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Marburg, Sonntag, 9. Juli 1876.
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die Nachtragserklärung vom 3. Februar 1876 zur Pariser Münzconvention von 1865.
Nachdem die italienische Abgeordnetenkammer den Gesetzentwurf über die oberitalienischen Eisenbahnen erledigt hatte, ist derselbe am 29. Juni ebenfalls vom Senat mit 113 gegen 5 Stimmen angenommen worden.
Erhaltung des Friedens im Abendlande und Nichteinmischung in die Wirren auf der Balkanhalbinsel ist das französische Stichwort, das der Moniteur ausgegeben
Simultanschule) ist in Baden das Schulgesetz angenommen morden.
Oesterreich-Ungarn ist durch seine Lage und die Zusammensetzung seiner Bevölkerung derjenige Staat, der zunächst und zumeist bei dem orientalischen Kriegsdrama in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Die Zusammenkunft des Kaisers Franz Joseph mit dem Zaren unter Hinzuziehung ihrer beiden Minister der auswärtigen Angelegenheiten im Schloß Reichstadt hat daher für die Habs dorgijche Monarchie unmittelbar praktische Zwecke. Jndeß hat die ungarische Regierung nicht gezögert, die nöthigsten Maßregeln zum Schutze ihrer Gränzen und zur Niederhaltung der Zuzüge von Freischaren und Waffen anzuordnen, denn je lauter der Waffenlärm in Serbien wurde,
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Politische Woche» - Ueberficht.
Unser Kaiser hat seine Kur in EmS beendet und siedelte zunächst nach Koblenz über. Die Session des Landtages, hie letzte in der gegenwärtigen Legislaturperiode, ist am Freitag, 30. Juni, durch den Bicepräsidenten des Staats Ministeriums geschloffen worden, einfach mittels Verlesung der königlichen SchließungS-Ordre in einer gemeinsamen Sitzung beider Häuser, und auf dem Felde der inneren Politik Preußens ist damit die volle Sommerstille einge- zozen. Die meisten Minister haben die schwüle Hauptstadt /bereits mit Urlaub verlassen oder stehen im Begriffe, dies /zu thun. — In der bayerischen Abgeordnetenkammer ist dcm Jörg'schen Wahlgesctzentwurse begegnet, was Unzweifel- , haft vorauszusehen war; nachdem der erste Artikel nicht die erforderliche Zweidrittel Mehrheit erhalten, hat der Urheber selbst aus die weitere Durchberathung verzichtet. — Die Session des sächsischen Landtages ist auch am 30. Juni durch den König geschloffen worden, nachdem das Gesetz
befto höher stieg die Aufregung auch in der slawischen Be- iMdölkerung im Süden des Reichs.
Die schweizerische Bundesversammlung ratifieirte
über die Hoheitsrechte des Staates in Bezug auf die katholische Kirche in einer Compromißfassung zwischen beiden dreifach Häusern noch zu Stande gekommen war. Gleichfalls in Compromißfaffung zwischen beiden Häusern (in Betreff der
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hat und das von der Preffe, mit Ausnahme der ultramon tauen Kreise, mit Einmuth erhoben wird. Die Regierung hat das Mittelmeergeschwader von Toulon aus eine Rundfahrt an der Nordküste Afrikas entlang nach Smyrna antreten lassen; dasselbe wird, wenn nicht Unvorhergesehenes eintritt, dis Mitte September wieder in Toulon eintreffen. Die Bildung eines Comits's zu Werbungen und Waffen- sendungen nach dem Balkan wurde verboten. Die Clerikalen sind plötzlich wortscheu geworden, betreiben aber die „innere Mission" desto eifriger; die Bemühungen von Bittschriften an den Senat zur Verwerfung der Waddington'schen Gesetz- Vorlage werden mit der in solchen Dingen bewährten Rührigkeit vom CleruS, der „wie ein Regiment marschirt", fortgesetzt, und die Moffenwallfahrten nach LourdeS haben am 2. Juli unter der Führung des Cardinal-ErzbischofS von Paris und der Blüthe des EpiScopatS begonnen.
