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Sr. 260.

Jlfarßutg, Sonntag, 5. November 1876.

XL ZichrMg.

Anzeigen nimmt entgegen: die ExpedMo» d. Blattei, sowie die Annoncen-Bureaux yon Th- Dietrich L Co. in Aaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M-; Laasenstein & Vogler in Frankfurt a- M, Berlin, Leiv- iia, Eöln k ; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. re-

ObrrhrUihc Icilung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blattei sowie die Annoncen-Bureauk von ®. L- Daube & Eo. in Frankfurt a. M.; JSger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete» meyer in Berlin; Earl Schütz» ler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich autzer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wSchentlichen Beilage „IlnftrtrteS <onntagiilatt" durch die Expedition (Kvch'fche Buchdruckerei) bezogen 2^ Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. <exl. Bestellgebühr). — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf», berechnet.

PiMfqe Woche«. Ukberstcht

Die Eröffnung der letzten Session des gegenwärtigen deutschen Reichstages ist am Montag erfolgt, jedoch nicht durch den Kaiser Wilhelm in Person, wie dieser gewünscht hatte, sondern in seinem Auftrage durch den Reichskanzler amtSprästdenten Hofmann. Der Kaiser ist von seinem vor acht Tagen unternommenen zweitägigen Besuche beim Groß- herzvg von Mecklenburg in Ludwigslust mit einer leichten Erkältung zurückgekehrt und hat deßhalb auf den Rath der Aerzte auf die Ausführung des Wunsches zu seinem Bedauern, wie er den Reichsboten ausdrücklich entbieten ließ, verzichten muffen. Leider war der Reichstag an den ersten beiden Tagen noch nicht in beschlußfähiger Anzahl versammelt und so hat dieser erst am Donnerstag sich durch Wahl des Vorstandes constituiren können.

Die von mehreren Fraktionen des österreichischen ReichSraths an das Ministerium Auersperg gestellte Inter­pellation über die orientalische Frage ist in der Sitzung vom 27. Oktober beantwortet worden. Fürst Auersperg betonte das Einverständniß der ciSleithantschen Regierung mit dem gemeinschaftlichen Minister deS Aeußern, der sich durch ein« beharrliche friedliche Richtung um die Ruhe der Monarchie und die Ruhe Europas wesentliche Verdienste erworben habe. Die Politik Oesterreichs sei nach wie vor aus die Erhaltung deS Friedens bedacht und dadurch das Streben nach einer Erwerbung fremden Gebietes von selbst auSzeschloffen. Der Versuch der akademischen Jugend in Pest, dem türkischen Consul einen Fackelzug zu bringen, ist an dem Verbot der Polizeibehörde gescheitert, die von der äußersten Linken deS ungarischen Abgeordnetenhauses ver­anlaßten Straßenlumulte sind ebenfalls durch die bewaff­nete Macht baldigst unterdrückt worden.

Im Ganten Tessin sind seit Anwesenheit deS eidge­nössischen CommiffarS Bavier daselbst größere Ausschrei hingen nicht vorgekommen. Einige Entwaffnungen unruhiger Ortschaften sind durch di« Cantonsregierung angeordnet up» vollzogen worden.

In Versailles traten am 30. Ott. die Kammern zu ihrer außerordentlichen Session zusammen. Senat und Deputirtenkammcr hielten am ersten Tage nur kurze Si Hungen und vertagten sich, ersterer bis zum Montag, wo über die Vorlage wegen der Armeeverwaltung berathen «erden soll, letztere dis zum Donnerstag, wo der Antrag Gatineau wegen Amnestirung der Communards auf der Tagesordnung steht. Das Land ist in einer ruhigeren Stimmung als seit Jahren, und die aus der Provinz zurückg Ehrten Senatoren und Deputieten sind unter dem b^chwichtigenden Eindrücke dieser allgemeinen Friedfertigkeit

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geneigter als früher, das Parteigetriebe zu beschränken und eine wirkliche ArbeitSsesston zu halten.

Die spanische Regierung hat eine große Anzahl der angeblich in die Verschwörung Ruiz Zorrilla'S verwickelten Personen wegen mangelnder Beweise wieder auS den Ge» fängniffen entlaffen.

