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Sr. 18«.

Marburg, Sonntag, 11. Juni 1876.

XI. Mrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: Mt Expedition d. Blatte», sowie die Annoucen-Bureaux gon Th. Dietrich & Co. in Mel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a- M-; tzaasenstein & Vogler in Santfurt a. M-, Berlin, Leip- jtg, Köln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

Anzeigen nimmt entgegen: die @xpeMtion d. Blatte» sowie die Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schuß­ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlluftrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buch drucke reis bezogen 25t Mark, durch die Postämier des Deutschen Reiches 2,Mark 50 Pfg. (eil. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreflen werden 25 Pfg. berechnet.

Politische Wachrn-Uebersicht.

Unser Kaiser hak seine auf Mittwoch Abend anberaumt gewesene Abreise nach EmS vertagt, und Fürst Bismarck ist am Sonntag, wie eS heißt, in Folge eines ausgesprochenen Wunsches des Kaisers, von Friedrichsruhe nach Berlin zurückgekehrt und hat noch selbigen Abend mit dem Kaiser eine Besprechung gehabt. Man vermuthet den Grund in der Lage der orientalischen Frage. In Folge des türkischen Thronwechsels wird die Gortschokcw'sche Denkschrift vom 13. Mai nicht noch mehr ohne Weiteres anwendbar ge­sunden, und auch rujstscherseilS soll geleugnet werden, daß dieselbe durch Vereinbarung von Modificationen der durch den türkischen Thronwechsel geschaffenen neuen Lage wird augepaßt werden müssen. Inzwischen nähern sich die euro­päischen Kriegsgeschwader ihrem Rendezvous im Mittelmeer. Das deutsche Panzergeschwader ist am Sonntag (4. Juni) bis Gibraltar gelangt, und am Freitag (2. Juni) feierte die gleichfalls sich in das Mittelmeer sich begebende russische Panzersregatte Petropawlosk in Kiel den Geburtstag ihres Großfürsten Admirals. Der Reichs- und Staats-Anzeiger publicirte amtlich die Ernennung d«S neuen Reichskanzler, amts-Präsidenten Hofmann und des Staatssekretärs des auswärtigen Amts v. Bülow zu preußischen Staatsministern. Bon Schloß Berg aus hat König Ludwig dem Minister v. Pfeuser zu dessen am 31. Mai begangenen Doppel­seier feiner silbernen Hochzeit und seines Amtsjubiläums telegraphisch einen warmen Glückwunsch mit der Versicherung seine« vollsten Vertrauens zugehen laffen. Der eben ver­sammelte Landesausschuß von Elsaß - Lothringen hat die Vorlage in Betreff der zu schaffenden Zulässigkeit des Er- laffes von Reichslandesgesetzen durch den BundeSrath mit Zustimmung des LandeSauSfchusie« auch ohne Mitwirkung des Reichstages einmüthig mit Genugthuung begrüßt und von derselben Anlaß zu einem besonderen Vertrauensvotum für den Oberpräsidenten v. Möller genommen.

Die Verhandlungen der Delegirten in P e st sind pünkt­lich am Tage vor Pfingsten geschlossen worden, nachdem das KriezSbudget genau so wie im gemeinsamen Minister- rathe festgestellt wurde, angenommen worden war. In Betreff der auswärtigen Politik versicherte Andraffy wieder­holt, daß Oesterreich nicht im entferntesten OccupationS- gedanken hege; die reactionäre Kriegöpartei, die am Hofe fester al» je steht, hat diese Zusicherung Andraffy'S aber noch keineswegs unterschrieben.

Am Montag ist dir Sommersesflon der beiden eidge­nössischen Räche der BundeS-Versammlung eröffnet worden.