Die neue spanische Verfassung ist vom König unterzeichnet und bereits proelamirt worden.
In beiden Häusern des englischen Parlaments stand die türkische Frage wieder auf der Tagesordnung. Verhandlungen und amtliche Aeußerungen, welche über den Tag hinaus Werth hätten, sind nicht zu verzeichnen; in« dessen versprachen die Minister baldige Vorlage des diplomatischen Schriftwechsels, woraus dann die Herren Gemeinen und vielleicht noch mehr die Lords Gelegenheit nehmen werden, die mit Gedanken über die orientalische Frage schwer beladene Brust zu erleichtern.
Das russische Panzergeschwader der Ostsee sammelt sich morgen mit den übrigen Flottenabtheilungen auf der Rhede von Sweaborg. Jrn Mittelmeer befinden sich zur Zeit die Fregatte Svellana (vor Athen), die Corvette Aö- kold (vor Salonichi), die Corvette Ssokol vor Konstantinopel. Dazu kommt nun noch die Fregatte Petropaw- lowsk. Zur Verfügung der russischen Botschaft in Konstantinopel find noch vier kleinere Schiffe.
Serbien und Montenegro sind richtig zum Tanz angetreten, beide Vasallen haben ihren Suzerän den Fehde- Handschuh hingeworfen. Fürst Milan will König von Bosnien werden, weil nur er im Stande fei, dort Frieden und Ruhe zu schaffen. Fürst Nikita, der zu kurz zu kommen fürchtet, wenn der Serbe ein fo gewaltiger Herr wird, hat die Gelegenheit ebenfalls vom Zaum gebrochen und den Krieg erklärt. Am 2. Juli haben beide ihre H.erschaaren über die türkische Grenze rücken laffeu und vaS blutige Würfelspiel hat begonnen. Die Serben sind unter des Russen Tschernajew Führung südlich gegen Risch und unter Alimpits westlich über die Driua gegen Belina vorgedrungen. Nach ihren eigenen Feldbertchten sind sie entschieden siegreich gewesen, nach den türkischen Bulletins aber
zurückgeworfen worden. Der weitere Verlauf der Geschichte wird zeigen, auf weffen Seite die wirklichen Erfolge find.
Die rumänischen Kammern sind am 3. d. M. zu einer außerordentlichen Session zusammengetreten. Der Fürst wies in der Thronrede auf den in den Nachbarländern ausgebrochenen Brand hin und sprach die zuversichtliche Hoffnung ans, daß bei der verständigen Haltung der Volksvertretung das Land vor dem Unglück bewahrt bleiben und in seiner ihm durch den Pariser Vertrag gewährleisteten Neutralität friedfertig au seinem eigenen LebenS- glück zu arbeiten fortfahren werde.
Lage-bericht.
Der Telegraph wußte heute wenig Neues vom Kriegs- schauplatze zu berichten, sowohl Konstantinopel als Belgrad verhielten sich schweigsam. Hinsichtlich der etwas räthsel- haften Kämpfe bei Nisch bestätigt ein uns aus Semlin, der Hauptstadt Oesterreichisch-SlavonienS, welche Belgrad gegenüber an der Donau liegt, zugehendes Schreiben, daß ein eigentlicher Kampf zwischen den Hauptarmeen nicht stattgefunden hat. General Tschernajeff, dem von vornherein daran lag, in den Rücken des Feindes zu kommen und eine Verbindung mit Bulgarien herzustellen, machte mit einer Division einen Scheinangriff auf das befestigte türkische Lager. Während deffelben gelang es ihm, mit dem HauptkorpS eine Seitenschwenkung fzu machen. Die südostwärts gelegene Schanze Babina Glava wurde nach mehrstündigem Kampfe genommen und so konnte er die Straße nach Sofia besetzen — wodurch wahrscheinlich der schon ziemlich erloschene bulgarische Aufstand wieder angefacht werden dürfte. Die rürkische Armee im Lager von Nisch verhält sich mit Ausnahme der kleinen Abtheilung Osman Paschas, welche bis nach Saitschar vorgedrungen ist, ruhig, um die ihr zugehenden Verstärkungen aus Albanien re. zu erwarten. Es heißt, daß auch ägyptische Truppen dahin dirigirt werden sollen. Chesket Pascha soll übrigens kaum noch 25,000 Mann unter seinem Befehle haben, da in den letzten Monaten nach Osten und Westen Truppen gegen die Insurgenten abgegeben werden mußten. Das Vorschreiten der serbischen Truppen unter Tschernajeff zwischen den Ausstellungen der türkischen Armee bei Nisch und Novibasar und die Festsetzung der ersteren bei Akpa- lanka muß als ein sür die Türken bedenkliches Ergebniß betrachtet werden, weniger weil dadurch der rechte Flügel des stark befestigten Lagers von Nisch umgangen, als weil die Verbindung zwischen Nisch und Sofia, auf welchem Wege die Türken ihre Zufuhren beziehen, unterbrochen wird.