An Stelle der früheren EntrüflungSmeetingS über die bulgarischen Greuel treten in England jetzt zahlreiche Versammlungen, welche dem Ministerium VertraueuSadreffen darbringen. Die Mehrzahl der englischen Blätter, insbesondere solche, welche der Regierung nahestehen, besür- worten ein Bündniß zwischen Deutschland, Oesterreich und England, welches die beste Bürgschaft des europäischen Friedens russischer Eroberungssucht gegenüber sei. Die Regierung hat sich für alle Fälle vorgesehen und hält ihr Pulver trocken.

Die von den Türken am 19. Oktober wieder aufge nommene Offensive hatte am 23 den Fall von DjuniS und der am rechten Ufer des DjuniskabacheS gelegenen Schanzen zur Folge. Damit war die serbische Verthei- digungSlinie durchbrochen, noch aber behaupteten sich die­selben in einer Anzahl Verschanzungen am linken Ufer der DjuniSka. Nach einem heftigen Artilleriekampf am 28. v. Mts. wurden auch diese am 29. mit stürmender Hand ge­nommen und Horwatowitsch auf Kruschewatz, Tschernajeff auf Deligrad zurückgeworfen. Die Verwirrung im serbi­schen Lager war eine so große, daß Tschernaj.ff sein Hauptquartier bis nach Rashan zurückverlegte, und erst nach Deligrad zurückkehrte, als er sah, daß die Türken den Angriff aus diesen Oct noch ausgeschoben hatten. Am Abende dieses TageS telegraphirte der russische Vertreter in Belgrad, Karzow, nach Livadia, daß man durch Jznatieff einen Waffenstillstand erwirken oder aber ein russisches Heer einrücken lasten möge, wenn Serbien gerettet werden solle. Gleichzeitig war em Zwist zwischen Tschernajeff und dem Kriegsminister Nikol'tsch ausgebrochen, der zu einer Cabinetskrists zu werden drohte, da die übrigen Minister ihren Collegen unterstützten, und zu deffen Schlichtung Fürst Milan sich persönlich nach Paratschin begeben mußte. Oie Türken bombardirten inzwischen Alexmatz und Deli­grad mit äußerster Anstrengung und gelangten am 31. v. MtS. durch einen glücklichen Sturmangriff in den Besitz der erstgenannten Festung, des stärksten Bollwerks von ganz Serbien. Die irregulären türkischen Reiter streiften bis Esuprija und Paratschin; Kruschewatz, die größte Stadt deS südlichen Serbiens, ging in Flammen auf, und es schien keine Möglichkeit vorhanden, den Fortschritt der tür­kischen Waffen zu hemmen; da legte Rußland sich ins Mittel durch ein Ultimatum, welches binnen 48 Stunden

die Annahme eines Waffenstillstandes von der Pforte ver­langte, widrigenfalls der russische Botschafter Konstantinopel verlaffcn würde. Dieses Ultimatum war am 30. v. Mts. von Livadia abgegangen, war aber erst am Abend deS 31. von Jgnatieff in Konstantinopel überreicht worden. Nach­dem nun auch Serbien sich zur Einstellung der Feindselig­keiten bereit erklärt hatte, hat die Pforte, von allen anderen Mächten verlaffcn, schon vor Ablauf der 48stündigen Frist einen zweimonatlichen Waffenstillstand mit zweimaliger sakultatwer Verlängerung von je 6 Wochen angenommen und dadurch einen Krieg gegen Rußland wenigstens fürs Erste vermieden. Rußland selbst dürfte auch wohl nur durch den drohenden Untergang Serbiens zu jenem schroffen Heraustreten aus seiner bisher erfolgten Politik bewogen worden sein. Ein Winterfeldzug kann bei den ungünstigen klimatischen und VerkehrSveihältniffen der Donauländer schwerlich im Jnterefle Rußlands liegen, zumal seine Rü­stungen noch durchaus nicht vollendet sind; dagegen sprechen mancherlei Anzeichen dafür, daß wir im Frühjahr eine rus­sische Kriegserklärung an die Pforte zu erwarten haben.

LagrSviprtttzt.

