Hr. 239.
Marburg, Mittwoch, 11. October 1876.
XL Jahrgang.
(i''bcrl|cirifd]f Jritung
Großmächte zur Regelung der orientalischen Frage scheinen nickt gänzlich unbegründet gewesen sein. ES ist jedoch eine Thatsache, daß die Stellung der Großmächte gegenüber der Kongreßidee unverändert geblieben ist. DaS deutsche Ka- binet hat sich wiederholt gegen den Kongreß offen ausgesprochen, England und Oesterreich haben sich ebenfalls der Idee in geringem Maße geneigt gezeigt. Wenn in den letzten Tagen behauptet wurde, die Kongreßidee würde erst in zweiter Linie in Erwägung gezogen werden, so ist dies allerdings begründet, da die Mächte einen Kongreß nicht veranstalten könnten, ohne vorher ein Programm aufgestellt zu haben.
Die Nachricht verschiedener Blätter, daß die Mächte bereits über die Okkupation der insurgirten Provinzen der Türkei geeinigt hätten, ist theilS ungenau, theitS verfrüht. Gutem Vernehmen nach stehen die Kabtnete gegenwärtig über einen fneuen gemeinsamen Schritt bei der Pforte in Verhandlung. England hat über diesen Gegenstand neue Vorschläge formulirt, aber dieselben scheinen nicht nach dem Geschmacke der Kaiscrmächte zu sein. Die Verhandlungen über die englischen Vorschläge scheinen indeß noch fort zu dauern. Selbstverständlich steht ein offizielles Vorgehen der Mächte in Konstantinopel nicht in Aussicht, so lange nicht ein vollständiges Einverständniß erzielt ist. Die Sache scheint so zu liegen, daß Rußland nicht mit der Türkei als einer unabhängigen Macht verhandeln will und es befürwortet, eine Lösung der Angelegenheit in der Weise, daß man der Türkei die Bedingungen der zukünftigen Stellung von Serbien, Montenegro, Bosnien und Bulgarien diklirt. England dagegen scheint geneigt, der Pforte ein Zugeständ- niß derart zu machen, daß man zunächst den Frieden mit Serbien und Montenegro vermittelt und die Regelung der bosnisch-bulgarischen Frage späteren Verhandlungen vorbe- hält. Inzwischen dauern die Verhandlungen wegen eines formellen Waffenstillstandes fort. Die Pforte weist inzwischen darauf hin, daß die Serben die letzte Waffenruhe nur dazu benutzt hätten, ihre Streitkräfle zu verstärken und glaubt aus diesem Grunde einen Waffenstillstand nicht bewilligen dürfen.
Auf den Humanitätö-Rausch folgt in England eine sehr prosaische Ernüchterung. Die „öffentliche Meinung" schickt sich an, eine Schwenkung nach rechts zu machen und die „Times" — die in solchen Dingen eine feine Nase hat, ist bereits mit Sack und Pack ins Lager der Regierung übergegangen. Urplötzlich hat Zohn Bull gemerkr, daß die orientalische Frage denn doch nicht vom Standpunkte des Menschenfreundes aus gelöst werden kann, ohne die Interessen Englands zu schädigen. Plötzlich will man die wahren Absichten Rußlands erkannt haben. Dieses „plötzliche
Erwachen" John Bulls hat für den Zuschauer etwas nahezu Belustigendes!
