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Marburg, Donnerstag, 25. Mai 1876.

Xi. Jahrgang

Anzeigen nimmt entgegen: He Expedition d. Blatte», fB®ie die Annoncen-Bureaux gon Th. Dietrich L So. in Oaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; tzaafenstein & Vogler in Srantfurt a- M. Berlin, Leip- ,y, w k ; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. ic.

WcrhcMr Jalung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte# sowie die Annoncen-Bureaux von G. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da# Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteö SonntaaSblatt" durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerel) bezogen 2» Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiche# 2 Mark 50 Psg. <exl. Bestellgebühr). JusertionSgebühr für die gespaltene Zeue 10 Pfa. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adrestev werden 25 Pfg. berechnet.

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auf die vb-rh-ssische Zeitung mit Ittustrir- für den Monat Juni iver-

dm in Marburg von der Expedition sowie aus­wärts von allen Postanstalten angenommen.

Lage-brrtcht.

Fürst Bismarck ist am Montag nach seiner Herrschaft FriedrichSruh im Herzoglhum Lauenburg abgereist und wird sich daselbst bi# nach den Pfingstfeiertagen aufhalten.

Am vergangenen Sonnabend den 20. d. Mts. war die fünfjährige Frist abgelaufen, welche den Militärs im Dienste vergönnt worden war, um ihre Ansprüche auf Pensions- Erhöhungen, welche sich auf Ansprüche auS dem letzten Kriege begründen, geltend zu machen. Tie Meldungen sind ziemlich zahlreich eingelaufen und das Militärkabinet hat eine angestrengte Thätigkeit zu entfalten, um die Angelegen^ Helt zu regeln.

Die verstärkte Agrarkommisston wird demnächst über den Gesetzentwurf wegen Ergänzung der Verordnung vom 13. Mai 1867 betr. die Ablösung der Servituten, die Theilung der Gemeinheiten und die Zusammenlegung der Grundstücke für daS vormalige Kurfürstcnthum Hessen mündlichen Bericht erstatten. Die Kommission hat die ganze Verordnung vom 13. Mai 1867 betr. die Ablösung der Servituten, die Theilung der Gemeinheiten und die Zusammenlegung der Grundstücke für das vormalige Kur- färstenthum Hessen ergänzt und beziehungsweise abgeändert, während der Regierungsentwurf nur den § 12 der genannten Verordnung am Schlüsse durch einen Zusatz ergänzen sollte. Lm Schlüsse hat die Kommission noch folgende Artikel hinzugefügt:Hinsichtlich deS nach Artikel 4 als Abfin düng gewährten ForstgrundeS kommen die für die Ge­meindewaldungen geltenden gesetzlichen Bestimmungen zur Anwendung. Die Vorscheifte deS gegenwärtigen Gesetzes finden auch auf bereits eingeleiteten Ablösungen Anwendung; jedoch erhält eS bei den vor Eintritt der rechtsverbindlichen Kraft derselben in rechtsbeständiger Weise erfolgten Fest­setzungen über die Art und Höhe der Abfindung sein Be­wenden."

Am 29. April ist zu Philadelphia die Riesenkanone, welche Krupp zur Weltausstellung gesandt, daselbst von dem eigen« dazu eingerichteten DampferEssen" auSgeschifft worden. DaS Geschütz ist bekanntlich 33 Fuß lang, hat ein Kaliber von 35 Centimeter und schießt Geschosse von 1600 Pfund. Seine äußere Gestalt ist die einer Wein­fiasche. Bon dem Schiffe an» wurde da# Ungethüm auf einem für dasselbe gebauten Wagen der Pennsylvania Railroad mit 16 Rädern verladen. DaS Gewicht deS Rohres beträgt 40 Tonnen, das der Laffete 47 Tonnen, iw: . . - ------- -----

mit dem Wagen zusammen hatte das Ganze eine Last von 150 Tonnen eine Last, welche die zu überschreitenden Brücken wohl nicht getragen haben würden, wenn nicht Krupp Vorsorge getroffen hätte. Er hatte nämlich große eiserne Balken von 50 Fuß Länge und 2 Fuß Dicke mit­gesandt, welche auf die Ufer oder auf die Endpfeiler der Brücken aufgelegt wurden und den größten Theil der Last trugen. Auf diese Weise gelangte das Fahrzeug ohne Schaden anzurichten, nach dem Ausstellungsplatze.

