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Sr. 126.

Marburg, Donnerstag, 1. Juni 1876.

XL Mrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: zir Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux oon Th- Dietrich & Co. in Mel und Hannover; Th. Diettich in Frankfurt a. 3)1.; Laasenstein & Vogler in Lonkfurt a. M., Berlin, Leip- Köln rc; Rudolf Moffe ,n Serliu, Frankfurt a. M. rc.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte- sowie die Annoncen-Bureaux von ®. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalideudank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schuß­ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS SonntaaSblatt" durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen 2lt Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. sexl. Bestellgebühr). - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Psg. berechnet.

lif die Oberhessische v v Leitung mit IMlstrir- tem Sonntagsötatt für den Monat Juni wer­den -in Marburg von der Expedition sowie aus­wärts von allen Postanstalten angenommen.

Lage-brricht

An der Spitze der Ereignisse steht augenblicklich die gestern durch den Telegraphen gebrachte Nachricht, daß der Beherrscher aller Gläubigen Sultan Abdul-Aziz vom Throne gestohen worden sei und sein Neffe Murad den Thron der Lhalisen bestiegen habe. Der Eindruck, den diese wichtige Veränderung in den Hauplstädten machte, wird am besten dadurch charaktcrisirt, daß die Börsen in Folge der Nach richt sofort Hauste enlrirten. Auch in politischen Kreisen stehl man die Veränderung als die einzige Möglichkeit einer Besserung an. In Verbindung mit den Deftberativnen über die türkische Umwälzung wurde auch neben andern in Berlin das Gerücht kolpvltirt, daß Fürst Bismarck längere Zeit darüber delibcrirt habe, ob er sich nicht selbst nach Ems begeben solle, um daselbst den russischen Plänen mtgegenzuarbeitcn. Dieses Gerücht kennzeichnet sich durch seine Uebereinstimmung mit französischen Berichten schon allein, wir können indeß aus Grund guter Informationen hinzusügcn, daß die ausgestellten Behauptungen aus der Lust gegriffen sind. Es ist weder von einer Reise des Fürsten nach EmS die Rede gewesen, noch ein Verhindern russischer oder anderer Pläne beabsichtigt.

Was sonst von Nachrichten vorliegt, ist nicht nennens- werlh. Daß gestern in Constantinvpel noch Alles in bester Ordnung war, geht aus folgender Blumcnlese von dort durch W. T. B. verbreiteter, für die Türkei sehr günstiger Mittheilungen hervor:

DaS türkische Geschwader unter dem Oberbefehl Hobart Pascha« geht demnächst nach dem Archipel zur Abhaltung Ddn Manöver». In Novi Bazar wird eine Truppen- tvncentrirung statlfinven. Die Negierung hat die AuS- zahlung der rückständigen Solde für die Truppen beschlostcn. Der Regierung zugegangene osficielle Telegramme mel den widerholt, daß der Aufstand in Bulgarien unterdrückt sei. Die Nachricht, daß die Verpachtung des Zehnten in Bosnien neuerdings ausgeschrieben sei, beruht, wie von Seiten der Regierung erklärt wird, auf einem Mißver siändniß. Die Pforte habe neuerdings auf das Entschie­denste erklärt, daß sie hinsichtlich dieses Puitkies die den Mächten gegenüber eingegangenen förmlichen Verpflichtungen »och genau einhalten werde. Aus Salonichi wird weiter gemeldet: Bei der am Sonntag begonnenen Aburtheilung der der Anstiftung des Tumultes Bezichtigten wurde gegen

einen der Angeklagten auf Todesstrafe und gegen 3 auf Zwangsarbeit erkannt.

Die englische Regierung ist offenbar bestrebt, gegen jedwede Möglichkeit gewappnet im Mittelmeer auftretcn zu können. Der Bau unfertiger Kriegsschiffe wird dem Ver­nehmen nach beschleunigt, die Arbeiterzahl vermehrt. Die Festungen Gibraltar und Malta werden verstärkt und theil- weise in einer den modernen Bedürfniffcn bester entsprechen den Weise ausgerüstet. Schon am Freitag sollen die Ma- rinebehördcn, einer Mitihcilung der Times zufolge, in Portsmouth sich über die Zeit und Kosten vcrgewistert haben, welche die Ausbesterung und Fertigstellung der KriegsschiffeThundcrdr",Inflexible" und einiger andern in Anspruch nehmen würde.

