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Marburg, Sonntag, 22. Oktober 1876.

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fltuetgen nimmt entgegen: Ht Cflwbttton d. Blattei, sowie die Annoncen-Bureaux oon Th. Dietrich & So. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasensteia & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leiv- »g, Söln ec; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. ic.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blattes sowie bte Amwncen-Bureanr von ® L. Daube & So. in Frankfurt a. M.: JSger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Sari Schütz- ler in Hannover; S. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JluftrirteS EonutagSblatt" durch die Expedition (Aoch'sche Buchdruckerei) bezogen 2^ Wart, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Warf 50 Pfg. (eit. Bestellgebühr). - JnfertionSgebühr für die gespaltene Zette 10 Pf,. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf,, berechnet.

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Politische Woche« e Ueberficht.

Die Hoffnung auf Erhaltung des Friedens im Orient ist, seit Ruhland das türkische Anerbieten eines sechsmonat- lichrn Waffenstillstandes für unannehmhar erklärt hat, io manchen Kreisen fast geschwunden; Rußland erscheint als zum Kriege entschloffen, und weitere Zugeständniffe der Türkei, z. B. eines sechswöchentlichen Waffenstillstandes, würden, meint man, diesen Entschluß schwerlich ändern. DaS Drei Kaiser-vündnlß scheint tndeß bis jetzt noch zu halten, und so lange es hält, mag ein ausbrechender russisch türkischer Krieg vorläufig aus den Orient lokalistrt bleiben, freilich — wie lange? Fürst BtSma ck gedenkt, so lange die W'tlerung gut bleibt, nicht von Varzin heim zu kommen; von seiner orientalischen Politik heißt eS in der Diplomatie, er „sphinxe" und fein Geheimniß sei undurchdringlich. In Preußen hat am 20. d. M. die Wahlmännnerwahl für die Deputtrten des Abgeordnetenhauses stattgefunden, soweit sich heute ein Resultat übersehen läßt, dürfte e ne wesentliche Verschiebung der Partheiverhältaiffe im neuen Landtage nicht zu erwarten sein.

Die Verhandlungen, welche zwischen Livadia und Wien über die orientalische Frage gepflogen werden, laffen sich noch nicht genau erkennen. Der General-Adjutant des Kaders Alexander, v. Taschlow, ist mit einem zweiten Hand­schreiben seines Herrn an Kaiser Franz Joseph eingetroffen; die allgemeine Stimmung in Oesterreich ist sehr beunruhigt, zumal man nicht weiß, was die nächste Stunde bringen wird, und ob Graf Andraffy im Stande fein wird, dem Drängen der österreichischen Militärpartei, an deren Spitze Erzherzog Albrecht steht, und welche auf eine gemeinschaft­liche Intervention mit Rußland, d. h , eine Besetzung resp. Einverleibung Bosniens drängt, auf die Dauer Widerstand leisten kann. Ungarn, insonderheit das Cabinet Tisza, will von einem gemeinschaftlichen Einschreiten mit Rußland nicht» wissen; die Über ein zwischen Rußland und Oester­reich derart abgeschloffenes Bündniß, daß Rußland allein intervenire und Oesterreich einstweilen neutral bleibe, ein­gelaufenen Nachrichten bedürfen noch der Bestätigung.

Frankrich bereitet sich zur Wiedereröffnung der Kam­mern vor. Schon ist eine Anzahl von Senatoren und Deputitten in Pari« anwesend und die Borberathungen haben begonnen. Die Reaktion arbeitet auf eine Koalition der Centren hin, bereitet Streithändel zwischen beiden Häu­sern über die «udgetfrage vor und hofft dadurch zum Sturze des Ministers Marcöee zu gelangen. Auch die orientalischen Wirren werden benutzt, um die Haltung der

Der Seher >6« SsSnirz«.

Erzählung aus dem polnisch-jüdischen Volksleben von Dr.

W. Bernhardt.

(Fortsetzung).