Ueber den Aufstand in Bulgarien bringt dieRöpu- blique Fraryaise" einenBrief eines österreichischen Poli­tikers", der angeblich ganz in der Lage ist,über die Orient-Angelegenheiten gut unterrichtet zu sein." Seinen Aussagen nach wäre der bulgarische Aufstand bedeutender, als man in Konstantinopel zu verstehen geben wolle: Thracien, Bulgarien an der Donau wären unter Waffen. Die Aufständischen wären gut organisirt, von unterrichteten, aus verschiedenen slawischen Ländern gekommenen Osficieren commandirt und mit russischen und serbischen Waffen ver­sehen; die meisten Straßen und Telegraphenlinien seien unterbrochen, außerdem habe das Verbrechen von Salonichi eine außergewöhnliche Aufregung auf der Balkanhalbinsel hervorgebracht und seien bald neue Metzeleien in ver­schiedenen Gegenden zu befürchten."

Die Geschwader der verschiedenen europäischen Mächte, welche demnächst in türkischen Gewässern versammelt sein werden, stellen die größte Flottenmacht dar, welche je in jenen Wassern vereinigt war. Das englische Geschwader werden folgende Schiffe bilden: DieDevastation", da# stärkste derzeit bestehende Panzerschiff, mit 4 35-Tonnen- Geschützen und 350 Mann; der Herkules", Panzer­schraubendampfer, 14 Geschütze 640 Mann; derSwift- jure", Panzerschraubendawpfer, 14 Geschütze 470 Mann; derJnvincible", desgl, 14 Geschütze 500 Mann; die Pallas", desgl., 8 Geschütze 260 Mann; der Aviso Helicon", Raddampfer, 2 Geschütze 73 Mann; der eiserne RaddampferAntelopc", 3 Geschütze 60 Mann; das Ka­nonenbootCockatrice", 2 Geschütze 46 Mann; und das SchraubenkanonenbootTorch", 5 Geschütze 67 Mann. DaS wären neun Schiffe mit 66 Geschützen (darunter 4- biS 700-Centnergeschütze) und 2016 Mann. Dazu kommt noch daS Schiff deS Herzogs von Edinburg,Sultan", mit 12 Geschützen und 600 Mann, welches am Donner­stag in See stechen soll und das PanzerschiffRangleih" mit 22 Geschützen und 550 Mann und im Nothfall der Monarch" mit 7 Geschützen und 530 Mann und der Triumph" mit 14 Geschützen und 460 Mann. DaS Gesammtgeschwader würde dann 13 Schiffe, 121 Geschütze und 4150 Mann zählen.

Dntlsche» »eich.

Berlin, 23. Mai. Das Herrenhaus hofft die

jetzt vorliegenden Arbeiten bis morgen zu erledigen, um alsdann bis 10 Juni zu pausiren. Wenn inzwifchM da# Competenzgesetz und die Städteordnung im Abgeorvneten- hause erledigt fein sollte, so werden die betreffenden Com­missionen den Bericht für das Plenum vorarbeiten, so daß das Herrenhaus alsdann fämmtliche Vorlagen in der zweiten Woche nach Pfingsten erledigen kann. Der Schluß der Session wird dann abhängen von der Zeit, welche das Berathen dieser Vorlagen im Herrenhause dauern und die Einigung beider Häuser über diese Vorlagen erfolgen wird.

Pofe«, 23. Mai. Zu der heutigen Feier deS fünzigjährigen Dienfijubiläums des Generals v. Kirchbach übersandten Se. Majestät der Kaiser, Se. K. K. Hoheit der Kronprinz und der König von Sachsen ihre Glück­wünsche. An der Feier beteiligten sich die Spitzen der Behörden und viele andere angesehene Persönlichkeiten. Die Stadt überreichte dem General einen Ehrenbürgerbrief. Bei der heute Mittag stattgehabten Parade wurde General v. Kirchbach mit Ovationen empfangen. An seiner Seite vefand sich der Adjutant des König# von Sachsen, Major von Ehrenftein. Viele Privalhäuser haben geflaggt.

