Einzelbild herunterladen
 

Ur.

Marburgs Sonntag, 15. October 1876.

* Ä XL Iahrgasg.

Inietgen nimmt entgegen: Me Expedition I. Blatte», sowie die Amumcen-Bureaur von Th. Dietrich & 6o- in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M ; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a- M, Berlin, Leip- jig, Köln rc; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. Ri. rc.

ObcrhtMe Jrilung

Anzeigen nimmt entgegen: Me Expedition d. Blatte» sowie bte Annoncen-B ureaux von ®. L- Daube & So. in

K-ankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete» meyer in Berlin; Carl Schäff­ler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilaae v,,-* m.xux.

«"chdruckerei) bezogen 85. «art, durch die PostSmle? deS Deutschen Reiches 3 Wart 50 Vf* K. SepTu»).5gefÄi ßX10 Bf? *f*

Mr tu der Srped.tton zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Pf, berechnet. 3 ,P öel“ 10

u-.-y

W Bernhardi. (Fottsetzung).

sackisch ist oder mit den Kosacken im Bunde steht, nicht übereinstimmt." Man scheint also richtig in die plump angelegte Falle gegangen zu sein. Der von der Pforte angcbotene Waffenstillstand auf sechs Monate ist ein stär­kerer Beweis gegen als für die Friedensliebe der Pforte. Glücklicherweise scheinen die Mächte den beschränkten Ge­sichtspunkt der „Times" nicht zu theilen und in der Ab lehnung der türkischen Vorschläge einstimmig zu sein. Hoffentlich erfolgt diese Ablehnung in einer genügend schroffen Weise, um der Türkei die Lust, mit der Langmuth der Mächte zu spielen, gründlich zu vertreiben. — Die bos­nischen Jnsurgentenführer haben im Südosten von Bos­nien, nahe der dalmatinischen Grenze, eine Versammlung abgehalten. Man zog den Autonomieplan für Bosnien in Erwägung und verwarf denselben als gänzlich unzulänglich. Die bosnischen Jnsurgentenführer verlangen, das die ton» fiSzirten Ländereien den Nachkommen der unsprünglichen Besitzer zurückerstattet werden und ste bereiten eine dieses Verlangen verkörpernde Denkschrift vor, um dieselben den Großmächten zu überreichen. — Der Applaus Europa'S zu den türkischen Vorschlägen, betreffend einen Waffenstill, stand ist sehr mäßig. Nur in England haben sich Ver­ehrer der Türkei oder der englischen Interessen gefunden, welche die türkischen Vorschläge acceptabel finden. Wenn die Nachricht wahr ist, bemerkt z. B. die „Times", bekun­det fiej daß die Pforte endlich dir Schwierigkeit der Reform überwunden hat und daß ste einsieht, wie weise eS ist, ihre Angelegenheit in die Hände der europäischen Groß­mächte zu legen. Wenn dem so ist, so ist noch immer eine gute Hoffnung auf Frieden vorhanden, zum Mindesten vor der Hand auch hinreichende Zeit, um eine geduldige und gründliche Erörterung deS Standes der Angelegenheiten in der Zukunft zu sichern. Durch die Gewährung deS Waffen­stillstandes wird sich die Pforte auf alle Fälle in Bezug auf den gegenwärtigen Verlauf der Unterhandlungen in die richtige Stellung versetzt haben. Alles, was Europa seit einiger Zett wünschte—Alle» thatsächliche, was es zu for­dern berechtigt war — war, daß bte Türkei hinreichende Zeit gewähre, um «ine reifliche Erörterung der Frage zu gestatten. Sollte Serbien sich weigern, das Arrangement anzunehmen, wird es jeden Anspruch auf Berücksichtigung der Mächte verwirken. Es ist ein Gegenstand von unbe­rechenbare« Wetthe, Zeit für die Erörterung alternativer Vorschläge zu gewähren, ein Krieg und zwar ein Krieg n gigantischem Maßstabe wird sicherlich folgen, falls nicht rgend ein Plan für die gute Regierung der europäischen Provinzen der Türkei adoptirt und garantirt werden kann."

