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JHarßurg, Dienstag, 3. October 1876.

xi Jahrgang.

flnjttgen nimmt entgegen: die Expedition d. Matte», sowie die Amwncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M. Berlin, Leip­zig, Köln rc; Rudolf Masse in Berlin, Frankfurt a. 3)t. rc.

GbcrhcMc Icilung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Syredittou d. Blatte» sowie bte Amwncen-Bureaux von ® L. Daube & Co. in

Frankfutt a. M.'JSger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Siete« meyer in Berlin; Carl Schuß« [er in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für da» Quartal mit der wöchentlichen BeilageJluftxirteS EountagStlatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2i Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. (exl. Bestellgebühr). JnsettionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Psg. berechnet.

Mßit dem 1. Oktober beginnt ein neues Quartal-

Abonnement auf die Vberh-sfisch- Z-i. tling, wir ersuchen die Bestellungen, nament­lich die bei derPost, baldigst machen zu wollen. Wir machen noch besonders darauf aufmerksam, daß im Feuilleton der Zeitung Anfang Oktober zum Abdruck kommt:

Der Seher von Cosnicza, eine Erzählung aus dem polnisch-jüdischen Volks­leben von Dr. W. Bernhardt, sowie daß im Jllustrirten Sonntagsblatt in Nr. 40, welche jnit der Nr. für den ersten Oktober ausgegeben wird, beginnt:

Ein weiblicher Polizei-Agent, Erzählung aus dem Tagebuch eines Criminal- beamten von L. Schub ar.

OC* Um vollständige Exemplare zu erhalten bitten wir die Bestellung baldigst machen zu wollen.

Lord Derby'» Orteutrede.

Au» London wird uns unterm 28. v. Mls. geschrieben: Im Auswärtigen Amte stellte stch gestern Nachmittag eine au» etwa 50 Mitgliedern bestehende Deputation ein, welche dem Earl von Derby die Resolutionen überreichte, die auf dem jüngst in der City stattgefundenenProtestmeeting" gegen die türkischen Gewaltthaten ,in Bulgarien zur An nähme gelangt waren und stch auch näheren Aufschluß über den gegenwärtigen Stand der Angelegenheiten im Orient erbat. Der Lordmayor, welcher die Deputation vorstellte, bemerkte, letztere hätte die Resolution per Post übersenden können, aber sie glaubte, daß deren persönliche Ueberreichung mehr Einfluß bei der Regierung haben würde. Die Ver. sammlung, in der sie gefaßt wurden, sei eine höchst zahl- reiche und einmüthige gewesen. Was sie beseelte, sei that- sächlich das gewesen, daß die alte auswärtige Politik Eng landS mit Bezug auf die Türkei und den Orient nicht länger haltbar sei und die von ihr ernannte Deputation erscheine heute, um die Regierung zu ersuchen, den An» schauungen des Volkes so weit als möglich Rechnung zu tragen. Der Ausschuß, welcher die Kundgebung organisirte, wünsche nicht die Hände der Regierung zu sesieln, aber es liege ihm ungemein daran, daß der Minister für auswär­tige Angelegenheiten den Einfluß und Geist Englands hinter stch habe.Wir fuhr das Haupt der City fort setzen großes Vertrauen in die gegenwärtige Regierung und