Der „Agence HavaS" wird aus Ragufa vom 8. d. gemeldet: Gestern Abend haben die durch 2500 Mann verstärkten Montenegriner Mukhtar Pascha angegriffen und denselben genöihigt, sich bis zur Grenze zurückzuztehen. Die Türken verloren 850 Todte, die Montenegriner 115 Tobte und Verwundete. Montenegriner und Türken stehen sich gegenwärtig auf zehn Kilometer Entfernung gegenüber. Auf Verlangen Mukhtar Pascha's sind heute 150 Reiter mit Munition von Trebinje ausgerückc. Peko Parlovtch und Dakowitsch bereiten einen Flanken-Angriff auf Mukhtar vor.
begann, indem er die jüdische Aussprache nach-
Horch uf deines Täte Lehre, Tüteleben, was er spricht, Geld allein ist wahre Ehre, Ohne Geld mag Ehr ich nicht. Darum suche Geld zu kriegen, Denn du kriegst die Ehr dabei. Willst du weich gebettet liegen, Gehts nicht ohne Geld, o waih! Laß dich schimpfen, stoßen, schlagen, Hast du nur Profit davor. Mußt du dich um Groschen plagen, Groschen werten Louisd'or.
Geh' geduldig durch die Gaffen, „Habt ihr was zu schachern, Leut?" — Mögen dich die Gojim Haffen, Hast doch Ehr' bei unsre Leut. Mußt du eppes mal verlieren, War, was thuts? - Nur frischen Muth, Die Gojim recht anzuführen, Sagt der Talmud, das ist gut. Und zuletzt hol'st du die Kalle, Setzt dich hin, und zählst dein Geld, Da verehren sie dich alle, | Jud'und Christ, die ganze Welt.
Ein rohes Gelächter begleitete diesen Schluß deö Liedes, eS ward mit den Fäusten auf den Tisch geschlagen und gerufen: Bravo, bravo! Ja, so sind sie! Das war schön! Da, Valky, hast Du Brauntweio, Du bist ein ganzer Kerl!
Schon bei den letzten Strophen war Jakob eingetreten, und, als der Gesang beendet war, ging er, ZorneSröthe im Gesichte, heftig auf den oben Gepriesenen zu und sagte: „Schon oft, Du leibeigener Schurke, habe ich Dir gesagt, meide mein Haus, ich mag Dich nicht, denn ich will nicht im eigenen Hause beschimpft, gklästert und verlacht werden, und immer bist Du, wie ein Hund, zurückgekehrt. Jetzt aber, sage ich Dir, packe Dich, dort ist die Thür, oder bei Gott, ich werfe Dich hinaus."
„Run, nun," grinzte Valky hämisch, „nur gelaffeu! ES war ja nicht so böse gemeint, und für mein Geld kann ich in der Schenke doch singen, was ich will."
„Hier hast Du Deinen Groschen, hinkender Selave," rief der erhitzte Jakob, und warf ihm das Geld hin, und nun beeile Dich, die Thüre dort zu finden, oder ich helfe sie Dir suchen."
Richtig nahm Valky das Geld, steckte es ein und sagte, hämisch lächelnd: „Ich bedanke mich, Jude, der Branntwein hat gut geschmeckt. Du siehst, ich folge Deinem Rathe
AuS Belgrad wird gemeldet, daß daselbst Versuche gemacht werden, eine deutsche Legion zu bilden, deren Kern gegenwärtig aus 60 Gemeinen und fünf Offizieten bestehen soll.
Der Pester Lloyd hält cs für möglich, daß sich der Drei-Kaiserbund in kurzer Zeit auflöse. Rußland habe erfahren, bis zu welcher Grenze es Oesterreich oder Deutschland neben sich oder hinter sich haben werde. Die dicS- fälligen Auseinandersetzungen seien weit schärfer gewesen, als seither verlautete. Den Schluß derselben dürften die folgenden Worte des Czaren an den Fürsten Gortschakoff gebildet haben: „ich verbiete Ihnen, Krieg zu machen, um den Frieden zu Wege zu bringen."
Die Pforte will von einem Kongreß und einem Waffe», stillstand nichts wiffen. Die in den Ruhestand getretenen und außer Dienst gesetzten Offiziere werden wieder reakti« virt. Mit Bestimmtheit verlautet, für den Fall eines Krieges mit Rußland würde der Sultan an die Spitze der Armee treten.
und gehe; dafür aber_ folge Du auch dem meinigen und vergiß nicht, auf das Schloß zu kommen, wie der gnädige Herr besohlen hat." Hierauf stand er gelaffen auf, und wollte zur Stubenthür hinaushinken. Da trat Heinrich auf ihn zu und fragte, ob sein Herr auf dem Schlosse zu sprechen sei?
