Marburg, Sonntag, 4. Juni 1876.
Sr. 129
XL Jahrgang
MmheMc Jritung
gnittgen nimmt entgegen: He Expeditton d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux oon Th. Dietrich L Co. in gossel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; fiflflfenftein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leip« iig, Mn rc; Rudolf Moffe di Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JüuftrirteS SonntaaSblatt" durch die Expedition (Kock'sck« Buchdruckeret) bezogen 2; Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (exl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene 8eUe 10 Pfa
Sui in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. bererbnet. ™
Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte» sowie die Annoncen-Bureaux von L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.-JSger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jiivalideudank, 81. Rete- . ▲ meyer in Berlin; Carl Schüß- ” ler in Hannover; C. Schlotte
in Bremen.
Politische Wochen-Uederficht.
Unser Kaiser hat am Dienstag und Mittwoch hei Berlin und Potsdam die üblichen Frühjahrs Paraden abgehalten und gedenkt am 7. d. Mts. sich zur gewohnten Cur nach Ems zu begeben, wo Kaiser Alexander noch bis zu Mitte Juni verweilen will. Herr Delbrück ist am Sonnabend von Paris nach Berlin zurückgekehrt, und gleichzeitig war in den letzten Tagen Herr Hofmann in Berlin anwesend. Die Uebernahme des Vorsitzes im Reichskanzleramte ist am Mittwoch erfolgt. Die Häuser des preußischen Landtages haben sich über das Pfingstfest vertagt; das Herrenhaus nothgedrungen schon am Montag (29. Mui), da eine beschlußfähige Versammlung (von 60 Anwesenden) nicht mehr zu Stande gebracht werden konnte; das Abgeordnetenhaus Mittwoch Abend. Letzteres hat zwei Mal zu langen Vormittagssitzungen von fünf bis sechs Stunden noch mehrstündige Abendsitzungen zu Hülfe genommen, um die beiden so umfänglichen wie wichtigen Organisationö- zesetze, nicht nur das sogenannte „Competenzgesetz", sondern auch den neuen StädteordnungS Entwurf, noch vor dem Pfingstleste seineStheilS zu erledigen. Dies ist denn auch gelungen; aber eS ist noch ungewiß, ob nach dem Feste auch das Herrenhaus die Vorlage noch durchberathen und eine Uebereinstimmung der drei GesetzgebungSfactoren noch zu Stande kommen wird. Jndesien hat das Staatsgesetz zur evangelischen Kirchenverfasiung in der Fasiung, wie es aus dem Herrenhause he. vorgegangen war, auf die Empfehlung des Ministers Falk die Zustimmung des Abgeordnetenhauses erhalten.
Pesth war in den letzten acht Tagen die Angel, um welche sich die inner» wie die auswärtigen Fragen der habsburgischen Monarchie drehten: in Pesth tagten die Delegationen und in Pesth auch shielten die Diplomaten Rath mit Andrasiy über die türkische Angelegenheit. Bis jetzt kam der Gedankenaustausch der Diplomatie zu weiter keinem Ergebnisie, als daß die Türkei gerettet und der europäische Friede erhalten bleiben muffe. Jndeß ist in Stambul selbst eine neue Wendung eingetreten, die ein Glücksfall für Ungarn und auch für Andrasiy selbst werden kann. Denn daS Vertrauen auf die Ausgiebigkeit und Ueberlegenheit des ungarischen Staatsmannes hatte in Folge der berliner Konferenzen, deS Memorandums und der Reden, die er darüber in den Delegationen und im ungarischen Abgeordnetevhause gehalten, plötzlich einen Stoß erlitten; man nannte ihn den „Lupinen" u. s. w. und warf ihm vor, daß er gegen die Kriegspartei in Wien zu rücksichtsvoll sei. I
Die italienische Regierung hat eine Commission,
an deren Spitze Correnti steht, zur Abänderung des Baseler Vertrages nach Paris entsandt, von wo sich dieselbe zur Weiterführung der Verhandlungen nach Wien begeben soll. Die vereinigten KammcrauSschüsie haben sich mit Ausnahme eines Mitgliedes abermals gegen die Annahme dieser Vereinbarungen ausgesprochen; bemerkenSwerth ist jedoch, daß CriSpi, der Führer der parlamentarischen Mehrheit, sich dabei der Abstimmung enthielt.
