Marburg, Freitag, 15. September 1876,
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Die sozialistische Bewegung
Die Führer der sozialistischen Partei haben vor Kurzem einen sogenannten Kongreß nach Gotha zusammenberufen, nm ihre inneren Verhältnisse nach Möglichkeit zu ordnen und ihre Anhänger mit den nöthigen Weisungen für die kommenden Wahlen zu versehen. Aus den Verhandlungen and Beschlüssen deS Kongresses sind Thalsachen von erheb licher Wichtigkeit nicht hervorzuheben; doch ist der Einfluß her sozialistischen Bewegung auf unser politisches und wirth» schastlicheS Leben von so ernster Bedeutung, daß man der Entwickelung und dem Verhalten der Partei die aufmerksamste Beachtung nicht versagen darf.
Wenn man den Verlauf und die Ergebnifle des Go
Geldbeiträge leisten oder einen zahlenden Leserkreis für die Parteiblätter bilden. Jmm rhin darf man auch die Zahl der auf dem Kongreß vertretenen Mitglieder und die Summe der in etwa einjährigem Zeitraum gesammelten Beiträge nicht unterschätzen; denn bei dem oft wechselnden Wohnsitze der Arbeitermasien kann ja nur ein Bruchtheil derselben regelmäßigen Zusammenhang mit den Partei Vereinm unterhalten. Besonders ist aber daran zu denken, daß die Zahl der durch Vcreinsthätigkcit und Beitragsleistung wirkenden Mitglieder nur den Stamm bildet, um den bei jedem Aufruf die sozialdemokratischen Streitkräfte sich schaaren. Durch Rührigkeit von Seiten der Führer und Folgsamkeit von Seiten der Masten geht die sozialistische Partei allen anderen voran. Wenn daher das stehende Heer deS Sozialismus schon eine durchaus unansehnliche Truppenmacht aufweist, so ist die Folgerung berechtigt, daß die Partei bei allgemeinem Aufgebote für Wahl- und Agitationszwecke rin erhebliches Gewicht in .die Wagschale der Eretgniste zu werfen vermag.
Soviel über die Mittel des Sozialismus. Uebec die Ziele destelben kann kein Zweifel herrschen, da dieselben von den Parteigenossen bei jeder Gelegenheit mehr oder minder offen bekannt werden: eS handelt sich um den Sturz aller bestehenden Ordnung in Staat und Gesellschaft, um die Beseitigung aller Kultur, die in Religion und Sittlichkeit, in Familie und Eigenthum, in Kunst und Wistenschaft, in Gewerbe und Handel ihren Ausdruck gefunden hat, und zwar zu Gunsten eines eingebildeten „Arbeiter-Staates", in welchem den sogenannten Proletariern oder Besitzlosen alle Regierungsmacht und aller Lebensgenuß zufallen sollen.
Der SocialismnS wird keineswegs dadurch auS dem Felde geschlagen, daß jeder unbefangene Denker den Plan eines solchen Arbeiterstaates als ein falsches Ideal und die daran geknüpften Verheißungen als trügerische verurtheilt. Freilich ist eS ein thörtchter Wahn, daß die arbeitenden Masten sich durch Gcwaltmaßregeln, VerfaffungS Umwälzung oder Staatehülfe den höchsten Lebensgenuß verschaffen können; freilich führen die Lehren des SocialiSmuS, nach denen die VolkSmaste ohne ein entsprechendes Maaß körperlicher Arbeit und sittlicher Leistung Besitz und Macht erlangen soll, nicht zu einem „menschenwürdigen Dasein," vielmehr zur tiefsten Stufe der Entwürdigung, wo der Mensch nicht durch eigene Kraft und selbstständige Wirksamkeit, sondern auf fremde Kosten leben will und somit auf Sittlichkeit, Ehre und Freiheit verzichtet. Indessen wohnt den socia- listischen Trugbildern eine Zauberkraft inne, vermöge deren sie die Leidenschaften der arbeitenden Bevölkerung bis zur Siedehitze aufregen und zu den verderblichsten Handlungen hinreißen. Deshalb liegt auch wenig Beruhigung in der Gewißheit, daß der SocialiSmuS fein Ziel überhaupt nie malS erreichen kann. Allerdings können die Träume der Socialdemokratie niemals in Erfüllung gehen; aber schon die socialistischcn Vorspiegelungen und jeder Versuch zu ihrer Verwirklichung schlagen dem StaatSleben und dem Volkswohlstand tiefe Wunden. Selbst wenn die Führer der
zu üben.
