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Marburg, Sonnabend, 27. Mai 1876.
XI. Jahrgang.
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imetaen nimmt entgegen: uTfeMebiHo« d. Blatte«, Smit die Annoncen-Bureaux ,on LH. Dietrich & Co. in a.ffel und Hannover; Th. xietrich in Frankfurt a. M.; ßaaftnftdn & Vogler in L,ntfurta.M, Berlin, Leip, f ®»n k; Rudolf Most« *n Berlin, Frankfurt a. M. ic.
OhrchcUlhe Icilung.
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Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
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ßtstellullgtil Jeii«ttVm?t MrMr- M Sonntagsvtatt für den Monat Juni werben in Marburg von der Expedition sowie auswärts von allen Postanstalten angenommen.
Die Gisenbahnfrage im Herreuhause.
Bei den Berathungen des Abgeordnetenhauses über den Gesetzentwurf wegen Hebertragung ,der Eigenthums- und sonstigen Rechte deS Staates an Eisenbahnen auf das Deutsche Reich hat der Minister-Präsident, Fürst Bismarck, geäußert, die Regierung sei allerdings befugt gewesen, wegen dn Eisenbahnen selbstständig mit dem Reiche zu unter- handeln und erst nach Abschluß der Verhandlungen daS Ecgebniß derselben dem Landtage zur Genehmigung vor- ziilegen, die Regierung habe aber in einer so wichtigen Sache nicht von ihrer Machtvollkommenheit Gebrauch machen, sondern sich im Voraus vergewissern wollen, ob sie im Einklänge mit der Landesvertretung handle. Zugleich sprach der leiLnoc Staatsmann die Hoffnung aus, daß die Staatsregierung, gestärkt durch die Zustimmung des Landtages, mit gün ftigeren Aussichten in die Unterhandlungen mit dem Reich eintreten werde. Die Hoffnung hat nunmehr ihren festen Loden gewonnen; denn auch daö Herrenhaus hat die Vorlage nach zwei Berathungen mit der Mehrheit von 60
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selben wirksame und durchgreifende Mittel in Anwendung M bringen. Je entschiedener aber dieser Standpunkt zur Geltung gelangt, um so mehr wird eine unbefangene sachliche Prüfung sich mit dem von der Regierung vorgeschlagenen Wege einverstanden erklären.
Vor Allem freilich kommt eS darauf an, daß dir Absichten der Regierung in ihrer wahren Bedeutung richtig erkannt werden, und gerade in diesem Sinne werden die Erklärungen der Minister im Herrenhause nicht ohne gute Wirkung bleiben.
Der Handelsminister machte entschieden geltend, daß die Regierung durch daS neue Gesetz nur die Bahn älterer Uebetliefetungen verfolge, welchen daß preußische Eisenbahn- Wesen eine ersprießliche Entwickelung zu danken habe, und daß eS auf eine Beseitigung der Privatbahnen nicht abge- schen sei. Auch sei nicht zu besorgen, daß nach dem Heber»
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gegen 31 Stimmen angenommen.
Die Verhandlungen deS Herrenhauses werden zur För- betung der Angelegenheit im öffentlichen Geist nicht un- »esentlich beigetragen haben. Während sich der StaatS- Regierung der erneute Anlaß bot, übet ihre Absichten weiteren Ausschluß zu geben, ist vor Allem die Wahr aehmung von schwer wiegender Bedeutung, daß daö Ver- ßindniß für die Rothwendigkeit einer zweckmäßigen Regelung bte Eisenbahnwesens, auf welche die Absichten der Regierung hinzielen, sich in allen Parteien Bahn gebrochen hat. Selbst die Gegner der Vorlage haben die schweren Gebrechen der gegenwärtigen Eisenbahnzustände offen anerkannt und in i« rt als eine dringliche Ausgabe bezeichnet, zur Heilung der-
gang der Eisenbahnrechte auf daS Reich der Bau von Lokalbahnen in Wegfall komme. Vielmehr fei das Gegen- theil zu erwarten, weil die Hauptlinien ein Interesse daran haben, daß ihnen durch Lokalbahnen ein gesteigerter Verkehr zugeführt werde. Es handle sich bei dem vorliegenden Gesetze, wie bei der im Jahre 1873 unternommenen und der Landesvertretung gutgeheißenen Erweiterung des StaatS- Bahn • N tzes nur um eine kräftige Einwirkung auf den Eisenbahnbetrieb im allgemeinen Interesse.
