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Sir. 21$

Marburg, Mittwoch, 13. September 1876.

XL Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: Mt «nxbtttoi b. Blatte», otoie bie Annoncen-Bureoux wn Th. Dietrich & Co. in gasiel unb Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; haasenstein & Vogler in Srantfutt a. M, Berlin, Leip» lig, Köln k ; Rudolf Moffe je Berlin, Frankfurt a. M. rc.

Obcrhcfsillhc Mutig.

Anzeigen nimmt entgegen: bie Expedition b. Blatte» sowie bie Annoncen-Vureaux von G L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Mete­rn eger in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» unb Feiertagen. Preis für baS Quartal mit der wöchentlichen BeilageJluftrirteS LonntagSblatt" durch bie Expedition (Aoch'sche Buchdruckerei) bezogen Lj, Wart, durch bie Postämter deS Deutschen Reiche» 2 Warf 50 Vf», lexl. Bestellgebühr). JnsertionSgebühr für bie gespaltene Zeile 10 Pf». Für in bet Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf», berechnet.

Lasesberlcht

Ueber das Friedensprogramm, welches der Pforte von einigen Mächten vorgeschlagen worden sein soll, gehen unS von sonst trefflich unterrichteter Seite folgende Mittheilungen zu: WaS Serbien betrifft, so soll das Gebiet des Fürsten hums ungeschmälert erhalten bleiben; dagegen würde Ser

Kien eine KriegSkostenentschädigung zu zahlen haben; der «jährliche Tribut würde erhöht und die Tributsrückstände IguS früheren Jahren müßten geregelt werden. Die Stärke Iber serbischen Miliz würde eine bestimmte Zahl nicht über «hreiten dürfen. Bis alle Bestimmungen des FriedenS- LertragS erledigt sind, würde Alexinatz von den Türken besetzt bleiben. Gegenüber dem Fürstenthum Montenegro soll eine Grenzberichtigung zugestanden werden, wosür Montenegro eine Geldentschädigung in bestimmter Frist zu leisten hat. Die Pforte soll sich mit diesen Bedingungen bereits einverstanden erklärt habe«. Da jedoch anderweite Nachrichten, daß die Pforte von ihrer Berzögerungspolitik zurückgekommen sei, nicht vorliegen, so muffen wir obige Angabe für verfrüht halten.

DaSMsmorial diplomatique" schreibt:Mehrere Blätter haben von einem Kongreß der Signatarmächte des Pariser Vertrag«, behufs Regelung der orientalischen An­gelegenheiten gesprochen. Nach den Informationen, die «iS von verschiedenen Hauptstädten zugehen, ist die Idee eines Kongresses allerdings von einer der nordischen Groß »ächte angeregt worden. England jedoch, welches nicht glaubt, daß ein Kongreß in den gegenwärtigen Verhält- Effen gute Früchte für den allgemeinen Frieden bringen ürde, lehnte ab und eS mußte deßhalb die Idee aufge- den werden.

DasMsnorial diplomatique", in Allem, was die Pforte angeht, vortrefflich informirt, schreibt:Die Ver­handlungen in Konstantinopel und zwischen den europäischen Kabineten behusS Wiederherstellung des Friedens in Ser­bien, sind wenig vorgeschritten. Die von dem Fürsten Milan gemachte erste Einleitung hat bei der Psorte nicht ganz die erwünschte gute Ausnahme gefunden, weil ver­schiedene Symptome die sriedlichen Absichten der serbischen Regierung zu btmentiren scheinen. Diese Anzeichen sind: Das Verbleiben des KabinetS Ristilsch, welches den Krieg erklärt und die persönliche Lage des Fürsten Milan ver­schlimmert hat, indem es ihn zum Herzog von Bosnien prvklamiren liefe; da« ununterbrochene Zuströmen russischer Offiziere und Soldaten, welche sich für bie serbische Armee »»werben laffen; dir fortdauernde Verbreitung ungenauer »ilitärischer Bulletin«, welche geeignet sind, die Meinung be« serbischen Volk.» irre zu führen; endlich, und am meisten bie aggressive und aufreizende Sprache der bei der serbischen Regierung akkreditirten Organe, ebenso wie gewiffer russischer Journale, Werkzeuge der panslavistischen Propaganda. Diese Indizien haben die fPforte in ihrem Wunsche, das Ende

Der Diener der Gerechtigkeit.

