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Sir. 183.

Marburg, Sonnabend, 10. Juni 1876.

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LageSbrricht.

Waren die Blicke der gcsammten politischen Welt seit Wochen insbesondere aber seit Beginn dieses Monats fas ausschließlich nach Konstantinopel gerichtet, so nahmen die heute an« England eingetroffenen Nachrichten an Wichtig leit den ersten Rang ein und scheinen das Vereinigte Königreich in die nicht gerade beneidenSwerthe Lage zu bringen, der Motor der europäischen Politik zu sein. Nach einer Meldung derTimes" hätten alle Pensionäre der Marine unter 55 Jahren den Befehl erhalten, sich bereit zu halten, wieder aktiven Dienst zu thun. Denjenigen Marincpensionären, welche daS 45. Lebensjahr noch nicht erreicht haben, soll zugleich die Erlaubniß crthcilt worden sein, in der Reserve zu dienen. AlS Ergänzung zu dieser auffallenden Maßregel enthalten die Londoner Blätter den Hinweis, daß sich sechs englische Panzerschiffe bereits in der Bcsikabai b,finden, ein siebentes aber bei Salonichi derbleiben soll. Das britische Kanalgeschwadcr, 6 Schiffe mit 89 Geschützen bleibt einstweilen abwartend dienstbereit in Gibraltar, wohin schon 7000 Gentner Munition abge- gangen sind. Die Nachricht, daß ein spanisches Geschwader nach dem Archipel abgehn, um die englische Flotte zu unterstützen, ist durch die spanische Gesandtschaft in Wien dementirt worden.

Kaum sind wenige Tage nach der bedeutsamen Um< wilzung in Konstantinopel verfloffen, so zeigt sich auch schon, daß an eine wirkliche Reform der beklagenswerthen Zustände nicht zu denken ist und von den leitenden Per jenen auch niemals daran gedacht worden ist. Das am 30. Mai eingesetzte Kabinet ist nach Konstantinopeler Be­richten schon wieder im Schwanken. Der letzte Großvezier dtö vertriebenen Sultans, Mehemed Rufchdi Pascha, welcher sich nur mit Widerstreben den Verschwörern anschloß und nur ein Werkzeug in dm Händen der Leiter war, kann schon heute als beseitigt gelten. An seine Stelle soll Midhat Pascha treten; auch ist es beschlossene Sache, sämmtliche Minister ohne Portefeuille zu entfernen. Mehemed Rufchdi Pascha soll Präsident deö StaatsralhS werden. Auch die finanziellen. Zustände deS Landes sind trauriger als jemals. Nachdem vom Ministerralhe die Unifikation der gejammten Staatsschuld als unausführbar abgewtesen wurde, ist von irgend einem Projekte zur Besserung der oftoma« »ischen Finanzen nicht im Geringsten mehr die Rede. DaS Finanzministerium verhält sich vollkommen unthäiig und W die Dinge mit orientalischer Fatalität gehen, wie sie »ollen. Bekanntlich verkündete der neue Sultan, daß er den im kaiserlichen Palaste vorhandenen Baarschatz dem Ministerium zur Dersügung stelle. In der bezüglichen Proklamation wurde derselbe auf 30 Millionen Pfund tür­

kisch geschätzt, wie alle Voraussetzungen von derselben Seite, erwies sich auch diese Angabe falsch. Man fand eben nur 8 Millionen Pfund in den so tief stehenden Papieren des Landes vor und alle daran geknüpften Hoffnungen erwiesen sich als eitel.

Der türkische Kriegsminister hat, Mittheilungen aus Athen zufolge allen Valis (Generalgouverneuren) des Reiches die Verfügung zugehen lassen, daß sie die Hidajcs (Reser­visten 2. Kl.) davon benachrichtigen, sich bereit zu halten, binnen 30 Tagen unter die Waffen einberufen zu werden. Die Summe dieser Mannschaften beträgt ungefähr 300,000 Mann. Griechenland hat übrigens derselben Quelle nach die neue türkische Regierung durch ihren Vertreter in Kon stantinopel offiziell anerkannt.

