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Marburg, Sonntag, 18. Jnni 1878.
XI. Z-htMg.
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ObcchcMk Zeitung.
Anzeigen nimmt entgegen: die E^rditton d. Blatte« sowie die Annoncen-Bureaux von ®. L. Daube & Co. in Frankfutt a. M.: Jäger'schr Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A. Stete» meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
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PEsche Wüchrn-Urberficht.
Unser Kaiser ist am Mittwoch im besten Wohlsein in 8mS etngelroffen und vom Kaiser Alexander auf dem bor jjgen Bahnhofe auf das herzlichste begrüßt worden. Beide -aiser werden, wie eS von Anfang an beabsichtigt war, noch einige Tage dort zusammen verweilen. Fürst BiSmarck hat ßch Mittwoch früh zur Kur nach Kisstngen begeben. Augen blicklich hat hinsichtlich der orientalischen Frage in Deutschland wie überall die friedliche Auffassung sich mehr und mehr verbreitet und befestigt. DaS deutsche Panzergeschwader ist an Algier vorbetgedampst. Verhandlungen mit der spanischen Regierung über Beschwerden deutscher HandelS- Häuser auf Cuba wegen vertragswidriger Heranziehung zu jkriegS>Contributionen haben erreicht, daß die spanische Negierung die Verhängung executivischer Beitreibungen solcher Auflagen von Deutschen einzustcllen verordnet hat. Im preußischen Herrenhause haben die StädteordnungS - Commission und die Competenzgesetz Commission ihre drängenden Arbeiten wieder ausgenommen. Der CultuSminister Dr. Falk ist vom König mit seinem zweithöchsten Orden, dem Rothen Adlerorden erster Elaste, ausgezeichnet worden, mohl ein neues erfreuliches Zeichen, daß alle Ausstreuungen der mißvergnügten Clerikalea beider Confessionen, als ob die Stellung deS Ministers gefährdet sei, auf grundlosen Erfindungen beruhen.
In der habsburgischen Monarchie herrscht tiefe politische Stille. Die Mehrzahl der Minister ist aus Urlaub; «ndrasty bezog am 10. Juni das ihm vom Kaiser für den Sommer zur Verfügung gestellte Stöckel in Schönbrunn, damit er stets in der Nähe sei, wenn im Orient eine unverhoffte Wendung erfolgen sollte.
Der schweizerische Ständerath hat dem Nieder- lastungsvertrage mit Deutschland die Ratifikation ertheilt. Der Nationalrath hat das Fabrikarbeitergesetz in täglichen Sitzungen und unter lebhaften Debatten gefördert. Am Montag hat er die Tagesarbeit in den Fabriken mit 89 gegen 17 Stimmen auf 11 Stunden festgestellt.
Der abgeänderte Baseler Vertrag, welcher der italie- «Ischen Regierung einen Vorthcil von 12 Millionen Lire gegen die ursprünglichen Vereinbarungen gewährt, harrt der Genehmigung durch die Kammer. Das Parlament, welches augenblicklich noch mit der Berathung des von DepretiS übernommenen Minghetti'schen Budgets beschäftigt ist, soll im September geschloffen werden; die Neuwahlen stnd einstweilen auf den Oktober festgesetzt worden.
Der französische Minister des Auswärtigen ent- tvickelte auf Befragen im BudgetauSschuffe der Deputirten- kammer, daß dn Verlauf der Dinge im Orient eine weitere Entfaltung von Streitkräften zur See nicht erheische; die Integrität des osmanischen Reiches und die Erzielung eines
verbcfferten Status quo in den unruhigen Provinzen werde von allen Mächten einhellig als Ziel erstrebt, dem auch Frankreich nachtrachte; wenn auch über die Mittel zur Erreichung dieses Zieles verschiedene Meinungen geherrscht, so sei man doch stets im Kern der Sache einig gewesen. Die Freunde des alten Thiers hatten Decazes stark im Verdacht, er habe sich zu weit mit Rußland eingelaffen, während doch gerade Frankreich seine Zeit abwarten müffe. ES geschieht jedoch jetzt Alles von Seiten der Minister und der Deputirtenkammer, um Conflikte zu vermeiden und es zu keiner Cabinetskrisis kommen zu lasten, weil eine solche nur den reaktionären Spekulanten in Staat und Kirche zu Nutze käme.