Endlich ist daS Dekret erschienen, welches die italie­nischen Kammern auflöst und die allgemeinen Wahlen für den 5. November, die Stichwahlen für den 12. Nov und den Zusammentritt der Kammer auf ben 20. Nov. anberaumt.

Die Gemeindewahlen in Frankreich sind, wie zn er­warten war, in republikanischem Sinne ausgefallen. Bei den Wahlen dieser Art pflegen Lokalintereffen eine Rolle zu spielen; indeß haben die Landgemeinden meistens keine große Auswahl an Kandidaten für die Bürgermeisterämter und so ließ sich voraussehen, daß die Mehrzahl der von der Regierung ernannten Maires durch die Wahl bestätigt werden würde. Der Minister deS Innern erklärte in einem Rundschreiben, daß die MaireS, die Buffet im vorigen Jahre aus politischen Motiven entlasten hat, wählbar sind; Das Gesetz von 1871 sagt allerdings, jeder abgesetzle Maire solle im Laufe eines Jahres nicht wiedergewählt werden können; allein diese Bestimmung kann nur auf MaireS, die eben auf Grund jenes Gesetzes von 1871 ihr Amt erhalten haben, d. h. auf von den Gemeinderä- then gewählte MaireS, angewendet werden.

In Spanien hat sich Marschall Serrano an die Spitze bet gemäßigten Republikaner gestellt, und wirkt im Vereine mit Castellar und besten Freunden. Für die Re- gierung ist das Auftreten des Marschalls nicht ohne Ge­fahr, weil derselbe noch immer großen Anhang in der Armee hat. Ob CanovaS, wenn er die Beweise erhält, daß Surrano konspirirt, seine Drohung erfüllt und ben Marschall verbannt ober gar erschießen läßt, kann man natürlich nicht sagen. In Spanien scheint übrigens ein derartiger Entschluß leichter auSgefithrt werden zu können, wie anderswo.

In Griechenland nimmt seit der Eröffnung der Kammerscssion die Bewegung überhand, Ju Petras, Zanta, Nauplir fanden Demonstrationen zu Gunsten der griechi- chen Unterthanen in der Türkei statt. Meetings verlangen die Ergreifung von militärischen Maßnahmen. _■ ■ ' • b *

Der Sehe, »en E,Stütze.

Erzählung aus dem polnisch-jüdischen Volksleben von Dr.

Lagerbertcht. ______

In der letzten Sitzung de» Bundesrathes, in welcher Staatsminister Hofmann ben Vorsitz führte, wurden nach Feststellung beS Protokolls bet letzten Sitzung, Ernennung eine« stellvertretenben Bevollmächtigten zum Bundesrath rc.. olgenbe Vorlagen betreffenb ben Verlauf unb Erfolg bet »uSgtabungen auf dem »oben des alten Olympia; bte Abänderung beS § 48 des EifenbahnbetriebsreglementS in

Politische Wochen«Ueterficht.

Der BundeSrath ist nunmehr vollständig mit den Etats­vorlagen versehen, die demnächst ein Pensum des Reichstages bilden sollen. Auf Schwierigkeiten bürsten die bezüglichen Berathungen wohl kaum stoßen, da ein Defizit vermieden worden ist. Der Eröffnung deS Reichstages wird nicht blo» im Reiche mit Spannung entgegengesehen. Man er­wartet allgemein, und wohl mit Recht, daß die Thronrede einen auf die orientalischen Angelegenhetteu bezüglichen PastuS enthalten werde. Vielleicht bietet sich auch ander­weitig Gelegenheit, die orientalische Frage im Reichstage zur Diskussion zu stellen. Somit dürfte eS der nächsten Session des hohen Hause« durchaus nicht an Abwechselung fehlen.

