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Sr. 22«

Marburg, Sonnabend, 23. September 1876.

XI. Zahrgaig.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatter, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlm, Leip­zig, Eöln ic; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. re.

WcrhtUchk Mutig.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte» sowie bte Annoneen-Bureaur von ®. L. Daube & Eo. in Franlfutt a. M. Jägei^sche Buchhandlung in Franlfutt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- rneyer in Berlin; Carl Schütz- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

«rschemt t»glich außer ben Werktagen nach Sonn- unb Fetettagen. Preis für baS Quartal mit der wöchentlichen BeilageJkluftrirteS LonntaaShlatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckere») bezogen S; Mark, durch bte Postämter des Deutschen Reiche» 2 Mark 50 Pfg. (exl. Bestellgebühr). JnsertionSgebühr str die gespaltene ^ile 10 Pfa

Mr in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

|Mit dem 1. October beginnt ein neues Quartal-

Abonnement auf die vb-rh-sfisch- Zei­tung, wir ersuchen die Bestellungen, nament­lich die bei derPost, baldigst machen zu wollen.

Lagesbericht.

Der Reichskanzler Hal unlerm 24. August 1876 dem BundeSrathe einen Entwurf von Normen für die Con struktion und Ausrüstung der Eisenbahnen Deutschlands zugehen lassen. Der Entwurf, welcher aus den mit den gommissarten der meistbelheiligten Bundesregierungen ge pflogenen Verhandlungen httvorgegangen ist. soll der späteren gesetzlichen Regelung der Angelegenheit nicht vorgreifen DaS Reglement ist mit Rücksicht auf die Sicherheit deS Betriebes wie im Interesse der LandeSvertheidigung für erforderlich erachtet worden.

Wir dürfen es wohl als ein bedeutsames Symptom der in den Handelskreisen hinsichtlich der Eisenzollfrage herr­schenden Anschauung bezeichnen, wenn auch das Organ des deutschen Handelstages sich unumwunden für die vorläufige Beibehaltung der Eisenzölle ausspricht. DasDeutsche Handelsblatt" bringt in seiner heutigen Nummer einen Attikel, welcher die vorläufige Vertagung der für den 1. Januar 1877 beschlossenen freihäadlerischen Tarifreformen empfiehlt Im Weiteren wird das Kompromiß vom Juli 1873 als ein politischer Fehler bezeichnet, weil man Tarif, reformen, wenn sie als zulässig oder nothwendig erkannt sind, sofort eintreten lasten soll.

Wir haben bereits vor einiger Zeit gemeldet, es sei von Seiten der Regierung darauf hingewirkt worden, daß die Verlegung des EtatSjahreS, welche vom deutschen Reiche und Preußen adoptirt worden ist, auch im Rechnungswesen der Bahnen zur Durchführung gelange. In Folge besten hat die im nächsten Mon t zu Brüstel zusammentretende Generalkonferenz deS deutsch-russischen Eijenbahnverbandes diesen Gegenstand auf ihre Tagesordnung gesetzt. Zu dem Verbände gehören 35 deutsche, 2 österreichische, 18 russische und 3 niederländische Eisenbahnverwaltungen.

Der Verein der englischen Eisen« und Stahlhüttcnbesitzer eröffnete am 18. d. seine achte jährliche Herbstversammlung in Leeds unter flhr zahlreicher Betheiligung seiner Mit­glieder, um wiederum mehrere die Eisen- und Stahlfabrikation betreffende technische Fragen in Erwägung zu ziehen. Unter den Thrilnehmern an der Konferenz befinden sich auch mehrere Repräsentanten der deutschen Eisen- und Stahl

Fabrikation aus Bochum, Düsteldorf, Dortmund und an­deren Orten des Reichs.

DerSouveräne Große Rath" der Republik San Marino Hot durch Beschluß vom 14. d. Mts. die Herren Settimio Belluzi und Michele Cenoli zuCapitani regenti" erwählt. Dieselben werden am 1. Oktober ihre Regent­schaft antreten und zwar abwechselnd von Halbjahr zu Halbjahr.

