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r. 286.

Marburg, Sonnabend, 7. Oktober 1876.

XI. ZahkM».

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfutt a- M ; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip­zig, Cöln re; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfutt a. M. re.

(L''brrljflTifd)f Jritung.

Anzeigen nimmt entgegen: die E^edittvn d. Blatte» sowie die Annoncen-Bureaur von ® L. Daube & Co. in Frankfutt a. M.; JSger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schuß­ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Wetttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da» Quartal mit der wöchentlichen BeilageJluftrirteS EountagSblatt" durch die Expedition (Äoch'sche Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (exl. Bestellgebühr). JnsettiouSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfß. Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Tagesbericht

AuS dem Vaterlande liegt heute wenig von Belang vor. ES bereitet sich Alles auf die immer näher heranrückende parlamentarische Saison und die Wahi-Campagne vor. Der in Berlin tagende Bundesrath ist mit seinen Mittheilungen etwas sparsam und fast ebenso gegen die Publicität abgeschlossen wie früher. Ueberall der »Status quo,« und das ist nicht gerade angenehm für Denjenigen, welcher den Zeitungs- lescrn täglich ein bestimmtes Quantum von Neuigkeiten liefern soll!

In der nächsten Reichstagssession darf wohl die Vor­lage eines Gesetzentwurfes betr. die Unterstützung der Fa willen der zum Dienst einberufenen Reserve«, Landwehr», und Landsturm-Mannschaften erwartet werden. Bei Be- rathung deö Gesetzes über den Landsturm (22. Januar 1875) hat sich der Reichstag bekanntlich dahin resolvirt, den Reichskanzler zur Vorlage eines solchen Gesetzentwurfes aufzufordern Schon vor Jahresfrist war der Entwurf bereits auSgearbeitet, konnte aber in der vorigen Sefston des Reichstages nicht mehr zur Vorlage gebracht werden, da er damals noch im Stadium der Vorberathung stand.

Eine Befürchtung, welche mit Recht manche Anhänger der FreihandelStheorie in das schutzzöllnerifche Lager ge­führt hat, ist die: daß Deutschland vermöge seiner Armuth an billigen Verkehrswegen nicht in der Lage sein werde, mit den Nachbarstaaten zu konkurriren. Das Prinzip deS Freihandels setzt freie Bewegung voraus. Leider bleibt in dieser Beziehung noch sehr viel zu wünschen übrig. Unter dem Einflüsse der früheren politischen Verhältnisse in Deutschland, ist die Anlage eines Netzes von Wasserstraßen unmöglich gewesen. Dieser Mangel macht aber die deutsche j Industrie in manchen Branchen geradezu konkurrenzunfähig. b$te wichtigsten Nachbarländer Frankreich, England, Bel­egten, besitzen nach den neuesten Erhebungen verhältniß- ' mäßig das Zehnfache an Kanälen wie wir, uud Frankreich verwendet gegenwärtig 600 Millionen aus die Herstellung und Verbefferung seiner Wasserstraßen an. In Deutsch- jchland dagegen hat man, als die Krisis bereitseingetreten war, zum Nachtheil der Eisenindustrie die Eisenbahn­frachten um 10 bis 20 Prozent erhöht. Als Beispiel sei angeführt, daß die Transportkosten der Eisenerze von der Lahn bis zum Ruhrgebiet 145 Prozent der Gewinnungs­kosten betragen. In dieser Thatsache dütfte die Erklärung darin liegen, daß im Bezirke der Limburger Handelskammer von 2076 verliehenen Eisenerzgruben nur 130 (6 Prozent) im Betriebe sind und daß die Produktion der Eisenerz gruben von 101/3 Millionen Ccntner im Jahre 1873 auf 5 Millionen int Jahre 1874 zurückgegangen. Trotz der

Der Seher Hen CaSnieza.

Erzählung aus dem polnisch-jüdischen Volksleben von Dr.

W. Bernhardt.

(Fortsetzung).

