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JlfarÖurg, Sonnabend, 30. September 1876.

XI. Jahrgang.

SnKigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie die Amwncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Raffel und Hannever; Th. Dietrich in Frankfurt a. M ; haafenftein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip­zig, Köln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

ObrchcWc Jritung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blattes sowie bte Amwncen-Bureaux von G L- Daube & Co. in Frankfutt a. M.7 JSger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schütz- ler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich nutzer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage ,,JIuftrirteS EonntagSblatt" durch die Expedition (Roch'fche Buchdruckerei) bezogen 2i Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. lexl. Bestellgebühr). — Jnfertionsgebübr für die gespaltene Zeile 10 Psg. Für in der Expedition zu ertheilcnde Auskunft und Annabm- von Adressen werden 25 Piß. berechnet.

Herren die Thüre zu, wenn sie Dich kommen sehen. Jetzt weißt Du meine Gesinnung, und wenn Du nun nicht augen­blicklich gehst, so werde ich Dir mit dem Besen den Ab­schied geben."

Kräutergrethe gehörte nicht zu den Furchtsamen, die sich durch jede Drohung einschüchtern lasten, weshalb sie nicht sogleich vor der angekündigten schwesterlichen BbschiedSgabe zitterte. Sie blieb vielmehr dreist stehen und lachte: „Wir wollen doch einmal sehen, wie weit sie eS treibt!" Da nun aber Susanne keineswegs eine der langsamen Naturen war, die nur drohen, da vielmehr in der Regel ihrem Worte sogleich die That folgte, so schlug sie aus ihre Schwester augenblicklich los und warf sie, ehe dieselbe einmal zur Besinnung kam, zur Thüre hinaus.

Bitterer hätte Kräutergrethe nicht gekränkt werden können. Sich aber dafür unbarmherzig zu rächen, cs bei der Dro­hung nicht bewenden zu lasten, war auf der Stelle ihr Entschluß. Schnell lief sie nach Haufe, wühlte aus einem alten Kasten ein Päckchen Papiere hervor und ging mit demselben nach der Stadt, mn dem Gericht die angedrohte Anzeige zu machen.

Auf dem Rathhause angekommen, forschte sie sogleich Nach dem Herrn von Grünau. Diesem sich anzuvertrauen, hielt sie für das Beste, da sie ihn ja schon von Schleusen­burg auS kannte. Bei einem Schreiber, dcr eben mit der Fever hinter dem Ohr über den Flur ging, erkundigte sie sich nach dem Herrn von Grünau und war so glücklich, in besten Arbeitszimmer geführt zu werden, wo ert sich allein befand.

r$)e6 Herrn von Grünau freundliches Wesen erweckte in der Alten sogleich ein solches Vertrauen, daß sie nichts verschwieg, was sie ans dem Herzen hatte.

, Der Schulze von Schleusenburg," sprach sie, „braucht

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und -An- ir.)

Mi t dem 1. October beginnt ein neues Quartal-

Abonnentmt auf die Oberhesfische Zei.

wir ersuchen die Bestellungen, nament­lich diebeiderPost, baldigst machen zu wollen. Wir machen noch besonders darauf aufmerksam, daß im Feuilleton der Zeitung Anfang October zum Abdruck kommt:

Der Seher von Cosnicza, eine Erzählung aus dem polnisch-jüdischen Volks­leben von Dr. W. Bernhard i,

sowie daß im Jllustrirten Sonntagsblatt in Nr. 40, welche mit der Nr. für den ersten October ausgegeben wird, beginnt:

Ein weiblicher Polizei-Agent, Erzählung aus dem Tagebuch eines Criminal- beamten von L. Schub ar.

DC* Um vollständige Exemplare Hu erhalten bitten wir die Bestellung baldigst machen zu wollen.

Da» deutsche Bürgerthum und der Liberalis­mus.

