenfalls aus der Verlegenheit zu helfen bereit waten. Die Gräfin nahm

den jungen lebenslustigen Mann entgegen kommend auf, über Fräulein von AhlSfelb schien sich plötzlich neuer Sonnenschein zu verbreiten unb hoibselig lächelte sie, wenn V-ktor ste anrebete. Mademoiselle Josephine endlich gab durch ihr Benehmen unzweideutig zu erkennen, daß Bo­dungen für ste bereits ein alter Bekannter fei. Auch Langen stattete Viktor einen Besuch ab und da derselbe erst vor Kurzem einen Weinreisenoen gehörig hatte hinein fallen lasten, so besaß er gerade jetzt bie Mittel, ben freigebigen Wirth zu spielen und bei seiner Meisterschaft im Ausschnei- ben unb Lügen gelang eS ihm halb, Viktor von Vooungen, ben AugendlickSmenschen, bet es höchst langweilig fand, über eine Sache lange nachzubenken ober Personalstudien zu machen, an sich zu fesseln und fein Vertrauen zu ge­winnen.

„Es plaubett stch so angenehm," hatte Langen erst an einem ter letzten Abende gesagt, als er noch in später Stunde die fünfte Flasche entpftopfte — „ja die Freund- fchaft ist in der That kein leerer Wahn — nun auf die Fortdauer derselben zwischen uns und auf deren Gediegen­heit, wenn die Stunde der Prüfung naht!" Dabei blickte er feinen Gast mit feinen kleinen listigen FuchSaugen blin­zelnd an und rief, das GlaS desselben berührend:

„Alle Ehrenmänner sollen leben, denn bie Ehre bleibt doch schließlich immer das sicherste Pfand, ste ist mehr werth alS eine auf Stempelpapier verbriefte Urkunde."

„Unb wenn Sie einmal in Verlegenheit kommen sollten unb eines Freundes betütfen, so bitte ich sehr barum, stch an mich zu wenden," fügte Viktor, der, wie bie Leser wissen, einen offenen Charakter hatte, warm hinzu.

Herr von Langen lächelte seht entgegenkommend. „Stehe ebenfalls zu Diensten, mit ein paar tausend Thalern kann ich stets aufmatten.*

DaS war nun eine ganz dreiste Lüge, denn das Güt­chen war überschuldet unb dem Baron gehörte kein Ziegel mehr auf dem Dache,