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Eine Badereise.
Humoreske von A. St
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Ja es war ganz anders, schon gegen den Schluß des Slaters hatte M. kein Wort mehr von Reisen gesprochen; dagegen waren alle seine Freunde nicht wenig überrascht, als er vor etwa vierzehn Tagen sich mit sehr kurzen Worten verabschiedete und dabei sagte: „mein langjähriges Vor haben, eine Badereise zu machen, gedenke ich morgen aus- juführen und ist eS meine Absicht, einige Tage in Franken und dann mehrere Wochen in Wiesbaden zu bleiben, «bt wohl bis wir uns Wiedersehen und zwar hoffentlich vergnügt und munter.*
Die Ueberraschrrng war groß, die M. mit diesen Worten I stmem Freundeskreise bereitete und hätte er nicht ein ganz "nsttS Gesicht dazu gemacht, es hätte es Niemand für «ruft gehalten, so aber mußte ihm Jeder die Hand reichen 336 ein herzliches Lebewohl mit glücklicher Reise wünschen. »Apropos, wann fährst Du?" fragte noch Einer." „Jeden- fallS 10 Uhr 50" war die Antwort. Noch ein „guten «benfc" und M. war zur Thüre draußen.
Am anderen Morgen geschah es, wie M. Abends vor- *2 Sffagt hatte. PräciS 10 Uhr war er auf dem Bahn- Hl^ und 50 Minuten später verließ er mit seiner schrnun- iw.w-j Aden Gattin Marburg, um erst nach 6 oder 8 Wochen 6? "Eeder zurückzukehren.
AAtU Fronhausm und Lollar waren bald überstandene Sta- 97*60 ?®8en# dagegen in Gießen war 10 Minuten Aufenthalt,
Sri ""sprechend zu benutzen M. für seine Schulvigkeit und ohne viel zu sagen, ging er in die Restauration, >nn sich an einem kühlen Schoppen zu laben.
Inzwischen war aber der Zug 9 von Frankfurt ein« fahren, wovon M. gar keine Ahnung hatte, und zwar 3 E erste Geleis. Als nun der Ruf des Portiers erschallte: »«insteigrn rc. rc.* eilte auch M. zur Thüre hinaus und
»rittet.
Juli.
ging den vor ihm stehenden Zug auf und ab, um das Coupö mit feiner Gattin zu suchen, das er aber nicht fand. Ein Schaffner redete ihm aber dringend zu: „mache Se und steige Se ei, met hawwe schon Verspätung I" „Ja ich suche nur meine graul" „Ei, die werd sich schon sinne, nur eigeftiege!" M. folgte dem Manne und nahm in einem Coups ohne seine Frau Platz. Kaurn saß er glücklich, so Pfiffs und dort ginge hin, aber nicht nach Frank- furt, sondern direkt wieder nach Marburg. Hätte M. nur einen Blick auf die Locomotive geworfen, bevor er einstieg, so hätte er ja sehen muffen, daß sie die Richtung nach Marburg hattet Aber er hatte eö ja nicht gethan, und war deßhalb nicht wenig erstaunt, als er mit einmal „Station Lollar l" vom Schaffner rufen hörte.