Der spa nische Senat berathschlagt noch immer über die streitigen Verfastungspunkte und die Sonderrechtsvorlage, während die zweite Kammer mit dem Budget beschäftigt ist. Die Carlisten schauen lüstern auf die Wühlereien der Reaktionäre und Radikalen und hoffen, daß der sich sammelnde Stoff der Unzufriedenheit zum Ausbruch kommen werde. Don Carlos ist inzwischen nicht, wie man v elleicht nicht ohne Absicht glauben machen wollte, in Mexiko eingetroffen, sondern soll ruhig in Frankreich verweilen.
Nach Ablauf der Pfingstferien hat daS englische Unterhaus seine Thätigkeit am 8. d. Mts. wieder ausgenommen. Das parlamentarische Ereigniß der Woche war die Erklärung deS Premier - Ministers DiSraelt über die orientalische Frage; eine Mittheilung, durch welche die in England sehr gestörten Friedenshoffnungen eine große Stärkung erfuhren.
In Belgien, wo am 13. die versastungSmäßige Neuwahl von 63 Mitgliedern der Rcpräsentanten-Kammer Statt fanden, ergab sich für die clericale Partei ein günstiger Ausfall, doch ist das Berhältniß der Kammer nicht geändert: die bestehende clericale Majorität bleibt dieselbe. In Folge der durch diesen Erfolg hervorgerufenen großen Aufregung haben am Abend deS Wahltages in Brüste!, Antwerpen, Gent, Lüttich und Dirton Volksaufläufe Statt gefunden, so daß an den beiden erstgenannten Orten die Bürgcrwehr einschrciten mußte. Die Unordnungen haben sich jedoch auf Geschrei, einige Prügeleien und einiges Fenstereinwerfen beschränkt und weiter keine ernste Bedeutung gehabt.
Während die Kaiser von Deutschland und Rußland sich in Ems aus's herzlichste begrüßten, sind die diplomatischen Vertreter Rußlands in Serbien und Montenegro angewiesen worden, in friedlichem Sinne zu wirken, freilich mit dem Hinweise darauf, daß Rußland im Verein mit den übrigen Mächten die Ausführung der türkischen Reformen zum Schutze der Südslawen überwachen werde.
Die neue türkische Regierung beeilt sich außerordentlich mit ihren Reformen. Mehemed Ruschdi, der Groß-
vezir, ist mit der Ausarbeitung deS in feinen Grundzügen bekannten Regierungsprogramms, Midhat mit dem Entwürfe zur Bildung eines Nationalraths beschäftigt, der in- desten sürS Erste nur eine berathende Behörde in Finanzfragen bleiben soll. Die Gouverneure der Provinzen haben durchweg neue Verwaltungsmaßregeln erhalten, und eine allgemeine Begnadigung soll den Aufständischen den Rück- kchr in ihre Heimath ermöglichen. Bisher haben indesten nur Wenige von diesen Zugeständnisten Gebrauch gemacht; in der Herzegowina fanden sogar wieder einige kleinere Gefechte Statt. Eine neueste Depesche auS Konstantinopel meldet die Ermordung des Kriegsministers, des Minister« des Auswärtigen, sowie die schwere Verwundung des Marine- Ministers. Der Mord wird als ein Act der Rache angesehen.
Lage-bertcht.
Der „ReichS-Anz." publicirt das Gesetz betreffend die Uebertragung des Eigenthumsrechts rc. deS Staates an den Eisenbahnen aus das Reich.
