Hr. 222.
Marburg, Donnerstag, 21. September 1876.
xi Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», ernte die Annoncen-Bureaux ion Th. Dietrich <L Co. in jtaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M.; Haasenstein & Vogler in krankfurt a. M, Berlin, Leip. l«g, Cöln ic; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. Ri. rc.
OltcrhcUlhr Jnlung.
Anzeigen nimmt entgegen: die Epiedition d. Blatte» sowie die Annoncen-Bureaux von G L- Daube & Co. in Krankfurt a. M.: Jäger'fche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da» Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JluftrirteS 6onntag»6latt" durch die Expedition (Koch sche Buchdruckereij bezogen Sh Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf», (eil. Bestellgebühr). — JnfertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf».
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf», berechnet.
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KageObericht.
Unter dem Titel: „Zehn Jahre Civilstands - Amt in Hamburg" hat der Pastor Ritter in Hamburg eine Broschüre herauSgezeben, in welcher er 6te Ergebnisse einer elfjährigen Statistik deS kirchlichen Lebens In Hamburg vergleichend zusammenstellt und mit orientkenben kritischen Bemerkungen begleitet. Der Verfasser setzt nicht ohne Grund voraus, daß seine Arbeit in weiteren Kreisen Jn- terefie finden werde. ES hat nämlich schon 10 Jahre vor Einführung deS Reichsgesetzes, also seit dem 1. Januar 1866, ein Civilstandsamt in Hamburg bestanden, bei welchem die Geburten innerhalb acht Tagen anzumelden und die Proklamation und Erlaubniß zur Trauung nachzusuchen war, und von welchem auf Wunsch der Brautleute auch diese letztere oder die Eheschließung selbst vorgenommen ward. Also sakulative Civilehe nach vorgängiger rein bürgerlicher Kognition und Proklamation der Ehe. Die Wirkung dieser bisherigen Civilgesetzgebung auf das kirchliche Leben zu konstatiren und darnach diejenige der mit diesem Jahre in «rast getretenen ReichScivilordnung zu prognostiztfiziren, ist der Hauptpunkt der Schrift, welche die Zahl der stattgefundenen Taufen, Trauungen, Konfirmationen und Kommunionen - kirchliche Begräbnifle giebt es seit lange in Hamburg nicht mehr — aus den fünf der Hamburger CivilstandSzesetzgebuug vorhergehenden Jahren 1861 bis 1865 und aus dem Jahrzehnt, während welcher dasselbe in Geltung gewesen, 1866 diS 1875, zur Veranschaulichung dieser Wirkung neben einander ordnet. „Wir find", sagt der Berfasier, „allen ein zweckmäßiges „Versuchsfeld" ge wesen und geblieben, groß genug, um einigermaßen sichere Echlüsie zu ziehen, einheitlich genug, um nicht durch Zusammenwerfen ganz verfchiedcn gearteter großer ländlicher Distrikte mit der städtischen daS richtige Bild sehr gut zu treiben."
Wie die «Agenco de la presse departementale» meldet, ist der famose „deutsch russische Vertrag" der „France" Im letztstattgehabten französischen Minlsterroth erörtert worden. In Folge der von dem Herzog DecazeS gegebenen Erläuterungen wurde befchlosien, in einer den Blättern mit-
Der Diener der Gerechtigkeit.
Criminal - Novelle von A- L. Lua.
(Fortsetzung).
DaS zischelnde Fragen des Alten blieb ganz unbeachtet, indem Jeder voll Erwartung nach der Tribüne des Ver- theidlgerS blickte, welcher Herr von Grünau, ein noch sehr junger Mann von schlankem Wuchs und blühender Gesichtsfarbe eingenommen hatte und bei Vielen wegen seiner jugendlichen Erscheinung, die zwar durch den Ausbruck eines Ehrfurcht gebietenden Adels auf feiner freien Stirn und die vollen, einen starken Willen anzeigenden Augenbrauen, zu impontren geeignet war, für unzureichend zur Verthei- digung eines so schwer Angeklagten galt, obgleich man wußte, daß er schon mehrere Verlheibigungen sehr glücklich geführt hatte. Wie ober wurde man bald eines Andern belehrt, als er zu sprechen anfing I JebeS seiner Worte fiel wie ein schwerer Hammerschlag gegen die Anklage, und bald meinte Jedermann im Zuhörerraum, _ daß diese durch die Bertheidigungörede völlig vernichtet würde.
