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Marburg, Sonntag, 29. October 1876.
XL Jahrgang.
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Bberhessische Zeitung
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Politische Wache» - Ueherficht
Unser Kaiser ist am Sonnabend früh au» seinem Herbst- Aufenthalt in Baden-Baden in Berlin wieder eingetroffen unb beabsichtigt nun von da aus in gewohnter Weise dem Waidwelk obzuliegen, zu welchem Ende derselbe auf zwei Tage einer Einladung des GroßherzogS von Mecklenburg- Schwerin folgt. Am Mittwoch hat der Kaiser einen Mi- uisterrath abgehalten, in welchem wahrscheinlich in Betreff deS auf Montag einberufenen deutschen Reichstags Beschlüffe gefaßt worden sind. Wie am vorvergangenen Freitag die Urwahlen für das Abgeordnetenhaus, haben am litzver- gangenen Freitag die Abgeordnetenwahlen Statt gesunden. Bou den am Dienstag beendeten Berathungen deS bundes- räthlichen JustizausschuffeS über die Beschlüffe der Reichs. Justizeommisston zu den drei großen Gesetzentwürfen hat verlautet, daß in denselben die persönlich Theil nehmenden Justizmioister wie der Mittelstaaten so auch Preußens ein nsreulicheS Entgegenkommen bewiesen haben. Der groß- herzoglich hessische Landtag ist wieder zusammengetreten; er bringt auf Ersparnisie durch Vereinfachung der Verwaltung für den kleinen Staat, wird aber inzwischen zu Steuererhöhungen sich entschließen müffen.
Am 18. d. MtS. ist der österreichische ReichSrath zusammengetreten. Zunächst legte der Finanzminister Depre- ti» das Budget vor; zugleich wurden dem Abgeordneten. Hause mehrere Entwürfe über eine beabsichtigte Steuerreform unterbreitet; letztere ward im Allgemeinen günstig; der StaatShauShaltSetat, der ein Deficit von 26'Millionen aufwieS, für welches der Finanzminister noch keine Deckung anzeigen konnte, in trüber, gedrückter Stimmung ausgenommen. Kurz darauf wurden im Hause zwei Interpellationen über die orientalische Frage, die erste von slawischer, die zweite von versaffungstreuer Sette herrührend, verlesen, welche, wie die Interpellanten hoffen, im Laufe der folgenden Woche von dem Ministerpräsidenten Auersperg beantwortet werden. Die Stellung der österreichischen Regierung zu den türkischen Wirren ist wenig klargelegt; eS gewinnt in der letzten Zeit den Anschein, als ob die Mili-
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Sine dunkle Geschichte.
(Fortsetzung.)
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ES war spät in der Nacht, als ich den Baron verließ Er war ruhiger, gefaßter geworden, weil er sich gegen mich ausgesprochen hatte. Eines stand bet ihm fest, und ich hatte weder Giünde noch Muth ihm zu wiederiprechen, daß nämlich der Rath an dem Verbrechen keinen Theil habe, wohl aber hielten wir Beide eS nicht für unwahrscheinlich, daß der Frevler durch den Schuß erschreckt, seinen Raub zurückgeleffan und der Rath alsdann bei Au- stndung des Barons denselben an sich genommen habe. Aber auch iu diesem Falle wvr der Rath von Schuld nicht frei, und der Vorwurf, daß er seinem Freunde hinterher den Ring verheimlicht genügte dem Baron, für eine jegliche Verbindung mit Bauer abzubrechen.
Mit schwerem Herzen ging ich nach Hause, freilich immer uoch hoffend, daß die räthselhafte Angele, geuheit sich aufklären werde. Kaum aber hatte ich am andern Morgen mich angekleidet, als bereits ein Billedom Baron mich einlud, ihn wieder zu besuchen.
Ich eilte sofort zu ihm.
Früh am Morgen war der Oberst von Horn im Na- ®en des MedicinalrathS erschienen, der durch daS Betragen de» LaronS verletzt, von diesem eine Erklärung verlangte. Der Baron hingegen hielt sich für berechtigt seinerseits auf einer Aufklärung über den Ring zu bestehen und beaus- tagte nun mich mit der Forderung mich zu Lauer zu begeben.
So unangenehm die AuSfühmng diese» Auftrages für mich so unterzog ich mich dennoch demselben aus dem
tärpartei, welche ein Einschreiten in Bosnien befürwortet, an entscheidender Stelle die Oberhand gewonnen habe.
Der Conflikt der Parteien im Kanton Tessin hat am Sonntag in der tessiner Ortschaft Stabio zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen Ultramontanen und Liberalen geführt.
Die in Rom unter der Führung deS Bischofs von Granada eingetroffenen spanischen Pilger haben eine kleine carlistlsche Kundgebung veranstaltet, welche von der spanischen Regierung sehr übel ausgenommen wurde.