Die Verhandlungen Correnli's mit dem Hause Roth schild in Paris haben zu einem Ergebniß geführt, welches der italienischen Regierung einen Vortheil von etwa 26 Millionen Lire gegen die Baseler Abmachungen gewährt, und außerdem sestsetzt, daß die Oesterreichische Südbahn noch zwei Jahre lang den Betrieb der italienischen Linien «eitersühren soll

Die f r a n z ö s i s ch e n Kammern hatten zwar keine eigent­lichen Pfingstferien gemacht, eS wurde aber gründlich dafür gesorgt, daß keine Ueberarbeitung oder Ueberstürzung ge­schah. Die Deputirten begannen am 1. Juni die 93er- Handlungen über den Waddington'schen Gesetzentwurf wegen Verleihung der Universitätsgrade mit einer Mattigkeit, als herrsche Hundstagshitze; die dabei gehaltenen Reden waren durchweg inhaltslos, die Amendements wurden der Reihe nach verworfen, der Uebergang zur Berathung der einzelnen Artikel ward mit großer Mehrheit beschlossen, die Annahme deS Gesetzes galt von Anfang an für so gut wie gewiß, aber daS Haus gelangte erst am 7. d. M. zu diesem Er gebnisse, welches mit 388 gegen 128 Stimmen erfolgte. Der Kriegsminister legte am 1. d. einen Gesetzentwurf vor, in welchem 260 Millionen für die Fortsetzung des Um­baues deS Gränzsestungen und für Anschaffung von Kriegs­material verlangt wird. Das Verlangen nach weitern 260 Millionen zu den vielen seit 1872 für die Neugestaltung des Kriegsmaterials und der Festungsbauten verwandten Millionen konnte nicht überraschen, eS fiel aber auf, weil es gerade an einem Tage geschah, wo Aller Augen auf den Orient gerichtet waren und über die Haltung des aus­wärtigen Amtes sehr getheilte Urtheile laut wurden.

Der von der zweiten Kammer genehmigte spanische VerfaffungSentwurs unterliegt jetzt der Berathung im Senate. Die Vorlage über die baskischen Sonderrechte geht wei er, als man früher annahm, indem sie außer dem Steuer- und Aushebungswesen auch die Gemeinde - Verfassung umge stallen will.

DaS englische Parlament hat in dieser Woche Pfingst- ruhe gehalten. DaS Unterhaus trat Donnerstags, das Oberhaus aber wird erst am nächsten Dienstag wieder zu­sammen treten. Die Regierung wird über die orientalische Frage und die dermalige Lage der Dinge sich vielleicht dann deutlicher auslaffeu dürfen, als sie eS vor Beginn der Ferien vermochte. Nur das Eine hat DiSraeli schon am 1. Juni im Hause der Gemeinen laut betont, daß die Ehre Eng­lands es erheische, an den zur Ausrechthaltung deS Welt­friedens erforderlichen Thaten einen Hauptantheil zu haben. Der inzwischen erfolgte Tod des abgesetzten Sultans Abdul Aziz hat die Lage wesentlich vereinfacht, und das Schwer­gewicht hat sich nun in die Frage gelegt, wessen man sich von der Regierung Murad'ö V. in Betreff durchgreifender Reformen zu versehen haben wird. In den Arsenalen und Werften herrscht die größte Rührigkeit. Die Flotte ist vollständig gerüstet; in allerkürzester Zeit können 38 Lreit- seitschiffe, 14 Thurmschiffe und ein Widderschtff mit zu­sammen 625 der schwersten Geschütze in See gehe».

Die Mutter des schwedischen Königs, verwittwete Königin Josephine, geborene Prinzessin von Leuchtenberg, ist am 7. Juni verschieden.

Rußland ist nicht minder eifrig wie die übrigen Mächte bemüht, seine Flotte in Stand zu fetzen, und der General-Admiral Großsürst Konstantin ermahnte persönlich in Kronstadt zur höchsten Beschleunigung aller Arbeiten.

Griechenland soll in Berlin 100,000 Chafsipot- Gewehre angekauft haben und zu deren Bezahlung so wie zu sonstigen Rüstungen eine Anleihe abzuschließen beabsich­tigen. ES fehlt indeffen die Bestätigung dieser Angabe.