„O ja," antwortete Valky, „was wollt Ihr von ihm?" „Vieh einhandeln," war die Antwort.
„Hm!" grinzte der Pole und strich sich den Bart, indem er einen bedeutenden Blick auf Heinrichs wohlgefüllte Geldkatze fallen ließ, „wenn Ihr brav zahlen könnt."
„Ich denke ja," entgegnete dieser; „höre, wenn der Handel gut geht, sollst Du nicht zu kurz kommen. Verstehst Du."
„Wie sollt' ich nicht," sprach Valky," „eS wird ein Verdieustchen geben. Gut. kommt nur zum Herrn; das Uebrige findet sich schon." Er hinkte zur Thür hinaus. Als er bei der Küche vorüber ging, die offen stand, trat er hinein, und sah sich um, ob etwa Jemand darin sei, indessen, sie war leer. Er lächelte. „Wenn ich nur etwas fände," brummte er für sich hin, „dem schäbigen Inden Eins ans Zeug zu fl'cken," und spähie mit scharfen Blicken schnell umher. „Halt," rief er plötzlich, und ergriff ein auf dem Hackstock liegendes Fleischerbeil, „ich hab'S! Nun bist Du mein, verfluchter Jude! — Wirsst Du mir meinen Stand in den Bart und schimpft mich Hinkebein," fuhr er fort, indem er daS Beil unter seinem Pelze verbarg, „mich, einen christlich getauften redlichen Sohn der seligmachenden Kirche, der getab in die Himmelspforte geht, wenn du zu ben Teufeln, beinen Brübern, fährst, so sollst du auch meine Rache fühlen. Die heilige Kirche wirb mir daö Mittel des Zweckes halber, eine verlorene Judenseele durch die Hölle zur Besserung zu führen, verzeihen, und am Ende >st es gar ein gutes Werk, daS im Himmel seine Früchte
Deutsche« Keich.
= Berlin, 9 Oktbr. Nachdem in Brasilien durch kaiserliches Dekret vom 23. Oktober v. I. den gewerblichen Marken ein Rechtsschutz gewährt und dieser Schutz unter der Voraussetzung der Gegenseitigkeit auch auf die Marken ausländijcher Firmen erstreckt worden, ist eS in Anregung gekommen, zwischen Deutschland und Brasilien den gegenseitigen Markenschutz vertragsmäßig zu regeln. Die Re- gterung Brasiliens ist, wie der Vorsitzende dem Bundesrath in der Sitzung vorn 28. v. MlS. mittheilte, geneigt, aus ein entsprechendes Abkommen einzugehen, welches in der Form der zwischen Deutschland und anderen Mächten bereits abgeschloffenen Vereinbarungen gleicher Art zu treffen
Drr Seher von Coönicza.
Erzählung aus dem polnisch-jüdischen Volksleben von Dr.
W. Bernhardt.
(Fortsetzung).
Heinrich warf einen Blick auf den gegenüberstehenden Tisch, und sand die Bemerkungen seines Freundes begründet. Dieser erkundigte sich, als Rebecca zu ihnen zurück- kehrte, wer denn diese Gestalt, welche ein widriges Gemisch von Grausen und Lachen erregte, sei, und erfuhr, eS wäre ein Leibeigener des Starosten, dem er als Lustigmacher, aber auch als Spion diene. „ES ist ein gefährlicher Mensch," setzte sie hinzu, „der viel bei seinem Herrn gilt und sich daher auch gegen Jedermann Alles erlaubt." L In diesem Augenblick fing der Lustigmacher an zu fingen und trommelte dabei mit dem Branntweinglase auf den Tisch:
„Horch uf deines Täte Lehre."