wir hoffen von Ew. Herrlichkeit Worte deS Trostes zu hören." Lord Derby hielt eine längere Rede, aus welcher ich mir nur einige prägnante Stellen hervorzuheben gestatte: In wenigen Tagen werde ich, ich bin glücklich es sagen zu können, im Stande fein, die von Sir Henry Elliot gesandten Depeschen veröffentlichen, aus denen Sie die An­schauungen der Regierung in Bezug auf diese bulgarischen Gräuelthaten und die Forderungen, die sie dieserhalb stellen wird, ersehen werden. Sir Henry Elliot ist beauftragt worden, eine Audienz beim Sultan nachzusuchen, um ihm alle die Thatsachcn vollständig und rückhaltslos vorzulegen, die von Herrn Baring als die Urheber dieser Gräuelthaten bezeichneten Personen bei ihrem Namen zu denunziren, deren Bestrafung zu fordern und vorzustellen, wie dringend noth- wendig eS fei, die verursachten Leiden zu lindern. . . ." Die Einberufung deS Parlaments vor Weihnachten ist eine ungewöhnliche und für viele Personen äußerst unbequeme Prozedur. Nach meiner besten Erinnerung ist es etwas, das nur zweimal in den letzten 20 Jahren geschehen ist, und bei jeder dieser Gelegenheiten geschah eS, weil Maß­regeln vorgeschlagen worden waren, für welche die Zustimmung deS Parlaments nothwendig war und die keinen Aufschub zuließen. Eine dieser Angelegenheiten ereignete sich im Winter von 1854, als wir in dem Krimkrieg verwickelt waren und verschiedene Maßregeln für die Fortsetzung deS Krieges vorzuschlagen waren, die keinen Verzug gestatteten. Der andere Fall ereignete stch im Jahre 1867, wo wir unglücklich genug waren, uns in die abeffynische Expedition verwickelt zu sehen und da die Nothwendigkeit für diese Expedition während der Ferien entstanden, war eS eine xiatürliche Sache, daß das Parlament zusammenberufen wurde, um sobald als möglich den nöthigen Kredit zu votiren. Aber im gegenwärtigen Augenblick dürften wir höchst unwahrscheinlich einen Krieg beginnen. Wir haben um keinen Kredit zu ersuchen, noch haben wir irgend welche dringlichen parlamentarischen Maßregeln vorzuschlagen. Ich bestreite gänzlich die Theorie, daß wir die Türken gegen die Christen begünstigten. Daß wir zu Gunsten der Auf­rechterhaltung der territorialen Integrität deS türkischen Reiches gewesen sind, ist wahr, aber das ist etwas ganz Anderes. Wenn und eS ist ohne Zweifel wahr die Lage der Dinge innerhalb der letzten 12 Monate stch «her schlimmer als bester gestaltet hat, so glaube ich nicht, daß Sie weit nach den Ursachen zu blicken haben, welche dieses Resultat erzeugt haben. Mit einem irrsinnigen Souverän, einem insolventen Staatsschatz und mit einem weitauSge- dchnten und in beträchtlichem Grade vom AuSlande unter­stützten Bürgerkriege mit Ministern und Beamten, die in der willkürlichsten und launenhaftesten Weise im kür­zesten Zeitraum gewechselt wurden ist es wirklich nicht zu viel, zu sagen, daß die Lage der Türkei eine gänzlich