Nur um wenige Tage hat Abdul Aziz den Verlust seiner Herrscherwüste überlebt. Nach den amtlichen Ver­öffentlichungen der neuen Regierung hätte er sich am 4. d. in einem Kiosk des allen Serails, der ihm nebst seinen Frauen nach der Thronentsetzung zum Aufenthalt angewiesen worden war, in einem Anfall von Wahnsinn mit einer Schere die Pulsadern geöffnet, was die gtegierung sich durch den Untersuchungsbericht von 19 Aerzten beglaubigen läßt. Ist dem so, so hat Abdul Aziz unwillkürlich die Ueber- lieferungen jener altosmanischen Staatskunst erfüllt, deren brutale Consequenz es nicht verschmähte, entthronten Fürsten mit dem Leben auch den letzten Rest von Gefährlichkeit zu nehmen. Ueber den vielbesprochenen großherrlichen Schatz verlautet nur, daß für 8,000,000 L. ConsolS darin ge­funden wurden, die das Finanz - Ministerium übernahm. Murad V. hat durch die Vertreter der Türkei im AuSlaude officiell um die Anerkennung der Mächte ersuchen laffen. Die Ueberreichung der Gortschakow'schen Note ist durch den Thronwechsel auf unbestimmte Zeit vertagt worden. Inzwischen hat die Pforte es vorgezogen ohne Unterhändler mit den Aufständischen in Verbindung zu treten, und es ist ein Vertrag zu Stande gekommen, wonach den Auf­ständischen durch einen sechswöchentlichen Waffenstillstand die Gelegenheit gegeben werden soll, ihre Klagen und For­derungen auseinander zu setzen.

Ans Serbien lauten die jüngsten Nachrichten fried­licher, obwohl das Heer in voller Kriegsbereitschaft fein soll. Die Nachricht von einem rumänisch serbisch griechischen Bündniß wurde sofort entschieden in Abrede gestellt; aber auch, daß Montenegro ein serbisches Bündniß zurückge- wiesen und Serbien, darüber beleidigt, eine Anerkennungs- Adresse an den Sultan gerichtet habe, klingt nicht wahr, scheinlich. Die Vertreter von Oesterreich und Deutschland haben gegen die von der Regierung verfügte Vertagung aller Zahlungen Einsprache erhoben.

Lage-bertcht.

DieNordd. Allg. Zeitung" beschäftigt sich in ihrem heutige» Leitartikel mit der Ernennung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amts und des Präsidenten des Reichs- kanzleramtS zu preußischen StaalSministern und Mitgliedern des Staatsministeriums. Die Auseinandersetzungen deS Blattes sind sowohl vom preußischen als vom deutschen Standpunkte aus sehr beachtenswerth, weil daraus erhellt, daß mit dieser Ernennung zugleich der erste Schritt zur Bildung eine« Reichsministeriums gethan zu sein scheint. An maßgebender Stelle geht man danach von dem Ge­sichtspunkte aus, daß das zu bildende Reichsministerium mit dem preußischen in Eins zusammenfließen müffe. DaS Blatt knüpft an die schon öfters laut gewordene Forderung

DaS Kreuz am Wege.

Novelle von Ernst v. Waldow.

(Fottfetzung.)

Sie versuchte zu lächeln.Ich bin eingeschlafen, Friedrich, ich hatte mit dem Abendbrod gewarttt, weil ich nicht dachte, daß Du so spät"

So spät? so ist'« Dir zu spät? Er lachte spöttisch. »Ich sollte meinen, Du hättest mich nun nachgerade kennen gelernt, um zu wissen, daß ich keine Anlagen zum Pan­toffelhelden habe und die Gardinenpredigten nicht liebe, selbst wenn sie eine nun das ist einerlei.

Sie faßte sich gewaltsam und sprach, die Thränen unter drückend, die ihr unwillkürlich ins Auge stiegen:

Aber mein Gott, wer denkt denn daran: Ich wollte Dir ja teilten Vorwurf machen wann hätte ich das auch gethan? Ich blieb auf, um mit Dir zu effen, und weil ich ein wenig neugierig war, zu erfahren, ob Du den Zimmermeister zu Haufe getroffen und er Dir die Arbeit gegeben.