Die französische Preffe fährt sott, ihre Leser von den deutschen Verhältniffen zu unterrichten. So meldet die «Correspondance universelle» in einem Berliner Tele­gramm vom 6. d. Mts.:, Gestern ist dem Kaiser eine vom Kriegsminister außgcarbeitete Vorlage, betr. die Errichtung einer polytechnischen Schule in Berlin überreicht worden. Der Monarch hat dieselbe genehmigt. Dem Landtag wird dieser als dringlich bezeichnete Entwurf sofort nach seinem Wiedetzusammentritt zugehen.

Heber die Reise des italienischen Kronprinzenpaares steht nach den neuesten Dispositionen so viel fest, daß am 18. Juli von Mailand ausbrechen wird, um über München nach Dresden zu reisen, wo eS sich bei seinen königlichen Verwandten ein paar Tage aufzuhalten gedenkt, um sonach die Reise über Posen und Königsberg nach Rußland fortzusetzen.

Der Vatikan gedenkt zur Hebung der Schwierigkeiten, welche wegen der armenischen Christen zwischen dem heiligen Stuhle und der Pforte bestehen, durch den Kardinal Franchi Unterhandlungen mit dem neuen Sultan einleiten zu lasten.

Der Kaiser hat die Vorschläge des UnterrichiSministerS wegen Ersetzung der lateinischen Sprache durch die deut- che bei dm Promotionen der juristischen Fakultät ge» nchmigt.

Deutsches Reich.

* Berlin, 8. Juni. Ueber den Weinbau in Deutschland gicbt die Einleitung zu der sechsten Klaste der Welt-Ausstellung zu Philadelphia im Deutschen AuSstel- lungS-Katalog interestante Mittheilungen. Nach denselben wird der Weinbau in Deutschland auf 125,000 Hect. be­

trieben, auf welchen (mit Ausschluß Elsaß-LorhringenS) im Jahre 1870 etwa 200 Mill. Lit. Wein gewonnen wurden. Ungefähr 36,000 Hectoliter Deutsche Weine werden jähr­lich zu Schaumwein verarbeitet. In Elsaß-Lothringen ist die verhältnißmäßig größte Landesfläche 32,000 Hektaren mit Wein bepflanzt. Im Großherzogthum Baden dienen der Wein Cultur 20,672 Heetar mit einem Jahresertrage von durchschnittlich 642,000 Heciol. Wein. Das Wein­bau-Areal in Württemberg umfaßt 26,200 Hect., oder 1,3 pCt. der Gesamrntfläche des Landes. Der Weinertrag belief sich nach einem Durchschnitt der 44 Jahre von 1827 1870 auf jährlich 437,441 Heet. Im Großherzogthum Hessen waren im Durchschnitt der Jahre 1864 1874 9,303 Hect. mit Reben bepflanzt, von welchen durchschnitt­lich jährlich 231,253 Hect. Wein gewonnen wurden. Die bayerische Wein-Produkiion von jährlich ca. 800,000 Hect. hat ihren Hauptsitz in der Pfalz und in Unterfranken. Bon 22,000 dem Weinbau gewidmeten Hektaren kommen auf die Pfalz ca. 12,000 und auf Unterfranken ca. 10,000 Hcct. In dem RegicrungS Bez. Koblenz sind 9,506 Hect. mit Reben bepflanzt. Hiervon kommen auf das Rheinge­biet 2,300 Hect., auf das Moselgebiet 4,560 Hect., auf das Nahegebiet 1,754 Hect., auf das Ahrgebiet 908 Hect., auf das Glangebiet 42 Hect. und auf das Lahngebiet 2 Hect. Die durchschnittliche Production an Wein beträgt jährlich 190000 Heciol. In RegierungS-Bez. Trier be­finden sich 3,823 Hect. Weinberge, welche durchschnittlich einen Jahresertrag von 78,000 Hect. liefern. Von den Weinbergen liegen 3,137 H.ct. im Mosel-, 634 im Saar- und 52 im Glau Gebiete. Das Weinberg-Areal deS Reg.» Bez. Wiesbaden beträgt etwa 3,500, daS deS RheingaueS, Aemter Rüdeöheim und Eltville, etwa.2,170 Hect. Die durchschnittliche Jahresproduktion betrug im Reg.-Bez. von 18651874 67,000, diejenige des RheingaueS 41,800 Hect.