Auch der Minister-Präsident wies die Besvrgniß zurück, daß in Zukunft den ärmeren Landesiheilen die Pflege entgehen werde, die ihnen in Bezug auf Eisenbahn - Anlagen bisher von Seiten Preußens geworden. Dazu ist das Reich freilich nicht verpflichtet; aber der preußische Staat werde den Nothständen einzelner Landcsthcile ebenso gut abhelfen können, wie früher. Es könne nicht davon die Rede fein, daß die übrigen Bundesstaaten Grund zum Mißtrauen hätten, wenn die preußischen Eisenbahnen in den Händen des Reiches wären. Innerhalb der Reichs- Verwaltung haben die Bundes-Regierungen eben das Recht, in allen Eisenbahn-Angelegenheiten mitzusprechen und können ihre Mitwirkung benutzen, um eine ihren eigenen Interessen unzuträgliche Eisenbahn Politik zu verhindern. Viel leichter und stärker würde sich Mißtrauen entwickeln, wenn das große Eisenbahnnetz Preußens ausschließlich in den Händen deS EinzelstaateS bliebe und zur Abwehr der gegenwärtigen Mißstände im einseitigen preußischen Interesse be- nutzt würde. Den Bedenken, welche sich an die Frage knüpfen, ob die Reichsverwaltung im Stande fei, ein fo großes Eifenbahngebiet zweckmäßig zu bewirthfchaften, trat Fürst Bismarck durch den Hinweis auf die anerkannt vorzügliche Entwicklung des ReichSpostwefenS entgegen. Auch die Besorgnisse, daß bei Heberweisung der preußischen Eisenbahnen an daS Reich die Interessen Preußens geschädigt werden könnten, haben keine Berechtigung. Der Ministerpräsident betont in dieser Beziehung als eine wesentliche Bürgschaft, daß die preußischen Jntereffen von dem Finanzminister mit größter Bestimmtheit und Festigkeit vertreten werden. Schließlich gab der leitende Staatsmann die Versicherung, daß eS ihm durchaus fern liege, einen Druck auf den Bundesrath oder Reichstag durch die gegenwärtigen Verhandlungen üben zu wollen.
Der preußische Landtag hat der Staatsregierung ein Vertrauensvotum und die Vollmacht zu den mit dem Reich anzuknüpfenden Hnterhandlungen ertheilt. DaS Ziel der Regierung ist, ohne nach irgend einer Seite Zwang auS- zuüden, im deutschen Eisenbahnwesen die aus der Zersplitterung und der finanziellen Ausbeutung entspringenden Mißstände zu beseitigen und auf die Verwaltung unserer Eisenbahnen in der Weise einzuwirken, daß dieselben den nationalen Ansprüchen deö Verkehrs und der Landesver- theidigung durch zweckmäßige Anlage und erhöhte Leistungsfähigkeit genügen.
ES kann nicht fehlen, daß sich die Absichten einer Eisenbahn-Politik, bei welcher die Jntereffen des Reiches
mit denen der Einzelstaaten vollkommen Übereinflimmen, unwiderstehlich, wenn auch langsam, zum Wohle Deutschlands Bahn brechen. (Prvv. - Corresp.)
