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31iar6urg, Sonnabend, 28. October 1876.
XL Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: Mc Expedition b. Blattet, sowie die Amroncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in jlaffel und Hannover; Lh. Dietrich in Frankfurt a M ; Haasenstein & Vogler in gtentfnrt a. M, Berlin, Leip» ,ig, Eöln rc; Rudolf Moffe j, Berlin, Frankfurt a. M. rc.
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LageOdericht
Die mulhmaßliche Eröffnung der ReichStagSsession mit einer Thronrede deS Kaisers, wie die „Prov.-Corr." dieselbe in Aussicht stellt, ist dem Vernehmen nach auf des Kaisers eigenen Initiative zurückzuführen. Se. Majestät will dm Reichstag in Person eröffnen, vorzugsweise um die Nationalvertretung bei der letzten Session der laufenden Legislaturperiode zu begrüßen. Von einer unmittelbar bevorstehenden Herkunft des Fürsten Bismark zu den Reichstagsverhandlungen ist augenblicklich nicht die Rede. Der Reichskanzler ist, nachdem fein Befinden längere Zeit besonders befriedigend war, in letzterer Zeit wieder von einem Unwohlsein befallen worden und wird deshalb seinen ländlichen Aufenthalt noch verlängern, falls nicht etwa bringende Geschäfte ihn nach Berlin zurückrufen sollten.
Brief.
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»51 f.
Die „Nordd. Allg. Zig." schreibt: Gegenüber den ZeitungSstimmen, welche den Einmarsch der Ruffen in die Türkei nun schon von einem Tage zum anderen erwarten ju müssen glauben, lenken wir, ohne jene Eventualität selbst als außer dem Bereiche einer baldigen Möglichkeit behaupten zu wollen, die Aufmerksamkeit unserer Leser auf nachstehende Mittheilungen, die uns am 22. Oktober von vertrauens» »werther Seite aus Petersburg zugehen: „Auf dem Gebiete des Militärwesens herrscht seit Wochen eine lebhafte Thä» tigkeit. Dabei handelt eS sich aber einzig und allein um Lorbereftungen für den etwaigen Fall einer Mobilmachung und des dann folgenden Einmarsches in die türkischen BaikanlSnder. Die in ausländischen Blättern umlaufenden Rachrichten von schon statifindenden Truppenzusammen- iehungen in Rußland und von Kolonnenmärschen nach >tr türkischen Grenze entbehren der Begründung. BiS jetzt sind noch nirgends die Reserven und die auf unbestimmte Zeit beurlaubten Mannschaften einberufen. Mithin befinden
sich die Truppenkörper noch nicht auf dem Kriegsfuß. Es sind aber alle Einleitungen getroffen, um erforderlichen Falles mit großer Schleunigkeit eine bedeutende Armee in Marschbereitschaft zu setzen.
Ein bedeutender Schlag ist gegen die serbische Armee geführt worden: Djunis ist in den Händen der Türken. Die serbische Macht ist also jetzt in zwei Theile getheilt, Horvatovicz wird Kruschevatz zu vertheidigen haben, während Tschernajeff Deligrad schützen muß; ja er soll bereits für eine Aufnahmestellung nördlich von Deligrad gesorgt haben. Alexinatz dürfte in Folge dessen sehr bald in den Besitz der Türken gelangen. Abdul Kerim Pascha soll vom Sultan den direkten Befehl erhalten haben, Deligrad und Alexinatz um jeden Preis zu nehmen, damit die Türken diesen Schlüffel zu Belgrad und Serbien noch vor dem Beginn eines großen Krieges in ihre Hände bekommen. Auch von Bosnien aus wollen die Türken den Weg nach Belgrad foreiren. Die dortigen türkischen Truppen sind auf 18,000 Mann gebracht worden und sollen nunmehr unter Ismet Pascha die Offensive gegen Loöniza, Schabaz und Ljubovija ergreifen; die serbische Drina Armee ist 11 bis 12,000 Mann stark. — Daß angesichts dieser für Serbien, ja direkt für Belgrad drohenden Gefahr die Antwort der Pforte auf die russischen Forderungen fried» liche Aspekten eröffnet, wird wohl kaum behauptet werden können.
Die Zustände in Bosnien spitzen sich nach der „Polit. Corresp." mehr und mehr zu. Dieses Blatt will wissen, daß die Gefahr einer mohamedanifchen Erhebung, falls die Durchführung der Autonomie der Provinz beschlossen sein sollte, sehr naheliegend sei. In einer am 17. b. in Serajewo abgehaltenen Sitzung dcö Landes VerwaltungS- RatheS sei nach dem Anträge des Finanz-Direktors Raschid Effendi beschlossen worden, aus jenem Kreise deS Vilajets zwei Mohamedaner in einen hier bestehenden Rath für den Religionskrieg als ständige Mitglieder zu berufen, um für den Fall einer allgemeinen mohamedanifchen Bewegung mit- zuwirkcn. Der Stand der Dinge ist augenblicklich, so schließt der Bericht, derart, daß selbst in den höchsten Re gierungSorganen es offen emgestanden wird, es werde im Falle der Einführung der Autonomie in Bosnien eine Maffenerhebung der Mohamedaner zur Vertheidigung deS Islams und zur Ermordung der Christen erfolgen.