Die französische Diplomatie, Fiuanzwelt und Preffe war in der ersten Periode der orientalischen Frage, die am 30. Mai mit dem Thronwechsel in Stambul schloß, wie von einem schleichenden Fieber befallen; man schaute nach allen Seiten nach Vortheilen für Frankreich aus, man blickte nach Themse und Newa, und vermied ängstlich jeden Schritt, der Frankreich so oder anders verpflichten konnte, wenn Decazes auch mit dem harmlosesten Gesichte sich den Bemühungen der drei östlichen Cabinette anschloß. Man Hostie auf ein „unvorhergesehenes Ereigniß", und die clericalen Blätter sammelten mit Jubel jedes Anzeichen für das Steigen der Verwicklungen und die Aussichten auf einen Krieg, von dem sie eine Wendung für die als solidarisch betrachtete Wiederherstellung des französischen Ueber gewichteS und der weltlichen Herrschaft deS Papstes hoffen. Seit dem 30. Mai aber steht man wieder vor dem „Unbekannten", und alle Nachrichten, daß DecazeS zurückzu treten, daß er nach Petersburg als Botschafter versetzt zu werden wünsche, werden jetzt als unbegründet vom Moniteur bezeichnet. In einem am 30. Mai an die diplomatischen Agenten Frankreichs gerichteten Rundschreiben betrachtet Decazes dir neueste Wendung in Stambul als einen neuen Ausgangspunkt zur Anbahnung eines Einvernehmens zwischen den Mächten über die türkische Frage. Damit ist freilich wenig gesagt.
Bei den Schwierigkeiten, welchen die spanische Regierung auch unter der liberalen Partei im Baskenlande mit der Durchführung eines einheitlichen Steuer und Aus Hebungssystems für die ganze Monarchie begegnet, erheben die carlistischen Ränkeschmiede immer kühner ihr Haupt. Schon hat General Quesada es für nöthig erachtet, über die nordwestlichen Provinzen den Belagerungszustand zu verhängen, und in Tolosa hat es unter Hochrufen auf die Fueros nicht unbedeutende Unruhen abgesetzt. Die neue Verfassung ist am 24. d. mit 285 gegen 40 Stimmen von den CorteS angenommen worden.
Offener und eifriger als alle anderen Großmächte betreibt England seine Rüstungen, um den politischen Interessen, die eS im Orient zu verfolgen hat, den nölhigen Nachdruck zu verleihen. Auf den Wellen jener klassischen Bucht, wo einst, wenn wir dem guten Homer glauben
DaS Kreuz am Wege.
Novelle von Ernst v. Watdow.
(Fortsetzung.)
Sie blickte starr vor sich hin und murmelte leise Botte; der Sohn näherte sich ihr, ergriff die welke Hand und fragte gepreßt; „War's wirklich des Waltran Vater, der —*
Die Alte schauerte, ein glückliche» Lächeln glitt wie Sonnenschein über ihre welken Züge und ließ sie um. viele Jahre jünger erscheinen.
„Ja, er war'6 — erl o, und eS war eine glückliche Zeit, wenn auch viel Elend darnach kam. Und wenn diese Liebe Sünde war — und daß ich ihm anhing, dem 6er« heiratheten Manne, ein Greuel in den Augen der frommen Leute — was thuts?" — sie lachte kurz und rauh auf — »ich geb' sie doch nicht her, nicht für einen Stuhl am Himmelsthron, nicht —"
„Höre auf, Du lästerst Gott!"
