r. 287.
Marburg, Sonntag, 8. Oktober 1876.
XI. Mrgaig.
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ObcrhcWc Jrilung.
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P«lMsche Wichen t Ueßerficht.
In unserer heutigen Wochenschau können wir nur wenige Thatsachen von allgemeiner Wichtigkeit verzeichnen. Obenan steht entschieden daS Scheitern der von England inaugurirten Friedensverhandlungen; da ist es nun ein intereflanteS Schauspiel, wie man in England den Fehlschlag der Unternehmung aufnimmt. In denjenigen Kreisen, welche der Regierungspolitik huldigen, richtet sich die Verstimmung entschieden gegen Rußland! Der ministerielle „Standard" schreibt: „Wenn es eine Macht fließt, die jetzt den europäischen Frieden stört, so ist es nicht eine muhamedanische, sondern eine christliche Macht, — dieselbe Macht, deren Thatcn nachzuahmen England empfohlen wurde. Diese Macht, die von einem großen Staatsmann als eine geschildert wurde, die „niemals mit Stuxm, sondern durch Sappe und Mine vorging," ist nun thätig mit einer seit undenklichen Zeiten vorbereiteten Okkupation be- schäftigt, um so begieriger die Explosion zu beschleunigen, welche ihre Hoffnungen krönen soll, weil Seitens der Türkei ein unerwarteter Geist der Freistnnigkeit und Mäßigung bekundet wird. Niemand würde sich mehr freuen, als wir selber, wenn uns nachgewiesen würde, daß wir Rußland Unrecht gethan haben, aber eS ist müßig, zu ISugnen, daß die gerade jetzt zu befolgende große Gefahr, deren Allarm jede europäische Börse affizirt, auS seinen dubiösen Manö- vern und seinen Jntriguen droht. Die Situation ist, eS bedarf kaum einer Erwähnung, jetzt selbst ernster als zur Zeit, wo England und Frankreich zu den Waffen griffen, nicht zum Schutze des türkischen Reiches, sondern zur Einschränkung des russischen Ehrgeizes. Sie ist ernster, weil das Vorgehen, sollte die angedrohte Ausschreitung zur Ausführung gelangen, „gegen das Kollektivrecht der fünf Mächte gerichtet fein würde." In englischen Regierungskreifen legt man den Schwerpunkt entschieden auf die Ordnung der Verhältnisie zwischen Serbien und der Türkei; man würde vielleicht — trotz der Ablehnungen der administrativen Reformen Seitens der Pforte — den Friedensschluß befördert haben, wenn sich nicht die Serben widerspenstig gezeigt hätten. In den liberalen Kreisen hält man dagegen den serbisch türkischen Streitfall für gänzlich nebenfächlich; seit den türkischen Gräuelthaten in Bulgarien kennt man nur ein Interesse: die christlichen Provinzen möglichst selbständig zu stellen. Deßhalb schreibt die „Times": „Die türkischen Minister haben augenscheinlich noch zu lernen, wie groß die Gefahren sind, welche das ottomanische Reich umringen. Sie haben sich geweigert, einen regelrechten
Waffenstillstand zu gewähren und eS heißt, sie haben den von England vorgeschlagenen Regelungsplan nicht acceptirt. Hätten sie anders gehandelt, dürften sie nicht allein einen eigentümlich waghalsigen Krieg fifiirt, sondern Rußland jeden Vorwand für eine bewaffnete Intervention, mit der eS jetzt droht, benommen haben. Sie haben indeß bloS ihre alte Bereitwilligkeit bekundet, eine Menge papierener Reformen zu gewähren, vorausgesetzt, daß die Ausführung derselben in den Händen der Pforte gelaffen wird. Durch die Verwerfung der gemäßigten und friedlichen Vorschläge Lord Derby'S haben die türkischen Minister nicht daS beste Mittel