Dies Versprechen dämpfte seine Wuth, und, als er meine Todesangst und mich auf den Knien sah, schlug er ein lautes Gelächter aus und rief: Troll Dich diesmal noch Mauschel, aber gedenke Deines Versprechens, denn sonst, so wahr mich Gott erschaffen hat, mußt Du baumeln. So entließ er mich, während in meinem Herzen Wuth, Zorn und Rache kochten über den Goi, besten freche Zunge so ungestraft meiner spotten durfte. O Herr, Israels Gott, wird denn nie die Zeit kommen, wo du deine Kinder aus dieser Gefangenschaft errettest? werden nie die Tage der Freude' mehr für uns anbrechen? O Herz, mein Herz, wie tief fühlst du die Schmach deines Volkes, das der Spott der Moabiter geworden ist." Bet diesen Worten erstickten Thränen seine Stimme und er blickte schweigend zur Erde.

DeS Herrn Hand," sprach der Rabbiner,liegt schwer auf unserem Volke!" Es entstand eine tiefe Pause, in der Vater und Sohn schweigend vor sich hin blickten.

Dann begann bex Greis wieder:Deine Lage ist - übel, mein Sohn; der Starost weiß, daß Du Dir durch Emsigkeit einiges Vermögen erworben hast, und mißbraucht ; seine Macht, um Dir es abzupresten. Suche, so lange es irgend gehen will, das Deinige zu re.ten; ist es aber un möglich, so gieb eS hin, und denke, daß der Gott, welcher den EliaS in der Wüste gespeist, auch Dich erhalten werde. Erzürne Dich nicht mit den Gewaltigen der Erde, und beuge Dich vor ihnen, denn sie haben die Macht. Mäßige Dich, mein Sohn"

Mäßigen, mäßigen?" rief hier aufspringend Jacob,

geringen Zahl der bauenden Gruben haben dieselben in der lebhaften Absatzperiode 187173 mehr Material pro» duzirt, als die Lahn zu transportiren vermochte. DaS Wiederaufleben der Eisenindustrie ist bedingt durch Ver­minderung der Transportkosten und gerade im Angesicht jener Maßregel, welche die Eisenzölle vom 1. Januar 1877 zu Fall bringt, dürfte für die Herstellung billiger Verkehrswege ernstlich zu sorgen fein. Wir müssen des­halb es unter allen Umständen als nothwendig bezeichnen, daß die Eisenzollfrage im künftigen Reichstage nochmals zur Diskussion gestellt wird, auch wenn man dem vorläufi­gen Fortbestehen der Eisenzölle nicht günstig sein sollte. Das Reich entscheidet über die Zollfragen; deshalb ist eS Sache deS Reichs der hier am stärksten in Mitleidenschaft gezogenen Eisenindustrie in irgend einer Weise durch Kanal­und Flußkorrektion die Fortexistenz zu ermöglichen.

Der frühere Botschafter der Türkei beim deutschen Kai- ftrhose, Aristarchi Bey, ist aus Konstantinopel in Berlin eingetroffen.

Die Kongreßidee, welche dem Anscheine nach in diesem Momente neuerdings betrieben wird, kann nach so vielen Mißerfolgen der Staatskunst nur wenig überzeugte An­hänger finden. Wir können sagen, daß man in Berlin dem Projekte nicht hinderlich und nicht förderlich sein wird. Aber mit Hoffnungen darf man dem Kongreß nicht ent­gegenkommen, so lange daS Kriegöspiel unentschieden ist.' Wir können uns nur einen Fall denken, in dem der Kon­greß wirklich fruchtbar sein wird: in dem Falle nämlich, wenn er für die Exekution seiner Beschlüffe energisch Sorge trifft. Daß hierzu die Künste der Uebetrebung nicht aus- reichen , hat der ganze bisherige Verlaus der Orientfrage gezeigt.

AuS Wien kommt die heute etwas sonderbar klingende Nachricht, daß nach Informationen aus bester Quelle könne versichert werden, daß in dortigen" Regierungskreisen nicht im Entferntesten daran gedacht werde, mit Rußland zu brechen. Daran hat wohl in der letzten Zeit feiten Je­mand die Börse bettachten wir als Freistaaten im Ernste geglaubt.