Wilhelm-Hafen, 23. Mai. Das deutsche Mittel- meergefchwader ist gestern, Nachmittags 4 Uhr, von Wil- helmShasen in See gegangen. Da# gejammte Deutschland begleitet mit theilnchmender Sympathie den Kern unserer maritimen Wehrkraft auf seiner hoffentlich friedlichen Mis­sion. Zum ersten Male erscheint ein formirtes deutsches Geschwader in den östlichen Thcilen des Mittelmeeres, welche namentlich von unfern Panzerschiffen bisher noch nie berührt wurden. Die Nation ist zu der Zuversicht berechtigt, daß die Marine sich in jeder von ihr geforderten Leistung der älteren ruhmbedeckten Schwester, der Landarme, ebenbürtig erweisen und den der deutschen Flagge gebüren- den Rang inmitten der fremden Flotten bei jedem Anlaß ihre# vielseitigen, schwierigen und verantwortungsvollen Dienste# zu wahren wissen wird. Mehr als auf irgend einen Theil der in den levantinischen Gewässern sich sam­melnden Geschwader sind die Blicke nicht nur der eigenen Heimath, sondern des gesammtcn Europa aus die deutsche Flottenabtheilung, das Kind unseres nationalen Aufschwungs, gerichtet, für welchen Zevgniß abzulegen unsere Marine berufen ist. Möge dem Gcjchwader und feiner gejammten Besatzung eine glückliche Fahrt und fröhliche Heimkehr be- schieden feinl Da# Geschwader nimmt seinen Weg über Plymouth Lissabon resp. Gibraltar und einen noch näher zu bestimmenden italienischen oder griechischen Hafenplatz. Um die einzelnen, eben in den Dienst gestellten Schiffe vor ihrer Abfahrt zu sehen, hatte sich der Chef der Ad­miralität am Sonnabend, den 20. d. M., nach Wilhelm#- Hafen begeben und besuchte dieselben in Begleitung der Kontreadmirale Klatt und Bätsch am Sonntag den 21. Bon einer eigentlichen Besichtigung war der Kürze der Zeit halber, welche für die nothwendigsten Vorbereitungen blieb, abgesehen worden, und wurden nur die auf dem

Die Kirchspitze bei Marburg.

Die Gemarkung diesseits der Lahn zwt>chen den Ort­schaften Werda, Marbach und Ockershaufen, in deren Mitte Stabt und Schloß Marburg liegt, war in alten Zeiten ein fürstliches Allodium (Eigenthum), welches im ersten Drittel des 12. Jahrhunderts durch Verheirathung bet kochtet des Grafen Gifo V. von Gudensberg, Hedwig, Alt dem Landgrafen Ludwig L von Thüringen an das landgräflich thüringische Fürstenhaus kam. Nach und nach gingen Theile dieses BllodiumS durch Kauf, Tausch und Schenkung an Privatpersonen und Korporationen über, so baß sich jetzt nur noch der Dammelsberg und die Kirch­spitze, zwei mit mächtigen Burgen einst gekrönte und der- valen mit Eichen bewachsene Berge, wirkliche Zierden in der nächsten Umgebung Marburgs, als Reste fiskalischen Grundbesitzes in dieser Gemarkung vorfinden. Von dem Dammelsberg wat bereits in dem Marburger Wochenblatte tarn Jahre 1870 einmal die Rede, es soll nun auch von der Sirchspitze in diesen Blättern das mitgetheilt werden, in Sagen und Urkunden von ihr auf uns gekommen ist.

Wie bereits oben bemerkt, stand in alten Zeiten auf 'NKirchfpitze eine Burg, die Kesselburg genannt, deren ästiges Vorhandensein unseren hessischen Chronisten un- dckannt geblieben ist. Die Geschichte der Kesselburg ist 'N ein tiefe» Dunkel gehüllt; außer wenigen schon früher "^gefundenen Mauertesten ist nicht# al# ihr Name auf Nn» gekommen, ja selbst dieser wäre nicht einmal zu unserer »mntnifj gelangt, wenn man sich dessen nicht bedient hätte. n® in einem Schriftstück die Lage eine# Gartens näher in bezeichnen. Die bezügliche Urkunde vom 17. September H92, welche im Staatsarchiv auf hiesigem Schlosse auf­