In seiner letzten Sitzung hat d.r BundeSrath folgende Bekanntmachung wegen AußereourSsetzung der 2 Thaler- und Eindrittel - Thalerstücke beschloßen: § 1. Die Zwei thaler- (3^2 Gulden-) Stücke und die Eindrittelthalerstücke deutschen GcpräzeS gelten vom 15. November 1876 ab nicht ferner als gesetzliche Zahlungsmittel. ES ist daher vom 15. November 1876 ab, außer den mit der Einlösung beauftragten Kaffen, Niemand verpflichtet, diese Münzen in Zahlung zu nehmen. § 2 Die in Umlauf befindlichen Zweithaler (3^2 Gulden-) und Eindrittelthalerstücke deut­schen GeprägeS werden In der Zeit vom 15. November 1876 bis 15. Februar 1877 von den durch die LandeS- Gentralbehöcden zu bezeichnenden Landeskaffen nach dem Artikel 15 des Münzgesetzes vom 9. Juli 1873 festgesetzten Werthverhältniffe für Rechnung dcS deutschen Reiches sowohl in Zahlung genommen, als auch gegen Reichs > ober Landesmünzen umgewechselt. Nach dem 15. Februqr 1877 werden die Zweithaler- und Eindrittelthalerstücke deutschen Gepräges auch von diesen Kaffen weder in Zahlung noch zur Umwechselung angenommen. § 3. Die Verpflichtung zur Annahme und yim Umtausch (§ 2) findet auf durch­löcherte und anders als durch den gewöhnlichen Umlauf im Gewicht verringerte, ingleichen auf verfälschte Münzstücke keine Anwendung.

Gestern Nachmittag trat eine Anzahl von Mitgliedern

Unser alter Fremd.

Erzählung von Carl von Keffel. *)

Das Frühjahr war gekommen, schmetternd erhoben sich die Lerchen wieder in die Luft, schüchtern blickten die ersten Veilchen zwischen dem dunklen Moose hervor und auch der Storch hatte sich wieder auf der alten Linde eingefunden und betrachtete sehr bedächtig fein Nest, als wolle er sich überzeugen, was daran auszubeffern fei.

Welchen Empfindungen nun die Dame, mit der wir aas zunächst zu beschäftigen haben, in Bezug auf das Wiedererwachen der Natur huldigte, lasten wir dahingestellt sein. Genug es war Frühling, die Kastanienbäume vor len Fenstern deS alten Herrenhauses begannen bereits Witter zu treiben und ein paar Buchfinken blickten von *<0 Zweigen neugierig zum Fenster hinein, als wollten sie sich nach dem Befinden der Gräfin von Buttstädt erkun­digen. DaS prächtige Wetter schien auch in der Thal auf dieselbe seinen Eindruck nicht zu verfehlen, denn ihre Augen waren heute ganz besonders in den Ausdruck der Behag- llchkcit gehüllt und wenn sie aufblickte, so geschah dies in diver Weise, als suche fie nach einem Gegenstand, an dem sie sthren Spott und ihre zugespitzten Bemerkungen hätte Elasten können. Die Gräfin hatte früher eine hervor­ragende Rolle in der Gesellschaft gespielt, aber obgleich sie jetzt den Scherz und die Zerstreuung liebte, so besaß doch kein Herz für die Menschen und selbst nicht für A« nächsten Anverwandten- Auch mit der Moral nahm str es nicht so genau, denn Leichtfertigkeit oder Gewisten- nstgkeit wußte sie zu ertragen, so lange dabei nämlich der «tßere Schein aufrecht erhalte« wurde und kein gröbliches Ergehen gegen den Anstand oder gar gegen die Straf- Metze vorlag. War dies aber der Fall, so ließ sie eine M$e Persönlichkeit dann auch mitleidslos fallen.

*) Nachdruck verboten.

Zwei Damen befanden sich noch in dem kleinen Salon,- eine Brünette mit dunklen lebhaften Augen und feiner be wcglichcr Gestalt, in dem Alter von etwa zwanzig Jahren, und eine Blondine, die sich bereits den Dreißigern nähert« — eine hoch empor geschossene Figur, welche immer sehr sentimental um sich blickte und in der Regel ein Gesicht machte, als wollte sie Jedermann ihr ftillcS Leid über irgend eine verfehlte Hoffnung ihres Lebens klagen.

