ÜgttSr. 246
Marburg, Donnerstag, 19. October 1876.
XI. ZahWIg.
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3 Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirtrS SonutaaSßlatt" durch die Srp, Buchdruckerer) bezogen 21 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf», (eil. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zelle QJCn • "ür m Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf», berechnet.
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W. Bernhardt. (Fortsetzung).
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Pforte und nun will diese gar sechs Monate gewähren. Über man muß sich nut die nähern Umstände genauer
Die Aufregung in Griechenland nimmt von Tag zu Tag mehr Ueberhand. Täglich finden Volksversammlungen statt, welche der kriegerischen Stimmung des Volkes Ausdruck geben. Alle Städte subskribiren jur die Bewaffnung des Volkes. Die griechische Regierung wird bei der Kammer die Erlaubniß nachsuchen, alle waffenfähigen Männer von 20—30 Jahren zu den Fahnen zu berufen. Die Gemeinde PiraeuS fwird auf eigene Kosten ihre Nationalgarde be-
Der hohe Criminalgerichtshof zu Warschau war versammelt, vor welchem Jakob, Anton, der Starost, dessen Diener Andreas und der Bursche, welcher dem Erschlagenen Lei seiner beabsichtigten Rückkehr vom Schlöffe zur Schenke geleuchtet hatte, vorgeladen waren. Erwiesen war, daß man die auögeleerte Geldkatze des Ermordeten unter dem Küchenherde des Juden, — in Jakobs Garten,„ tief im Schnee vergraben, ein altes, blutiges, eingestandenermaßen dem Angefchuldigtm gehöriges Fleischerbetl und Heinrichs Leichnam fetbst in dem dicht dabei stehenden Backofen deS Juden, mit einer unmittelbar tödtlichen Kopfwunde aufge- funden hatte, welche offenbar mtt jenem Beile geschlagen worden war. Machten es diese Thatsachen beinah gewiß, daß Jakob der Mörder deS unglücklichen Heinrich sei, so kamen dazu noch mannigfache andere Verdachtsgründe, welche die Ursachen entwickelten, die den Verbrecher zu seiner That getrieben haben mochten. Es war bekannt, daß Jakob schon lange, bevor die Viehhändler zum Rabbi gekommen waren, mtt dem Starosten in höchst lästigen, verdrießlichen Geldgeschäften war, daß der letztere, kurz vor Jakob« Abreise zu seinem Schwiegervater, ihm mit dem Tode gedroht hatte, wofern er nicht zweitausend Thaler anschaffe, daß Jakob, kurz nach Heinrichs und Antons Anwesenheit in CoSnicza, gleichfalls dort gewesen, und nach seiner Rückkehr abermals bedrohlich angegangen sei. In diesem kritischen Augenblicke kam Heinrich zum Juden, und dieser, erwie.
Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte« sowie die Annoneen-Bureauk von 0 L. Daube & 6o. in
Brief. 1021
Der Sehr, da« GoSnirza.
Erzählung auS dem polnisch-jüdischen Bolksleben von Dr.
fei unterworfen, daß Griechenland gleichzeitig mit Rußland den Krieg an die Türkei erklären wird.
Zur orientalischen Krisis find folgmde telegraphischen Nachrichten eingegangen:
Wien, 17. Okt. Daö Fremdenblatt vernimmt, daß Italien gleichfalls den sechsmonatlichen Waffenstillstand als unannehmbar bezeichnet. Der Brennpunkt der Situation liege augenblicklich in London und Livadia. Was auch geschehen möge, erscheint dem „Fremdenblatt" die Eventualität ausgeschloffen, daß Oesterreich daö Drei-Kaiser- Bündniß verlasse.
Wien, 17. Okt. Dem „Telegraphen-Correspondenz bureau" wird auS Konstantinopel gemeldet: In Folge deS Widerspruchs, welchen Rußland gegen den sechSmonattichen Waffenstillstand erhoben hat, herrscht in den Regierungs- Kreisen große Unentschlossenheit. Halet Pascha ist zum Handelsminister, Uufsuf Pascha zum Unterrichtsminister und Djewded Pascha anstatt Kholik Pascha's zum Justiz Minister ernannt. — Das Journal „Bassivet" wurde unter- drückt.