Criminal -Novelle von A. L- Lua- (Fortsetzung).

Den Gerichtsdiener," sprach der Schulze,geht unsere Arbeit allerdings ebenso wenig etwas an, wie das Wachsen bes Stromes. Sein Amt ist das Botenlaufen für das Kreisgericht. Er soll hier nicht Auspafferdienste verrichten. Dajür ist der Gendarm."

Meine Anzeigen haben bi« sitzt noch beim Pölizeiamt immer ihre Wirkung gethan. Wir wollen sehen, was die Folge der Sonntagsarbeit sein wird," entgegnete der zu feinem Ziel gelangte Späher und entfernte sich."

Noch ehe der nächste Sonntag verging, wurde der Schulze t» Schleusenburg vom Polizeiamte in Folge der vom Ge- ttchtSdieuer gemachten Anzeige zu einem Verhör vorgeladen. Der rechtliche Mann folgte mit getrostem Murhe der Vor- Ubung und vertheidigte mit schlagenden Gründen seine bonntagSarbeit. Deffen ungeachtet verurtheilte ihn der Polizei - Amtmann nach dem Buchstaben deS Gesetzes zu Aaer Strafe von fünf Thalern.

Diese fünf Thaler," sprach der Schulze,bezahle ich tyl; denn ich bin in diesem Falle schuldlos. Die Bibel stlbst erlaubt im Falle der Noch die Arbeit an Feiertagen. Da« mufe der Richter wiffen."

Der Polizei-Amtmann entgegnete auf diesen Einwand i din Wort, sondern liefe es bei dem ersten Urtheilsspruch bewenden und hielt eS nur noch der Mühe werth, den Pkrurtheilte« an die, der Behörde zu Gebote stehenden ; Mittel zur Zähmung der Wirerspänstigen zu erinnern

deS Krieges zu beschleunigen, nicht erschüttert, wohl aber bestärkt in den Zweifeln an der Aufrichtigkeit der Rückkehr des gegenwärtigen KabinetS von Belgrad zu friedlichen Gesinnungen, angemessen der Lage, welche es durch seine Jrrthümer geschaffen hat. An diese rechtmäfeigen Bedenken reiht sich noch der Thronwechsel, welcher die unmittelbare und persönliche Intervention deS neuen Sultans zur Folge hat. Auf der anderen Seite läßt die Verzögerung den Großmächten Zeit, sich über die Propositionen, welche der Pforte zu unterbreiten sind, zu verständigen. Wenn dieses Einverständniß einmal begründet und die Einleitungen bei der Pforte gemacht sind, hofft man, daß die Verhandlungen in wenigen Tagen beendigt werden können."

Ueber die gegenwärtige finanzielle Lage Ruminien's fliehtL'Economist Roumain" folgende Auskunft:Die gefommte Staatsschuld Rumänien'« beträgt 479,259,537 Frcs., welche Summe zwar bedeutend genug ist, besonders wenn man in Betracht zieht, daß dieselbe während eines Zeitraumes von nur 11 Jahren und in Zeiten des Friedens und der Ruhe kontrahi>t worden ist. Allein man darf nicht vergeffen, daß beinahe zwei Dritttheile dieser Summe aus Eisenbahnbauten, aus eiserne Brücken und auf sonstige öffentliche Bauten im allgemeinen Jntereffe verwendet worden sind. Rumänien hat heute 1234 Kilometer Eisenbahnen im Betriebe, welche 314,625,337 FrcS. Die eisernen Biücken haben 12.027,285 FrcS. gekostet, der Rest von 152,597,915 FrcS., aber ist theilS auf die Organisirung der Armee, theilS auf andere Bedürfnisse des Staates verwendet worden. Einzeln betrachtet zerfallen die Staats­schulden in folgende Poften: Die sogenanntenSttons» berg'schen" Eisenbahnen, irn Kostenpreise von 248,130,000 FrcS. mit einer Annuität von 18,609,750 FrcS. Die Eisenbahnlinien Suceava - Jaffy - Roman, im Kostenpreise von 51,850,000 FrcS. mit einer Annuität von 3,857,000 FrcS. Die Eisenbahnlinie Bukarest Giurgewo 10,797,122 FrcS., Annuität 2,010,000 FrcS. Die Eisenbahnlinie Jassy- Ungheni: 3,770,215 FrcS., Annuität 452,428 FrcS. Die eisernen Brücken: 12,027,215 FrcS., Annuität 1,443,274 FrcS. Die Anleihe Stern: 22,889,437 FrcS. mit einer Annuität von 2,124,376 FrcS. Die Anleihe Oppenheim: 31,610,500Frcs., Annuität 3,164,241 FrcS. Die Domanial anleihe 78 Millionen FrcS., Annuität 8 Millionen FrcS. Die fünsprozentige Rentenanleihe 46 Millionen FrcS., Annuität 2,250,000 Frcs. Rechnet man noch die 42^2 Millionen hinzu, die für den Bau der Eisenbahnlinien Plojest-Predeal unb Adjud Okna bestimmt sind, so beziffert sich die gesammte Staatsschuld aus 522 Millionen FrcS., die eine Annuität von 46V2 Millionen Frcs. beansprucht. ES darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, daß diese Staatsschuld keine perpeluelle ist und daß, außer der im vorigen Jahre auf dem Pariser Platze ausgegebenen sünfprozentigen Rente, die rumänische Staatsschuld nach und nach amortistrt werde. Schon im Jahre 1880 wird wird das Budget durch das Amortiffement der Eisenbahn