Die nationalliberale Partei will, wie jetzt allseitig ver­kündet wird, auch bei den bevorstehenden Wahlen wesentlich in Gemeinschaft mit der Fortschrittspartei zu Werke gehen, — allerdings nut da, wo eS der letzteren beliebt, diese Gemeinschaft anzuerkennen; denn die Fortschrittspartei läßt sich in denjenigen Bezirken, wo sie ihres Sieges auch ohne die nationalliberale Partei und allenfalls gegen dieselbe gewiß zu fein glaubt, auf irgend eine Vereinbarung mit den Nationalliberalen nicht ein: diese dürfen es sich na­mentlich trotz der vermeintlichen grundsätzlichen Ueberein- stimmung nicht beikommen lasten, in den Wahlbezirken der Hauptstadt als gleichberechtigt gelten zu wollen.

ES ist noch nicht zwei Jahre her, daß die national- liberale Partei, um die Herrschaft der Fortschrittspartei in Berlin zu brechen, mit einem gewissen Kraftaufwand einen besonderen Verein gründete. Die damaligen Erörterungen, wie sie in Zeitungen und Flugblättern der beiden Parteien geführt wurden, bilden in ihrer Schärfe einen höchst in­teressanten Gegensatz zu der jetzigen anscheinenden Gemein schäft.

Um diesen Widerspruch zu verdecken, hat man auf nationalliberaler Seite neuerdings die Behauptung aufge­stellt, daß zwischen der Berliner Fortschrittspartei und der Fortschrittspartei des Landes ein gewaltiger Unterschied bestehe.

Die „Magdeb. Zig." ließ sich darüber vor Kurzem also vernehmen:

Dn Dinier der Gerechtigkeit.

Crirninal - Novelle von A- L- Lna.

' (Fortsetzung).

Der Schulze hatte die Alte länger angehört, als es sonst seine Art und Weise war. Anfangs schien et ihre Auseinandersetzung gar nicht so sehr beachtet zu haben; der Schluß derselben aber setzte ihn furchtbar in Harnisch. „Weib", rief er mit seiner erschütternden Stimme, „mir aus den Augen! Wenn Sie ttwas von mir will, fordere Sie mich vor Gericht. Fällt Sie mich noch einmal auf der Straße an, fo breche ich Ihr alle Rippen am Leibe entzwei."

Vor diesem Bescheid bekam die alte Susanne keinen geringen Schreck. Die Lust, irgend noch einmal beim Schulzen ihre Forderung zu wiederholen, verging ihr ganz. Desten ungeachtet aber wollte sie ihre Ansprüche, welche sie an ihn zu haben glaubte, nicht aufgeben. Augenblicklich eilte sie nach der Stadt zum Gerichtsdiener und theilte demselben den vom Schulzen erhaltenen Bescheid mit.

„Der Schulze muß zahlen!" entgegnete der Gerichts- b teuer. „Da- wäscht ihm fein Regen ab. Folge Sie mir nur, Mutter Susanne! Ich verschaffe Ihr das Geld!"

Mit dieser Versicherung führte der GerichtSdiener die Alte sogleich zu dem uns bereit« bekannten Winkeladvokaten Hurihandel, welcher für einige Groschen Klageeingaben machte. Mit schlauem Kennerblick erforschte dieser augen­blicklich den Zweck der Besuche, setzte, nachdem Susanne mit großer Geschwätzigkeit ihm ihre Sache erzählt, sogleich eine Klageschrift gegen ben Schulzen wegen der in Rede stehenden Summe auf, las dieselbe mit gewichtvollem Tone

„Es giebt in Berlin eine Anzahl von Männern, die da glauben, sie wären eine starke und mächtige Partei, wenn sie den Mund recht weit aufmachen und großes Geschrei erheben. In der Provinz aber verfangen die Spiegelfech­tereien, die dem Berliner Spießbürger ja ungeheuer impo- niren, mit Nichten. Die Fortschrittspartei deö Landes ist eine andere als die Berliner Fortschrittspartei. Die letztere hat im Lande, in unserer Provinz ganz und gar keinen Boden." — — —