Bonn, 7. Juni. Die dritte Synode der Altkatho­liken des deutschen Reiches wurde heute 7 Vz Uhr durch einen feierlichen Gottesdienst von Herrn Bischof Reinkens eröffnet. Die erste Sitzung begann um 9 Uhr mit einer Ansprache des Bischofs, in welcher er die Pflicht hcrvorhob, allseitig an ,bie zu Recht bestehende Ordnung und Verfaffnng gewissenhaft sich zu binden und bei vor­kommenden Differenzen stets aller Erregung sich zu ent- haUen. Hierauf fand die Constituirung der Synode statt. Zu derselben hatten sich bereite 31 Geistliche und 76 De- egirte von Gemeinden eingefunden. Zum stellvertretenden Vorsitzenden wurde der Generalvicar Reusch ernannt, zu Schriftführern Bankrath Reusch, Dr. Zirngibl und Pfarrer Hochstein. Geh.-Rath v. Schulte erstattete Bericht über die Ereignistc und den Zustand der altkatholischen Bewe­gung vom vergangenen Jahre. Diesem Berichte gemäß

etit« Letz,

Das Kreuz am Wege.

Novelle von Ernst v. Waldow.

n.

(Fortsetzung.)

.)

rifeur 1439

Er schlang seinen Arm um ihre bebende Gestalt.

Liebst Du mich noch?" fragte er in sonderbar drin­gendem Tone.

Sie schmiegte sich an seine Brust; er umfaßte sie fester üb hob sie über die Stufen und nachdem er die Thür Nöffnct, in den Pavillon, besten ganzes Mobiliar ein usch mit zwei runden Holzstühlen ausmachte. ES war kl« Snfter in dem kleinen Raume; sie versuchte eS vergebens jeine Züge zu erkennen und sagte ihm das.

Fürchtest Du Dich?" fragte er, und der Ton sollte tg. Merzend sei»; aber es klang aus Allem, was er sprach, n bet f*#e llrruhe unb Unsicherheit, bie eublich auch Margarethe e auf I? ^unruhigen begann, beim sie versuchte eS, sich aus nne». t®tt leibeiischastlichen Umarmung zu lösen, inbim sie ihm --- i*flte, baß sie durch ihr längeres Verweilen Verbacht zu

Stegen sürchte, aud^ müsse bet Vater bald zurückkommen, kaffe! %Der Vater unb immer und ewig bet Vater! » 4<h glaube, Du liebst ihn mehr als mich?" eraiberte er

»Friedrich l" sie sprach eS mit sanftem Vorwurf.

16',»> 80,,1.

»Nun ja, Du bist kein Kinb mehr, Margarethe, und bißt endlich einmal wählen zwischen ihm und mir. Ich v»« er stockte, sie blickte angstvoll auf.

»So sprich doch weiter."

»Nun denn, ich kam, um Dir zu sagen um Dich 6 bitten, daß Du mir folgen, daß Du mein Weib fein ^öest, auch gegen den Willen Deines Vaters, b<r es mit ttfm Willen nie scinZwird, wie ich jetzt mit Bestimmtheit ^6. Hingegen wirb er sich in das Geschehene und Un- binderftche finden, wie eben Viele eS haben thun müffen.

Nur ein schneller Entschluß kann unS helfen, ich sehe sonst kein Ende ab, unb bei bem ewigen Warten, Sehnen unb Abhärmen gehen wir zuletzt Beibe zu Grunbe."

