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Marburg, Sonntag, 28. Mai 1876.

XI. Jahrgang.

Miuetgen nimmt entgegen: u, Erpedttton d. Blattes, [mit die Annoncen-Bureanx von Th. Dietrich & Co. in z.ilel und Hannover; Th. strich in Frankfurt a. M-; Eisenstein & Vogler tn ijontfurt a. M., Berlin, Leip. £ Eöln ic; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

OherhrUlhk Irilung.

Anzeigen nimmt entgegen: die E^edition d. Blattes sowie btc Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

ürkcheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlluftrtrteS Sonntags blatt" durch die Expedition (K o ch'fche Buchdruckerei) bezogen 2fc Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf,, lexl. Bestellgebühr). - s)nserlionsgebühr für die gespaltene Zelle 10 Psg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreflen werden 25 Pfg. berechnet.

Urffplhtttfipit auf vberhessische PquUUliyiU Zeitung mit Ittustrir- 1M Sonntagsblatt für den Monat Juni wer­den in Marburg von der Expedition sowie aus­wärts von allen Postanstalten angenommen.

Pslitische Wochkn-Urberficht.

Am Montag Nachmittag hat von WtlhelmShafen aus daS deutsche Panzergeschwader seine Fahrt in'ö Miltelmcer ,»getreten. Die beiden Häuser deS Landtages setzen in Wen Sitzungen ihre Thätigkcit fort, um die ihnen ge­wordenen Borlagen möglichst alle noch zu erledigen. Im Wahlkreis München I. hat bei den neuen Urwahlen d,e liberale Partei einen glänzenden Sieg erfochten. Die ba­dische Zweite Kammer hat zu dem Gesetzentwürfe wegen Einrichtung der Oberrechnungskammer gegen den Wider­spruch des Ministers ein Amendement Bluntschli ange­nommen, wonach die Mitglieder vom Großherzoge nur nach Anhörung des ständischen Ausschusses ernannt werden ollen. Der lippische außerordentliche Landtag hat am Mittwoch (17. Mai) das Wahlgesetz mit 15 gegen 2 Stimmen und ebenfalls mit erheblicher Mehrheit das Gesetz über die Zusammensetzung deS Landtages angenommen. Der lippische Verfassungsstreit ist also nunmehr auSge. glichen.

In Oesterreich sind Aller Augen auf die seit dem 18. Mai in Pest tagenden Delegationen beider Reichs- Hälften gerichtet. Die dortigen Verhandlungen erreichten den Höhepunkt im BudgetauSschusfe in den Erklärungen ilndrassy's, der weiter auSsührte, was der Kaiser schon aus die Ansprache der beiden Delegations-Präsidenten entgegnet hatte, daß die Verhäitnisie sich in Verbindung mit dem Zusammenwirken der europäischen Mäch e stark genug zur Erhaltung der Segnungen deS Friedens erweisen würden. ES hat in Pest fo wenig wie in Wien mißfallen, daß Oesterreich jetzt Rußland in der PaeificationSrolle den Bortritt gelassen; eS herrscht nur eine Sorge, und diese wurde wie durch Andrassy so auch durch Tisza vorläufig gehoben, nämlich daß Oesterreich zu einer Besetzung tür­kischen Gebietes sich wohl oder Übel hergeben könnte. Die Session der Delegationen wird noch vor Pfingsten zu Ende gchen.

Ueber dem Verhalten der italienischen Regierung iu der oberitalienischen Eisenbahnfrage schwebt noch immer ein ungelöstes Dunkel; nur so viel ist sicher, daß DepretiS «ne Herabsetzung deS KauspreiseS zu erlangen sucht, was ihm bisher noch nicht gelungen zu sein scheint.