Die Gründe, welche der Staatsanwalt dem Verlheidiger entgegen setzte, änderte jedoch bald wieder diese Meinung in der beweglichen Menge, denn sie waren dem Anscheine nach sehr schlagend und ganz darauf berechnet, das dem Angeklagten zur Last gelegte Vergehen In noch grelleren Farben darzustellen.
Da glaubte man nun nicht anders, als daß der junge Vettheidiger, trotz seiner vortrefflichen Rede, der viel erprobten Gewandtheit des alten Juristen unterliegen müsse.
Herr von Grünau aber ermannte sich bald wieder zum »uthigeu Kampf für den Angeklagten. Ein erhabener Zorn schien ihm in vollem Bewußtsein seine» Rechts zur bitter« fcn Schärfe zu erregen; denn gleich scharfen Meffern flogen seine Worte von ihm durch die Luft und trafen Einige sehr verwundend. Richter und Zuhörer wurden bon der Unschuld Wilhelms vollkommen überzeugt und es erfolgte demnach feine Freisprechung.
Ein lauter Jubel erscholl bei dieser Freisprechung durch tat Saal. Wilhelm wurde von den Seinigen unter Thrä-
zutheile den Rote fragliches „Dokument" für apokryph zu erklären.
Eine französische Agentur erhält von ihrem bisher sehr gut informkten Korrespondenten aus Bukarest folgende Mittheilung: In Kreisen, wo man über die orientalischen Angelegenheiten vollständig unterrichtet ist, kursirt das Ge- rücht, daß der fortgesetzte Wechsel der Souveräne keinen anderen Zweck hat, als die vollständige Erschöpfung der herrschenden Dynastie und man darf sich auf die künftige Thronbesteigung einer Persönlichkeit gefaßt machen, deren Name Sensation erregen wird. Die erwähnte Agentur (Agence de la presse departementale) bringt diese Nachricht als Kuriosität.
Der Pariser „Figaro" setzt seinen Kampf gegen den französtfchen Botschafter in Konstantinopel, Hrn. v. Bout- going, mit ungeschwächten Mitteln fort. Heute meldet das Blatt triumphirenb: „Man weiß, daß Herr v. Bourgoing dem „Figaro" den Eintritt in Konstantinopel untersagt hat. Wir erfahren jedoch, daß einige unserer Abonnenten, welche in der Türkei wohnen, unser Blatt regelmäßig erhalten. Das Mittel, welches dieselben anwandten, Ist höchst einfach, sie haben ihr Abonnement bei dem deutschen Postamte genommen. Es scheint in der That, daß der Vertreter der Nation über diese Sache nicht im Mindesten beunruhigt gewesen ist, und daß die Vertheilung des „Figaro" auf diesem Wege nicht der Gegenstand irgendwelcher Gewalts Maßregeln gewesen ist.
Nach den neuesten Nachrichten wollen Serbien und die Türkei sich während 10 Tagen, vom 17. ab gerechnet, nur aus die Defensive beschränken. DaS ist es, was die Mächte zunächst von der Pforte und dann von Serbien erreicht haben; Montenegro hat sich Dieser Art von Waffenruhe angeschloffen. ES wird nun weiter versucht, aus der Waffenruhe einen förmlichen Waffenstillstand zu machen und dann, oder vielleicht schon während der Waffenruhe, werden die Mächte der Piorte ihre Gegenvorschläge be- kannt machen. Zu welchem Resultat die Verhandlungen darüber führen werden, läßt sich jetzt noch nicht beurteilen daß mit der Waffenruhe noch sehr wenig erreicht ist und immer neue Schwierigkeiten auftauchen werden, liegt aus der Hand. — Telegraphisch wird noch gemeldet:
Konstantinopel, 18. Sept. Die Pforte beoiöigte die Waffenruhe, weil sie befürchtete, Rußland würde die Ablehnung derselben als casus belli betrachten. Midhat
Pascha fleht die Waffenruhe |al8 eine Erniedrigung der Pforte an und demisstonirt. Die SostaS protestiren gegen den Frieden, aber der Sultan scheint die Lage der Tinge richtig zu erkennen. Es verlautet der Sultan werde aus eigener Jnitative die drei Forderungen: „Besatzungsrecht Eisenbahnbau und Reduktion der serbischen Wehrkraft" fallen laffen. Die Stimmung im Divan ist gedrückt, weil man einfleht, daß die Pforte vollkommen isolirt ist.