Der Schulze, der bei seiner Weigerung, die Strafe zu bezahlen, schon nach einigen Tagen eine Androhung auf AuSpsändiing erhielt, sah wohl, daß sich sein Ehr- und RechtSgesühl in einem gewaltigen Zwiespalt mit dem Buchsta­ben des GisctzeS befand; doch es beirrte ihn dies nicht allzusehr. Wenn mir hier", sprach er,keine Gerechtigkeit wirb, so bin ich entschloffen, bis an den König zu gehen. Der König liebt Recht und Gerechtigkeit und wird mich hören."

Der ernste Charakter, welchen bald die dem verurtheilte« Mann gemachte Drohung annahm, nöthigte ihn zur unge­säumten Ausführung seines Entschlusses. Von den Segens­wünschen der ©einigen begleitet, reiste er in dem besten Vertrauen auf seine gute Sache schnell nach der Residenz und gelangte dort ohne große Umstände zum Könige. Der menschenfreundliche Monarch empfing durch die ehrwürdige und kernhafte Erscheinung deS Mannes, deffen Brust das Kreuz deS Töpfern schmückte, einen wohlthuenden Eindruck und wurde durch den mannhaften und festen Ton, mit welchem derselbe seine Angelegenheit in einer bescheidenen Weise an die Stufen deS Thrones brachte, augenscheinlich bewegt. Mit geübtem Blick erkannte er sogleich die rechte Arznei für das sehr verletzte Ehr und RechtSgesühl und gab deßhalb nicht bie Vertröstung auf eine Untersuchung der Sache, sondern den augenblicklichen Befehl zur Nieder­schlagung der verhängten Strafe, worauf er sich noch in einer freundlichen Weise mit dem alten Krieger unterhielt und demselben, als er ihn entließ, mit wahrhaft väterlichen Worten eine glückliche Heimkehr wünschte.

Ueber einen so glänzenden Erfolg der Reise im höchsten Gr-.de beglückt, trat der Schulze ungesäumt den Rückweg

linie Bukarest EiurgevS und jenes der eisernen Brücken um 3,453,274 FrcS. erleichtert; Im Jahre 1891 aber wird das Budget nur mehr mit 22,714,317 Frcs. für Annui­täten belastet fein.

Dentsche« Reich.