Die Sonne brannte heftig hernieder und er fand keinen Schutzort gegen ihre Strahlen. Er beschloß, die Felsen zu erklimmen, von deren Krone ihm schattige Bäume entgegen­rauschten, allein so oft er fein Vorhaben auszuführen be­gann, stürzte das lodere Gerüll unter ihm hinab und er fiel unaufhaltsam wieder in das öde Thal zurück. Schon ließen feine Kräfte nach, schon wollte er feinen Vorsatz aus­geben, allein die hohen Bäume auf den Spitzen des Fel­sens flüsterten so süß, ihre Schatten wechselten so einladend an der Gebirgswand, daß er unwillkürlich beschloß, seine letzten Kräfte anzusti engen, um den Gipfel zu erreichen. Er war bereits ein bedeutende» Stück in die Höhe ge­klommen, als da» Gerüll wieder nachzugeben begann und er glaubte, daß all sein Mühen umsonst gewesen sei. Da stieckie sich ihm cem Gipfel des Felsens eine schöne Hand entgegen und eine süß -, wohlbekannte Stimme rief ihm zu, sich festzuhalten. Er blickte in die Höhe, sah, daß es Re­becca war, die sich ihm mühsam entgegen beugte, ergriff schnell die dargebotene Hand und war mit einem Schwünge auf dem FelSgipfel unter den hohen schattigen Bäumen. Da» ganze Thal unter ihm, mit seinen Strömen, Wäldern, Wiesen und Fluren, ein herrlicher Anblick, lag noch da, in der Morgendämmerung, von einem duftigen Nebel um- schleiert. Im Osten kündeten leuchtende Streifen die na­hende Sonne, welche bereits einzelne Wolken purpurroth durchglühte. Beglückt umarmte er fein geliebtes Weib und fühlte ihren zättlichen Kuß auf seinen Lippen. Doch plötz­lich fühlte er stch mit ihr von Wolken emporgetragen und Beide schwebten langsam über der unter ihnen ruhenden Welt hinweg, der Sonne entgegen, die Brust voll seliger Zufriedenheit. Da wachten die Vögeln im Thale auf, sie sängen und ihre süßen Töne drangen in sein Ohr. Er

liberalen Staatsmänner und Blätter, der Thiers und Gam- betta, der TempS u. s. w., zu neutrallsiren und das Elysse den „Feinden der Kirche und der moralischen Ordnung" zu entreißen. Eine Interpellation von Mitgliedern der Rechten im Senate soll den Anstoß geben; auch die Organe der Kirche und des päpstlichen NunciuS schüren gewaltig. Um diesen Gefahren zu begegnen, hat Marcs e in der Normandie vor seinen Wählern eine abwehrende Rede gehalten, der noch eine andere folgen soll; auch Gambetta bereitet eine solche vor, die er am 20. Oktober in Bclleville vor seinen Wählern halten will.

Die spanische Exkönigin Isabella ist am 13. d. M. nach Madrid gekommen, hat zwei Meffen gehört und stch noch an demselben Abend zum EScurial zurückbegeben.

Einem großen Theile der e n g l i s ch e n Politiker, welche bisheran in der orientalischen Frage das Zusammengehen mit Rußland empfohlen hatten, ist mit der Ablehnung deS von der Türkei angebotenen sechsmonatlichen Waffenstill­standes von Seiten Rußlands ein arger Schrecken in die Glieder gefahren. Fast auf der ganzen Linie der Russen- freunde wird zum Rückzüge geblasen, die bisher noch „Un- entschloffenen" sind gründlich über dm Werth russischer Philanthropie und russischer Friedensverstcherungen aufge- klärt. Um so gedrückter aber wird die allgemeine Stimmung, an der Börse brach in den letzten Tagen volle Panik aus; man wähnt stch am Vorabend eines großen Krieges, der nur zu leicht die ganze Welt in Brand setzen könne, heißt es, nur Einer sei im Stande, das glimmende Feuer noch im Keime zu ersticken; Fürst Bismarck aber dürfe nicht zaudern, da» entscheidende Wort Rußland gegenüber zu sprechen; dies sei ihm, meint die leitende englische Preffe, schon durch Deutschlands eigene Interessen geboten.