Wien, 17. Okt. Der Artikel deS „Pestet Lloyd", weichet von einer Jsolitung Rußlands spricht, wird in hiesigen unterrichteten Kreisen als der wirklichen diplomatischen Sachlage durchaus wiedersprechend angesehen.
Rom, 17 Okt. Berichte der italienischen Consular- Agenten in Scutari und Cetitinje schildern die Niederlage Derwisch Pascha's bei Martinic und Spuz als eine vollständige. Die Türken verloren darnach 2500 Manu, darunter 24 Oberste. Mukhtar Pascha wäre von Jnsur- aenten aaru umzingelt.
Wien, 17? Okt. Auf Gortschakoffö Rundschreiben, welches den sechsmonatlichen Waffenstillstand ablehnt, hat Lord Derby den Kabinetten einen vermittelnden Vorschlag stgnalisirt. England will die Pforte zur Annahme eine« kürzeren Waffenstillstandes bewegen, wenn Rußland die Garantiefrage bis zu den meritorifchen Verhandlungen Übet den Frieden, nachdem eine formelle Waffenruhe hergestellt fein wird, vertagen will. Italien hat dem Rundschreiben Gortschakoffs vollständig beigepflichtet und den türkischen Vorschlag abgelehnt. Oesterreich richtet sich vorläufig nach Deutschland; jedoch kann feine Stellung möglicherweise alterirt werden, wenn England mit Rußland in Konflikt geräth. Daß die neueren diplomatischen Versuche Erfolg haben werde», wird als sehr unwahrscheinlich betrachtet. Man glaubt England werde schließlich für die Türkei gegen Rußland eintreten. Gerüchtweise verlautet, Rußland habe die Ausnahme einer Nationalanleihe von 300 Millionen Rubel beschlossen.
Laaesbertcht.
' Die Nachricht, daß der Reichskanzler das Reichseisen, bahnsystem aufgegeben habe, wird vielmehr von unterrichtetet Seite entschieden dementirt. Im Gegeutheil wird mitgetheitt, daß der Reichskanzler in dieser Angelegenheit Hnc energische Depesche an die sächsische und die bayerische Regierung gerichtet hat.
Wie man erfährt, wird gegenwärtig sehr eifrig im Kul- uSministerium an dem Unterrichtsgeseh gearbeitet. ES werden । vichentlich vier Sitzungstage daraus verwendet. Der Ab- chnitt übet das höhere Schulwesen (Gymnasien, Realschulen, 1 Seminare) soll nahezu vollendet sein.
Die Zeitungen erwähnen die Depesche, in welcher die msstsche Regierung ihre Ablehnung deS von der Pforte »otgeschlagenen sechsmonatlichen Waffenstillstandes mittheilt. Der Text de« betreffenden Telegramms, Livadia, 2./14. Oktober, lautet in deutscher Übersetzung, wie folgt: Wir
gefunden und ist von betreiben pure abgewiesen. Bei Oberflächlicher Betrachtung sollte man glauben, alle Welt i. . • müsse sich freuen, wenn die Pforte sechs Monate hindurch IJl I gtieben halten will unb scheinbar mehr zugesteht als von
1021 551 964
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Beherzt sah ihn Benjamin an und sagte: „Herr, ich will doch lieber zum Arzte gehen, eS könnte eine Krankheit in Euerm Körper verborgen stecken, deren erste Zeichen sich in dieser GemüthSbewegung offenbaren."
„Nein, nein," sprach bet Rabbiner, indem er sich wieher niedetließ, „Du guter Junge, ich bin ganz gesund, ganz wohl, aber deS Herrn Hand ruhet schwer auf mir." Er stand schnell von Neuem auf und winkte verneinend mit der Hand, als ihm der Diener dabei behilflich sein wollte. Schweigend wandelte et auf und nieder, schüttelte bisweilen das Haupt, große Thränen drangen aus seinen Augen und näßten den greifen Bart, und dazwischen tief er, die Hände zum Himmel emporstteckend, mehrmals laut: „Oh, meine Kinder, meine atmen Kinder!"