Am Sonnabend gingen 2000 Centner Schießpulver und eine Million Patronen von London nach Malta ab

In Bezug auf die erwähnten Verhandlungen der Kar- dinäle im Vatikan über die Haltung, welche der heilige Stuhl der spanischen Regierung gegenüber beobachten soll, wird uns aus Rom berichtet, daß sie beschlossen haben, daß die Unterhandlungen nicht ganz abgebrochen werden dürfen. Der päpstliche Nuntius soll zwar Madrid in Ur­laub auf unbestimmte Zeit verlassen, der Nuntiaturrath Msgr. Rampolla aber dort verbleiben, und auch der Kardinal Simeoni seine Abreise noch einige Zeit ausschiebcn. Der inzwischen mit Aufträgen dcstclben hier angekommcne Nun­tiaturauditeur Msgr. Bianchi wird ihn hier erwarten.

Deutscher Keich.

* Berlin, 30. Mai. Die orientalische Frage ist soeben in ein neues Stadium getreten, und zwar nicht durch einen Anstoß von Außen oder durch diplomatische Ereignisse, sondern durch eine innere Krisis. Es wird aus Konstantinopel osficiös gemeldet, daß nach einstimmigem Wunsche der Bevölkerung Abdul Aziz gestern entthront und Murad, der präsumtive Thronsolgcr, zum Kaiser proclamirt worden ist. Angesichts dieser Thatsache treten selbstverständlich alle diplomatischen Abmachungen und die daran geknüpften Combinaiionen in den Hintergrund. ES wird, ehe man über den weiteren Verlauf der Dinge ur- cheilen kann und ehe die Diplomatie wirv handeln können, abzuwarten sein, welche Stellung der neue Sultan zu den Verwicklungen in seinem Reiche und zu den Vorstellungen der europäischen Diplomatie einnehmen wird. Einstweilen aber dürfen wir doch constatiren, daß unsere Mahnung die Haltung Englands den gemeinsamen Vorschlägen gegen­über nicht im alarmistischen Sinne zu faffen, mehr und mehr Bestätigung auch in den besonnenen Kreisen der

öffentlichen Meinung erhält. Es wird von urtheilsfähigen Beobachtern erkannt, daß die Rcgicrungsorgane, die für die -Stimmung der leitenden Staatsmänner in Rußland und England maßgebend sind, die bestehenden Differenzen keines­wegs als so schroff und acut bezeichnen, so daß ein ernst­licher Conflilt zu besorgen wäre. Das Präsidium deS Herrenhauses hat sich also in der Nothwcndigkeit gesehen, die Sitzung nicht bloS wegen mangelnder Beschlußfähigkeit auszuhcben, sondern auch sofort die Ferien eintreten zu lassen. versteht sich von selbst, daß dadurch die Aspekten für den Rest der parlamentarischen Session wesentlich ver­ändert oder doch der Ungewißheit prcisgegeben sind. AuS den Kreisen des Herrenhauses wird allerdings versichert, daß die gestrige Reduktion deS Hauses nur auf die ver­änderte Position in Bezug auf den Eintritt der Ferien zu schieben sei, weil zahlreiche Mitglieder, besonders die Bür­germeister, darauf gerechnet hatten, daß das Haus in voriger Woche seine Arbeiten beschließen werde. ES wird in Ab­rede gestellt, daß es in der Absicht des Hauses liege, einen wirklichen Strike in Scene zu setzen. Diese Versicherung darf man auch auf die der Negierungspolitik freundlich gesinnte Majorität als zutreffend anerkennen. Die Haltung von Ratzvw und Lippe dürste daneben allerdings auf ein Widerstreben gegen die Erledigung der Vorlagen zurück- zusührcn sein; wie die Dinge liegen, darf man hoffen, daß das Haus das Competenzgesetz in der 2. Woche nach Pfingsten verhandeln und entsprechend fördern werde. S)ie Stimmungen der genannten Führer sind ja im Allgemeinen nicht entsprechend für die Bcschlüffe dcö Hauses. Freilich wird auch das Competenzgesetz in einigen Punkten noch im Herrenhause Aenderungen erfahren, die ein Zurückgehen an daS Abgeordnetenhaus nothwcndig machen. AuS einer hiesigen lithographischen Correspondenz ist gestern in verschiedenen Blättern die Nachricht übergegangen, daß die NothstandSvorlage vom Staatsministerium genehmigt und zur Allerhöchsten Beschlußnahme gestellt sei. Schon heute sehe man der Einbringung der Vorlage entgegen. Diese Nachricht ist verfrüht.