Petersburg, 19. Sept. (Ag Ruffe.) Telegramme russischer Zeitungen berichten, daß die Armee Tschernajew's den Fürsten Milan als König von Serbien proclamirt hat. Die öffentliche Meinung in Serbien verlangt stürmisch die Fortführung des Kampfes, so lange als noch ein türkischer Soldat auf serbischem Boden steht. In täglich vorfallenden Scharmützeln werden die Türken überall geschlagen. Horwatowilsch hat Supowatz wiedergenommen. Vorgestern fand in der Kathedrale zu Belgrad ein Requiem für den gefallenen Rajewski statt. Fürst Milan die Großwürdenträger und die Armee wohnten demselben bei. In Moskau hielt am Sonntage Pastor Penny in der eng= lifchen Kap.lle eine begeisterte Predigt zu Gunsten der Serben; eine darauffolgende Kollekte fiel überaus reichlich aus.
Brüssel, 19. Sept. Einem Telegramm der „Jnde- pendance beige" aus Paris zufolge hat die Pforte eine Ermäßigung der Friedensbcdingungen zugestanden und letztere auf folgende vier Punkte eingeschränkt: Vertheilung der Auszahlung der Kriegs Entschädigung auf einen Zeitraum von 10 Jahren, bis zur vollständigen Abtragung der Kriegs- Entschädigung Besetzung von zwei serbischen Festungen, Anerkennung des Fürsten Milan ohne Investitur in Konstantinopel, Bildung eines neuen Ministeriums in Serbien.
Konstantinopel, 19. Sept. Durch Erlaß des Sultans wird behufs Erleichterung der Friedensverhandlungen (wie bereits nach der „Agence Havas" gemeldet) die Einstellung der Feindseligkeiten auf 10 Tage, vom letzten Freitag angefangen, verfügt.
Wien, 19. Sept. Die „Pol. Eon." schreibt unter hochofficiösem Zeichen: Mit Beziehung auf die Nachricht von der Ausrufung des Fürsten Milan zum König, können wir mittheilen, daß allerdings Seitens der ferbifchen Truppen eine solche Kundgebung stattgefunden hat, vernehmen jedoch gleichzeitig, daß diese unter dem ersten Eindrücke der Bekanntmachung der türkischen FriedenSbecingungen von den serbischen Truppen in's Werk gesetzte Manifestation auch von maßgebender serbischer Stelle aus als bedeutungslos betrachtet und erklärt worden ist. Nach Versicherung von derselben Seite haben der Fürst uns dessen Regierung,
nen der Freude umarmt; auch Lisbeth drückte ihm Inder erhöhtesten Gemüthsstimmung die Hand und konnte ihren Blick nicht von ihm wenden. Louise aber schaute auf den Herrn von Grünau, wie aüf ein Zauberwesen. In ihm schien ihr alle Würde, alle Kraft und alles Ansehen des Mannes vereinigt zu sein. Eine Säule der Gerechtigkeit, ein Held des Gedankens, war er ganz der Mann ihres Herzens. Im Namen ihrer ganzen Familie stattete sie ihm In einet taktvollen Weise den Dank für die siegreiche Vet- theidlgung ab; auch die kleine Magd Lisbeth drängte sich zu dem jungen Rechtskundigen, um ihm die Hand zu drücken. Die überiattenbe Freude ihres Herzens ließ eö nicht anders zu.