Die alte osmanische Grausamkeit, welche in den letzten Jahrzehnten durch europäische Einflüste gemildert zu sein schien, ist mit einem Male in voller erschreckender Stärke erwacht. Eine Schreckensnachricht folgt der anderen und macht alle noch so schüchternen Hoffnungen auf eine Beffe- rung der trostlosen türkischen Zustände zu Nichte. Vor kaum vierzehn Tagen überraschte der sogenannte Selbstmord de» vertriebenen Sultans die mit neuen Pacification«- versuchen beschäftigten Mächte. Sodann verbreitete sich die Kunde, daß außer Abdul Aziz auch deffen Mutter und ältester Sohn vom Leben zum Tode gebracht worden seien — eine Nachricht, welche zwar türkischerseits dementirt worden ist, allem Anscheine nach aber trotzdem nicht mehr bezweifelt werden kann. Dem folgt nun die Schreckenskunde , daß die Anstifter des gewaltsamen Thronwechsels mit Ausnahme Midhat Pascha's sämmtlich ermordet oder verwundet worden sind. Huffein Avni und Raschid Pascha sind ermordet, Kaiserli ist verwundet und nur Midhat Pascha ist durch einen offenbaren Zufall demselben Schicksal entgangen, — das ihn aber sicherlich noch unrettbar in kürzester Frist erreichen wird. An Reformen unter solchen Umstände» kann und wird nun wohl Niemand mehr denken.
Mehrere Häupter der Insurgenten in Bosnien und der Herzegowina haben, wie französische Blätter berichten, dem Don Alfonso, Bruder des Don Carlo«, den Thron de« nach ihrem Wunsche herzustellenden felbstständigen FürstenthumS angeboten. Don Alfonso hat indessen den
DaS Kreuz am Wege.
Novelle von Ernst v. Waldow.
(Fottsetznng.)
Seitdem waren Tage und Wochen vergangen, und sie hatten keine Kunde gebracht von den Verlorenen. Man befand sich im Anfang deS Februar und der Winter, »elcher zuletzt noch mit großer Strenge aufgetreten war, schien überwunden zu fein, denn die anhaltende Kälte schlug plötzlich in ein warmes Frühlingswetter um.
DaS war besonders den Jägern lieb, die noch die letzten Tage vor dem Schluffe der großen Jagd benutzen wollten, um ihren Frauen, die ohnedem genug zankten über das kostspielige Vergnügen, noch geschwind einige Hasen und, nenn das Glück günstig war, auch vielleicht ein Reh in die Küche zu liefern.
Die Meisten waren schon zeitig ausgerückt; der dicke Bürgermeister, den seine Geschäfte abgehalten hatten, die Freunde zu begleiten, fuhr jetzt mit einem Gaste aus der Stadt in seinem offenen Wagen luftig und guter Dinge nach.
AIS er jedoch an Werners Haus kam, ward seine hei- tere Miene unwillkürlich trübe; da saß der alte Mann am Fenster und blickte starren AugeS vor sich hin, und schien boch Niemand und Nicht« zu sehen, selbst nicht die goldenen Eonnenftrahlen, die den Schnee von den Dächern thauen »achten und sich so blitzend in den großen Wasserlachen des ausgetretenen Rinnsteines spiegelten.
Der Bürgermeister gebot dem Kutscher langsam zu sahren, und machte eine einladende Handbewegung zu dem Müller hin, auf den leeren Sitz im Wagen deutend. Doch ferner, der jetzt den Kopf erhob, schüttelte denselben gar traurig und trat dann vom Fenster fort, al« wollte er dicht- mehr sehen von der Welt da draußen, nachdem die
Welt zerstört war, welche er sich und den Seinen mit seinem starken Willen hatte gerade so und nicht anders gestalten wollen.