Im dänischen Folkething hat die jetzt aus 70 Mit­gliedern bestehende Opposition den Kampf gegen das Mini­sterium ans's Neue begonnen. Bei der dreitägigen ersten Lesung des Finanzgesetzes sind als Hauptredner Berg, I. I. Hausern und Graf Holstein Ledreborg gegen die Regierung Sturm gelaufen, indessen hat der Conseils-Präsident Estrup erklärt, daß er und seine Collegm den Platz behaupten werden. DaS HauS hat darauf zwar die Budgetvorlage zur zweiten Lesung verstattet, jedoch den Gesetz-Entwurf Über Ermäßigung und Erhöhung einiger Sätze des Zoll­tarifs abgewiesen.

Türken und Serben beschränken stch auf unschädliche Kanonaden, thellS in Folge der rauhen Witterung, theilS in Folge der richtigen Eekenntniß, daß neues Blutvergießen fürs Erste zwecklos wäre, da etwaige Erfolge doch binnen

horchte entzückt, während er immer weiter schwebte, ihren Melodien, bis ihn plötzlich die Hellen Strahlen der Sonne dergestalt blendeten, daß er au» der Wolke, die ihn trug, herabstürzte und erwachte.

Die Sonne beleuchtete die öden Wände seines Kerkers und schien ihm gerade ins Antlitz. Er richtete stch vom Lager empor und blickte erstaunt um stch. Das Klirren seiner Fesseln erinnerte ihn, wo er war und rief ihm fein wahrscheinliche» Loo» entgegen, allein eine wunderbare Ruhe war Über sein bewegtes Gcmülh gekommen. El» leiser, unerklärlicher Hoffnungsstrahl durchleuchtete seine Seele und ließ ihn leichter athmen. Eine fromme Rührung Über­wältigte ihn und laut betete er die Worte deS Psalms: „Herr, Du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge geworden und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist Du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit." Immer neue ermuthigende Gedanken strömten ihm zu, ungeahnte Quellen eines wunderbaren Trostes entsprangen seiner Brust, immer fester und sicherer ertönte in ihm eine Stimme, die Rettung verhieß. Erstaunt, gerührt, überrascht brach er von neuem in die Worte auö:

„Herr, auf Dich traue ich, laß mich nimmermehr zu Schanden werden, errette mich durch Deine Gerechtigkeit. Neige Dein Ohr zu mir, eileno hilf mir. Sei mir ein starker Fels und eine Burg, daß Du mir helfest. Du wollest mich ans dem Netze ziehen, das sie mir gestellt haben, denn Du bist meine Stärke."

Wundersam erquickten ihn diese Gedanken deS heiligen Siegers, der Muth zog von neuem ein in feine ermüdete Brust und mit Fassung erwartete er das ihm beschiedene Schicksal. 7

Eben halte der CriminalgerichtS Präsident das Todes- urtheil Jakobs vom Könige unterzeichnet erhalten, als sich der Rabbiner bei ihm melden ließ. Die hohe, ehrfurcht- gebietenbe Gestalt, das würdige weißgelockte Haupt, tie edlen GestchtSzüge, worin stch der Schmerz um den Sohn durch die wahrhaft fromme Ergebung in einen höheren

Kurzem durch die heraufziehenden Wolken eines heftigeren Gewittersturmes verdunkelt werden müßten. Nur an der Drina haben stch die Türken zur Abwechselung einen Streifzug gegen LoSnitza erlaubt; im Norden und Süden Montenegros ist dagegen Tag für Tag mit größerer oder geringerer Erbitterung gerungen worden. Derwisch Pascha rückte am 9. d. von Spuz aus gegen Martinitji und den Bezirk von Bjelopawlitji vor, aber gegen die mit der verzweifeltsten Tapferkeit ihre heimathlichen Berge ver- theidigenden Czernagorzen vermochte er nur einen Pyrrhus­sieg zu erringen und soll sogar am 18. eine g ößere Schlappe erlitten haben. Nicht bester erging eö Mukhtar Pascha im Norden; der Versuch, der dort vereinigten Montenegriner und Aufständischen, die kleine Festung Bi­lek zu belagern, ist indesten durch den von Trcbinje auS zum Ersatz heranmarschirenden Saschir Pascha vereitelt worden. Obwohl die Aufständischen aus der Herzegowina seit geraumer Zeit von diesem Lande nur einen winzigen, an Montenegro angränzenden Theil besetzt halten, so haben sie eS doch für gut befunden, in einer abermaligen Skup- schtina die Unabhängigkeit dieses Landes zu proklamiren und zu diesem Zwecke den Schutz der Großmächte anzu- rusen. In Konstantinopel ist die Partei der Nachgiebigkeit, an deren Spitze der Sultan selbst steht, im Hinblick auf die wachsende Gefahr vollkommen zum Durchbruch gelangt — wie man sich denn neuerbingS sogar entschloffen zu haben scheint, RußlanbS Wunsche entsprechenb, ben sechs- monatlichen Waffenstillstanb in einen sechswöchentlichen umzuwandeln —, freilich nicht ohne einen theilweifen Mi­nisterwechsel nach sich zu ziehen.