Jndesten darf man sich durch solche Beobachtungen nicht zu dem Glauben verleiten lasten, als ob die sozialdemokratische Bewegung überhaupt der Kraft entbehre, den festbegründeten Einrichtungen des Staates und der naturwüchsigen Ordnung der wirthschaftlichen Zustände ernste Gefahr zu bringen, sondern auch ohne starke Gegenwehr der Ohnmacht und dem Untergange verfallen sei. Die Macht des Sozialismus ist nicht nach der Zahl der Mitglieder abzumesten, bk sich in die Vereinslisten einschreiben lasten, regelmäßige
Bewegung vor den gesetzlichen Schranken Holt machen, so wirken sie durch ihre Irrlehren lähmend auf die sittlichen und wirthschaftlichen Verhältniste der arbeitenden Bevö ke- rung. Tie Neigung zum Fleiß und zur Sparsamkeit, das stolze Selbstgefühl, welches in gewissenhafter Thätigkeit Lohn und Ehre findet, kann nicht auskommen, wenn in dem Gemüthe der Arbeiter der Wahn genährt wird, daß sie durch StaatShülfe oder durch anderweitige Vertheilung des Besitzes ein bequemes, genußreiches Dasein zu erstreben haben. In jüngster Zeit hat die deutsche Industrie unter dem Druck ungünstiger Verhältniste zu leiben gehabt; aber ihr Gedeihen ward auch wesentlich durch die Verblendung der Arbeiter beeinträchtigt, welche ihrem Vortheil zu dienen glaubten, indem sie für verkürzte Arbeitszeit und verschlechterte Arbeitsleistung noch erhöhten Lohn in Anspruch nahmen und dadurch ebenso die Quellen ihres Erwerbes untergruben, wie sie daS Ansehen und den Absatz der nationalen Industrie schädigten. Wenn aber gar die staatliche Ordnung dem SocialiSmuS nicht Widerstand zu leisten vermag, dann tritt — wie die Geschichte Frankreichs nach jeder Revolution beweist — eine grauenvolle Zerrüttung ein, welcher nur nach einem blutigen Bürgerkrieg Einhalt gethan werden kann.
Der SocialiSmuS, welcher seine Fahne lediglich für den Kampf der unbemittelten gegen die bemittelten Klasten erhebt, weiß Nichts von politischen Grundsätzen und nationalen Pflichten. ES ist daher ganz folgerichtig, daß bei dem VerschmelzungSversuch der beiden Gruppen die süddeutschen, vorzugsweise antinationalen Socialoemokraten die Oberhand gewannen. So hat auch die Versammlung in Gotha ihren vaterlandSlosen Geist offen zur Schau getragen, indem sie nicht bloö mit den Socialisten des Auslandes Brüderschaft schließt, sondern auch mit den Elementen in Elsaß Lothringen, welche Wiedervereinigung mit Frankreich anstrcben, gemeinschaftliche Sache macht.
Ein solcher Feind, der dem deutschen Reich, wie den Einrichtungen des Staates und der Gesellschaft mit Krieg und Umsturz droht, muß mit nachdrücklichem Ernst bekämpft werden. Wenn derselbe durch Bündniste mit Reichsfeinden aller Art seinen Einfluß zu stärken und die bestehende Ordnung zu erschüttern sucht, so müssen alle Freunde des Vaterlandes ihre Anstrengungen vereinen, um nicht bloS im Wahlkampf dem SocialiSmuS die Stirn zu bieten, sondern auch dem verderblichen Einfluß desselben auf die Massen zu wehren. Hier fällt der Presse und dem VereinSwesen eine wichtige Aufgabe zu; aber die Wirksamkeit derselben reicht nicht auS und versagt in den Stunden der Gefahr. Deshalb ist es erforderlich, die Regierung mit gesetzlichen Waffen und moralischem Beistand genügend auszurüsten, damit sie im Stande sei, eine Bewegung in Schranken zu halten, die den Volksgeist vergiftet und zum Bürgerkriege
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6.
