XI. Mrgaii
Marburg, Mittwoch, 1. November 1876.
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Eine dunkle Geschichte.
(Fortsetzung.)
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Macht eines einzelnen Landes, wie lebhaft immer der gute Wille und die Bethätigung desselben bei Denen fein mag, die an seiner Spitze stehen. Wohl aber wird eS als die Aufgabe der deutschen Handelspolitik zu betrachten fein, von der heimischen Industrie Bcnachtheiligungen abzuwenden, welche ihr durch die Zoll' und Steuer-Einrichtungen anderer Staaten bereitet werden. Auf diefeö Ziel wird die kaiserliche Regierung namentlich bei den bevorstehenden Unterhandlungen über die Erneuerung von Handelsverträgen hinzuwirken bemüht jein. Während der vergangenen Monate stnd Seiner Majestät aus allerhöchst deren Reisen in verschiedenen Theilen des Reiches mannichfache Beweise der
stagte der Pfarrer.
-Nein!" Freilich berichtete alsbald das Gerücht meine
den Session hinsichtlich der Justizgesetze gestellt ist, möglich sei, so geschieht eS in dem Bertrauen, daß Sie geehrteste Herren, bei Berathung jener Entwürfe das Jnteresie einer sichern und unbehinderten, das allgemeine Wohl wirksam schützenden Ausübung der Rechtspflege im Auge behalten werden. Die verbündeten Regierungen dürfen hoffen, daß der Reichstag dem, was in der soeben bezeichneten Richtung für unerläßlich gehalten worden war, seine Zustimmung nicht wird versagen wollen. Die in der vorigen Session beschlossene Vorlegung des Etatsjahres für den Reichshaushall macht die Feststellung eines besonderen Etats für die Zeit vom 1. Jan. bis 31. März 1877 nöthig. Dieser Etat, bei welchem der deS laufenden JahreS im Wesentlichen zum Anhalte gedient hat, wird Ihnen vorgelegt werden. BeklagenSwerthe Unfälle, von welchen deutsche Schiffe in neuerer Zeit häufiger als sonst betroffen worden stnd, haben das Bedürfniß einer gesetzlichen Regelung des bei Untersuchung von Seeunfällcn zu beobachtenden Verfahrens wachgerufen. Ein hierauf bezüglicher Gesetzentwurf wird Ihnen zugehen. Die auswärtigen Beziehungen Deutschlands entsprechen, ungeachtet der augenblicklichen Schwierigkeiten der Lage, dem friedfertigen Charakter der Politik Sr. Maj. des Kaisers. Das angelegentliche
LageSdertcht.
Die gestern im Auszüge unter unseren Telegrammen witgetheilte Thronrede, mit welcher der Präsident deS AetchSkanzleramtS, Hofmann, den Reichstag eröffnete, hat folgenden Wortlaut: Geehrte Herren! Se. Maj. der Kaiser haben mich zu beauftragen geruht, Sie bei beginnender vierter und letzter Session der laufenden Legisla- wrperiode NamenS der verbündeten Regierungen zu begrüßen und zugleich daS lebhafte Bedauern Sr. Majestät darüber auSzudrückea, daß eS Allerhöchstdemselben nicht möglich gewesen istj, die anfänglich gehegte Absicht, den Reichstag persönlich zu eröffnen, in AuSsührung zu brtn- gen. Die Angelegenheiten, welche in der -beginnenden Eeffion der Erledigung harren, sind nicht zahlreich, aber an Wichtigkeit werden Ihre bevorstehenden Verhandlungen hinter den Verhandlungen früherer Sessionen nicht zurück- dletben. Hauptsächlich wird Ihre Thätigkeit durch die Lerathung der Gesetz-Entwürfe über die Gerichlsvcrfaffung, daS Verfahren in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten und in Strafsachen, sowie deS Entwurfs einer ConcurSordnung in Anspruch genommen sein. Mit gerechtfertigter Spannung sieht die Ration der Entscheidung der Frage entgegen, ob es gelingen