Die Herbstsesstou der französischen Kammern, die zum 30. Oktober bevorsteht, verspricht neue Stürme, wenn es der Regierung nicht rechtzeitig gelingt, durch Hinweis auf die verwlckelte Lage Europas die Parteien einzuschüch- lern. Daß Frankreich sich möglichst lange zuwartend Der- halten solle, ist das Stichwort, das von allen Seiten ertönt; aber daß man den Augenblick heiß ersehnt, wo eine mächtige Allianz der französischen Nation Gelegenheit böte, „die ihr von Gottes und Rechts wegen zustehende Rolle in Europa wieder zu erobern" das ist bei allen Betrachtungen über die jetzigen Verwickelungen zwischen den Zeilen zu lesen.
Die spanische Regierung will einer weitverbreiteten republikanischen Verschwörung, an deren Spitze die republikanischen Exminister Salmeron und Rutz Zorilla gestanden haben sollen auf die Spur gekommen sein. Ein Brief Zorilla'S, den man an der Grenze auffing, gab den Ausschlag, und am 23. d. MtS. wurden mit einem Schlage 18 verdächtige Offiziere, darunter die Geneäle Merclo, Oreyro, Patino und Acosta, sowie 126 Privat-Personen verhaftet.
Die heftige Aufregung, welche durch die am Schluß der vorigen Woche über die Haltung Rußlands in der Orientfrage eingelaufene Nachricht in England, insbesondere an der Londoner Börse hervorgerusen war, hat sich, da weitere entscheidende Schritte noch nicht erfolgt find, wieder einiger Maßen gelegt. Am 19. Oktober ist ein Ministerrath abgehalten worden und, wie verlautet, in demselben beschlossen, auch für die Zukunft von der bisherigen abwartenden Politik nicht abzuweichen.
Nachdem Ramasanmonat und BeiramSfest vorüberge gangen sind, haben die türkisch en Truppen noch einmal versucht, einige Erfolge in die Wagschale der Entscheidung zu werfen, sei eS nun, daß ein Krieg mit Rußland, sei eS, daß ein baldiger Friedensschluß im Schooße der Zukunft ruht. Arn 19. begann der türkische Angriff auf den linken serbischen Flügel bei Delikt Schiljegowatz und endete am 23. dS. mit der Erstürmung DjuniS, dem Knotenpunkte der Straßen nach Deligrad unb Kruschewatz Dagegen hat stch die türkische Festung Medun am 22. dS. den Montenegrinern ergeben, wodurch Derwisch Pascha zu eiligem Rückzug aus dem südlichen Montenegro genöthigt wurde. Die Türkei sendet inzwischen alle verfügbaren Truppen zur Donau und an die russisch asiatische Grenze
Grunde bereitrotHtg, weil ich hoffte, so durch meine Set» mittlung die beiden Freunde wieder auSsöhneu zu können.
Der Rath war höchst erstaunl über des BaronS Ansinnen. Er allein hielt sich für den Beleidigten, wurde aber, wie mit schien sichtlich überrascht, als ich ihm mit- theilte, welche Bewandniß eS mit dem Ring habe. Er versicherte mir auf Ehrenwort, daß er deu Ring nach der Schlacht in seiner Manteltasche gefunden und noch immer keine Ahnung habe, wie derselbe dahin gelangt sei, zugleich aber auch, daß er ihn nicht als das Etgenthum des Baron erkannt habe.
Mit dieser Erklärung glaubte stch indeß bet Baron nicht zufrieden geben zu können.
Es klang ihm zu unwahrscheinlich, zu wenig glaublich, daß der Rath ohne sein Wiffen in den Besitz deS Ringes sollte gekommen fein.
Oberst von Hom und ich bemühten uns vergeblich, eine AuSglttchung herbeizuführen, deren Beschleunigung deß- halb so wänschenswerth war, weil bereits die vielköpfige Hydra, bie Fama, aufS Reue ihre Thätigkeit begann. Den Abend, als die Gesellschaft stattsand, konnte der Medizmal- rath sie wohl mit der erfundenen Erklärung, der Baron habe sich wegen eines Unwohlseins zurückgezogen, zufriedenstellen. Als aber die aufmerksamen Nachbarn einige Tage hindurch den Baron nicht mehr in Bauers Haus gehen sahen, fand man darin die Bestätigung und den Abschluß der früheren Gerüchte. Die Spannung der beiden Freunde habe zum völligen Bruch geführt, daS war daS rasch gefaßte, kaltherzige Unheil der klatschsüchtigen Menge.