Die Gegner der französischen Vcrfasiung können stch noch immer nicht an den Zwang gewöhnen, der ihnen auserlegt ist; das Ricard'sche Rundschreiben hat sie gar zu scharf getroffen. Ihr Schlachtplan zum Sturze des Ea-

binetS trat zunächst im Senate hervor, wo sie leichtere Siege hoffen, als in der Deputirtenkammer. Am 18. Mai teilte Senator Franclieu die Anfrage über Ricard'S Aus­drückfoettöfe Hoffnungen" an die Regierung. Marcsre antwortete scharf, der Revisionsparagraph der Verfaffung rühre von Casimir Perier her und schließe nicht ein, daß Gegner der Republik ihre Hoffnungen auf Herstellung der Monarchie kund geben könnten; man schlage der Wahrheit in's Gesicht, wenn man behaupte, es sei nichts geschehen; oaS Land wolle Ruhe und dürfe nicht über die Zukunft fortwährend aufgeregt werden. Eine Studenten Versamm lung, die am Abend deS 17. Mai in Paris stattfand, er­ging sich in heftigen Reden gegen die Hinzuziehung deutscher Studenten zu einem vorgeschlagenen internationalen Stu- denten-Congreffe. Ein Theil der Studenten veröffentlichte am folgenden Tage eine Erklärung gegen die Ausschließung der deutschen Studenten, wogegen wiederum 600 Studenten einen Protest erließen, in welchem sie erklärten, daß,so lange Elsaß und Lothringen von den Eindringlingen unter die Füße getreten würden, von einem freundschaftlichen Verkehre der französischen Jugend mit der deutschen keine Rede sein könne". Die deutschen Studenten werden stch zu trösten wissen.

Die spanischen CorteS haben den Artikel 12 der Verfassung über die UnterrichtSsreiheit, sowie den Artikel 27 über die direkte Wahl und Wiederwählbarkeit der Volks­vertreter nach der Regierungsvorlage angenommen.

Neben dem glänzenden Fest, welches die City von London dem heimgekchrten Thronfolger gegeben, und wobei dieser wohl nicht ohne Absicht die Schlagfertigkeit deS britischen Heeres in Indien und den Flottenstand im Mittelmeer betonte, bildeten in England die Berliner Vorschläge und die von der englischen Regierung ertheilte ablehnende Ant wort das Tagesgespräch. England will dem Memorandum nicht beitreten, theils, weil dieses der Pforte Unbilliges zu muthe, theils, weil England späteren Gestaltungen der Ver- hältniffe gegenüber ungebunden bleiben wolle. Anderer­seits wird die Regierung dem Sultan nicht zur Ablehnung der zu erwartenden Vorschläge rathen. Offenbar erwartet die englische Regierung noch eine Abänderung der Vor­schläge in ihrem Sinne.

Das norwegische Storthing beschloß die Aufnahme einer Eisenbahn - Anleihe im Betrage von 24 Millionen Kronen. Dieselbe soll höchstens mit 4Vs pCt. verzinst werden und ihre Tilgung frühestens in 30 und längstens in 50 Jahren erfolgen.

Während Griechenlands König am gastrischen Fieber erkrankt in seiner Vaterstadt Kopenhagen liegt, zeigt die öffentliche Meinung den Ereignissen in der Türkei gegen- über eine etwas erregtere Stimmung, besonders seit die kretischen Griechen beschlossen, auf den von Ali Pascha verheißenen Reformen zu bestehen. Für seine gewiffenhafte

Neutralität verlangt Griechenland von der Türkei die Er­ledigung einiger seit geraumer Zeit schwebenden Fragen.