Diese und ähnliche Aeußerungm verrathen, wie die Nationalliberalcn selbst über vaS Gebühren der fortschritt­lichen Parteiblätter denken, — die Behauptung aber, daß die Fortschrittspartei der Hauptstadt eine wesentlich andere sei, als in den Provinzen, ist eine völlig willkürliche und thalsächlich unbegründete, namentlich in Bezug auf die Ver­tretung im Parlament und in der Pruste, worauf allein eS schließlich ankommt. Niemand wird behaupten wollen, daß zwischen dem Auftreten der fortschrittlichen Abgeordneten der Hauptstadt und derjenigen auS den Provinzen irgend em grundsätzlicher Unterschied stattfindet, oder daß die fort­schrittliche Presse in den Provinzen einen anderen Ton anschlage, als die in der Hauptstadt. Die tägliche Erfah­rung beweist im Gegentheil, daß, so oft jene „Männer in Berlin den Mund recht weit aufmachen und großes Ge­schrei erheben," dieses Geschrei in ben Parteiblättern der Provinzen stets Wiederhall findet. Der Unterschied besteht nur darin, daß in der Hauptstadt ein weit größerer Theil der Bevölkerung jenen „Schreiern" folgt, al« eS in der Provinz zumeist der Fall ist.

Die Fortschrittspartei ist wesentlich dieselbe in der Pro vinz Sachsen wie in Preußen, am Rhein wie in Berlin. Diejenigen Liberalen, welche mit dem Treiben jener Partei brechen wollten, haben sich seit 1866 überwiegend der national liberalen Partei angeschlossen, — und es ist Seitens der letzteren gewissermaßen eine Umkehr und eine Verleugnung de« eigenen Streben«, wenn sie dazu beitragen will, die Fortschrittspartei in den Provinzen von Neuem zu stärken.

Zur Rechtfertigung diese« Verhalten« wird darauf hin gewiesen, daß die nationalliberale Partei sich mit der Fort­schrittspartei auf dieselben Volkskreise stütze und ans den­selben ihre natürliche Kraft ziehe, — aus dem „gebildeten deutschen Bürgerthum" und zwar mit Einschluß der „selbst­ständigen und selbstbewußten Landbevölkerung." Die libe­rale Partei scheint hiermit den Boden, auf dem sie stehl, ziemlich weit zu faffen. Die Behauptung, daß jene ganze breite Schicht der bürgerlichen Gesellschaft somit dem Liberalis­mus anhänge, und zwar einem Liberalismus, für welchen der Unterschied zwischen der nationalen und der Fortschritts Partei keine Bedeutung habe, muß jedenfalls höchst gewagt erscheinen. Wenn unter Liberalismus da« Bedürfniß nach freier Entfaltung der geistigen, sittlichen, wirthschaftlichen Kräfte, das Bedürfniß nach selbstthätiger Theilnahme an

vor und fügte die Versicherung hinzu, daß der Prozeß ge­wonnen würde, was auch der Gerichtsdiener bestätigte.

Die Anklägerin, darüber fast vor Freude betrunken, eilte in Sturmschritten nach Schleusenburg zurück und er­zählte triumphirend von den zweihundert Thalern, welche sie schon so gut wie in der Tasche habe. AIS das ihre Schwester, die Kräutergrethe hörte, lief sie schnell zu ihr und verlangte hundert Thaler von dem Gelbe.

„Nicht einen Pfennig", entgegnete Susanne „erhältst Du von dem Gelde. Wenn ich eS mir anSgeklagt habe, kann jede Närrin sprechen: Gieb mir hundert Thaler! Wofür denn aber?"

„Das weißt Du", entgegnete die Kräutergrethe, und wenn Du e« nicht mehr wissen willst, so werde ich dafür sorgen, daß eS Dir gehörig im Kopfe aufgefrischt wird. Ich habe noch ein gute« Mittel, Dich zu zwingen."

Diese« Mittel hielt Susanne für eine leere Drohung und blieb bei dem zuerst gegebenen Bescheid. „Wie kann eS", sprach sie, ein Mittel geben, mich zu zwingen, da doch der GerichtSdiener samrnt dem Advokat gesagt hat: der Prozeß wird gewonnen werden! Wäre ich nicht selbst nach der Stadt gegangen, so könntest Du mir vielleicht mit Deiner Drohung hundert Thaler abschwatzen."