administrative Anarchie gewesen ist, in welcher fast jede Regierung unmöglich war. Aber die wirkliche Frage ist, waS wollen Sie, das wir thun sollen? Lord Derby geht dann auf die Kritik der Vorschläge der Herren Lowe und Gladstone über. Sie als vernünftige Männer können nicht annehmen, daß die Pforte politischen Selbstmord verüben wird; Sie können nicht annehmen, daß sie stch willig und ohne Widerstand auö Europa vertreiben lasten wird. Sehr wohl, Sie sind also genölhigt, Gewalt zu gebrauchen. Sie haben nichts dagegen? (Rufe: Nein!) Ich dachte so. Aber wer wird mit Ihnen sein? (Rußland".) Ich kann Ihnen sagen, wer gegen Sic sein würde: es ist zum Min­desten eine europäische Macht vorhanden, die, wie ich nicht bezweifle, selbst auf Kosten eines Krieges, der Substituirung eines SlavenstaateS für einen türkischen Widerstand ent­gegensetzen würde. Frankreich, Deutschland und Italien würden zusehen. Eine Stimme bemerkte soeben auf die Frage: wer wird Ihnen helfen?Rußland". Wohlan, die russtsche Regierung hat niemals eine so durchgreifende Veränderung vorgeschlag-n und obwohl eine etwas deli­kate Sache ist, Vermuchungen über die etwaige Politik und das Verhalten einer Regierung unter Umständen, die nicht vorhanden sind, anzustellen, so zweifle ich sehr, ob der russischen Politik durch eine derartige Veränderung gedient sein würde. ES ist aber leicht möglich, während die Idee einer politischen Autonomie verworfen wird, die Idee einer lokalen oder administrativen Autonomie zu acceptiren. Ich bin nicht sehr eingenommen für die Phrase, eS ist keine englische. Sie ist sehr unbestimmt und elastisch in ihrer Bedeu­tung und meinerseits würde ich der einfachen englischen Phraselokale Selbstverwaltung" (local self-govemment) bei Weitem den Vorzug einräumen. Aber ich nehme das Wort, wie es ist und ich glaube, daß wir in dieser Rich­tung eine mögliche und praktische Lösung finden dürften. Da ich unglücklicherweise in einer Lage bin, wo°jedes Wort, das ich bei dieser Gelegenheit äußere, beobachtet und abge­wogen wird, so werden Sie verstehen, daß ich gezwungen bin, mehr als gewöhnlich auf der Hut zu fein, um nicht Erwartungen zu erzeugen, die zu verwirklichen ich mich ohne mein Verschulden und gegen meinen persönlichen Wunsch nicht gewachsen fühlen dürfte. Gleiche Freiheit für Muha- medaner und für Christ; beffere Verwaltung für beide; Sicherheit für Leben und Eigenthum; wirksame Garantien (Gelächter) gegen eine Wiederholung solcher Ausschreitungen, wie die, welche ganz Europa mit so vielem Abscheu ver­nahm: das find praktische Zwecke und für diese Zwecke werden wir arbeiten. Ich wünsche nicht die Thatsachc zu verheimlichen, daß das, waö in Bulgarien geschehen ist, gewiffermaßen die Position nicht allein unserer eigenen Regierung, sondern jeder europäischen Regierung in Bezug auf ihre Rechte und Pflichten verändert hat. Was die zwei

Der Dieser 6et Gerechtigkeit.

Crirninal - Novelle von A. L- Lua-

(Schluß).

Der Großknecht, von den Worten Liesbeths wie von Schwertern durchbohrt, gestand augenblicklich feine Schuld ein.Ja", rief er,ich bin der Brandstifter! Der Gerichtsdiener ist mein Verführer. Von einem Verbrechen hat er mich zum andern verleitet, bis ich zuletzt ganz in feinen Klauen war und zu jeder Rachethat, die er gegen den Schulzen vornehmen wollte, mich willig finden mußte. Mancher Anschlag, gegen seinen Erzfeind Rache zu nehmen, mißglückte. Zuletzt sagte er, daß es wohl daö Beste sein würde, wenn wir das Schulzengehöft in Flammen aufgehen ließen. Dabei würde der Schulze seine ganze Ernte in den Scheunen verlieren und der Verdacht der Brandstiftung könnte ja dann leicht auf seinen Sohn geschoben werden, «eil dieser mit ihm immer während streite und zanke und die Leute leicht glauben würden, bet Sohn habe das Feuer ans Rache gegen den Vater angelegt. Dieser Vorschlag gefiel mir; denn wie der GettchtSdiener den alten Schulzen haßte, so war ich gegen befien Sohn ergrimmt, well dieser mir mein Mädchen abspänstig gemacht hatte. Meine That ist mir aber leid, furchtbar leib; ich verdiene die schwerste Strafe"

Nach diesem Geständniß ward Wilhelm sogleich unter dem Jubel der Menge freigesprochen. Sein Vater umarmte ihn und Liesbeth und legte die Hände der Beiden in ein­ander. Daraus eilte er mit ihnen sogleich nach Schleusen­burg, um die unendliche Freude den ©einigen zu verkünden, während bet Großknecht unb bet Gerichtsdiener in das Gesängniß gingen.

16.