Es gewinnt den Anschein, daß sich die englische Regie­rung dem gewaltigen Drucke der öffentlichen Meinung gegenüber nicht länger sträuben wird, für solche Reformen einzutreten, welche der Balkanhalbinsel eine Reihe von Friedensjahren garantiren. Aus Konstantinopel wird unter dem 15. d. telegraphirt, daß England folgende Friedens- Vorschläge macht:Der Status quo ante für Serbien und Montenegro; Serbien soll keine pekuniäre Entschädi gung leisten; eine refotmirte Lokalregierung für Bosnien, die Herzegowina und Bulgarien." Dies sind Vorschläge, auf Grund deren eine Einigung der Mächte denkbar ist Nur Oesterreich wirb Einwendungen gegen die Lokalregie- rungcn zu machen haben. Aber die obigen Grundzüge enthalten nur die Angabe des Materials, aus welchem der Bau des Friedens und Reformwerkes gebildet werden soll; bet der EinzelauSsührung bleibt Gelegenheit genug, die verschiedenen Jnteresten zu befriedigen. Es ist klar, daß die Pforte auf die personelle Zusammensetzung derLokal­regierungen" keinen Einfluß haben darf, wenn die Ein­richtung derselben von Nutzen sein soll. Da man aber andererseits davon absehen wird, den slavischen Provinzen erbliche Fürsten zu geben, so bleibt nur der Ausweg übrig, den meistinteressirten Mächten ein Ernennungs- und Auf- stchtSrecht zu ertheilen, wodurch dieselben sich gewiß befrie­digt geben können. Selbstverständlich ist, daß trotz aller dieser Einrichtungen die slavischen Provinzen in dem Conncxe mit der Türkei verbleiben. Der zu schaffende Zustand läßt sich am besten als eininternationales Sequester" bezeichnen.

Zur orientalischen Frage wird heute telegraphisch ge­meldet :

Wien, 21. Sept. DiePolitische Correspondenz" schreibt: Nach einer hiehcr gelangten amtlichen Meldung der serbischen Regierung vom Heutigen, ist die Nachricht, daß eine Deputation heute die Proelamirung des Fürsten Milan zum König der Serben nach Belgrad überbringe unbegründet. Fürst Milan hat der Deputation verboten, abzureisw, und überhaupt angeotdnet, daß einer weiteren Entwickelung deö betreffenden Zwischenfalls energisch Einhalt gethan werde.

Paris, 21. Sept. Gestern früh hatte der Minister

Der Diener der Gerechtigkeit.

Eriminal» Novelle von A. L- Lua-

(Fottfetzung).

Als der Gerichtsdiener hierauf antworten wollte, trat der Schulze aus der Stube. Der Großknecht verschwand im Nu, und der Gerichtsdiener ging auch, nachdem er den Brief abgegeben hatte, feiner Wege.Warte nur, Herr Schulze", dachte er heimtückisch bei sich,mein Plan, Dich für alle Beschimpfung, welche ich durch Dich erlitten, derb zu strafen, ist fertig. Der Lümmel von Großknecht hat vicht umsonst im Stalle geraucht. Kommt er morgen zu mit, so werde ich ihn mir schon kaufen."

Mit fünf Thalern", dachte der Großknecht,wird die ganze Sache abgemacht." Zufällig besaß er fünf blanke Haler. Dieselben steckte er am nächsten Tage, wo er eine Fuhre Korn nach der Stadt brachte, in die Tasche, um durch sie seinen Peiniger zu beruhigen. Noch ehe er das Korn in der Stadt an Ort und Stelle gebracht hatte, ging er schon zu dem ihn mit Begier erwartenden Gerichts­dimer und sprach:Herr GerichtSdiener, wenn Ihr mich »nzeigt, muß ich $$ei Thaler Strafe bezahlen, wovon Ihr »»r einige Groschm bekommt. Hier gebe ich Euch fünf Haler, daß Ihr nun wohl vom Anzeigen kein Wort mehr ttben werdet."