Die unblutige Revolution der türkischen Studenten oder Softa'S, welche den Großvezir und den Scheich -ül- Jslam zum Sturze brachte, hat noch einige weitere Beam- tenveränderungen im Gefolge gehabt. Der reformfreund- jche Midhat Pascha, ferner Namyk Pascha und Derwisch Pascha, der gewesene KriegSminister, sind zu Ministern ohne Portefeuille ernannt worden. Dschevdet Pascha be­kleidet jetzt daS Amt eines UnterrichtSministeiS und Vely Pascha geht als Gouverneur nach Bruffa. In Konstan­tinopel ist die Ruhe nicht wieder gestört worden. Die Muselmänner versichern, daß sie nur die Mißwirthschaft der Regierung nicht weiter dulden wollten, daß aber den Christen keinerlei Gefahr drohe, und die Vorsorge deS russischen Generals Jgnatiew, der seinen Palast mit Be­waffneten füllte, scheint durchaus unnöthig gewesen zu sein. Inzwischen trifft nach und nach ein so mächtiges KriegS- geschwader aller Nationen vor Salonichi und den Darda­nellen ein, wie diese Gewässer eS wohl noch niemals ge­sehen haben. In der Herzegowina ruhen die Waffen; die Aufständischen stehen noch im Duga-Paß, während Mukhtar Pascha mit 20,000 Mann einen neuen Zug nach Nikstc plant. In der nordwestlichen Ecke von Bosnien haben einige kleine Gefechte und in Prjedor ein Gemetzel zwischen Muselmännern und Christen stattgefunden. In der Bulgarei hatte die Pforte die Wühlereien der Agenten zu lange außer Acht gelaffen, so daß sich der Aufstand als erheblicher herauSstellt, als man Anfangs glaubte. Dort befehligen auf türkischer Seite Abdul Kerim Pascha und Chefket Pascha über etwa 10,000 Mann, während die auf 8000 Mann geschätzten Ausständischen stch für'S Erste nur im Niederbrennen von Dörfern üben. Die Vorschläge der Mächte sind der Pforte zunächst in osficiöser Weise mit« geteilt worden.

In Serbien hat stch daS Ministerium RisticS trotz mehrmaliger Nachrichten über feinen Rücktritt bis zur Stunde behauptet. Die Reorganisation der serbischen Armee durch den ehemaligen russischen General Tschernajew, be­sonders aber die Ausschreibung einer National-Anleihe von zwölf Millionen Franken, die Vertagung aller Zahlungen und die Aushebung deS Preßgesetzes könnten auf kriegerische Absichten hindeuten, wenn man nicht dieses Säbelgeraffel in Serbien und Montenegro gewohnt wäre, und wenn nicht der Wille der Großmächte wie die starken türkischen Beobachtungscorps in Nordalbanien und bei Nisch den Frieden zu ausdrücklich vorschrieben.

Deutsches Strich.

Berlin, 26. Mai. Das Herrenhaus hat die Synodalverfaffung erledigt und einige Aenderungen der

DaS Abenteuer »er Neujahrsnacht. x Humoreske von Heinrich Zschocke.

(Fortsetzung)

Röschens Antworten fielen sämmtlich so beruhigend aus, und trugen so sehr das Gepräge der unbefangenbften Unschuld, daß Philipps Herz wieder leicht ward. Er warnte ste vor den Schleichern und vor der Barmherzigkeit der Vornehmen, und Röschen hinwieder warnte vor den Gefahren der Maskenbälle und allen Abenteuern mit Frauenzimmern hohen Standes, durch welche mancher junge Mensch schon recht unglücklich geworden sei. Man vergab sich alle in der Unwissenheit begangenen Sünden, und Philipp stand im Begriff, den Kuß einzufordern, der ihm bestimmt gewesen, und den er nicht empfangen hatte als das Pärchen im besten Augenblicke durch eine fremde Erscheinung unterbrochen wurde.

Es kam im vollen Laus und Sprung ein Mensch gegen sie gerannt, der odemlo» bei ihnen stehen blieb. An Man­tel, Stange, Hut und Horn erkannte Philipp auf der Stelle seinen Mann. Dieser hingegen suchte den MaSkenträger. Philipp reichte ihm den Hut und Seidenmaniel und sagte: .Gnädigster Herr, hier Ihre Sachen. In dieser Welt tauschen wir die Rollen nicht wieder mit einander; ich käme p kurz dabei l"

Der Prinz rief:Rur geschwind, nur geschwind!" warf die nachtwächterliche Amtstracht von stch in den Schnee, band die Larve und den Mantel um, und setzte den Hut aus. Röschen sprang erschrocken zurück. Philipp bedeckte sich mit seinem alten Filz und Mantel, und nahm Stange und Horn.