Sebastian rief e» fast zürnend. „Es giebt nur ein Glück", fuhr er milder fort, „und das liegt in dem Bewußtsein, das Rechte gewollt und feine Pflicht gethan zu haben. Dann mag eS kommen, wie Gott will, dann hat wa» Frieden, und das Kreuz hilft der uns tragen, der iS UNS auferlegt hat. Aber jene unselige Liebe, die Dich finst so elend gemacht und den Waltran in den frühen tob getrieben hat, sie pflanzte nicht Gott in Eure Brust, fir ist die Saat des Bösen, die auch nur böse Frucht bringt, und sie auszurotten aus Margarethens reinem Herren, es wird, e« muß noch möglich sein, eS wird mir und dem Vater gelingen."
„Nun wohl", sprach kalt die alte Frau, und eS klang wie Spott auS ihrem Tone, „nun wohl, hütet Euch nur, 3hr klugen, frommen Leute, daß Ihr mit der (Saat nicht auch das Herz vernichtet und zerbrecht mit Eueru harten, Ungkfchicklkn Händen — und j.tzt geh', ich will alhin
Er schob den Docht der Lampe so weit herab, daß eS fast dunkel ward im Gemach — wozu auch dasselbe erleuchten; lichtete doch kein Strahl die Nacht, welche die Augen der armen, blinden Frau umhüllte — arm? vielleicht war sie dem Schicksal dankbar, das sie eine Welt nicht mehr schauen liefe, deren Glanz ihr erloschen war, als die Augen, die ihr mehr gewesen waren, als alle Erdenpracht fammt dem Himmelszelt und seinen Tausenden Gestirnen, sich geschloffen im Tone.
„Gute Nacht, Mutter!"
„Gute Nacht."
Sebastian schloß leise die Thür hinter sich, sie blieb allein — mit ihren Erinnerungen.
♦ *
»Willst Du heute kein Abendbrod, Friedrich?" so fragte mit sanfter Stimme eine ältliche grau, indem sie, die Thür ihres kleinen Wittwenstübchens öffnend, in die kalte Kammer daneben trat, in welcher das Bett des Sohnes stand, so ost er, was zuweilen geschah, über den Sonntag zu ihr zum Besuch kam, wenn die Arbeit in der Residenz an dem Bau aus irgend einem Grund seine Anwesenheit dort nicht unbedingt erforderte.
„Mir steht der Sinn gerade nach Effen!" entgegnete der Angeredete mürrisch der freudlichen Frügerin.
Frau Waltran trat näher.
„Mein Herzblatt," sprach sie leise, und legte die welke Hand auf da» lockige Haupt des Sohnes, „sag' Deiner Mutter, was Dich kränkt!"
Er duldete schweigend ihre Liebkosungen, ohne dieselben zu erwidern; dann sprach er mit unterdrückter Bitterkeit:
„WaS soll ich Dir's lang und breit erzählen, eS ist ja nichts weiter, als ein neuer VerS zu dem alten Liede daß nur Gleich und Gleich sich gesellen soll.
Wär' ich ein Geld sack, wie der Müller, oder eine Schreiber und Bedientenseele, wie der Sebastian, aurben sie mir das Mävei vielleicht gar an den Hals werfen —
dürfen, die Seemacht der Achäer vor Anker lag, wiegt sich jetzt ein stolzes Geschwader, wovon ein jedes einzelne Schiff die ganze Flotte der Belagerer Troja's in den Grund bohren könnte — es fehlt dazu nur die Gleichzeitigkeit des Daseins. Eine weitere Zahl von Kriegsfahrzeugen ist auf dem Wege in das östliche Mittelmeer begriffen, und trotzdem herrscht noch auf den Wersten ununterbrochene ^ätig« feit, um die Streitkraft Englands zu erhöhen. Es liegt auf der Hand, daß angesichts dieser Vorbereitungen eine unbehagliche Stimmung das Land erfaßt hat. Doch würde man sich täuschen, wenn man daraus schließen wollte, dafe die energische Haltung der Regierung nicht vollen Anklang im Volke fände.
Die russische Panzerfregatie Petropawlowsk und der Klipper Kreuzer sind von der Ostsee in die türkischen Gewässer des Mittelmeeres entsandt worden. Die allgemeine Wehrpflicht wird sich in den neu eroberten Gebieten Mittelasiens nur auf die dort ansässige russische Bevölkerung erstrecke».