wird, dieses für die einheitliche RechtSentwicke- lung Deutschlands so bedeutsame Gesetzgebungswerk, an welchem seit einer Reihe von Jahren schon gearbeitet wird, vor dem Ablaufe der gegenwärtigen Legislaturperiode zu Stande zu bringen. Die Schwierigkeiten, welche sich einem solchen Gelingen in den Weg stellen, find nicht gering. In zahlreichen und zum Theil sehr wichtigen Punkten weichen die Anträge der von Ihnen eingesetzten Commission insbesondere zu dem GerichtsverfaffungSgesetze und zu der Ssrafprozeßordnung, von den Beschlüsscn der verbündeten Regierungen wesentlich ab. Wenn die verbündeten Regierungen gleich wol an der Ueberzeugung festhalten, daß eine glückliche Lösung der großen Aufgabe, welche der beginnen
halb aufgertchtet. Der Anblick war ein grausenerregendcr, doch aus das Tiefste ergreifend. Aber nicht nur ich, vielmehr noch erschüttert waren die beiden Männer, welche die Sache zunächst anging. Der Baron stand an meiner Seite und ich hatte deutlich gefühlt, wie er am ganzen Körper zitterte, während der Kranke das Geständniß seines Verbrechens ablcgte. Als dieser aber die letzten Worte mit herzergreifendem Tone der aufrichtigen Reue sprach, da hielt er nicht länger an sich, sondern die Thür aufstoßend, eilte er aus daS Bett zu und rief, indem er die Hand des Krant ken ergriff: „Ja, ich vergebe, stirb in Frieden!"
Der Kranke starrte den Baron an, dann schüttelte er ungläubig den Kopf.
„Ich danke Ihnen, Herr Pfarrer", fügte er traurig, „für Ihren guten Willen. Aber Sie täuschen mich nicht. So gut ist eS in Gottes Rath nicht beschloffen, daß ich
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wärmsten Sympathieen von Seiten der Bevölkerung entgegen gebracht worden. Von Seiner Majestät bin ich besonder« beauftragt, an dieser Stelle allerhöchst deren Dank und innige Befriedigung darüber auszusprechen. Seine Majestät haben aus solchen Kundgebungen auf'S Reue die freudige Gewißheit geschöpft, daß die durch daS Reich begründete Einheit Deutschlands in dem Herzen der Ration tiefe Wurzeln geschlagen. Daß daS Reich seiner versaffungS- mäßigen Aufgabe, das Recht zu schützen und die Wohlfahrt des deutschen Volkes zu Pflegen, sich immer mehr gewachsen zeige, daß es sich immer mehr als festes Bollwerk des Friedens nach außen und im Innern erweise, dazu werden, so» Gott will, auch die Verhandlungen der bevorstehenden Session deS Reichstages das ihre beitragen.
Wir erfahren aus sicherer Quelle, daß allerdings eine Reife des Großfürsten Thronfolger von Rußland nach Wien, Berlin und London beabsichtigt war. Das Projekt wurde jedoch fallen gelaffen, da sich die Umstände änderten, unter welchen die gedachte Reise in Aussicht genommen war.
Von Seiten der griechischen Regierung ist den Mächten weder eine Rote noch ein Memorandum zugegangen. Die Blätter, welche daS Gegentheil behaupteten, sind nicht genau informirt. Das griechische Kabinet hat lediglich seine Vertreter bei den Mächten angewiesen, die Aufmerksamkeit der Regiernngen in mündlicher Besprechung darauf zu lenken, daß sich die diplomatische Aktion der Großmächte lediglich auf die slavische Bevölkerung der Türkei erstreckt und die Jntereffen der griechischen Bevölkerung unberücksichtigt läßt Die griechische Regierung betont, daß sie, wenn sie rüste, nicht daran denkt, in Zusammenwirkung mit den Slaven das ottomanische Reich zu zerfetzen. Sie wünsche lediglich zu verhüten, daß die Slaven allein jdie Erbschaft antreten.