Ich habe dir ein Trinkgeld versprochen, Kamerad," sagte der Prinz,aber so wahr ich lebe, ich habe meinen Geldbeutel nicht bei mir."

Den habe ich!" antwortete Philipp und hielt ihm die Börse hin:Sie gaben ihn meiner Braut jba ober, gnädigster Herr, wir verbitten uns Geschenke der Art."

Kamerad, behalte was du hast, und mache dich ge­schwind auS dem Staube; es ist für dich hier nicht ge­heuert" rief der Prinz eilig und wollte davon. Philipp hielt ihn am Mantel fest.Gnädiger Herr, wir haben noch Eins abzuthuni"

Flieh' sag' ich dir, Nachtwächter! Flieh', man stellt dir nach."

Ich habe keine Ursache zu fliehen, gnädigster Herr. Aber ich habe Ihnen hier Ihre Börse"

Die behalte. Laus' waS du kannst!"

Und einen Wechsel deS Marschalls Blankenschwerd von fünftausend Gulden zuzustellen."

Der Hagel, wie kommst tu mit dem Marschall Blan­kenschwerd zusammen, Nachtwächter?"

Er sagte, eS sei eine Spielschuld, die er Ihnen zu zahlen habe Er will diese Nacht noch mit seiner Gemahlin auf feine polnischen Güter."

Bist du toll? Woher weißt du das? Wo gab et dir die Verrichtungen an mich?"

Gnädigster Herr, und der Finanzminister Bodenlos will bei Abraham Levi alle Ihre Schulden zahlen, wenn Sie stch für ihn beim König verwenden wollen, daß er im Ministerium bleibe."

Nachtwächter, du bist vom hellen Teufel besesien!" Ich habe ihn aber in Hochdero Namen abgewiesen!" Du den Minister?"

Ja, gnädigster Herr; hingegen habe ich die Gräfin Bonau mit dem Kammerherrn Pilzow wieder vollkommen versöhnt."

Wer von uns Heiden ist ein Narr."

Noch Eins. Die Sängerin Rollina ist eine gemeine Metze, gnädigster Herr. Ich kenne deren Liebesgeschichten. Sie sind der Betrogene. Darum hielt ich eS für Ihre königliche Hoheit unwürdig, sich mit ihr einjulaffen, und habe für diese Nacht daS Abendmahl bei ihr abbestcllt."

Die Rollina? Wie kamst du zu der?"

Noch .Eins. Der Herzog Herrmann ist fürchterlich gegen sie aufgebracht wegen der Kellergeschichte. Er wollte Sie beim König verklagen."

Der Herzog? Wer hat dir denn das Alles erzählt?"

Er selbst. Sie sind noch nicht sicher. Zum König aber geht er nicht mehr, denn ich drohe ihm mit dem Zettel, den er dem Bäckermädchen gab. Hingegen wollte er stch mit Ihnen auf Tod und Leben schlagen. Nehmen Sie sich in Acht vor ihm."

Eins sage mir: weißt du, woher der Herzog weiß, daß ich"

Er weiß Alle» von der Marschallin Blankenschwerd; die hat es ihm ausgeplaudert, und daß ste als Hexe bet dem Gaukelspiel gesessen."

Der Prinz nahm den Philipp beim Arm und sagte: Spaßvogel, du bist kein Nachtwächter!" Er drehte ihm das Gesicht gegen eint aus der Ferne hinschimmernde La­terne, und erschrack, da er einen ihm vollkommen fremden Menschen sah.

Bist du vom Satan besessen, oder . . . Wer bist du denn?" fragte Julian, der vor Schrecken ganz nüchtern geworden war.

Ich bin bet Gärtner Philipp Stark, Sohn des Nacht« Wächters Gottlieb Stark! antwortete Philipp ruhig.

(Fortsetzung folgt.)