Der GerichtSdiener sah die fünf Thaler mit wohlge fülligem Lächeln an, verzog seine Miene und schrie dann plötzlich:Hallunke, denkst Du mit mir mit Deinen fünf Halern den Mund zu stopfen? I tzt erst kommst Du decht in die Tinte. Du verfällst wegen D.lnes Be- ssrchungSverfuchS einer schweren Strafe."

Herr GerichtSdiener", winselte der Großknecht,in Kelches Unglück komme ich! Habt Erbarmen mit mir!

Ich will ja gern Alles thun, was Ihr haben wollt; zeigt mich nur nicht an I"

Geld", entgegnete der GerichtSdiener in etwas gemä­ßigtem Tone,hat. bei mir in solcher Angelegenheit keinen Wetth. Ein Gerücht Stromfische hingegen würde mir zum nächsten Sonntag ganz angenehm fein. Ich will noch eine kurze Zeit mit der Anzeige Geduld haben, weil Du gar zu erbärmlich auSstehst. Geh nach Hause und vergiß mich nicht!"

Der Großknecht fuhr beruhigt nach Schleusenburg zu­rück und dachte:Also die stummen Fische sollen ihn stumm machen. Auch gut! Auf diese Weise behalte ich die fünf Thaler. Die Nacht vom Sonnabend zum Sonntag wird um die Ohren geschlagen."

Gedacht, gethan! In dieser Nacht fischte bet bei einem zweifachen Vergehen Ertappte einige Stunden, und machte einen guten Fang.

Die schmucken Fische," sprach er bei sich selber,wer­den den alten Griesgram schon zufrieden stellen. Ich schleppe sie auf meinem eigenen Rücken nach der Stadt, und ehe mein Herr am Morgen auf dem Hofe erscheint, bin ich wieder da. Das kostet zwar etwas Lunge, aber es erhält mich im Schulzenhause, und im Schulzenhause muß ich bleiben, wenn ich nicht meine Hoffnung auf die kleine Magd ganz ausgeben soll."

Von diesem Gedanken lebhaft bewegt, wollte bet nächt liche Fischer eben bavon traben, als eine lange hagere Ge stakt ihm mit ben Worten in ben Weg trat:Spitzbube, ertappt man Dich roieber auf fauler Fährte? Hast Du denn die Gerechtigkeit, hier im Strome zu fischen? Du Dieb, die Fische hast Du gestohlen."

Ich wollte ft; ja Euch bringen, Herr GerichtSbiener," stotterte der Großknecht.

Schelm, benkst Du, baß sich bet GerichtSdiener in der

des Auswärtigen Httzog v. DecazeS eine längere Unterredung mit dem türkischen Botschafter. DemTcmpS" zufolge wären nach dieser Conferenz die Aussichten für einen bal­digen FrirdenSschluß erheblich gewachsen. DaSJournal deS Debats" veröffentlicht den L>xt des Memorandums, durch welches die türkische Regierung die Vermittelung der Mächte angenommen hat. Daffelbe stimmt mit den bereits bekannten Angaben überein und enthält eine Darstellung der Ursachen des Krieges, sowie der Mittel, den Wieder- ausbruch deffelben zu verhüten.

Belgrad, 20. September. Tichernajcff hat heute dem Fürsten solgendeS neue Telegramm übersandt:Sr. Majestät dem Könige! Die gejammte Armee, Offiziere und Mannsctasten, inbegriffen des Korps des Obersten Horvatovicz hat dem König, ter Königin und dem Prinzen (Kroljewicz) den Eid der Treue geschworen. Gleichzeitig haben alle Soldaten den Eid abgelegt, die Waffen nicht eher niederzulegen, ehe Serbien nicht ein freies Königreich geworden. Der Erzpriester Im Lager relebrirte die Meffe, worauf «Te deum laudamus» gesungen wurde. Tscker« najeff." Ruvvff ist hier eingetreffen, um den König nach Deligrad abzuholen. Der Entschluß Milan's ist noch unbekannt. Es verlautet, Milan werde Tschemaflff durch den KriegSminister sagen löffln, er könne die KönigSwürde augenblicklich doch nicht annehmen, weil laut Berfaffung die Skvpfchtina darüber zu beschließen habe; doch danke er für die Ergebenheit der Armee. Paratfchin, Kragujevatz, Deligrad und viele andere Städte sind beflaggt und haben gestern wegen der Prokiamirung des Fürsten zum König tlluminirt.