Es mag für Lord Derby ein bitteres Gefühl fein, feine Friedensvorschläge von den Serben sowohl wie von den Türken abgelehnt zu sehen. Welcher Triumph wäre eS für ihn ge­wesen, wenn eS ihm mit dem ersten Griffe gelungen wäre jenen gordischen Knoten zu lösen, an dem sich die Blüthe der europäischen Staatskunst vergeblich abgemüht. Lord Derby kann es nun dem Grafen Andraffy und dem Fürsten Gortfchakoff nachfühlen, was es heißt, seine Ideen in kalter

0 schön, wenn dem Manne das Herzblut kocht unv er der rohen Uebermacht zu weichen gezwungen wird, waS braucht's da Mäßigung; den Hund vor meiner Thüre be handle ich bester, als diese Nazarener Linen unseres Volkes. O veiflucht sei dieser Mann, besten Thaten mich gegen Alle seines Glaubens oufbringen.*

Der Alte sah den Sohn lange an, bann aber sprach er ruhig unb mild: Trotz alle dem, was Du erduldet hast und erdulden wirst, beharre ich doch auf meinem vorigen AuSfpruche, mäßige Dich, denn Deine Hitze ver­dirbt oft, was Dein Fleiß gut gemacht hat, und mäßige Dich jetzt um so mehr, da Du ein Weib hast, die Dir Kinder bringen und ganz von Dir abhangen wird. Sie wird nichts zu verantworten haben, aber wohl Du, daran gedenke."

Nach diesen Worten stand der Greis auf und sagte, indem er ouf ein Schränkchen zuging, welches im Zimmer stand:Hier, Jakob, will ich Dir geben, was ich meiner Tochter zum Brautschatze bestimmt hatte. Wend' es wohl an, denn Du mußt Rechenschaft geben von jedem verrrn- treuten Heller, da eS nicht allein Dir, sondern auch Deinen Nachkommen gehört, deren Verwalter Du bist."

Nach diesen Worten öffnete er den, Schrank und zog ein Kistchen auf, aus dem er eine ziemlich Anzahl in Rollen gepackten GoldeS nahm, die er in die Hände Jacobs legte, indem er dabei sprach:Der ist ein Thor, welcher merken läßt, »le sehr ihn der Herr gesegnet, darum handle weise, unb verbirg dem Auge deS Mächtigen, was Du besitzest. Das, was Du hast, ist alles, was ich Dir geben kann, nachdem ich Dir das überliefert habe, was mir daS Liebste nächst meiner lange schon zu den Vätern versammelten Lea auf Erden ist, meine Tochter. Der Herr segne und behüte Dich und segne Deinen Eingang unb AuSgang.

aber," begann Jakob, nachdem er das Geld zu sich

Weise abgelehnt zu sehen. Heute wird nun, wie es scheint, in offiziöser Weise, das ziemlich abgestandene Congreß- Projekt wieder aufgewärmt. Von Seiten Rußlands wird die Einberufung eines CongreffeS eifrig betrieben. Wir wollen zuerst abwarten, ob sich die Mächte über die hier in Frage kommenden einleitenden Maßregeln einigen werden. Ob der Congreß mehr bewirken wird, als das Botschafter- Concert in Konstantinopel, ist eine Frage, der man erst spater näher treten kann.

Dntqche« Reich.