Eie Ermordung deS türkischen Konsuls in Tiflis darf wohl als ein neues Zeichen der religiösen Erregung im Orient betrachtet werden; er wird sicherlich zur Beschleunigung der KristS beitragen.
Telegraphisch wird noch gemeldet:
Wien, 26. Oktober. Das Ergebniß der Pester Be« rathungen dürfte darin gipfeln, daß Oesterreich-Ungarn an dem Dreikaiserbund festhält und eine Verständigung mit Rußland nach dem Prinzip der „Verständigung von Fall zu Fall" anstrebt. Letzteres ist der ausdrückliche Wunsch des Kaisers. Darnach ist also ein Entschluß bezüglich einer Aktion oder der Neutralität erst zu erwarten, wenn in der KristS eine Wendung eingetreten. Die militärische Intervention wird im Prinzip nicht perhorreScirt, gleichwohl würde sie keineswegs erwünscht sein.
P e st, 26 Oktober. Nach dem Pester Lloyd hat Deutschland erklärt, eine österreichisch-russische Intervention im Orient gutheißen zu wollen, wenn vorher zwischen bei» den Mächten eine Einigung über Umfang und Ziel der Intervention vereinbart wird. Die Studentenexceffe werden energisch Hintertrieben. Exaltirte wollten dem russischen Konsul die Fenster einwerfen, was aber von der Polizei inhibirt wurde. Nachdem Militär herbeigerufen, zerstreute sich die Menge. Den Fackelzug hat man aufgegeben, doch werden die Demonstrationen zu Gunsten der Türken durch Geldsammlungen und andere Kundgebungen fortgesetzt.
Dnttfche» Reich.
V Berlin, 26. Okt. Man darf es doch nicht ganz mit Stillschweigen Übergehen, so unwichtig eS an und für sich auch ist, daß die Berliner Fortschrittspreffe, nämlich das Lokalblatt der Berliner Weißbierphilister und das Entzücken aller Budiker wegen feines schönen SäckpapierS, die alle Tante Voffen und das „Organ für Jedermann aus dem Volke" die Volkszeitung wieder besondere auswärtige Fortschrittspolitik macht. Bekanntlich ist das die schwache Seite der Fortschrittspartei, daß sie in der auswärtigen Politik ganz besonders ingeniöse Pläne verfolgt. Wir erinnern nur an die Liebhaberei derselben für den Augustenburger, an die Absicht des Herrn Schulze-Delitzsch, Preußen >en „Grvßmachtskttzel auszutreiben," an die Opposition der Fortschrittspartei gegen den Feldzug 1866 mit vern Motto derselben: „diesem Ministerium keinen Groschen und keinen Soldaten," endlich an den famosen Antrag Virchow's im Jahre 1869 auf Abrüstung, als Frankreich bereits seine Rüstungen vollendet hatte. Das fortwährende FiaSco, welches die Fortschrittspartei stets bei der Behandlung der äußeren Politik hatte, veranlaßte bekanntlich Fürst Bismarck zu dem treffenden Ausspruch über Virchow's Prophezeiungen, daß dieser das besondere Glück habe, daß regelmäßig das entgegengesetzte einträfe von dem, was er prophezeit habe. Ganz mit derselben Fähigkeit die großen politischen Vorgänge zu begreifen, macht sich jetzt auch die fortschrittliche Preffe darin, die orientalische Frage zu behandeln. Glücklicher-
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Der Seher von CoSuieza.
Erzählung aus dem polnisch-jüdischen Volksleben von Dr. W- Bernhardt.
(Fortsetzung und Schluß).