Wohl Mancher im Dorfe war von dem harten Schlage, welcher durch des Gerichtsdieners Bosheit die Schulzenfamilie betroffen, tief erschüttert worden. Von allen Theil- nehmenden aber war Niemand über daS Vorgefallene so schmerzlich bewegt, wie Lisbeth, die kleine Magd im Schulzenhause; doch stand sie auch der geschmähten Familie so nahe, wie sonst kein Einziger im Dorfe. Schon in früher Kindheit hatte sie, eine arme Waise, in derselben eine Zufluchtsstätte gefunden und war von dem Schulzen und besten Familie stets mit Liebe behandelt und in Gottesfurcht und Ehrbarkeit erzogen worden. DaS Schicksal der Schulzenfamilie sah sie deshalb auch ganz wie ihr eigenes an und litt bei ihrem tiefen und zarten Gefühl innerlich schmerzlicher, als ein wirkliches Mitglied derselben. Die Erniedrigung und Beschimpfung, welche Wllhelm erfahren, lagen wie unglücksschwere Wolken in ihrem Gemüth und peinigten dastclbe um so mehr, als er fie sich doch nur durch seine vortrefflichen Eigenschaften zugezogen hatte — durch das männliche Auftreten gegen die Brutalität des GerichtS- dienerS und durch feine tapfere Entschlostenheit. —
Von Minute zu Minute beschäftigte deS kühnen Jünglings Bilv ihre Phantasie mächtiger. Die ZorneSader an seiner Stirn, wie sie der überlegenen Gewalt gegenüber geschwollen war, bas dunkelblonde Haar, der nervige Arm, die freie Brust, — wie Keiner von vorn ihn aufzusasten gewagt, wie man sich nur erdreistet, ihn rücklings zu fangen: das Alles gab ihm in ihren Augen eine unvergleichliche Glorie. Und solch' ein Mensch, dachte sie, soll deS NachtS wie ein Verbrecher auf bem Thurm liegen?! —
ds.
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Sin- uß,
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blatte« sowie bte Annoncen-Bureauk von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.: JSger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- ▲ meyer in Berlin; Carl Schüß- ” ler in Hannover; C. «schlotte
in Bremen.
zeigen, was es heißt, ehrliche Leute wie arme Sünder und Spitzbuben behandeln."
„Da hört Ihr eS!" sprach der Gerichtsdiener. „Bindet ihn und tragt ihn auf den Kirchthurm. Dort soll er so lange liegen, bis ich aus der Stadt mit einer bewaffneten Macht erscheine, ihn in'S Gefängniß zu führen."
„Binden", sprach endlich ein Bauernknecht, „können wir ihn nicht, weil er unseres Schulzen Sohn ist."
„Macht mit mir, was Ihr wollt", entgegnete Wilhelm, „das Pferd nur bewahrt mir! — Ich habe es mir groß gezogen, um bem König damit als Soldat zu bienen."
„Das Pferd", schrie der Gerichtsdiener mit spöttischem Tone, „wird in der Stadt von dem Gericht an den Meist bietenden öffentlich verkauft werden."
Während bet Gerichtsdiener hierauf das Pferd abführen ließ, und seine letzten Worte mehrere Male wiederholte, erschien Wilhelm- Schwester Louise, welche so lange auf dem Felde gewesen war. — Der Anblick des Bruders, dem sie nicht zu helfen vermochte, durchfuhr ihre Brust wie ein scharfes Schwert; doch verlor sie keineswegs die Besinnung. „Ein so schimpflicher Verkauf des Pferdes würde den Vater zur Verzweiflung bringen; ich muß das Schlimmste zu velhüten suchen!" dachte sie und eilte stehendes Fußes nach der Stabt, um dort beim Gericht für ihren Vater zu bitten. Wilhelm aber wurde, nachdem er noch einige kräftige Vcr suche gemacht hatte, sich zu befreien, wirklich in den spa- nischcn Bock gespannt und auf den Kirchthurm gebracht. Seine Mutter wurde von dcm schrecklichen Vorgänge so angegriffen, daß sie in Ohnmacht sank, aus welcher sie sich schwer erholte.