Trier, 30. Mai. Der Bischof von Trier, Eberhard, ist heute früh 5 Uhr in Folge Schlaganfalls gestorben.

Darmstadt, 30. Mai. DerDarmst. Ztg." zu­folge ist Minister Hofmann gestern Adrnd nach Berlin zur Uebernahmc seiner neuen Stelle abgereist.

München, 29. Mai. Das Finanzministerium und das Kriegsministerium haben der Abgeordnetenkammer einen Gesetz - Entwurfeinen Credit sür außeroldentliche Bedürfnisse des HeercS betr." vorgrlegt. Es wird ein Credit von 16 Millionen Mark tu runder Summe ver­langt, wovon ungefähr 3 Millionen für Militär-Lauten und der übrige Betrag für Ausrüstung zur Erhöhung der Schlagfertigkeit des Heeres begehrt wird. Die von

D«S Abenteuer der ReujahrSnacht.

Humoreske von Heinrich Zschocke.

(Schluß.)

Philipp war fast außer sich vor Schrecken. Seine Knie wurden schwach. Er ward in ein schönes Zimmer geführt. Da saß der alte König lachend an einem kleinen Tische. Neben ihm stand der Prinz Julian ohne Larve. Sonst war Niemand im Zimmer.

Der König betrachtete Den jungen Menschen eine Zeit lang, wie eS schien mit einer Art Wohlgefallen.

Erzähle mir Alles genau", sagte der König zu ihm, ,waS du in dikser Nacht gcthan hast."

Philipp gewann durch die leutselige Anrede des ehr- vürdigen Monarchen wieder Muth, und beichtete haarklein, »>aS er gcthan und erlebt hatte, von Anfang bis zu Ende. Doch war et Lug und bescheiden genug, das zu verschweigen, vaS er in seiner Ptiuzenrclle ton den Höflingen gehört falte, und wodurch Julian hätte in Verlegenheit gesetzt Verden können. Der König lachte bei der Erzählung Einige Male laut aus; dann thai er noch einige Fragen faer Philipps Herkunst und Beschäftigung, nahm ein paar Goldstücke vom Tische, gab sie ihm und sagte:Nun geh' du, mein Sohn, und warte deines Berufs. Es soll dir nichts Leides geschehen. Aber entdecke keinem Menschen, vas du in dieser Nacht getrieben und erfahren hast. DaS Hehle ich dir. Run geh'I"

Philipp fiel dem König zu Füßen und küßte deffen Hand, indem er einige Worte des DankeS stammelte. Als ir wieder ausstand, um sortzugehen, sagte Prinz Julian: »Ich bitte unterihänigst, daß Ihre Majestät dem jungen Menschen erlauben wolle, draußen zu warten. Ich habe N für das Ungemach, das ich ihm diese Nacht verursachte, rch eine kleine Schuld abzutragen." !

Der König nickte lächelnd mit dcm Kopfe, und Philipp entfernte sich.