L „Dort liegt er", rief der Rabbiner den bleichen Zu- chauern dieses Trauerspieles zu „der Verräther, dahingereckt durch die eigene Hand, dem menschlichen Gerichte ntronnen, dem furchtbaren deS allmächtigen Gottes über- Mben. Schauet hin, ihr Söhne Polens, vernehmet meine «Borte und höret, was ich Euch verkünde. Diesem Elenden Weich, wohnet unter Euch noch mancher, den Stolz, Eigen» mtz, Herrschbegier und wie die wilden Leidenschaften alle eißen mögen, welche die menschliche Brust durchwühlen, um Verräther an seinem Könige, an seinem Vaterlande lachen. Oft noch wird das Gold die Augen Eurer Groin verblenden, um dem Volke unsägliches Leid zu bereiten. Iber ich sage Euch, werden diese entarteten Kinder des chinen Polenlandes ihren Sinn nicht ändern, werden sie, >ls Brüder eines Hauses, als Söhne einer Mutter, immer ind immer in Haß und Feindschaft getrennt, der eigenen ieidenschaft nur sröhnend, ihren König, ihr Vaterland, ihr wahrhaftes Heil schmachvoll vergeffen, so wird der Herr 'inen Zorn Über fie ausgießen und sie niedertreten lassen «ter den Hufen feindlicher Roste. Von Osten wird der Jrtnb heranziehen mit großer Macht, niederschlagen wird F im furchtbaren Kampfe die edlen Söhne Polen», zer- pren die Wohnstätten der fleißigen Bürger, hinmordm die pdfe, die Weiber, die Jungfrauen, die Jünglinge, ja die ftabet an der Mutter Brust. Zerstreuet werden die Söhne Pb Töchter Polens in der Verbannung umherirren, den Woirthlicheu Boden der Wüste werden sie durchmesten, R dem öden Meere werden fie kummervoll Sturm und
Regen erdulden, mit Schmach wird ihr Angedenken bedeckt werden und nirgend wird ein Trost die lechzende Seele erlaben, bis der unerbittliche Tod die müden Augen schließt und fremder Boden, nicht das heilige Mutterland, die Ge» deine der armen verbannten Streiter umfängt. Dieses Schicksal wartet dein, o Polen, deiner Sünden halber, deines Abfalls von Wahrheit, Recht und Treue. Daher hüte dich vor dem Zorne Gottes, der Himmel und Erde geschaffen hat, denn er ist ein eifriger Gott. Kehre zurück zum Gehorsam gegen den König, zur Treue gegen das Vaterland, zur Ehrfurcht vor dem Gesetz, tritt nieder in Dir selbst allen Zorn, jeglichen Haß, alle Feindschaft, jeden Zwiespalt horch auf die Stimme der Ermahnung und Weisheit und du wirst in ungebrochener Kraft fortblühen bis an das Ende der Tage, deinen Freunden ein Schirm, dir selbst eine Freude, und deinen Feinden, wären sie gleich ein Volk wie der Sand am Meere, furchtbar und unbezwinglich."
Nach diesen Worten ergriff der Greis die Hände Jakobs und Rebekkas und schritt ungehindert, denn scheu gab das Volk Raum, durch die erstarrten, vom Schrecken gleichsam gesättigten Masten, die sich dann stumm und wie ver» nichtet allmählig verliefen.
Mühsam erreichte der Greis seine Wohnung, denn seine Ermattung wuchs mit jedem Schritte, welchen er that. Endlich daselbst angelangt, sprach et: „O, reichet mit doch einen Sessel, damit ich etwas ruhen möge." Er ließ sich erschöpft nieder und die edlen Züge wurden, während er im Sinnen verloren dasaß, blaß und bläffet. „Ich sühle wohl," sagte et nach einer langen Panse, „mein Tagewerk ist vollbracht; der Herr ruft, ich komme."
„Sprecht doch nicht also," begann Rebekka, „lieber Vater, Ihr seid nur angegriffen, die Ruhe der Nacht wird Euch wohl thun, der Schlaf wird Euch stärken und munteren Auges werdet Ihr morgen den Tag sehen. Dann
kommt Ihr zu uns, dort wollen wir Eurer warten und Euch pflegen. Ihr sollt Freude haben und Ruhe nach all den Überstandenen Sorgen. Euch soll es an nichts mangeln."
„O, meine Kinder," erwiderte der Greis, „Ihr seid frei, Eure Unschuld ist klar wie der Tag; bet Name des Herrn sei gelobet. Zufrieden scheide ich von Euch, meine geliebten Kinder, und lege mich freudig in das Grab, bis zum Tage des AuferstehenS. Lebet wohl, gedenket meiner oft und in Liebe, ich gehe ein zum Frieden. Tretet her zu mir, daß ich Euch sehen möge, bis der Tod mein Auge in Nacht hüllt. So ist's recht. O, wie schön — wie saust — wie süß."
®r hob das Haupt noch einmal, die brechenden Augen suchten noch, die geliebten Kinder, er streckte die Hand noch einmal aus, als ihn schon die Nacht des TodeS umdunkelte, seufzte bann noch einmal unb hatte vollendet, während seine Kinder Thränen des Schmerzes vergoffen.
„Der Friede des Herrn sei mit ihm," sagte nach einer tiefen Pause Jakob unter Thränen und umfaßte sein weinendes Weib.
„Nun habe ich nur Dich," sprach diese, „Dich ganz allein, Du bist mir Vater, Mutter, Gatte. An Dir will ich halten, wie das Epheu den Ulmbaum umschlingt und der Weinstock das Haus, welche« ihn schützt."
Thränen raubten ihr die Stimme und eine lange Umarmung sprach die tiefen Empfindungen der trauernden Gatten aus.
Ehrenvoll ward der Greis bestattet und sodann kehrten die neuvereinten Gatten zufrieden wieder in jene demüthige Stille zurück, in der sie sich so glücklich fühlten und au» welcher nur der Sturm der Ereigniffe auf wenige aber schreckenvolle Stunden sie geristm hatte.