Charakteristisch sür ben häuSlichew Zwist, bet gegen­wärtig in Englanb waltet, sowie insbesondere bezeichnend für die nunmehrige Haltung der wetterwendischen „Times" sind die Worte, welche dieses Blatt an Gladstone's Brief anknüpft. Die „Times" schreibt: „Wenn das Ministerium jeden Nerv anstrengt, um eine friedliche Besprechung der Situation zu sichern, sollte eS von Jedermann von Einfluß in England unterstützt werden. Die vernünftige Mehrheit de» Publikums wird mit dem größten Bedauern die Er Neuerung von Anstrengungen wahrnehmen, in diesem kri tischen Augenblick daS Ansehen derjenigen, die uns in Eu­ropa repräseuliren, zu schwächen unb eine öffentliche An­regung anzuspornen, bie, so lobenöwerth dieselbe auch in ihren ursprünglichen Motiven fein mag, stcherlich von einem traurigen Mangel an Fähigkeit, bie Schwierigkeiten der Situation zu wütbigeu, begleitet ist." Der ministerielle „Standard," bie Stelle be« Briefes herauSziehend, in welcher Gladstone sagt, baß ber Horizont sich nicht kläre, sonbetn verdunkele, bemerkt: „Der Horizont verdunkelt sich, nicht weit bie englische öffentliche Meinung auf einer unb ber englische Einfluß auf ber anbeten Seite ist, son­dern weil die gegen bie Regierung von einer lärmenben Fraktion angeregte Agitation bahin ausgelegt worben ist, baß bie englische öffentliche Meinung die russischen Pläne gegen bie Türkei begünstigt. Mr. Gladstone hat mehr als irgend Jemand anderes durch feine stürmischen Reden und seine heftigen Briese und Flugschriften dazu beigetragen, ben Horizont zu verbu keln. Er ist eS, ber ben Sturm heraufbeschwört, er ist eS, bet nicht allein mit bet natio­nalen Meinung seines LanbeS, bie etwas, was er niemals begriffen, ober feine» Studiums würdig gehalten hat, fon» bern mit ber Meinung be« ganzen Europas, das nicht ko-

Geld immer wieder hinein. — Da, Jude, hast Du die Schuldverschreibung, und nun siegle den Beutel mit Deinem Petschafte zu."

Während Jakob dies that, ging der Statost zum Schreibtische, holt« fein großes Wappen unb drückte dasselbe auf die andere Seite der Beutclöffnung. „So", sagte er, nachdem es geschehen war, „nun können wir Beide ruhig sein. Gute Nacht."

i Jakob entfernte sich mit vielen Verbeugungen, als bet Statost befahl, ihm hinunter zu leuchten.

Kaum waten Herr und Dienet allein, so tief bet letz­tere: „Juchhe, bte Maus sitzt in ber Falle, heißa lustig," und sprang in bet Stube umher. „Gebt mir den Beutel, Herr, den Beutel, welchen bet Jude versiegelte!"

„Unb wozu, Narr?" fragte der Siarost mit gerunzelter Siirn, „laß baS Pvffenspiel!"

„Weil der Jude bluten muß," zähnfletschte Daily, „und durch nichts davonkommen darf. „Ihr sollt gleich sehen."

„Nun, hier ist der Beutel, was weiter?"

„Ein scharfes Meffctchen und eine Nähnadel, Herr, und daS Geld, welches ich Euch brachte."

„Tollheit und kein Ende, da hast Du'S. Was soll's damit?"

„Der Jude muß bluten!" grinzte der Diener. „Seht her, darum kehrte ich ja den Sack um 1"

Während dieser Worte hatte er die untere Quernaht des Sackes genau untersucht und als er das Ende des FarenS, der sie zusammenhielt, gesunden, schnitt er mit dem Federmesser behutsam ben Knoten desselben ab unb zog bann sacht den Faden heraus, damit es nicht reißen möge. Der Beutel ward dadurch unten geöffnet unb das darin befindliche Geld fiel heraus.

„Da," sagte er, „nehmt daS Judengeld und brauchts hübsch, den Schurkm das Maul damit zu stopfen, bie Euch ben GarauS zu machen brohen. Nun komm her, Du ehr- licher Viehhändler," fuhr er fort, indem er das Taschen­tuch auskiwpste, worin er da« dem unglücklichen Heinrich

abgenommene Geld vorläufig verwahrt hatte, „komm her und spaziere in ben Judenbeutel. Seht, Herr, ba kann man burch ein Exempel beweisen, wie gut sich, wenn sie nur anberS wollen, Christen und Juden vertragen können. Hahaha!"