General Jgnatieff hat bei dem Sultan nun auch eine Privataudienz gehabt und von ihm — wie die Mehrzahl der Mittheilungen zu melden weiß — die bedingungslose Einwilligung in einen scchswöchentlichen Waffenstillstand erlangt; doch fehlt zur Stunde noch die offizielle Bestätigung diefer Nachricht, so daß man einstweilen auch noch die andere Version registriren muß, wonach die russischen Vorschläge verworfen sein sollen. Wie sehr bei den Nachrichten aus der Türket Vorsicht geboten ist, beweist auch die jetzt von mehreren Seiten, und zwar von Belgrad offiziell in Abrede gestellte Einnahme von DjuuiS. DaS bezügliche Telegramm des W. T. B. meldet vom Sonnabend, den 28. Oktober! „Seitens der Regierung wird die Nachricht, daß die Türken Djunis genommen hätten, für gänzlich unrichtig erklärt. Die Türken seien vielmehr am 23. Oktober von der serbischen Armee zurückgeworfe«
näherstehenden zu pflegen, und Frieden, sofern er bedroht sein sollte, freundschaftliche Vermittelung zu erhalten.
die Zukunft auch bringen möge, Deutschland darf sicher sein, daß das Blut seiner Söhne nur zum Schutze seiner eigenen Ehre und seiner eigenen Interessen eingesetzt werden wird. Der Druck, welcher auf Handel und Verkehr nicht blos in Deutschland, sondern auch In den meisten anderen Ländern schon seit geraumer Zeit lastet, ist Gegenstand der unausgesetzten Aufmerksamkeit der verbündeten Regierungen. Eine unmittelbare uud durchgreifende Abhülfe liegt bei der Allgemeinheit der obwaltenden Uebelstäude und nach der Natur derselben nicht in der
Bestreben Seiner Majestät ist unabänderlich darauf gerichtet., gute Beziehungen mit allen Mächten und mit den Deutschland nachbarlich und
Augenblick nie, als sie Beide aus der Thür getreten, sich gegenüber standen, sich fest in's Auge sahen und — einander in die Arme fielen. Der Kuß und die Thräne, welche über ihre Wange rollte, besiegelte auj'S Reue und auf ewig den Bund der Freundschaft.
Schweigend gingen wir den Weg zum Pfarrhause zurück; voran gingen die beiden Freunde, Arm in Arm; der Oberst und ich folgten.
Die freundliche Frau deS Pfarrers empfing uns an der Thür und führte unS in'S Zimmer, wo der Tisch bereits mit einem einladenden Abendessen besetzt war. Rach kurzer Zeit trat auch der Pfarrer in die Stube und begrüßte uns schweigend. Auch er war tief ergriffen.
„Ich verließ den Kranken in ruhigem Schlummer," sagte er, indem er uns einlud, am Tische Platz zu nehmm. „Hoffen wir, daß er bald die ewige Ruhe finde."
Und nun in welcher Stimmung ergriffen wir die Gläser und tranken auf das Wohl der beiden Freunde! Wie leicht war uns nun das Herz, wie frei und unbefangen floß die Unterhaltung, als sie sich allmählich den Gesprächen des Tages zuwandte.
Rur der Medizinalrath schien noch immer nicht ganz seine Ruhe wieder gefunden zu haben. Endlich erbat er sich daS Wort und sagte: •
„So unliebsam es erscheinen mag, noch einmal die unglückseligen Vorfälle der jüngsten Vergangenheit zu berühren und dadurch die harmlose heitere Stimmung, welche sich unserer bemächtigt hat, abermals in eine ernste zu verwandeln : ich bin es meinem Freunde dem Baron schuldig, hier eine Erscheinung anfzuklären, die noch immer räthsel- haft ist. Möge dann die ganze Sache der Vergeffenheit anheim fallen."