Der Diener der Gerechtigkeit.
Criminal - Novelle von A. L- Lua.
(Fortsetzung).
Das kühne Auftreten deS jungen Menschen verfehlte seine Wirkung nicht. Niemand wagte gegen ihn vorzu- zehen. Der GerichtSdiener schien jetzt, trotz der Bedeckung den Muth zur Auspfändung verloren zu haben. Als ob sich zum Rückgänge anschickend, redete er mit den beiden TerichtSleuteu einige Augenblicke heimlich, worauf sich Wilhelm umdrehte, um mit der Mutter einige Worte in aller Gelassenheit zu sprechen. Kaum jedoch hatte er seine kampffertige Stellung aufgegeben, so sprangen auch schon drei Knechte aus Geheiß der Gerichtsleute von hinten auf ihn zu, faßten ihn beim Äragen und warfen ihn zu tiobtn.
,Jetzt führt mir schnell", rief der GerichtSdiener, „den kleinen Fuch« aus dem Stalle nach dem Kruge, und dann spannt den Kerl in den spanischen Bock."
Die erste Forderung suchte man nun zwar zu erfüllen, da Wilhelm von den drei Knechten am Boden fest gehalten Würbe; doch auf die zweite wollte man doch nicht sogleich dagegen.
Ü „Euch Alle", sprach der GerichtSdiener, „mache ich sür bk Thaten deS jungen rasenden Kerls bei der Nichtbesol- gttng meines Befehl« verantwortlich! Seht nur, wie wild er aussteht! Der beginge wohl auf der Stelle einen Mord, denn wir ihn jetzt frei ließen."
„Ja", rief Wilhelm, „Du kämst mir nicht von der iSkUe, wenn ich jetzt frei wäre. Dir wollte ich es schon
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition >. Blatte«, otoie die Annoncen-Bureaux gon Th. Dietrich & Co. in -asset und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haafenstein & Vogler in krankfurt a. M, Berlin, Leiv- iig, Eöln ic; Rudolf Moffe n Berlin, Frankfurt a. M. re.
thaer Äongrefit« unbefangen prüft, so stellt sich zunächst freilich heraus, daß die prahlerischen Kundgebungen, welche die sozialistische Preste ihren Lesern vorgeführt hat, an starker Uebettwibung leiden. Nach den eigenen Angaben der sozialistischen Berichte war die Gothaer Versammlung von 101 Abgeordneten besucht, welche 284 Ortschasten mit 37,774 Stimmen zu vertreten hatten. Die Einnahmen der Partei in einem I4monatlichen Zeitraum wurden auf 53,974 Mk. berechnet. Au« diesen Mitteln werden 68 sogenannte Be- amte und Agitatoren besoldet, welche in der Presse und in Vereinen für die Zwecke des Sozialismus zu wirken haben. An diese Vorkämpfer schließen sich noch 77 unbesoldete Redner, so daß die sozialdemokratische Partei sich des Be. fitze« von 145 geschulten Rednern rühmt. An politischen Preßorganen der Partei erscheinen 23, und die Zahl der Besteller wird in runder Summe auf 100,000 angegeben.
Vielleicht könnte die Genauigkeit mancher der hier er» wähnten Angaben in Zweifel gezogen werden; allein, von ►erattigen Einwürfen abgesehen, sind die obigen Zahlen für ich allein nicht geeignet, von den Erfolgen der focialdemo- kratischen Bewegung eine hohe Meinung beizubringen, wird Wenn eine Partei, die über das ganze deutsche Reich ver beeilet ist und stch mit ihren Verlockungen an die zahlreichste Bolksklasse wendet, bei einer großen Musterung nur die Zahl von 37,774 Mitgliedern al« ihre Streitkraft an lösten und ihren Gesammt-Auswand für Beamte, Preffe and Vereine auf monatlich etwa 3750 Mk. beschränken muß, so scheinen diese Machtmittel an stch nicht stark ge mg, um die Grundlagen der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung umzustürzen oder auch nur einen erheblichen Einfluß auf die Entwickelung de« parlamentarischen Lebens
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