Denlschr» Sprich.

Berlin, 21. Sept. Das soeben erschienene 11. Htst des Generalstabswerkes über den deutsch-französischen Krieg enthält die Geschichte deffelben auf dem westlichen Kriegs­schauplätze von Ende September bis Ende Oktober 1870. In diesem Zeitraum war die Umzingelung von Paris vollendet. Das für die Franzosen verlustreiche Gefecht von Chevilly (30. September gegen das 6. Korps) und das von Bagneux (13. Oktober gegen das 2. bayerische Korps) waren vom Feinde noch in dem Glauben, daß eS sich bei bett Deutschen um einen gewaltsamen Angriff der Hauptstadt handle, unternommen worden. Mit der Gr= kenntniß, daß die Aushungerung der Hauptstadt durch Um­schließung beabsichtigt sei, begannen bte Franzosen Durch­bruchversuche (Gefechte bei Malmaison gegen daS 5. Korps 21. Oktober, von Le Bourget gegen das Gardekorps 30. Oktober). Deutscherseits wurde gleichzeitig der artilleristische Angriff der Hauptstadt nach dem Plane der Generale v. Hinderstn und v. Kleist inS Werk ges tzt. Die Erzählung

Ausübung seiner Amtspflicht wird hindern lasten?" sprach der Verführer.Solche Kleinigkeit bringt mich nicht ab von der geraden Straße des Rechts. Weißt Du, baß bieser biebische Fischfang zwei Jahre Festungsstrafe kostet?"

Herr GerichtSdiener," sprach der Getäuschte,ich will Euch ja gern zu Diensten sein. Lagt, was Ihr von mir verlangt, aber zeigt mich nur nid.t an! Seid barmherzig!"

Still!" entgegnete dieser,mein Herz weiß noch kaum Etwas von Barmherzigkeit; ich bin schon zu sehr er­bittert. Doch wenn man so leben könnte wie ein vornehmer Herr, der des Sonntags feinen Rehbraten auf dem Tische hat, würde man sich eher erweichen lasten und gutmüthig sein unb ein Auge zudrück-n. Nun, ich will auch nicht zu hart fein, noch einen ganzen Monat will ich Dir Zeit lasten."

Mit diesen Worten ging der GerichtSdiener von bannen, bet Großknecht aber blieb am Strome in voller Verzweiflung stehen unb warf die gefangenen Fische in'S Master. Lustig schwammen dieselben in bet tiefen Fluth dahin, währenb Der verunglückte Fischer ihnen traurig naLsah unb zu bet Ueberjeugung kam, daß er ins Netz des GerichtSdienerS gegangen, aus welchem sich zu befreien, ihm nicht so leicht schien.Einen Rehbock spießen," dachte er,ist Wild- kiebstahl und wird noch härter bestraft, alS das eben be­gangene Vergehen. Zwei Jahre aber sind auch schon eine lange Frist, unb, ist man einmal in ber Verbarnmniß, so sitzt man auch tritt ein Jahr länger fest. Am letzten @nbe wage ich gar nichts mehr bei bem Wilddiebstahl. Dem GerichtSdiener liegt's an eimm guten Rehbraten, unb ben soll er bekommen."

Einige Tage darauf ging bet Großknecht zu feinem in Wiesenwitz wohnenden Vater, dem alten Rude, unb holte sich dessen Büchse, mit welcher er nach bem Walbe ging, wo er sie verst ckte, um sie bei gelegener Zeit zu gebrauchen.

(Fortsetzung folgt.)