ergriffen, um Rußlands Pläne zu vereiteln." — Dem „Standard" wird aus Konstantinopel als wahrscheinlich gemeldet, daß russische Truppen in die Türkei eingerückt sind, und aus Wien wird geschrieben, die rumänische Regierung gestatte den russischen Truppen den Durchzug nach der Türkei. Auch in amtlichen Wiener Kreisen scheint die Eventualität eines russisch türkischen Krieges befürchtet zu werden und bietet man Alles auf, um Rußland bin Vorwand zu nehmen. Eiy für offiziös gehaltener Artikel des „Wiener FlemdenblalteS" bemerkt u. 31.: „Die Aufgabe Europa'S fei, den serbisch türkischen Krieg zu Ende zu bringen und einen russisch-türkischen Krieg nicht auSbrechen zu taffen. Diese Aufgabe fei vorhanden in einem Augenblick, wo die Türkei sich ins Unrecht gesetzt habe. Die österreichische Regierung könne den Details der Antwort der Pforte, die noch ausstehe, sowie den Gegenvorschlägen und den Reform- Maßregeln, mit denen die türkische Regierung ihre christlichen Untertanen beglücken wolle, keinen aktuellen Werth mehr beilegen, müffe vielmehr nunmehr mit den anderen Großmächten Mittel suchen, die Pforte, die sich starrsinnig dem Willen eines WelttheilS entgegensetzte, zu erzwingen. Solcher ernste Schritt könne aber nur durch ein einiges Europa vollzogen werden. Wie er in Szene gefetzt werden müffe, sie zu vereinbaren. Zur Stunde fänden hierüber Pourparlers zwischen den Kabinetcn statt. Nach dem Erachten des genannten Journals müsse eine gemeinsame Sommation der Mächte die Einleitung der Aktion sein, eine gemeinsame jFlottendemonstration vor Konstantinopel dann folgen. Die Panzerfregatten der sechs Großmächte würden den alttürkischen Fanatismus in seine Schranken zurücksühren und der christlichen Bevölkerung des Orient's die langentbehrte Sicherheit geben. Oesterreich, so schließt der Artikel, das glänzende Proben seiner Mäßigung gegeben habe, nehme nur mit lebhaftestem Bedauern Zuflucht zu den äußersten Maßregeln; eS habe kein anderes Ziel verfolgt, als die Wiederherstellung des Friedens. Nicht auf
Der Seher ton CoSniezn.
Erzählung aus dem polnisch-jüdischen Volksleben von Dr. W Bernhardt.
(Fortsetzung).
Sie war so erschüttert, daß sie inne haltm und ihren Thränen freien Lauf lasten mußte.
„Sprecht Ihr doch", begann Jacob, „wie eine Sterbende, die von den Ihrigen Abschied nimmt, und ich min bestens hoffe doch, Ihr werdet noch im Kreise der Eurigen Freude erleben."
„Mein Sohn," entgegnete die Mutter, „mein lieber Sohn, ich glaube nicht, daß Dich diese irdischen Augen wieder sehen werden, daß mein Ohr Deine Sprache hört und meine Hand die Deinige drückt. Der Abend ist gekommen und die Nacht bricht herein, darauf halte Dich gefaßt. Ich fühle wohl, wie die Kraft verschwindet und der Muth dahin fliegt; wie die Lampe, bevor sie verlöscht, noch einmal hell auflodert, so bin auch ich wieder gesuiid worden, damit ich den Bund segne, der mein Herz erfreut. Wen ter Herr lieb hat, spricht Salomo, dem schenkt er ein frommes Weib, und wieder sagt er: Köstlicher denn Perlen und Edelgestein ist ein frommes Weib, und abermals : ein frommes Weib ist die Krone des Lebens. Siehe, Du hast ein frommes Weib, sorge denn dafür, daß Du sie behaltest, strenge Deine Kraft an, daß es ihr niemals an etwas fehlen möge, oder sie Thränen vergießen wüste deinethalb. Lebet einig zusammen und in Frieden, dann ®itb bes Herrn Segen bei Euch sein allezeit. Amen."