ras«»dertcht.

Frankfurter Blätter enthielten eine Notiz, wonach dem Grafen von Arnim mit einer Anklage wegen Veruntreuung gedroht worden sei, weil er bei seinem Fortgänge von Pari» einen Stuhl habe mitnehmen laffen, auf welchem seine Tochter gestorben war. Der Hergang, um ben es sich hierbei hanbelt, war nach bem „R.-Anz." folgenber: Nach- bem der Gras Arnim Paris verlasten hatte, kam es bei amtlicher Prüfung ber Quartalrechnung der Botschaft zur Sprache, daß derselbe ohne Anfrage den größten Theil des zum Inventar seiner bisherigen Dienstwohnung gehörigen Mobiliars eines Zimmers halte fortschaffen lassen und dafür eine runde Summe von 525 Franken an die Bot- schaftSkaffe eingezahlt hatte. Der Ersatz der fehlenden Mobilien verursachte indesten nach Schätzung durch Sach-

-------- -------------1 -1-—>——— -----,—■ m Willen gleichsam verklärt hatte, die einfache, natürliche Be­wegung der Glieder und der klangreiche Ton der kräftigen Stimme verfehlten ihren Eindruck auf den Präsidenten so wenig, daß er, gewistermaßen genötigt, den Rabbiner ganz anders aufnahm, als sonst wohl damals Sitte war, einen Juden zu behandeln.

«Ich weiß," eröffnete er das Gespräch, „weshalb Ihr zu mir kommt; Euer Schwiegersohn ist eines schweren Ver­brechens angdlagt und Überwiesen. Hier liegt daö vom Könige bestätigte Urtheil und wenn ich Euch auch bedauere, so werdet Ihr doch leicht einsehen, daß unter diesen Um­ständen auch nicht die mindeste Hoffnung für Euren Sohn bleibt."

„3ft er überwiesen, Herr," entgegnete Ben David, „so mag das Schwert der Gerechtigkeit ihn treffen, denn wer Menschenblut vergießt, deß Blut soll wieder vergoflen wer­den, spricht der Herr. Aber, verzeiht dem bekümmerten Vater das Wort, ist er auch wahrhaft überliefen?"

„Ueberzeugt Euch selbst," erwiderte der Präsident, „hier sind die Akten. Seht, hier ist der Thalbesund, hier find die Aussagen der parteilosen Zeugen und hier endlich findet Ihr das Gcständntß Eures unglücklichen Sohnes."

„Mit Eurer Erlaubniß, Herr," sagte der Rabbi, „sitze ich mich ein wenig, um diese Papiere mit der nöthigen Aufmerksamkeit durchlesen zu können."

„Thut das," sprach der Präsident und eS entstand nun eine ziemliche Zeit hindurch ein beiderseitiges Schweigen.

Der Rabbiner schien die Aktenstücke durchgclcsen zu haben, denn er legte daS Heft nieder und blickte den ihm gegenüber(^enben Präsidenten, der während der ganzen Zeit den Rabbi scharf beobachtet hatte, ins Auge. „Nun," begann dieser, „kann wohl etwas klarer {ein, als diese Sache? Konnte der Gerichtshof anders entscheiden, als er gethan?"

„Jakob ist unschuldig, Herr," war die feste Antwort des Greifes. „Wahret also Eure Seele, daß Ihr nicht den Schuldlosen strafet, statt deö Schuldigen. Sein Blut käme dann über Euer Haupt."