„Auffällig muß meinem Freunde noch immer das Be-
Anzeigen nimmt entgegen: die Gxpedittv» d. Blattet sowie die Annoncen-Bureaux von L- Daube & So. in Frankfurt a. M.; JSger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schütz- (er in Hannover; S. Schlotte in Bremen.
»nzergen nimmt entgegen: die Srpeditto» d. Blatte», fonrie die Annoncen-Bureaux jOn Th. Dietrich & So. in gaffd und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Laasenstein & Bögler in Irantfurt a. M., Berlin, Leip- iig, (Win rc; Rudolf Stoffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
in Frieden sterben darf.
Wir waren Alle an's Bett getreten und redeten in den Kranken hinein. Er überzeugte sich aber nicht eher, als bis der Baron ihm feine Hand zeigte, an welcher der Finger fehlte. Mit einem gellenden Schrei riß er die Hand an seinen Mund und küßte sie wie wahnsinnig und sank als dann tief ausalhrnend in die Kiffen zurück.
Wir glaubten die Aufregung habe ihn getödtet, aber nein, die Kraft war nur erfchöpft, und er lag da, ohne noch Theilnahrne für seine Umgebung zu verrathen.
Der Pfarrer trat an uns heran und sagte leise: „Unsere Ausgabe ist vollbracht! Gehen Sie voran. Ich will noch dem Armen da» Abendmahl reichen. Dann folge ich Ihnen."
Ich kann nicht beschreiben, waS ich empfand, als ich aus bä dumpien Luft des Krankenzimmers wieder in's Freie gelangte. Ich war ergriffen, wie noch nie in meinem geben, aber mit welchem Gefühl erst traten sich der Me- „
dizinalralh und der Baron entgegen. Ich vergesie den nehm u erscheinen, welches ich bei unserm Wiedersehen und
tt.6‘,4 Echandthat mit erschreckender Zuverlässigkeit, aber dennoch 6v geschah von Seiten deS Gerichts nichts. Der Offizier, ° 94,,1 6» gewiß schwer verwundet war, wird wohl noch auf dem ' 89"' Schlachtfelds gestorben sein."
„Aber wenn er noch lebte?"
„O, Herr Piarrer, so schwach ich bin, ich würde nicht sterben, ehe ich ihn nicht wievergesehen, ich würde meinen stechen Kö.per zu ihm schleppen, würde seine Rnier um ------•i Ifammetn und ihn nicht lasten, bis er mir vergeben."
, Der Kranke hatte sich bet den letzten Worten im Bette
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Für in der Expedition zu ertherlende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf», berechnet.
Mehr vor Schreck als in Folge deS Schusses stürzte ich nieder, und eS dauerte geraume Zeil, ehe ich mich wieder erholt hatte und mich aujrichten konnte. Wie vor einem Gespenst floh ich davon, den Ring noch immer krampshaft M der Hand umklammernd. Sollte ich ihn behalten? Ich fürchtete die Folgen meines Verbrechens, wenn der Ring bei mir gefunden wurde, daß der Offizier, wenn er am Leben bliebe, die Sache anhängig machen würde, stand bet mir fest. Wie wenn ich den Verdacht von mir ab und auf einen anderen wälzte Mir schien daS die einzige Möglichkeit der Stiftung. Richt weit entfernt lag ein an-
„ derer Preuße. Ich fchlich wich zu ihm hin und schob den L Ring in seine Manteltasche. — Das Herr Pfarrer ist mein - Verbrechen. Schwer und erfchreckend, fo daß ich keine dnade bei Gort zu finden hoffe. Aber wenn etwas zur 19 Milderung gejagt werden darf, jo jchwöre ich, daß ich den mUL Difizier für todt gehalten, und daß ich jeitdcm in meinem Gewissen schwer gebüßt habe."
,Unb wurde keine Klage vor Gericht gegen Sie erhöhens?"