Herr von Grünau, über den glücklichen Erfolg hoch erfreut, unterhielt sich mit Wilhelm und dessen Angehörigen nach dem Schluß der Verhandlung fast gegen eine Stunde und bekundete neben der Schärfe feines Geistes auch eine große Liebenswürdigkeit des Charakters.
Noch während blefer Unterhandlung faßte bet Schulze den Entschluß, deö SohneS Freisprechung am nächsten Sonntag zu feiern, und lud dazu den geschickten Verthei- biger ein, welcher die Einladung sehr dankbar annahm.
Mit bem einbrechenden Abenb erst kehrte die Schulzen- Familie nach Schleusenburg zurück und beschloß mit Dank gegen Gott den Tag, welchen sie so schweren Herzens begonnen hatte. o
Am nächsten Sonntag wanderte Herr von Grünau, der Einladung seiner neuen Freunde folgend, in aller Frühe nach Schleusenburg. ES war ein schöner SonntagSmorgen. Der heitere Sonnenstrahl ruhte auf Wald und Flur; balsamische Düfte durchzogen die Luft; ringsum herrschte Frieden und Ruhe; hier und da erklang eine Frühglocke, welche die Leute zur Kirche tief. Alles wat geeignet, das Hetz zur Feier und Andacht zu stimmen.
Bon dem Gruß des sckönen Morgms im Innersten feierlich gestimmt, kam der rüstige Fußgänger nach Schien- fenburg. Der freundliche Eindruck, welchen da» reizende
Dorf auf ihn machte, paßte ganz zu der feierlichen Stimmung seines GemüthS. Mit Freuden die Sonntagsruhe auf den Höfen und die Reinlichkeit vor den Thüren beobachtend, ging er durch die Straßenhecken dem Schulzenhause zu, welches in der Mitte des Dorfes stand und sich von den übrigen Häusern desselben durch seine Größe unterschied. Aeußetlich wat das Haus gerade nicht seht einladend; denn mit dem bemoosten Strohdach und dem durch Senkungen verschobenen Fachwerk schien eS zu seht an Altersschwäche zu leiden; um so überraschender wat aber seine innere höchst sinnige und zierliche Einrichtung, die, überall von dem musterhastesten Geist der Ordnung belebt, einen Geschmack bekundete, der selbst dem fein gebildeten Großstädter hätte zur Ehre gereichen können, und dies Alles gewann durch die Schulzenfamilie im höchsten Grade an Reiz und Behaglichkeit. Der Schulze ein Mann mit grauem Haupte und kerngesund an Leid und Geist, wat der Ausdruck patriarchalischer Würde und deutscher Biederkeit, die Schulzin daö Bild der Güte und Milde, der Sohn kräftig wie eine Eiche, und die Tochter, wie eine eben auf« quellende Rose, daS Bild der Anmuth und Schönheit. Der junge Rechtskundige fühlte hier unter dem Strohdach zum ersten Mal den hohen Frieden des Familien-Glücks, das ihm sein bisheriger Lebensgang hart entzogen hatte; denn et war seit früher Kindheit veiwaist gewesen. Seinen Vater, der in einer Provinzialstatt Justizbeamtet gewesen, hatte er kaum recht kennen gelernt. AIS et sein viertes Lebensjahr erreicht hatte, wat derselbe schon feiner Familie durch den Tod entriffen worden, ohne ihr ein Vermögen zu hinterlassen, wodurch sich für diese natürlich eine schwere Zukunft aufgethan. Seiner zwar hatte sich sogleich ein reicher Freund des verstorbenen Vaters angenommen, um ihn in einem auf wissenschaftliche Bildung zielenden Pension» Hause erziehen zu lasten und ihm später die Laufbahn für das Studium der Rechte auf feine Kosten zu eröffnen. Die Mutter aber wat mit einem kaum ein halbes Jahr alten Töchterchen in ein abgelegenes Dorf gezogen, wo sie von ihrer kleinen Pension in Ruhe und Golt-