Jetzt wurde ihm der Jrrthum klar, der Schaffner wurde gerufen, dieser rief den BahnhosSvorstand, aber alles Par- lamentiren half nichts, und das Wörtchen „fertig" schnitt auch daffelbe von selbst ab. Dort ging der Zug wieder hin und mit ihm Freund M., direkt aus Marburg los. Der Schaffner hatte ihm nämlich gesagt: „Se thun am beßte, wann Se jetzt nach Marborg fahre, da telegraphire Se Ihrer Frau, daß L>e mit dem Zug 14 nachkäme." Wer nimmt in solcher Noth nicht gern guten Rath an? auch Freund M. lhal eö, denn präciö 12 Uhr 36 Minuten war er wieder in Marburg.
Nun war es eigentlich sein Wille, bis zum nächsten Zug auf dem Bahnhof zu bleiben, — aber siehe da, nach neuester Anordnung der Direktion werden ja die Warte- säle nach Abgang des betreffenden Zuges sofort geschlossen und et sann auch wirklich nicht lange hierüber nach, denn er stieg sofort in den Wagen deS „Ritter", kam er doch gerade rechtzeitig an zum Mittagstisch.
Auch dem Freund Schwaner fiel es auf, als M. aus dem Wagen stieg, der indeffen auf die verwunderte Anrede: „Nun, ich dachte Sie schon in Frankfurt l" die sehr bestimmte Antwort «hielt: „Ich hatte etwas vergessen,
das muß ich erst noch besorgen, und da will ich vorher doch erst ein Bischen essen." „Sehr angenehm, bitte, Platz zu nehmen,* war die Erwiderung.
Frau M. war, wie wir wiffen, glücklich auch von Gießen nach Frankfurt abgefahren, erst sah sie sich nach ihrem Gatten um, ober vergeblich — dann rief sie den Schaffner, der meinte, „der Herr wird wohl in ein falsches Coups gestiegen fein, will mal nachsehen." In Langgöns berichtete er aber: „der Herr ist nicht im Zug. Beruhigen Sie sich aber, er kommt sicher mit dem Lokalzug nach."
Frau M. ihat eS. Sie wartete am Bahnhof zu Frankfurt ben Lokalzug von Gießen ab, der auch PräciS 3 Uhr 54 Min. eintraf und recht viele Reifende mitbrachte, aber nicht den Ersehnten.
Jetzt war guter Rath theuer, und zwar um so theuerer, da tyr, IDlann gegen seine sonstige Gewohnheit die Reisekaffe führte und sie nur im Besitze noch weniger Thal« war. In ein Hotel zu gehen war ihr zweifelhaft, sie hatte ja gar keine Ahnung davon, was ihrem Gatten passtrt fein konnte. Und so ging sie nun in die Restauration Eysen und wollte hier noch den nächsten Zug abwarten, leid« hatte der aber eine Stunde Vetspälung und als sie das erfuhr, ließ sie ihr Gepäck nach Marburg wieder expedlreu, nahm auch ein Billet dahin und traf 9 Uhr 12 Min. daselbst wieder ein.
Genau nun zur selben Zelt als Frau M. in der größten Aufregung Frankfurt v«llcß, traf bet verspätete Zug von Marburg ein und mit ihm Herr M. Eine Droschke nehmen und in's Hotel Drexel fahren war seine erste Beschäftigung nach dem Ausrufe des Schaffners „Station Frankfurtl" Im Hotel Drexel wurde M. be- schieden, daß eine Frau M. noch nicht eingetroffen sei, auch das an fle gerichtete Telegramm deshalb nicht hatte abgegeben werden können. Da stand n nun wie der Ritt« von der traurigen Gestalt. „Ich will gleich noch einmal