Die gegen die Mißwirtschaft deS Sultans Abdul Aziz gerichtete jungtürkische Bewegung hat unerwartet schnell einen Abschluß gefunden. Ein Rundschreiben des Groß- vezirs an die Vertreter der P orte im AuSlande brachte die Nachricht, daß Sultan Abdul Aziz von den Ulemas und SostaS zuerst zur Ablegung seines KhalifentitelS ge- waltsam aber ohne Blutvergießen gedrängt, bann aber auch seines weltlichen Herrscheramtes entsetzt und anstatt seiner sei» Neffe unb rechtmäßger Thronfolger als Murad V. auf den Thron erhoben worden sei. Die Preffe, die Börse und wie es scheint auch die Diplomaten, haben dieses Ereigniß als günstig für den Fortbestand der Türkei aufge- faßt. Kerim Pascha meldet amtlich, daß der Aufstand in Bulgarien vollständig unterdrückt sei. In Bosnien fanden einige Plänkeleien mit Räuberbanden Statt; in der Herzegowina herrscht Waffenruhe. In Salonichi sind wegen deS ConsulmorbeS zwei weitere Personen zum Tode und neun zum Kettentragen verurtheitt worden, ferner wegen Anstiftung der Unruhe» eine zum Tove und drei zu andere» Strafen.
Tagesbericht.
Der Landtag hat auch nach Pfingsten, wie verlautet, noch einige neue Gesetzesvorlagen zu erwarten: daS mehrfach erwähnte Nothstandsgesetz und wahrscheinlich noch eine auf die Errichtung der polytechnischen Hochschule zu Berlin bezügliche Vorlage. Für,die letztere sind die Vorarbeiten in lebhaftem Gange und eS besteht die Absicht, wenn eS nicht angängig sein sollte, dieselben rechtzeitig zum Abschluß so aber — da wird spionirt und intriguirt — bis sie was herauSgebracht haben, um mir eine Falle stellen zu können, — nun, eS mag gut sein, die Margarethe wirb doch nicht lassen von mir!"
Er stand auf und trat, der Mutter voran, in das kleine ärmlich auSgestattete Gemach.
Das Licht der einzigen, ziemlich dünnen Talgkerze fiel auf feine zierliche, nicht zu große, aber im vollkommensten Ebenmaße gebaute Gestalt, unb bestrahlte mit unsicherem Scheine bie hohe, weiße Stirn, bie grefeen, ausdrucksvollen Augen und die rothen vollen Lippe», über denen sich ein brauner Bart lockte.
„Die Waltran's haben den bösen Blick — man kann ihre Augen nicht vergcffen!" so hatte die Mutter des Sebastian g jagt — unb sie mochte recht haben, bie alte grau, griedrich hatte bie Augen seines Vaters geerbt, Augen, bie so blau waren, so kalt blickten — unb doch so dunkle, heiße Slrahlen werfen konnten; die Blinde sah sie ja noch heute, diese Augen die auch die stille, sanfte Frau Waltran nicht vergcffen konnte, trotzdem dieselben so viel Leid über sie gebracht!
Der Mann, dessen gefährliche Schönheit der Sohn geerbt, moderte nun schon seit fast fünf unb zwanzig Jahren in fremder Erde, in die man ihn, den Unbekannten, gleichgültig verscharrt, nachdem ihn die Wellen deS Stromes, in welchem er — absichtlich ober zufällig — seinen Tod gefunden, als Leiche an das Ufer geschwemmt hatten.
Erich Waltran war Zimmermeistcr in Roda gewesen und hätte ein in jeder Beziehung gemächliches und sorgenfreies Leben führen können, wenn er nicht seine pekuniären Verhättniffe durch gewagte Spekulationen und sein häusliches und Familienleben durch einen Siebes« handel mit Martha, einer in seinem Hause erzogenen entfernte» Verwandten, die eine Waise und deren Vormund er war, zerstört hätte. —