„Ich kann so gut nach der Stadt gehen, wie Du," ent­gegnete die Kräutergrethe, „und wenn Du vor lauter Geiz und Neid keinen Pfennig abgtben willst, sollst Du auch nichts haben. Ich zeige beim Gericht an, daß Liesbeth gar nicht Dein Tochterkind gewesen ist, und bann wollen wir einmal sehen, was geschehen wird."

„Zrige Du an, waS Du willst, eS wird Dir nichts, gar nichts helfen," entgegnete Susanne. „Du bist ja so verlogen und verrufen, daß Dir kein Hund traut, geschweige denn ein Gerichtsherr. Vor Dir schließen alle Gerichtö­

den öffentlichen Angelegenheiten, nach einer Mitwirkung an der Gesetzgebung und an der Entwickelung der staatlichen Einrichtung verstanden wird, so wird man zugeben müssen: daS deutsche Bürgerthum ist in seinem strebsamsten Theile überwiegend liberal. Aber — wohlverstanden — genau mit demselben Rechte kann man sagen: daS deutsche Bür­gerthum ist in seinem tüchtigen und einsichtigen Theile ächt konservativ; denn ebenso tief und lebendig empfindet das deutsche Bürgerthum die konservativen Bebürfnisse nach einer festen Staatsordnung auf dem sicheren Grunde der Monarchie, nach einer stetigen und besonnenen Entwickelung, nach einem starken und zuverlässigen Rüstzeug für die Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit und der ehrenvollm Stellung des Vaterlandes.

Der Regierung unseres glorreichen und ehrwürdigen Kaisers und Königs ist es gelungen, das konservative und das liberale Bedürfniß, welche den Doppeltrieb jede« gesunden nationalen LcbenS bilden, immer mehr zu ver­söhnen und hierdurch grabe dem deutschen Bürgerthum ein Gefühl der Befriedigung und der Zuversicht aus die weitere Entwickelung zu gewähren, einer Zuversicht, die sich auch unter den vielfachen Bedrängnissen der augenblicklichen wirthschaftlichen Lage, deren Schwierigkeit durch allgemeine Weltverhältniffe bedingt ist, nicht erschüttern läßt.

Je mehr aber die Regierung sich bewußt ist, ben Aus­gleich ächt konservativer und wahrhaft freisinniger Bedürf­niffe deS Volkes erstrebt und theilweise erreicht zu haben, desto mehr darf sie erwarieu, daß das Anerkenntniß diese« Erfolge« und der feste Wille de« deutschen BürgerthumS, denselben zu wahren und »eiter zu entwickeln, auch bei ben Wahlen zum Ausdruck gelange. Hieraus gründet sich die Znverstcht, daß sich aus den alten politischen Parteien, deren Gegensätze zum großen Theil auf überwundenen Zu­ständen beruhten, neue Gruppen herauSbilden, welche, wenn auch von verschiedenen Standpunkten ausgehend, sich doch In dem Streben vereinigen, die Regierung in der kräftigen Durchführung de« begonnenen Werkes aufrichtig und ent­schieden zu unterstützen.

Einer der bedeutendsten Führer der national • liberalen Partei, bet Präsident des Abgeordnetenhauses v. Bennigsen, hat In einem Augenblicke wichtiger Entscheidung daS drin­gende Bedürfniß einer festen Mehrheit betont, auf welche die Regierung sich bei der Erfüllung ihrer gewaltigen Auf­gaben stützen könne, „einer nationalen Mehrheit aus kon­servativen und aus liberalen Kreisen, in welcher alle die­jenigen, die entschlossen seien, mit einer energischen und nationalen Regierung zu gehen, fest zusammenstehen."

Mit dieser Forderung, welche gerate im Gegensätze zu dem Verhalten der Fortschrittspartei ausgesprochen wurde, steht daS jetzige Wahlbündniß der National Liberalen mit Iber Fortschrittspartei in schroffem Widerspruche

1 ES wird abzuwarten fein, inwieweit die Wähler „in