„Ach!" rief seine ganze Umgebung, „das Judenlied! he, Schnaps her! Valky singt'das Judenlied!" Man schlug auf den Tisch, um Stille zu gebieten, und der Sänger «hmte:
Erscheint t ägl i ch außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „I»uftrtrteS SonutagStlatt" durch die Expedition (Kv ch'sche Buchdruckerer) bezogen «»rk, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Wart 50 Pfg. (exl. Bestellgebühr) - JnsertionSgebühr für di- gespaltene 3«le 10 Pfa. Für rn der Expedition zu ertherlende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M. Berlin, Leipzig, Cöln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. !Dl. rc.
raaeSdertcht
Der „ReichS-Anzeiger" meldet die Ernennung der Geh. Ober-RegierungS - Räthe JebenS und Darenstädt zu Mitgliedern des Ober Verwaltungs-Gerichts. — Der „Reichs- Anzeiger" enthält ferner folgende Mittheilung: Rach Berichten, welche über Konstantinopel hier eingetroffen sind, hätte sich unter der mohamedanischen Bevölkerung von Salonichi in letzterer eine erneuerte Erregung bemerkbar gemacht und die Lesvrgniß vor Exceffen, namentlich für die Tage des Bairam-Festes, hervorgerufen. Unter diesen Umständen erhielt daS Panzerschiff „Friedrich Karl" den Befehl, nach Salonichi zurückzukehren, wohin daffelbe am 5. c. abgesegelt ist. — Der frühere Ober Bibliothekar Geh. Regiemngs - Rath Pertz ist am Sonnabend in München gestorben.
AuS -dem internationalen Kongreß für die Sonntagsfeier in Genf ist folgender Zwischenfall zu verzeichnen. Von Seiten des deutschen Protestantenvereins war erwartet worden, man werde den Sonntag für eine heilsame und nothwendige aber doch menschliche Einrichtung erklären. Man hat beschloffen, eine internationale Allianz für die SonntagSseier auf der Grundlage zu bilden, daß die Mitglieder deS Bundes in den biblischen Worten 1. Mos. 2, 3; 2. Mos. 20 und Mare. 2,27 ein direktes unmittelbar gegebenes göttliches Gebot, den Sonntag zu feiern, anerkennen. Pastor Dr. Manchot aus Bremen bat in der öffentlichen Versammlung vom 30. September eine breitete Basis in Erwägung zu ziehen. Im Anschluß an die Ver Handlungen des zehnten deutschen Protestantentags zu Heidelberg berief er sich auf die Worte des Apostels Paulus, welche den Sadbath für aufgehoben erklären und die Feier eines besonderen Festtages dem christlichen Gewiffen anheimgeben. Er verlas ferner die entscheidende Stelle aus Luther's großem Katechismus, indem er betonte, daß der Sonntag für die Besitzenden eben so wichtig fei, rote für die in abhängiger Stellung Lebenden. Seine Bitte wurde vorn Prästoenten des Kongreffes zurückgewiesen; daS Äomite habe beschlossen, sich auf daS positive göttliche Gebot zu stellen, er könne darüber keinerlei Diskussion zulaffcn. Man sei mit katholischen Gesellschaften in freundschaftliche Be ziehung getreten, man werde daffelbe thun mit denen, deren Ansicht Dr. Manchot vertrete; man danke für die Theil- nähme am Kongreß, aber man könne von jener Basis eines direkten, in den angeführten Stellen enthaltenen göttlichen Gebotes nicht abgehen. In Folge deffen erklärte Dr. Manchot, daß er sich der weiteren Theilnahme an der Ab Rimmung enthalte.
Die Gerüchte über den Vorschlag eines Kongresses der
Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte« sowie die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; JSger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- ▲ meyer in Berlin; Carl Schüß-
I” ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.