Mit Sorge folgte Benjamin jeder Bewegung des Greises, haschte jeden Laut von feinen Lippe». Endlich begann er: „Herr, ein lebhafter Traum muß Euch so ungemein erschüttert haben, erzählt ihn, unb die Schrecken, welche Euch umfangen, werden weichen."
Ohne Antwort zu geben, wanbeite bet Rabbiner bad Zimmer auf unb nieder. Endlich blieb et vor dem Diener stehen, sah ihm scharf und lange prüfend in s Gesicht und sagte dann: „Willst Du übermorgen in aller Frühe mit mir nach Warschau reifen?*
„Nach Warschau?" fragte Benjamin verwundert unb blickte ben Greis zweifelnd an, „was sollen wir dort, Herr?"
„Frage nicht," entgegnete ernst und ehrfurchtgebietend der Greis, „antworte."
„Herr," sprach erschrocken der Diener, „wohin Ihr auch immer zu gehen beschließen möget, ich folge Em. unbedingt."
rnszuübeu. um ihre Zustimmung zu einer so beträchtlichen Verlängerung ihrer ungewiff en und schwierigen Sage her- «izusühten. Endlich finden mir, daß die schon unetttäg- iche finanzielle und kommerzielle Situation Europas unter einem solchen Aufschübe noch mehr leiden würde. Wir »üffen auf einem Waffenstillstand von 4 bis 6 Wochen, eie ihn England ursprünglich votgeschlagen hatte, bestehen vorbehaltlich weiterer Verlängerung desselben, wenn der Bang der Verhandlungen die Nothwendigkeit einer solchen xtrthnt."
falten einen Waffenstillstand von sechs Monaten nicht für wthwendig ober für günstig für den Abschluß eines bau« ttnben Frieden«, welchen wir wünschen. Wir find nicht 1 m Stande, ans Serbien und Montenegro einen Druck
„Nun wohl," erwiderte der Rabbiner, „so bestelle senermaßen von Religionshaß entflammt, ein eifriger Bd- morgen den Wage» und fetze Alles in Bereitschaft, daß es tenner seines Glaubens, entschloß sich wohl um so leichter uns an Nichts mangele, wenn wir übermorgen mit dem zur blutigen Thai, als mißverstandene Stellen seiner hei- Allerfrühesten abreisen wollen." ligen Bücher unb bie Lehre deS Talmuds mit feiner Furcht
Herr gebot ihm, durchaus zu schweigen, sich niederzulegen unb morgenden Tages seine Befehle zu vollziehen. Ben- jamin verbeugte sich, nachdem er einen zweifelhaften Blick auf seinen Herrn geworfen.
6.
Wie nicht anders zu erwarten hat das Waffenstillstands anerbieten der Pforte bei Rußland keine günstige Ausnahme
DaS Geräusch, welche« der Fall des Rabbi verursachte, »eckte ben im anstoßenden Zimmer schlafenden Benjamin, welcher, ängstlich, daß dem alten Manne ein Unglück zu- gestoßen sein möchte, sogleich herbeieilte. Er fand zu seinem Erschrecken und Staunen den Rabbi bewußtlos im Zimmer auf der Erde und neben ihm da« auSgelöschte Licht. Gr rüttelte ihn lange vergeblich, nahm kalte« Waffer und fprengte e« dem Greise in« Gesicht, rieb ihm die Schläfe mit starken Essenzen unb sah endlich zu seiner Freude das Leben wieder zurückkehren.
„Herr", begann der Diener, wo« hat Euch angewan- belt? Seid Ihr krank? — Soll ich zum Arzte laufen ?"
„Nein," erwiderte matt der Rabbiner, indem er sich vom Boden erhob, „nichts voi allem, führe mich zum Lehnstuhl, ich werbe mich halb erholen."
E« geschah, wa« er verlangte.
„Entsetzliche« Gesicht," sprach er nach einer Pause für ßch unb wanbte sich bann zu Benjamin, „hast Du kein Geräusch vernommen, keinen donnernden Schlag an die HanSthür, keine schweren Tritte die Treppe herauf nach bem Zimmer zu, keinen entsetzlichen herzzerschneidenden SMjrnf?"