Tagesbericht
Hnser Kaiser, berichtet die „Prov.-Corr.", hat auch in der letzten Woche fast täglidj den Truppenübungen bei Berlin und Potsdam beigewohnt. Reben den regelmäßigen Vorträgen hat Se. Majestät wiederholt den Reichskanzler Fürsten Bismarck zum Vortrag empfangen. Die bisher durch die Ungunft deS Wetters verhinderte Ueberfiebdung nach Schloß Babelsberg wird jetzt voraussichtlich nicht mehr stattfinben, da Se. Majestät nach der stillen Feier bes Tobcstages des Hochs ligen Königlichen Vaters am Abenb deS 7. Juni nach Bab EmS abzureifen gebenkt, um bort zunächst noch mit bem Kaiser Alexanber von Ruß- lanb zusammen zu fein. Dem Badeaufenthalt in ErnS wirb in der zweiten Woche des Juli vermuthlich wieder ein Besuch bei der Großherzoglich Babenschen Familie auf der Insel Mainau und gegen Mitte Juli die Reise nach Gastein folgen. In der zweiten Hälfte August und im September wird der Kaiser den großen Manöver» zwischen dem Garbe Corps unb dem 3. Armee Corps, sowie zwischen dem Königlich Sächsischen (12.) und dem 4. Armee Corps, ferner mehreren großen Kavallerie Manövers, namentlich auch bei Metz beiwohnen.
Die Mehrheit deS Herrenhauses hatte die Absicht ausgesprochen, die Session mit der Mittwochs-Sitzung zu schließen. Damit wäre die Erledigung der gefammten im Abgeordnetenhaufe noch ruhenden Vorlagen u. A. deS Kom- petenSgesetzeS unmöglich geworden. Wie man der „Rat. Ztz." schreibt, hätte der Viceprästdent des Staatsministe- riumS, Finanzminister Camphausen, der bekannntlich auch Mitglied deS Herrenhauses ist, gegenüber dem Präsidium und einer Gruppe einflußreicher Mitglieder des Hauses eindringliche Vorstellungen gegen die Absicht gemacht, mit dem morgenden Tage bereits die Vertagung eintreten zu kaffen. Dies hat denn zur Folge gehabt, daß man die Berathungen vielleicht noch um eine Woche verlängern wird, um sich mit den vom Abgeordnetenhause überwiesenen Vorlagen zu beschäftigen.
Von französischer Seite auS wird der auch von deutschen Blättern mitgetheilte Plan eines Kongresses der Pariser Vertragsmächte noch immer festgehalten und weiter verbreitet. Pariser Blätter melden neuerdings wiederum, daß die diesbezüglichen Verhandlungen zwischen den Gabi» neten von Berlin, Wien und Petersburg äußerst lebhafte feien. Die Weigerung Englands und die zögernde Haltung der Türkei ließen eine Trübung deS europäischen Friedens erwarten und die Rordmächte suchten deshalb den Kongreß so schnell alS möglich zu vereinigen. In Folge genauer Informationen können w r versichern, daß derartige Ver-
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I D»S Abenteuer ber Rrujahrsnacht.
Humoreske von Heinrich Zschocke.
(Fortsetzung)
11.
Sobald sich Philipp im Freien befand, nahm er blitzschnell Hut und Seidenmantel ab, wickelte jenen in diesen, unb so, beides unter dem Arm, sprang er die Gaffe ent« hog, der Gregorienkirche zu.
Da stand Röschen schon in einem Winkel neben der hohen Kirchenpforte und harrte sein.
„Ach, Philipp, Heber Philippi" sagte sie zu ihm, fo» iald sie ihn erkannte und drückte seine Hand: „Welche Steube hast du mir doch gemacht l O, wie glücklich sind dir! Sieh, ich habe keine Ruhe mehr bei meinen greun Nonen gehabt. Gottlob, daß du da bist. Schon feit beinahe einer Viertelstunde stehe ich hier und friere. Aber >ch dcnke vor Freuden gar nicht an die Kälte, die ich leide."
— Unb ich, liebe» Röschen, danke Gott auch, daß
wieder bei dir bin. Hole der Geier all den Schnick- fänati der großen Herren. Run, ich erzähle dir fchon ein ^dermal von den tollen Austritten, die ich gehabt hab«. Sage mir, Herzenskind, wie gehr es dir auch? Hast du *>ch noch ein wenig lieb?