„Trink doch einmal," unterbrach ihn hier der Starost, „Dich wird da draußen tüchtig gefroren haben, armer Teufel! dort steht die Flasche."

„Kann auch nicht schaden," sagte Valky, „eigentlich sollte eS erst nach getaner Arbeit geschehen, aber ein Schlückchen im Voraus ist allemal gut. Alle klugen Ein- fälle sollen leben," rief er unb schenkte sich ein, „hoch! hahaha, es war auch ein kapitaler Gedanke! Nicht wahr, nun muß der Jude d'ran!" Mit einem Zuge leerte er den Becher und schüttete darauf das Geld Heinrichs in den leeren Beutel. Em Stück entschlüpfte feiner Hand unb fiel klingenb auf ben Boden. Er bückte sich, hob e« auf, und besah es beim Lichte. „Aha!" sprach er, „das ist bie Schaumünze auf ben westphLlischen Frieden; „du mußt auch hinein, so viel du dich sperren magst! Dein Besitzer — wenn ihn anders ber heilige Petrus bei feinem etwas widerwärtigen Anfeh.n zur Himmelspsorte einläßt — im Fall er als Ketzer überhaupt dorthin kommen sollte, mag es der seligen Tante erzählen, wohin du geratheu bist! Du brichst unferm Mansche! ganz gewiß den Hals. Da liege," fuhr er fort, bis die Münze klappernd aus die übrigen im Beutel fiel, „und diene, wozu du sollst. So, nun wollen wir den aufgeschlitzten Bauch säuberlich wieder zusammenflicken, daß Niemand den Schaden Josephs merke."

Sorgsam fädelte er darauf den alten Faden in bie Nähnadel, nähte damit die Quernaht behutsam zusammen, knüpfte einen neuen Knoten und übergab den Brutei dem Starosten. Dann sagte er lächelnd: „Nun laßt nur darauf schreiben, wohin er soll, aber schicket ihn nicht gleich weg, sondern wartet ruhig der Dinge, die da kommen werden. Bei der Eröffnung wird eine Kleinigkeit fehlen, aber ste wird sich am rechten Orte schon finden und gleichfalls ihr Schelflein zum Gelingen der Sache beitragen." (F. f.j

m If.<6

»Sagte ich's nicht," tief dieser kurz darauf, „da führt ihn ber Satan schon her. Er mauschelt draußen mit dem Andrea«. Ich will ihn herein holen." Er ging und tarn gleich nachher mit Jakrb wieder zurück, ber einen leinenen Beutel mit Geld in der Hand trug.

„Hier, gnädiger Herr", begann et, „ist das Geld, tausend Thaler, wie ich versprochen habe."

„Gut", sagte der Starost, „hast Du auch die Schuld- verschreibung?"

„Zu bienen, Herr, hier ist sie."

„Gieb her, ich will unterschreiben. Valky, nimm in­dessen dem Juden das Geld ab."

„Wollt Ihr e« nicht erst durchsehen, gnädiger Herr?" fragte Jakob.

„Wozu? Ich will es sogleich fvrtschicken. Du »er- firgetst den Beutel mit Deinem, ich m t meinem Siegel und I» schicke ich ihn nach Warschau. Dann find wir Beide gesichert, daß et so bleibt, wie er jetzt ist."

„3u Eurem Befehle, gnädiger Herr," sagte Jakob und verbeugte sich. Unterbeffen hatte jedoch Valky ben Sack geöffnet, da« Gelb auf ben Tisch gelegt unb ihn bann so »mgewanbt, da» daS Innere nach Außen zu gekehrt wat.

„Poffenreißer", fuhr ihn bet Starost an, „was machst Du ba?"

„Verzeiht, gnibiger Herr," antwortete Valky, inbem re einen listigen Blick auf ben Starvsten warf, „ich meinte nur, wenn Ihr ben Sack nach Warschau schicken wollt, so vuß boch eine Adresse daraus geschrieben werden, dazu ist

bie Innere Seite beS Beutels mehr geeignet, als die äußere, welche gar zu schmutzig ist. Seht selbst." Er wandte ben Beutel wi der um.

«Du hast recht, Valky," sagte ber Siarost, „packe das