„34 schwöre Dir, Mutter," nahm gerührt Jacob bas Wort, „daß ich ben Schatz wohl erkenne, welchen Gott wir geschenkt hat, daß Ich sie haltm will, wie den Apfel Meines Auges, und tragen auf meinen Händen. Lieber wollte ich sterben, als daß ihr etwas fehlen sollte, und lieber will ich mir alles Unglück wünschen, als daß je Un stiede zwischm uns entstände."
„Beharre bei diesem Sinne," sagte der Rabbiner, „uno
Du wirst sehen, daß Gottes Verheißungen wahrhaft sind; bewahre in Deinem Herzen treu den Glauben der Väter, und Du wirst seine Kraft fühlen und dem Gott danken, der Dich geschaffen hat. Doch höret mich nun auch, Muhme Rahel. Greift Euch nicht so an durch Sprechen und Ge- müthsbewegungen, sie schaden Euch gar sehr, und wir sollen, so lautet das Gebot, unser Leben auf keine Art kürzen. Auch dadurch kann man Selbstmord üben, daß man den schmerzlichen, rührenden ober freudigen Empfindungen im Leben zu die Gewalt über sich einräumt. Darum sammelt Euch, beruhigt Eure Seele, und seid gelaffen in bitteren, wie in süßen Stunden."
„Ihr habt Recht, Rabbi," sagte die Kranke erschöpft, „ich habe gefehlt, doch wird eine kleine Ruhe mich bald wieder stärken." Sie legte sich hierauf in das Bett zurück und es entstand eine tiefe Pause.
Als die Kranke sich erholt zu haben schien, stand Rebecca von ihrem Sitze auf und trat an das Bett, indem sie sprach: „Lebe wohl liebe Muhme, denn wir müssen nach Hanse gehen, da noch so mancherlei zur bevorstehenden Abreise zn beschicken ist, und die Zeit mir ohnedies etwas beschränkt werden wird."
„Und wenn, liebe Tochter," ergriff Rahel das Wort, „gedenkst Du nach Deiner neuen Heimath zu reifen?"
„Morgen", entgegnete mit unterdrückten Thränen die junge Frau, „das Haus kann des Herrn nicht länger entbehren, und die Pflicht befiehlt gebieterisch, Vater und Mutter zu verlasten, und dem Manne zu folgen."
„Also schon Morgen!" seufzte Rahel „nun wohl, eS fei denn, lebet wohl, gedenket Eurer einsamen Mutter, Ihr seht sie nicht wieder. Wenn Euch die Fremden verspotten schmähen und plagen, denen der Herr der Welt Macht gegeben hat unser Volk mit der Schärfe des SchwerdteS zu schlagen, so ertragt eS ohne Murren, ohne das Angesicht zu verziehn, gönnet den Moabitern die Freude nicht, Eure Schmerzen zu bel ichen unv an Eurer Angst sich zu weiden. Schöpfet Trost in Eurem Herzen, denn die Zeit wird kommen, wo die Schmach sich wandelt in
Oesterreich, nicht auf Europa, auf die Pforte falle daher die Verantwortung." Wir fürchten nur, daß auch die „Flottendemonstration" nicht das geeignete Mittel ist, den Widerstand der Türkei zu brechen. Jedenfalls wird die Pforte in ihrem Starrsinn so lange beharren, bis die Mächte von der Demonstration zur Intervention übergehen. Uebrigenö finden wir darin nicht ein schlimmes Vorzeichen für das europäische Konzert, wenn ein offiziöses englisches Blatt in demfelbeu Augenblick die Freiflnnigkeit und maßvolle Haltung der Psoite rühmt, in welchem ein Wiener offiziöses Blatt den Starrsinn der Pforte den alttürkischen Fanatismus perhorreSzin.