Berlin, 14. Sept. Der General-Feldmarschall Freiherr von Manteuffel hat sich bekanntlich von Warschau über Berlin nach Merseburg begeben, um sich bei S. M, dem Kaiser zu melden und ist am 9. d. von Merseburg fcirect nach Varzin, dem gegenwärtigen Ausenthalt deS Reichskanzlers, gereift. Wie nir aus guter Quelle ver­nehmen, war der Feldmarschall allerdings mit einer Mission von höchster Wichtigkeit betraut. ES handelte sich dämm die Aktion der drei Kabinete in der PazifikationSsrage zu erneuern, den Kaiser Alexander in seiner persönlichen und friedlichen Politik zu bestärken und die Wege zu einem Einverständniß mit England zu ebnen. Der Abgesandte de« Kaisers Wilhelm hat den Czar in einer Stimmung ange- trvffen, welche seinem Vorhaben außerordentlich günstig war und ist deßhalb seine Mission von einem vollständi­gen Erfolge begleitet gewesen. Der Mangel einer zu« verlässigen unb regelmäßigen kirchlichen Statistik wirb immer fühlbarer. Die konsesstonellen Blätter häufen ihre Klagen über bie angeblich verderblichen Wirkungen deS RetchS- CivilstandgefctzeS, indem sie vereinzelte Erfahrungen unb die pessimistische Auffassung gekränkter Pastoren weiter tragen Auf der anderen Seite werden amtliche Erhebun­gen mitgetheilt, welche ergeben, daß die kirchlichen Befürch­tungen übertrieben sind. Es ist thatsächlich festgkstellt, daß das statistische Verhältniß der kirchlichen Trauungen und Taufen zu den Akten der Standesämter nut in ver­einzelten Gemeinden ein sehr ungünstiges fein kann. ES mufe also die Wirkung dcS CioilstandSgesetzeS eine heilsame genannt werden, dafe es die bestehenden Schäden nicht verursacht, sondern bloßgelegt hat. Die Klrchenbehöroen wiffen nunmehr ober könne« es mindestens wissen, welche Orte hinsichtlich der Versorgung mit Pastoren eine beson­ders vorsichtige Behandlung verlangen. Die Klagen, welche von verschiedenen Seiten geäußert werden, sind geistige Armuthszeugaiffe für Gemeinden ober Geistliche, welche man nicht Ursache Hal, publik zu machen.

Erfurt, 10 Septbr. Gestern Vormittag begab sich Ihre Majestät bie Kaiserin Königin mit Allerhöchstihrern Gefolge unb der Oberpristdentin Frau v. Patow mittelst ErtrazugeS von Merseburg hierher. Die ganze Stadt hatte sich in ein festliches Gewand gekleidet unb brachte bet Kaiserin ihre Huldigungen in ächt patriotischer Weise dar. Simmtliche Häufet waren geschmückt; die JnnungiN, die Feuerwehr und die Schulen bildeten Spalier. Einen groß­artigen Anblick bot die Treppe zum hohen ehrwürdigen Dome, welche von weißgekleideten Mädchen bedeckt war, in deren Mitte hinaussteigend Ihre Majestät die Kaiserin das alte Gotteshaus besuchte. Vor dem RathhauS waten

an und eilte wie ein zwanzigjähriger Jüngling daher, um nur recht schnell den ©einigen die frohe Botschaft bringen zu können. Was aber ereignete sich in Schlcußenbutg, ehe er dort wieder anlangte.

Desselben Tages, an welchem bet königliche Befehl zur Niederschlagung der Strafe erfolgt, war, hatte der Gerichts- diener den gerichtlichen Befehl zur Auspfändung beim Schulzen in Schleußenburg erhalten und kam mit dem­selben dort natürlich eher an, als der Schulze. Diesen AuSpfändungSbesehl nun mit allen für die Schulzenfamilie möglichen Kränkungen auszuführen, wat das einzige Trachten des Rachsüchtigen. Er erzählte deßhalb im ganzen Dorfe von demselben, wodurch er für den noch nie dagewesenen Fall eine Menge Schaulustiger unb Neugieriger zu sam­meln beabsichtigte, um vor den Augen btt Menge den kränkenben Eindruck der Auspfändung recht zu erhöhen. Ein großer Menschenschwarm begleitete ihn vom Kruge au« nach dem Schulzenhause, um dort die Auspfändung zu sehen.

Die Schulzin befand sich eben vor der Thür, als die vielen Menschen sich ihrem Gehöfte naheteu. Der Ge­richtsdiener lief schnell aus sie zu, schwang ihr mit satani­schem Lächeln den Auspfändungsbefehl gletchsarn wie eine Siegesfahne entgegen, indem er sprach:Kraft dieses obrigkeitlichen Befehls habe ich im Schulzenhaufe eine Auspfändung zu vollziehen."

O Gott l" schrie die atme Frau bei diesen schrecklichen Worten,mein Mann ist ja nicht zu Häusel wa« soll ich ohne ihn anfangen?"

«Fortsetzung folgt.)