Er war heute besonder« trübe gestimmt: der Sebastian, der einzige Mensch, mit welchem er von dem verlorenen Kinde sprechen konnte und wollte, da der gleiche Schmerz Beide inniger denn je vereint, war in die Stadt gefahren, um Nachforschungen anzustellen nach den beiden Vermißten; denn daß ihr Verdacht begründet war und Margarethe freiwillig oder gezwungen mit Friedrich Waltran geflohen sei, das wußte man längst mit Bestimmtheit, dafür sprach nur zu klar das gleichzeitige Verschwinden Waltran's, den die atme Julie in ihrem düsteren Stübchen in der Stadt betrauerte, wie einen Tobten — war er doch für sie gestorben, ob er auch lebte mit Margarethe — das fühlte sie mit tiefem Weh.
Heute früh hatte man einen Brief von dem Agenten aus der Stadt erhalten, den man mit dieser Sache betraut, de« Inhaltes: daß er Grund habe zu glauben eine Spur der beiden Flüchtlinge entdeckt zu haben.
Sebastian hatte den alten Mann, her allein schon durch die Aufregung, welche diese Nacht in ihm erzeugte sich nach einigen, inzwischen verflossenen Stunden sehr angegriffen fühlte, gebeten, statt seiner fahren zu dürfen, und versprochen, sobald al« möglich mit der ersehnten Kunde zurück zu sein.
Werner war auch mit seltener Nachgiebigkeit darauf eingegangen und hatte dem jungen Manne noch am Wagen stehend jgefagt, nachdem Sebastian ihn dringend gebeten, keine zu sichere Hoffnung auf die zweifelhafte Aussage einiger Fremden zu bauen: daß er weit entfernt, zu hoffen, im Gegentheil fest überzeugt fei, daß Margarethe tobt unb ihre Leiche auf dem kalten Grunde eines Fluffes ruhe; „denn,* hatte er hinzugefügt, „um ein leichtfertig Leben
zu führen mit dem unseligen Menschen, hält' sie den an* gebauten Mann und ihren alten Vater nicht verlassen — daraus kenn' ich -sie, dazu war sie ein zu gutes Kindl"
Mit einem tiefen Seufzer hatte der Müller feine Rede geschloffen und trotzdem er eö so bestimmt ausgesprochen, daß er keine Hoffnung mehr habe, Margarethe noch unter den Lebenden zu wiffen, ging er doch nicht fort von dem Fenster, von welchem er den Wagen mit dem Sebastian zuerst und schon von weitem sehen konnte.
Aber der Ersehnte blieb lange au« und es begann schon zu dämmern, da sah er den Pfarrer auf das Hau« zukommen und eintreten; er erhob sich, trotzdem ihm der Besuch in der Unruhe der Erwartung gerade jetzt nicht lieb war, um den geistlichen Herrn, wie e« sich gebührte, entgegen zu gehen.
Der sah ihn an mit einem sonderbaren Blick, der ihm durch hie Seele ging und darin die unklare Befürchtung irgend eines Unglücks erweckte, und fragte bann, nach der Begrüßung, ob noch keine Kunde von der Verlorenen da sei, und fügte auf Werner'« verneinende Antwort hinzu, daß bann die Hoffnung, sie am Leben zu wiffen, freilich immer geringer werde.
Daö zuckte dem Müller wieder durch alle Glieder und obgleich er selbst erst ganz dasselbe geglaubt und ausgesprochen, erzählte er doch jetzt mit überzeugender Beredt sawkeit dem Pfarrer, daß er nun sichere Spur habe und daß ber Sebastian in die Stadt gefahren fei, weiter zu forschen, und derselbe jetzt bald zurückkehren würde.
Der Geistliche aber schüttelte wie oerneinb fein graue« Haupt, und die Hand Werner« ergreifend, sprach er ernst:
„Sie sind ja ein Mann, Werner, der schon so manchen Schicksalsschlag ertragen hat, wie ein gläubiger Christ, der ba weiß, daß der Herr die liebt, so er züchtigt. Sie «erden auch jetzt nicht klelnmüthig verzagen ober in trotzigem