Während in Reich und Land allgemein Vorbereitungen für die Wahlkampagne getroffen werden, sind die Wahltermine immer noch nicht in entgültiger Weise festgesetzt. Wie die „Prov. Corr." meldet, wird die Auflösung des Abgeordnetenhauses behufs, t emnächstiger Vornahme der Neuwahlen voraussichtlich am 14. Oktober erfolgen — die Wahlen der Wahlmänner dürften sodann auf den 20. Oktober (Freitag), die Wahlen der Abgeordneten auf ben 27. Oktober angefetzt werden. Die großen Schwierigkeiten, welche die schließliche Vorbereitung der Wahlen in dem kurzen Zeitraum vom 14. bis 20. Oktober barbietet, kann ben Behörden diesmal nicht erspart werden, weil die Auflösung nicht vor dem 14. erfolgen darf, wenn die Bestimmung der Verfaffung, daß der Landtag 90 Tage nach bet Auflösung berufen werden muß, innegehatten werben soll. Was die Reichstagswahlen betrifft, so wird der früheren Annahme entgegen, eine vorgängige Auflösung des Reichstages nicht erforderlich fein, indem die Auffassung zur entscheidenden Geltung gelangt ist, daß das dreijährige Mandat von dem Tage der allgemeinen Wahl zu rechnen ist. Die Wahlen haben im Jahre 1874 am 10. Januar ftottgrfunben und bürsten ebenso auf ben kommmenden 10. Januar angefetzt werden. — lieber die „Frage Ledo- chowSki", welche zur Zeit in Deutschland und Italien eine gleich große Rolle spielt, schreibt die Florenzer „Nazione" sehr vernünftig: Ein klerikales Blatt hat eine merkwürdige Geschichte erzählt, welche eigentlich eine große Ente ist. UnS scheint es geraden, derselben unverzüglich die Flügel abzuschneiden. Man hat also geschrieben, daß Fürst Bismarck die Auslieferung des Kardinals LedochowSki von unserer Regierung verlangt hätte. Unser Minister deS Aen- ßeru hätte geantwortet, man könne diesem Wunsche nicht Folge leisten, denn Se. Eminenz befinde sich im Vatikan und der Vatikan sei außer dem Königreiche Italien. DaS klerikale Blatt vergaß gewiß, daß Msgr. Lidockowski vor
Herrlichkeit, wo die Tochter ' Sions stolz und frei ihr Haupt wieder erhebt und die Gläubigen, Lobgesänge anstimmend, mit Palmen geschmückt, in den neu erbauten Tempel deS wahren Gottes wieder einziehen, wo Freudengeschrei und Posaunenschall ertönt, während Israels Feinde darniedergeschlagen im Staube liegen. Traget muthvoll Eure Leiden, und kommt her, meine lieben Kinder, daß meine Hand Euch segne."
Ihre Augen leuchteten, während sie sprach, ihre Stimme war kräftiger und voller, und alle ihre Bewegungen rascher. Schweigend und voll inniger Rührung tnieete das junge Paar nieder, die Mutter legte die Hände auf die Häupter der Verbundenen und murmelte ben Segen Jakob'S. „Gehet hin," sprach sie bann, währenb heiße Thränen über daS ehrwürdige Antlitz herabperlten, „gehet hin, wie Euch der Herr geboten hat, und wandelt redlich vor seinen Augen, er möge Euch bewahren. Lebet wohl, lebet wohl," fügte sie mit ermatteter Stimme hinzu, und sank in die Kiffen, wo bald ein süßer Schlummer sie umpfing und der erschütternden Freunden Zeit gab, sich zu sammeln, und sich bann leise zu entfernen. Nach ihrer Zurückkunjt zum väterlichen Hause waren die Angelegenheiten bet jungen Eheleute bald geordnet und am andern Morgen in der Frühe fuhr ein Wagen rasch durch die öden Straßen des Städtchens, der unaufhaltsam die Neuverbundenen ihrem Bestimmungsorte zuführte.
(Fortsetzung folgt.)
„Wie »an heizt."
Von Proftffor Dr. C. Reclam.
(Schluß).
Dieser Sieg wurde auSgenutzt. Nun hatte der Thermometer die Herrschaft gewonnen und niemals kam die Quecksilbersäule zu niederen Graden herab. Aber das Wärme- bedürfniß steigerte sich. Bald genügten 18 Grade nicht mehr, sondern 20 Grade wurde Norm. — Trotz alle dem fand sich daS Gefühl deS Fröstelns wieder ein I