„Ei, du bist nun ein großer Herr geworden, Philipp, P^b da ist's wohl an mir, zu fragen, ob bu mich noch büt wenig lieb hast?"
— Wetter, woher weißt bu denn schon, daß ich ein Aoßer Herr war?
w „Du hast es mir ja selber gesagt. Philipp, Philipp, wenn du nur nicht stolz wirst, wenn du so entsetzlich reich bist. Ich bin ein armes Mädchen, und nun freilich zu schlecht für dich. Aber, Philipp, ich habe schon bei mir gedacht, wenn bu mich verlassen könntest, sieh', ich wollte lieber, du wärst ein Gärtner geblieben. Ich würde mich zu Tode grämen, wenn bu mich verlassen könntest."
— Röschen, sage mir, waS schwatzest du auch da? Ich bin eine halbe Stunde Prinz gewesen, unb es war doch nur Spaß; aber in meinem Leben mach« ich solchen Spaß nicht wieder. Run bin ich wieder Nachtwächter, unb so arm, wie vorher. Ich habe da wohl noch sünstausend Gulden bei mir, die ich von einem Mameluken bekommen — die könnten uns beiden aus ber Roth helfen —, aber leider, sie gehören mir nicht. . *
„Du sprichst wunderlich, Philipp!" sagte Röschen, und gab ihm die schwere Geldbörse, die sie vom Prinzen erhalten halte: „Da, nimm dein Gdd wieder. ES wird mir doch im Strickbeutel saft zu schwer."
— Was soll ich mit bem vielen Gelbe? Woher hast du daS, Röschen?
' „Du hast es ja in ber Lotterie gewonnen, Philipp."
— Was? Hab' ich gewonnen? Unb man hat mir doch auf bem Rathhaufe gesagt, meine Nummern wären nicht herauSgekomme» l Sieh', ich habe gesetzt, unb gehofft, eS könnte eine Terne für uns zur Aussteuer geben. Ader ter Gärtner Roihmann sagte mir, als ich ben Nachmittag zu spät auf baS RathhauS kam: „Armer Philipp, keine Rumme.j" — Juchheh, also boch gewonnen! Jetzt
kauf' ich ben größten Garten, und bu bist meine grau. Wie viel ist'S denn geworden?
„Philipp, hast du dir ein Räuschchen in der Neujahrsnacht getrunken? Du mußt bester wisten, wie viel es ist. Ich habe bei meinen Freundinnen nur unter dem Tische heimlich in die Börse hineingeschielt, und bin recht erschrocken, als ich ein Goldstück neben dem andern blitzen sah. Da dachte ich: nun wundert's mich nicht, daß der Philipp so unbändig war. Ja, recht unbändig bist du gewesen. Aber es war dir ja nicht zu verargen. Ich möchte dir selber um den Hals fallen und mich recht falt meinen vor Freuden."
— Röschen, wenn du fallen willst, ich mag e» wohl leiden. Aber hier ist ein Mißverständniß. Wer hat dir das Geld gebracht, und gesagt, eS sei mein LotterielooS? Ich habe ja daS Loos noch zu Hause im Kasten, und kein Mensch hat es mir abgeforbert.
„Philipp, treib’ keine Posten. Du hast'S mir vor einer halben Stunde selber gesagt und mir selber daS Geld gegeben."
— Röschen, besinne dich. Diesen Morgen sah ich dich beim Weggehen aus ber Messe, ba wir mit einanber unser Zusammenfinden für diese Nacht verabredeten. Seitdem sahen wir ja einander nicht
„Außer vor einer halben Stunde, da ich dich blasen hörte, unb ich dich zu Steinmanns ins Haus hineinrief. Aber was trägst bu denn unter bem Arm für ein Bünbel- chen? Warum gehst du bei der kalten Nacht ohne Hut? — Philipp, Philipp! nimm dich wohl in Acht. DaS viele Gel» könnte dich leichtsinnig machen. Du bist gewiß