Sie hatte ihm zugehört, ohne ihn zu nn.erbrechen, nur ihr Äthern ging schwer; jetzt schwiegen Beibe.

Du weißt nicht, was Du von mir forderst I" sprach sie endlich leise unb traurig.

Gr zog sie an sich unb bebetfte ihren Mund mit heißen Küsten, währenb er sie beschwor, ihm zu folgen, jetzt, jetzt gleich, nicht mehr zurückzukehren in ihr Gesängniß, die Last jenes trüben, sonnenlosen Lebens nicht noch einmal auf sich zu nehmen.

Du weißt nur nicht, Herz, wie qualvoll Deine Tage hinter den engen Mauern dort verflossen sind, denn Du weißt nicht, was Glück ist I" so schloß er.

Ob sie es wußte? Es kam über sie wie ein Rausch und in dem Augenblicke schien eS ihr leicht, nur ihm zu folge», dem Heißgeliebte», und Alles, Alles in die Wag. schale dieses, ihres Glückes, zu werfe».

Da ließ sie ein Geräusch ausschrccken an» seinen Armen, hastige Schritte näherten sich! Waltra» stieß einen Fluch aus und wollte, da eine Flucht unmöglich schien, wenig­stens den Riegel vor die Thür schieben, in dem instinktiven Gcfühl sich zu verbergen; doch der rostige Riegel bewegte sich nicht, unb enblich, alS er bem kräftigen Ruck seiner Hand nachgab, war eS zu spät bie Thur ward heftig ausgerissen, unb bie Beiben unterschieben in bem Halb­dunkel bie Umriste ber hohen breitschultrigen Gestalt Werners.

Einen Moment schwiegen Alle, bann fuhr ber Müller mit ber Hanb über bie Stirn, von ber ber Schweiß perlte, unb sprach schwer aufathrnenb:Also doch zu spät ge­kommen !"

Vater, lieber Vater!" flehte Margarethe angstvoll, und versuchte cS, seine Hand zu greifen.

Ec antwortete nicht und schien eS kaum zu bemerken, denn er fuhr wie im Selbstgespräche in demselben Tone fort:Nun, man muß retten, waS noch zu retten ist, und" 1

Jetzt hatte sich auch Margarethe gefaßt, und da Fried­rich in dem ihr unbegreiflichen Schweigen beharrte, fühlte sie klar, daß nur ein entschlossenes Handeln sie vor bet ftrafenben Gewaltthätigkeit beS Vaters bewahren und ihr zugleich die Möglichkeit eines Sieges geben könne, und sich hoch aufrichtend, sprach sie fest:

Ich bin kein Kind mehr, von Friedrich kann und wird mich nichts trennen, selbst Dein Gebot nicht, und wenn Du Gewalt brauchen und mich einsperren oder zwingen willst, den Sebastian zu nehmen, springe ich in den Mühl- teich, unb Du hast eS zu verantworten!"

So," eraiberte ber Alte jetzt mit tiefer Bitterkeit,so, tch habe das zu verantworten, meinst Du: nun, wir werden das ja sehen. Sag' mir zuerst, was der Man» dort

von dem Dich nichts trennen kann hier gewollt hat um diese Stunde?"

Wieder folgte den Worten des Müllers eine Pause, da Margarethe nicht gleich antwortete, in der sicheren Ec Wartung, daß Waltran jetzt gleich vortreten und seine Sache selbst führen würde; er|t, da er noch immer be­harrlich schwieg, sprach sie gepreßt:

Friedrich bat mich noch einmal, in Dich zu bringen, lieber Vater, baß Du uns möchtest Deine Einwilligung geben, wir wollen ja Alles"

Der Alte unterbrach sie mit ein-m kurzen, rauhen Lachen.

So," sagte er, unb seine Stimme bebte,das hat er noch gewagt, ber meineidige Schuft! Nun, ich will Dir sagen, warum er es so eilig hatte und noch in der Nacht kam, um Dich zu berücken: weil nur noch diese Nacht ihm gehört und schon dec morgende Tag seine