„Lasten Sie es für heute genug fein, Mademoiselle Josephine," sagte die Gräfin, indem sie zu ihrer Gesell schafterin, einer jungen Französin, hinüberblickte, „legen Sie das Buch fort, eS ist leicht und angenehm geschrieben und eines der bestcren Produkte dieser Art."

„Nun, die Frau Gräfin sind ja in solchen Sachen eine competente Richterin," bemerkte Mademoiselle Josephine, sich entgegen kommend verbeugend. — Das Gespräch wurde hier durch die Ankunft eines Reiters unterbrochen, welcher im Schloßhofe vom Pferde stieg und jetzt eben im Begriff stand in daS Herrenhaus zu treten.

„Sogleich werden Sie Gelegenheit erhalten, einen sehr interestanten Herrn kennen zu lernen, liebe Helene," be­merkte Frau von Buttstädt, wobei sie jedoch ein Gesicht machte, welches eS zweifelhaft ließ, ob ihre Worte Spott oder Ernst ausdrückten.

„So?" meinte die Blondine, „nun, es ist gewiß einer Ihrer Nachbaren, ebenfalls ein Gutsbesitzer?" — „Aller­dings, und dabei ein durchtriebener Fuchs, der mit allen Hunden gehetzt ist," lachte die alte Dame. „Mir macht er indeflen kein £ für ein U und das weiß er auch sehr genau. Aber er versteht zu unterhalten, das heißt zu lügen und aufzuschneiden, und bringt jedesmal eine Rocktasche voll Neuigkeiten mit. Solche Leute dienen mir zur Unter­haltung, nach ihrer Moral frage ich dabei nicht — mon' dien, welche Unmoralität habe ich in unseren höchstens Zirkeln kennen gelernt!" —

Da« Fräulein von Ahisfeld konnte sich bei diesen Aeu-1

ßemngen eines kleinen sittlichen Schauers nicht erwehren, aber es blieb für dastelbe keine Z"it, eine weitere Bemer­kung zu machen, denn ein Diener trat ein und meldete, daß Herr von Langen soeben angekommen sei und anfragen laste, ob eS der Frau Gräfin genehm wäre, wenn er sich erlaubte, seine Aufwartung zu machen."

Helene fuhr bei dem Namen „Langen" überrascht em­por, aber Niemand bemerkte dies.

„Führe den Herrn herein," lautete die Antwort. Eine Minute darauf stand Herr von Langen im Zimmer und verbeugte sich tief.

»Die gnädige Frau wisten ja, daß eS für mich Be dürfniß ist, über de-en Befinteu stets Gewißheit zu haben," begann er, nachdem er {einen Kopf wieder erhoben hatte.

„Na, ich bin davon fest überzeugt," lachte Fran von Buttstädt ironisch, „ich kenne Ihr empfindsames Herz. Inzwischen gestatten Sie, daß ich Ihnen hier diese Dame vorstelle,* und dabei wieS die Schloßherrin aus Fräulein von AhlSfeld.

Herr von Langen bewaffne e seine Nase mit aller Un- ve frorenheit mit seinem Pincenez, befrachtete einen Augen­blick mit stoischer Ruhe die langaufgeschoffene Blondine und sagte bann, indem er sich abermals verneigte:

„Ich glaube, ich habe beieits in der Hauptstadt die Ehre gehabt, die nähere Bekanntschaft von dem gnädige» Fräulein zu machen."

„DaS ist mir ja ganz etwas Neues," rief die Gräfin, intern sie Helene fixirte, deren Antlitz sich um ein Beden iendes verlängert hatte, während sic gleichzeitig in ihren Stuhl zurückgesunken war. „Aber mein Gott, was ist Ihnen denn?" fuhr die alte Dame, das Fräulein scharf anblicke.td, fort, „Sie machen ja ein ganz merkwürdiges Gesicht. Oder sollte das Erscheinen dieses Herrn einen so überwältigenden Eindruck auf Sie hervorgebracht haben?" fügte sie mit dem Ausdruck des Spottes lachend hinzu.

„Allerdings l — Allerdings l" rief die Ahlsfeld und