In Schleusenburg saßen bei der Abenddämmerung in dem Nothhause des Schulzen, welches man nach der Feuers­brunst schnell aufgeführt, die Schulzin, Louise und Herr von Grünau und erwarteten den schwer geprüften Vater, der zum Gericht seines Sohnes gegangen. Es war ein ernstes Gespräch, welches die Drei unter einander führten. Herr von Grünau hatte die große Ausgabe, die so schmerz lich bewegten Frauengcmüther durch deS Wortes' Kraft zu trösten und zu beruhigen, er, der selbst über den vermeinten Verlust der einzigen Schwester im tiefsten Lebenskern von schweren Leiden ergriffen war. Trotzdem aber gelang es ihm, Mann zu sein, befien innerster Beruf ja darin besteht, sich stets als eine feste Stütze des schwachen Geschlechts zu erweisen gleichsam als die starke Eiche voll Kraft , und Würde, an welcher sich die zarte Blume der Weiblich­keit von der niederen dunklen' Erde, wo so viel verdirbt, emporrankt in das Reich des die schlummernde Kraft zur schönen Blüthe entfaltenden Sonnenlichts.

Wir dürfen," sprach er unter Anderm, nicht vergessen, waS ich schon neulich gesagt habe, daß die größten Leiden oft­mals die größten Wohlthaten GotteS sind, weil fie, recht Der standen und geduldig ertragen, den Menschen von dem Vergäng­lichen auf das Ewige leiten unb ihn von bet Furcht befreien, ble im Wechsel alles Irdischen ihn inne hat. Menschen freilich, die zu seht vom Irdischen befangen sind, die nicht im Anschauen deS Ewigen Kraft in der Brust tragen, wer­den oft durch zu große Leiden auf Irrwege geleitet und gehen nicht selten an ihnen unter. Leiden find wie Hammer­schläge, welche manche Dinge zerschmettern, während sie manchem Stoff erst Gestalt und ächten Werth verschaffen.

Indem der Tröstende in dieser Weise weiter sprach, entstand plötzlich vor der Thür ein Geräusch. Man ver­nahm die Tritte und das Gespräch mehrerer Personen, unb I

vermuthete schon bei bet steten Furcht, in welcher man lebte, baß wieder etwas Schlimmes im Werke fei. Wie aber fand man sich getäuscht 1 Unter dem lautesten Jubel traten plötzlich der Herr deS HauseS, Wilhelm unb Liesbeth tn's Zimmer.

Seid Jhr'S wirklich, Liesbeth und Wilhelm, ober ist es nur Euer Geist?" fragte die Mutter mit bebender Stimme; denn die unverhoffte Erscheinung erweckte fast mehr Furcht als Freude in ihrer Brust.

Ja, wir find es leibhaftig, sind Deine Kinder, die Du dem Tode anheim gegeben glaubtest," antwortete Wil­helm in der überströmenden Freude seines Herzens.

Da lagen sich schnell die Frohen in den Armen und Thränen der Freude flössen reichlich, während der Haus­vater den Verlauf des mit so großen Aengsten erwarteten TageS erzählte.

Nachdem er seine Erzählung beendet hatte, gab stch Hr. von Grünau als den Bruder LieSbeth's zu erkennen, indem er auch zugleich mittheilte, wie er zu der Entdeckung des Geheimnisses getommen.

Ob der Mond, welcher in feinem vollen Lichte die herbstliche Erde beleuchtete und seine Hellen Strahlen durch das kleine Fenster des Rothhauses des Schulzen in Schleu­senburg sandte, auf irgend einem andern Fleckchen der Erde glücklichere Menschen als hier begrüßt hat, möchten wir bezweiseln.

Nach diesem Ereigniß kam ein ordentlich neuer Geist über die Leute in Schleusenburg. Der Schulze, der zwar vurch das Leiden, welches über ihn hereingebrochen war, vie Schroffheit und das Eckige verloren hatte, nicht aber die feste Mannhaftigkeit, wurde jetzt erst das wahrhaft er­regende Element in feiner Gemeinde. Rings uw ihn zeigte stch der Geist des Wirkens und Schaffens, und so geschah eS, daß sich das abgebrannte Dorf bald wieder wie der