bewahrt wird, berichtet nämlich, daß Grethe Heckmann, Bürgerin zu Marburg, alle ihre Gerechtigkeiten an einem Garten vor Marburg hinter bet Elwinsmühle (Lotzen­mühle) an dem Berge, genannt dieKesselburg", gelegen, an Han# Knaufe, Bürger daselbst, verkauft habe. Im 16. Jahrhundert heißt der Berg noch Kesselberg und Kassel­berg, bann verschwinden auch diese Namen in den Urkun­den, und es tritt an deren Stelle die heutige Bezeichnung Kitchspitze", die höchst wahrscheinlich ihre Entstehung einer Sage verdankt, welche bi# auf diese Zeit in Marburg und in der Umgegend sich erhalten hat, und in Estor'sMar- burgische Beiträge" vom Jahre 1749 sich ausgezeichnet findet. Die Sage lautet daselbst also:Die heilige Elisabeth habe im Sinne gehabt, auf dem nahe gelegenen Berg, die Kirchspitze genannt, die Kirche zu erbauen. Dieweil ihr aber zu Sinnen gestiegen eine solche Glocke darauf zu sehen, daß deren Klang die Ungarn hören könnten, so habe Gott ihren Hochmuth gestraft, und die Baumaterialien, welche sie Tag# mit vieler Müh und Kosten hinauf tragen lassen, durch die Engel de# Nacht# wieder herunter und in# Thal tragen lassen. Sie hätte aber nicht daran gewollt, die Kirche in ein so tiefe# Thal zu bauen, jedoch in Gotte# Willen sich schicken müssen. Zur Bezahlung der Arbeiter habe sie eine offene Bütte mit Geld hinstellen lassen. Ein jeder Arbeiter habe so viel daraus nehmen wollen, als ihm gut gedünket. Gleichwohl wäre die Bütte nicht leer worden. Denn was einer über feinen Lohn genommen, hätten die Engel des Nacht# geholt und wieder zur Bütte getragen." Diese Sage aber ist ganz unbegründet, denn der Grundstein der St. Elisabeth Kirche wurde erst nach Elisabeth# Tode, Dienstag# bett 14. August 1285, am Tage vor dem

Feste der Himmelfahrt Mariä, und zwar durch Landgraf Conrad von Thüringen gelegt.

Zur Zeit de# 7«jShrigen Krieges, al# die Franzosen da# Schloß Marburg besetzt hatten, wurden von den Alliirten bei Belagerung der Stadt zweimal Batterien auf der Kirch- spitze errichtet. Zum erstenmal am 8. und 9. September 1759, gelang e# den Alliirten, die Franzosen zu einer Kapitulation zu zwingen; beim zweitenmal dagegen, Ende August 1762, mußten die ersteren das Feld räumen, wo­rauf die Franzosen die Batterien sofort vernichteten.

Wollte man früher von der Kirchspitze aus sich ein­mal des herrlichen Anblicks der schönen Natur erfreuen, oder an einem heiteren Himmelfahrts-Morgen den Aufgang der Sonne beobachten, so war dies nur mit größter An­strengung auf unwegsamen Pfaden über Stock und Stein hinweg möglich. War man dann endlich am Ziel feiner Wünsche angekommen, so nahm nicht einmal eine Bank sondern der bloße Erdboden die matten Glieder zur Ruhe auf; auch war fein schützendes Dach gegen einen überraschenden Regen vorhanden. Heute ist eS anders. Der Marburger VerschönerungSverein hat für wegfame Pfade und Ruheplätze hinlänglich gesorgt, und Herr Partikulier Frei­tag in Wiesbaden hat zur Erinnerung an seine unter der Obhut seiner Mutter, einer gebornen Keppler, *) der Wittwe seines früh dahingeschiedenen Vater#, hier verlebten Schul, und Lehrjahre, einen eleganten Pavillon erbauen lassen und denselben der Stadt Marburg zum Geschenk gemacht. B.

) Die hiesige »ürgerfamilie Keppler sch ieb sich früher Äapler. Der erste welcher sich im Jahre 1634 die Bürgerschaft dahier er­kaufte, hieß Philipp Äapler. Er war ein Töpfer und aus Olfen im Amte Sontra gebürtig.