Während ich nun bemüht war, eine annehmbare Erklärung der geheimnißvollen Geschichte aufzufinden, tauchten
und hat ihrem Vasallen, dem Vic.könig von Aegypten, den Rath erthcilt, sich nicht allzusehr in seinen unfruchtbaren abbesstnischen Krieg zu vertiefen. Die Alttürken in Konstantinopel scheinen den Plan gehegt zu haben, der ihnen unverständlich und ehrenrührig erscheinenden Nachgiebigkeit durch Ermordung deS GroßvezierS unb Midhat'S ein Ziel zu setzen; die Regierung aber kam dieser Verschwörung auf die Spur und ließ eine Anzahl hochgestellter UlemaS, ferner Ramiz Pascha und wie es heißt, auch die beiden Minister Achmed Kaifferli und Rebif gefangen nach RhobuS transportiren. Es stellt sich allmählich heraus, daß Jgnatieff in Konstantinopel gar keine Sommation Überreichte, sondern nur ben von ber Pforte vorgeschlagenen sechsmonatlichen Waffenstillstand verwarf unb anstatt besten auf eine bündige Erkiärunge über die ursprünglichen englischen FriebenSvorschläge zurückgriff.
Lage»l><richt.
Am Dienstag fand durch die ReichSschuldenkommisston die vorschriftsmäßige JahreSrevision des im JuliuSthurm zu Spandau befindlichen ReichSkriegSfchatzeS statt. Die Revision erledigte stch in den Üblichen Formen.
Aus Berlin wird folgendes Wahlrefultat gemeldet: 1. Wahlbezirk. KreiSgerichtSrath Klotz. Schriftsteller L. Pari« stuS. Gymnasialdirekivr Dr. Hofmann. 2. Staotverord- netenvorsteher Doktor Straßmann. Stadtsyndikus Zelle: 3. Standesbeamter Knörckc. Prof. Dr. Virchow. 4. Dr. Zimmermann. Stadtgerichtsrath Dr. Eberty. — Die bis gestern Nachmittag bekannt gewordenen 130 Abgeordneten- Wahlen vettheilen stch auf die einzelnen Parteien wie folgt: 19 Fortschrittspartei, 63 Nationalliberale, 14 Centrum, 15 Freikonservative, 5 Neukonservative, 4 Polen, 4 konservative, 4 Deutschkonservative, 2 Partikulansten.
Die Angelegenheit der Erwerbung der Thüringischen Eisenbahn durch den Staat soll so weit gediehen fein, daß bereits der Preis genannt ist, der für die Bahn gefordert wird. Es wird stch nun darum handeln, ob der Staat diesen Preis annehmbar findet. Eine we tete Kombination soll dahin gehen, die Actionäre der Thüringischen Bahn durch Gewährung einer Rente abzufindcn. Jedenfalls aber darf man erwarten, daß diese Angelegenheil in der allernächsten Zeit in bestimmter Form vor bie Oeffenllichkeit tritt.
Auf Anregung des Reichskanzlers hat das ReichSeifen- bahnamt eine triftige Depesche gegen ben neuen Lokaltarif bet sächsischen Eisenbahnen gerichtet. Diese Depesche weist auf den LunbeSrathsbeschluß hin, bet ausdrücklich eine einseitige Neuerung in Tarisangelegenheiten auSschließt, und verweist bie sächsische Regierung au vicses Collegium, sauste eS für nöthig finden sollte, eine Aushebung dieses Bun- bestathsbeschlustes zu beantragen, spricht aber jedenfalls
alle Erinnerungen an bie Schlacht bei Schleswig aufs Neue vor meinem Auge empor. Ich war selber sofort nach Erstürmung des DannewerkeS, ehe noch bie Stabt selber frei war, auf das Schlachlfeio geeilt unb hatte die Verwüstung, die dort vor sich gegangen, mit angesehen. Mit Abscheu erfüllte mich bie Erinnerung, wie töMnner unb Frauen der ärmeren Klaffe die bei Se.te geworfenen Lebensmittel aufgesammelt, die Leichen selber nicht undurchsucht gelaffen, ja sogar zu dem Zweck in bie Sümpfe unb Lu- storfer Teiche stch hineingewagt hatten. Wo eS mir möglich, hatte ich sie von oem abscheulichen Vorhaben abge« schreckt, wenigstens aber, wenn ich sie kannte, mir ihre Namen gemerkt, damit sie hinterher mit verdienter Verachtung gestraft rouroen.
Da plötzlich fiel mir ein — ich war übet bie Maßen froh, benn ich glaubte einen Anhaltspunkt zur Lösung unseres Rälhsels gefunben zu haben — man hatte bald nach der Schlacht von einem Einwohner in Schleswig noch Aergeres erzählt. Er war durch einen Streifschuß am Bein verwundet, — wie er aussagte, während des Gefechts, welches in der Straße, wo er wohnte, stattgefunden. Die Leute aber, die in feiner Nachbarschaft wohnten, behaupteten, er sei feit Beginn der Schlacht gar nicht mehr in der Stadt gewesen, sondern habe stch in die Nähe de- Schlachtfeldes begeben und gleich nach der Schlacht stch über die Leichen hergemacht, um ihnen Geld unb Kostbarkeiten abzunehmen. Bei biefem Geschäfte sei er an einen Mann gerathen, den er fälschlich für tobt gehalten und der ihm bie Verwunbung beigebracht habe.
, Ich war über mich selbst erstaunt, daß diese- Gerücht, das ich freilich damals, als über alle Glaubwürdigkeit hin-