„Nicht da« allermindeste von dem allen, Herr", verhetzte dieser verwundert, „wer sollte auch jetzt noch kommen, <• ist schon spät unb da« Haus ist zugeschloffen. Auch h bet Stabt ist alles ruhig."
„Wnuberbar, sehr wunberbar," sagte bet Greis unb schüttelte ba« graue Haupt. „Oh, meine Kinder," rief er bann wieder plötzlich und sprang vorn Seffel, „meine armen ftnberl"
ihr gefordert wurde. Rußland und England verlangten ja nur einen sechswöchentlichen Waffenstillstand von der
ligen Bücher und die Lehre des Talmuds, mit seiner Furcht Benjamin wollte noch Etwas entgegnen, allein sein vor dem wilde» Charakter des Starosten, welcher im Stande
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♦ meyer in Berlin; Carl Schütz»
In in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
betrachten unb man wirb alsbann zu der Ueberzeugung kommen, daß diese« WaffmstillstandSanerbieten vielmehr eine Verhöhnung der Mächte al« ein ernstes Anerbieten I waffnen. ' ES zeigen sich bereits bewaffnete Banden im ist. Die Pforte verlangt Garantien, daß während dieses j Lande, welche der Grenze zuziehen. Es ist keinem Zwei-
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vw gnietgen nimmt entgegen: hltFrtMe Expedition d. Blatte«, UM U sowie die Annoncen-Bureaux Th. Dietrich & Co. in lüCttRaffel und Hannover; Th.
** Dietrich in Frankfurt a. M;
Haasensteio <L Bögler in Frankfurt a- M^Berlm.Lew- «8, Cöln k ; Rudolf Moste m Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Zeitraumes weder Zufuhren von Munition noch auch! Zuwanderungen von Freiwilligen aus anderen Ländern ftattfinden sollen. Was gibt sie aber selber für Garantien ? Sie will natürlich das volle Recht behalten, mit aller Macht zu rüste» und zahlloses Räubergesindel auS Asten nach dem Kriegsschauplätze überführen. Bedingungen wie die Pforte sie stellt sind geradezu unerhört und noch niemals in der Kriegsgeschichte vorgekommen. Man .sollte überhaupt eine weit ernstere Sprache mit der Pforte sprechen. Es ist unerhört, daß dieselbe unausgesetzt die Mächte verhöhnt und nicht auf bie Vorschläge derselben eingeht. Die Schuld daran trägt lediglich England, das eine ganz unberechenbare Politik treibt. Eine Zeit lang schien eS, als ob England ein ernstes Wort mit der Türkei reden wolle unb gegenwärtig hat eS wieder ben Anschein, als ob England ben Widerstand der Pforte bestärkt und sogar ein Schutz- unb Trutzbündniß mit derselben gegen Rußland abschließen will. Das Gelungenste dabei ist, daß England von Deutschland eine Förderung seiner Politik erwartet. Wir fragen einfach, wie soll Deutschland dazu kommen, für England bie Kastanien aus dem Feuer zu holen. Man erinnert sich in Deutschland zu gut der Haltung Englands während des deutsch-französischen Krieges, als daß man Neigung dazu verspüren sollte, England jetzt gegen Rußland zu unterstützen. Wir glauben auch, daß Deutschland darüber England keinen Zweifel laffen wird, daß vpn einer Unterstützung seiner Prätensionen im Orient seitens Deutschland nicht die Rede sein kann. Und da nun auch in Wien neuerdings immer mehr die Neigung abnimmt, sich von England mißbrauchen zu taffen, so steht dieser ganz allein und wird daher wohl bald von seinen KriegSgelüsten zurück kommen. England wird sich zweimal besinnen, ehe es sich zum Kriege entschließt. Die Chance» sind ohne einen Bundesgenossen, der mit einem angemessenen Landheer auftreten kann, zu ungünstig. Mag noch soviel mit dem Schwerte geraffelt werden, wir glauben nicht an einen Krieg, da die Situation seit 1853 sich vollständig geändert hat.