Prinz!" sagte der König, und warnte drohend mit dem ausgehobenen Finger:Ein Glück für Sie, daß Sie mir die Wahrheit sagten I Ich will auch diesmal noch Ihren wilden, albernen Posfen Verzeihung widerfahren taffen. Sie hätten Strafe verdient. Noch einmal solch' einen Pagenstreich, und ich werde unerbittlich sein. Nichts wird Sie bann entschuldigen. Die Geschichte mit Herzog Herrmann muß ich noch näher kennen. Gut, wenn er fvergeht; ich mag ihn nicht. Von dem, was Sie über den Polizei und Finanzminister sagten, erwarte ich ebenfalls Beweise. Gehen Sie jetzt, und geben Sie dem jungen Gärtner ein Trinkgeld. Er hat in Ihrer Maske ver­nünftiger gehandelt, als Sie in der feinigen."

Der Prinz verließ den König. Er legte in einem Nebenzimmer den Dallanzug ab, den u.berrock an, ließ Philipp rufen uns befahl ihm, mit ihm in seinen Palast zu gehen. Hier mußte Philipp Alles, was er als Stell­vertreter Julians auf dem Ball vernommen unb gesprochen, Wort für Wort erzählen. Philipp geharchtc. Julian klopfte ihm auf die Schultern und sagte:Höre Philipp, du bist ein gescheiter Kerl. Dich kann ich grbrauchen. Ich bin zufrieden mit dir. Was du in meinem Namen dem Kammerherrn Pilzom, der Gräfin Lonau, dem Marschall und seiner Frau, dem Oberst Kalt, dem Finanzminister und den Uebrigcn gesagt, finde ich ganz vernünftig, und ich will es ansehen und halten, als hätte ich eS selbst gesagt.

Dagegen mußt du zu den Versen stehe», die ich in deinem Namen als Nachtwächter gesungen habe. Du wirst zur Strafe deines Nachtwächterdienstes entsiht werden; das laß dir gefallen. Dafür mache ich dich zum Schloß- gärtner bei mir. Ich gebe dir meine Gärten von beiden Schlössern Heimlebcn und Quellenthal. Das Geld, welches

ich deiner Braut gegeben, soll ihre Aussteuer bleiben, unb den Wechsel des Marschalls Blankenschwerd löse ich auf der Stelle bei dir mit fünftausend Gulden ein. Jetzt geh', diene mir treu und führe dich gut auf."

15.

Wer war glücklicher, als Philipp! Er flog in vollem Sprung zu Röschens Haus. Noch war Röschen nicht zu Beile; sie saß mit ihrer Mutter am Tische und weinte. Er warf die volle Börse aus den Tisch und sagte athemloS: Röschen, das ist deine Aussteuer! und hier fünftausend Gulden, die sind mein. Ich habe als Nachtwächter Fehler gemacht; dafür verliere ich die Anwartschaft auf des Vaters Dienst, und übermorgen ziehe ich als Schloßgärtner des Prinzen Juftan nach Hcimleben. Und Ihr, Mutter, und Röschen müsset mit mir nach Heimleben. Mein Vater und meine Mutter müssen auch mit mit. Ich kann euch nun wohl alle ernähren. Juchhehl Gott gebe allen Leuten ein solch' gutes Neujahr!"

Mutter Bittner wußte nicht, ob sie ihren Ohren trauen sollte bei Philipps Erzählung, uns ihren Augen beim Anblick deS vielen Geldes. Aber als Philipp ihr Alles und wie es gekommen, doch eben nicht mehr als zu wissen nöthig war, erzählt hatte, stand sie schluchzend auf, umarmte ihn mit Freuden und legte dann ihre Tochter an jein Herz. Nun lief ober tanzte die freudetrunkene Frau im Zimmer herum, fragte:

Wissen baS Alles auch bein Vater unb beine Mutter schon?" unb da eS Philipp verneinte, tief sie:Röschen mache Feuer an, lhue Wasser Über, koche einen guten Kaffee sür unser Fünsl" nahm ihr wollenes Mäntelchen, wickelte sich hinein unb ging zum Hause hinaus.

Röschen aber vergaß an Philipps Herz Feuer und Wasser. Sie standen noch in fester Umarmung, als Fe au