Nein, entgegnete Friedrich Waltran (denn er war es) finster,Deine Empfehlung hatte bei Deinem Herrn Pathen just die entgegengesetzte Wirkung, und er warf einen dunklen Blick zu der Frau hinüber, die j.tzt ihre Thränen nicht mehr zurückhielt.

Ach, und ich hatte so fest darauf gebaut!" sprach sie leise wie vor sich hin.

Fürchte Dich nicht, entgegnete er kalt,Du und das Kind, Ihr werdet darum nicht Roth leiden.

Sie fuhr zusammen.Als ob e» nur das wäre! sprach fit schmerzlich.

Er zuckte die Achseln und entgegnete bitter:Nun, der Unterhalt, und sei eS für ein noch so elendes Leben, macht Müh' und Sorgen genug; von den Romanideen und schönen Gefühlen wird man nicht satt, und noch weiß ich es selbst nicht, wo ich wieder Geld herschaffen werde.

Du hast kein Geld mehr? fragte sie unwillkürlich erschrocken; doch sie bereute ihre Worte augenblicklich, als Friedrich, der in dem Zimmer auf und ab geschritten war, vor ihr stehen blieb und düster sagte:Nein, ich habe kein Geld mehr, ich habe eS vertrunken und verspielt und bin darnach einige Stunden auf der dunklen Promenade umhergelaufen und habe mich mit dem Kopfe an die Bäume gestoßen, daß der Schneeplatz von den kahlen Aest.n ge­fallen ist und das Alles in der eitlen Hoffnung, ich würde in der Besoffenheit in den Fluß stürzen weil ich nüchtern zu feige bin, dem Eiend*

Er vollendete nicht, die Hände vor 6aS bleiche Gesicht schlagend, warf et sich in den Lehnstuhl am Tische und brach in ein convulstvischeS Schluchzen aus.

Der Angstschrei der Frau, die zu seinen Füßen liegend seine Knie umschlang und weinend seinen Namen tief, die Stimme des erwachten Kindes sie vermochten nicht, ihn der verzweiflungsvollen Stimmung zu entreißen, in welcher et sich dem wildesten Schmerze, der bittersten Reue hingab, sie vermochten nicht ein Bild zu verlöschen in seiner Seele, das mit brennenden Farben dort eingegraben war, das Bild deS Mädchens, welches er allein geliebt, und das er verrathen' in dem flüchtigen Taumel einer sinnlichen Leidenschaft.

Und darum haßte er jetzt auch säst die Genossin seiner

Sünde, daS gebrochene, elende Weib, das wie die Ehebre­cherin der Schrift den Staub des Bodens mit ihrem langen, gelösten Haar trocknete.

Mit einem kühlen Trostworte, das eine Beruhigung und ein Versprechen enthalten sollte doch nichts war als eine leere Redensart, erhob sich Friedrich endlich mit wankenden Knieen, ergriff, das Licht und ging in die Kammer nebenan, deren Thür er hinter sich verschloß.

Die Frau sah ihm lange nach, dann preßte sie das weiße Tuch, welches er in den Händen gehalten und das noch von seinen Thränen naß war, an ihre feuchten Augen und heißen Lippen, und die brennende Stirn auf die ge­fallenen Hände legend, murm.lte sie leise:

Das ist die Strafe für meine Schuld, ich will nicht klagen, mein Gott, ich hab' es nicht anders verdient und ach, ich liebe ihn ja so sehr!

(Fortsetzung folgt.)

Die Kirchenmaus.*)

Ein Gewitter hat die duftschwüle Sommernacht durch­tobt, der Donner verrollt schon im vielstimmigen Echo an den Felshängen, kein BlitzeSleuchten zuckt mehr durch den Himmel und der Sturmwind zerflattert die letzten Regen- schleier gegen das Gestein des Abgrundes. Im Thale unten und auch im Walde, der den steilen Berg empor- grünt, ist nächtlich düster, während im Osten der erste Strahl der Morgensonne am Nachthimmel heraufdämmert.

*) Aus den »Typen aus dem österreichischen Klerus, von Julius Pederzani in der »Fr. Z.