Berit«, 5. Okt. Bei Besprechung der jüngst im hannöverschen Provinziallandtage angeregten Frage der Frei» gebung deS Weifenfonds, ist nämlich auf den charakteri­stischen Wahlaufruf der Weifenzeitung in Hannover hin­gewiesen worden und zwar zum Beweise, daß von der Einstellung einer Agitation Seitens der Weifendynastie nicht die Rede sein könne. Verschiedene liberale Blätter haben darauf erwiedert, eS sei gar nicht erwiesen, daß diese Artikel mit Autorisation des welfischen Hofes veröffentlicht feien. Dieser Einwand erweist sich als hinfällig bei einem Blick auf die Haltung, welche das erwähnte Blatt während des ganzen Jahres beobachtet hat. Es war in hohem Grade bezeichnend für daS Treiben deS Königs Georg, baß monatelang in dem Blatte die JllMon von bet vermeint» lichen Souveränität des entthronten Königs in demonstra­tivster und herausforderndster Weise aufrecht erhalten wurde. Während der Reise deS Königs Georg bez. seines Aufent­haltes in England wurden an der Spitze deS Blattes lange Bulletins vomKöniglichen Hoflager" gebracht, ganz in der Weife, wie das englische CourS-Journal von den offi­ziellen Empfängen der regierenden Königin zu bringen pflegt. Daneben liefen fortwährend Correspondenzen, welche in hervorstechendster Weife die Anwesenheit des Königs als noch immer rechtmäßigen Herrschers von Hannover be­sprachen, ein. Solche ausführliche Bulletins können augen­scheinlich nicht auf der Redaktion in Hannover ihren Ur­sprung haben, sondern konnten dem Blatt nur aus der Umgebung des Königs zugeschickt sein. Man kann daher wohl nicht einen Augenblick im Zweifel sein, daß dieDeutsche Volkszeitung" als Leit- oder Hof Organ des Königs Georg auftritt unb daß bei dem ehemaligen Herrscher von Han­nover der SouverSnitätSdünkel noch so stark ist wie jemals. Diejenigen, welche diese Thatsachen ignotiren, spielen den überzeugendsten Symptomen der Situation gegenüber offen­bar den Vogel Strauß. DieAugSb. Allg. Ztg." vom 3. d. Mts. bringt eimn ausführlichen Aufsatz über daS Budget und die Finanz-Zustände Frankreichs, welcher so­wohl durch seine Betrachtungen, als durch seine Zusammen­stellung interessanter Zahlen Anspruch auf allgemeine Be-

gcsteckr hatte,wenn nun der Staroft mich nach meiner Rückkehr rufen läßt, wenn er von Neuem droht, ober gar Gewalt brauchen will, wie, 0 mein Vater, benehme ich mich da, daß ich weder auf der einen noch auf der anderen Seite zu viel thue?"

Du hast mir gesagt," entgegnete nach einigem Sinnen der Greis,er bedürfe des Geldes, und wer beffen bebarf, ist immer in den Händen dessen, der eS hat. Es scheint also nicht glaublich, daß er sogleich gegen Dich zum Aeu- ßersten schreiten werde. Sollte es aber dennoch geschehen, so bleibt Dir ja noch immer der Weg, mit ihm um die Summe zu dingen, und er wird vielleicht zufrieden fein, wenn et die Hälfte von dem erhält, was er gefordert hat. Nur im alleräußersten Nothfalle magst Du geben, was er verlangt. Es ist wahr, wenn er Gewalt braucht, mußt Du verlieren; aber eben so richtig ist, daß Du selbst im Verluste suchen mußt, so viel, als irgend möglich ist, zu gewinnen. Moses sagt: Auge um Auge unb Zahn um Zahn; wenn der Stärkere also Dich gewaltsam zu berauben sucht, so steht eS Dir, dem bedrohten Schwächeren, mit vollkommenem Rechte frei, durch Klugheit, was nut irgend angeht, zu erretten. Doch genug davon, mein Sohn, der Herr wird Dich erleuchten und Deine Feinde zu Schanden machen, datum vertraue fest auf ihn, er wird Dich erretten. Wann gedenkst Du nun in die Hcimath zu reifen, damit Alles bis zu dem von Dir festgesetzten Zei: punkte in Ord­nung gebracht »erben könne?"

Heute, dächte ich," entgegnete bet Gefragte,würbe sich ja wohl Alles so weit vorbereiten laffen, daß wir morgen mit dem Frühsten abreifm könnten."

Wie Du glaubst," erwiderte der Vater,an uns wird es gewiß nicht fehlen. Doch bann laß uns jetzt zu Deiner kranken Mutter gehen, unb Gott loben, daß er sie vor