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Marburg, Sonnabend, 20. Mai 1876.
XL Jahrgang.
giuetgen nimmt entgegen:
Sxpedttton d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux gOn Th. Dietrich & So. in gflffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; B" 'tein & Vogler in rt a- M,Berlin, Leiv. In rc; Rudolf Moffe ^'Äerlin, Frankfurt a. M. rc-
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Tage-bericht.
Bezüglich der in der Preffe kursirenden verschiedenen Gerüchte in Bezug auf den Rücktritt des Finanzministers Camphausen erfahren wir aus authentischer Quelle Folgendes: In Bezug auf di« Mittheilung eines Berliner Morgen- dlattes, daß Camphausen'S EntlafsungSgesuch vorgestern Nachmittag im Cabinet deS Kaisers gelegen und daß der Kaiser persönlich rS ihm am Abend zurückgegeben habe; ferner daß eS Graf Eulenburg's Vermittelung hauptsächlich zazuschreiben sei, daß der Kaiser sich weigerte, auf die ferneren Dienste deS Finanzministers zu verzichten, wurde heute an die eine betheiligte Stelle im Abgeordnetenhause eine diesbezügliche Frage gerichtet. Die Antwort war zunächst Staunen, dann Gelächter und schließlich die Aeuße- r»ng, daß dir letztere Mittheilung völlig aus der Luft ge. griffen sei. Was das erwähnte Entlaffungsgefuch betrifft, so war an derselben berufenen Stelle nichts davon bekannt.
Der „Time-" wird von ihrem Berliner Correfpon- denten folgende mysteriöse Geschichte gemeldet, deren Ein» zrlheiten sonst total unbekannt find und daher noch der Bestätigung bedürfen: „ES ist eine Etgenthümlichkeit des Falles Arnim, andere Fälle zu erzeugen. Die neueste Verzweigung trifft Ihren preußischen Correspondenten. Vorigen Mittwoch besuchte mich eine unbekannte Person, um wir im Namm einer anderen mir unbekannten Person ge wiffe Information in Verbindung mit dem HochverrathS- prozeffe gegen Graf Arnim, der am folgenden Tage be ginnen sollte, anzubieten. Ich lehnte das Anerbieten ab. Sm nämlichen Tage, wenige Stunden nachdem mich mein Besuch verlosten, nahm die Polizei bei ihm eine Haussuchung vor, angeblich nach Papieren forschend. Darauf veröffentlichtt bk Person, in deren Namen mein Besucher mir seine Aufwartung machte, einen Artikel in einer von ihr redigirten lithographirten Korrespondenz, in welcher er behauptet«, daß ich gegen ihn den Angeber gespielt hätte. Ich habe gerichtlich« Schritte eingelettet gegen die letzter wähnte Person, sowie auch gegen die Redacteure eine» ultramontanen, eines republikanischen und eines financiellen Blattes, welche, so weit ich weiß, die einzigen Journale stnd, die den Artikel in der lithographirten Correspondenz abgedruckt haben."
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Am 14. b; Mts. ist, wie wir erfahr«, von Neapel W wiederum ein Schiff der italienischen Kriegsmarine, die „Scylla", nach den türkischen Gewässern abgegangen und der „Conte Verde", welcher ebendaselbst liegt, hat Befehl bekommen, sich zürn unmittelbaren Abgang in der seiden Richtung bereit zu halten. Nach dem Eintreffen dieser beiden Schiffe vor Salonichi, wo sich zunächst die
Flotte sammeln soll, wird das italienische Geschwader aus 6 Schiffen bestehen.
Der Polit. Corr, wird aus Konstantinopel vom 12. geschrieben geschrieben: „Die Truppen sind ronstgnirt, weil die Regierung gegen eine etwaige Erhebung sofort mit aller Kraft einzuschreiten entschlossen ist. Seit Anfang dieser Woche werden die Waffenläden in Pera und Galata von Türken, worunter man besonders zahlreiche „Sofias" bemerkt, fömlich belagert, die, ohne viel nach dem Preise zu fragen, Waffen, namentlich Revolver einkaufen. Der Polizeiminister Abdi Pascha, ersuchte die verschiedenen Botschafter, auf ihre Unterthanen einzuwirken, daß diese für jetzt den Besuch der Moscheen und die Besichtigung der anderen Merkwürdigkeiten von Stambul unterlassen mögen. Die feierliche Eröffnung eines in Moda, einem ausschließlich von Christen bewohnten Viertel, erbauten protestantischen Gotteshauses, wurde auf Ersuchen der englischen Botschaft verschoben. Die Furcht verscheucht viele von Konstantinopel, jedes Schiff führt zahlreiche Auswanderer fort. Für gestern Abend wurden Unordnungen befürchtet, weshalb die Botschafter, welche sich seit dem Falle von Salonichi als Permanenz Comiis konstituirt haben, nach gegenseitiger Verständigung ihren hier statio- nirenden Schiffen den Befehl zukommen ließen, ein Lan- dungskorps bereit zu halten, das sofort jeder bedrohten Botschaft zu Hülfe zu kommen hätte. Von der russischen Botschaft au» sollten die nöthigen Signale gegeben werden. Eine ziemliche Anzahl der hier zahlreich weilenden slavi-- schen Staatsangehörigen Oesterreichs wurde zum eventuell nöthigen Schutze der österreichischen Botschaft in Bereitschaft gestellt. General Jgnatieff übernachtete auf dem russischen Stationsschiffe. Die englische Kolonie richtete gestern eine Petiion an Sir Henry Elliot mit dem Ersuchen, um Hierherbeorderung eine» Theile« der mittelländischen Flotte zu ihren Schutze. Der Botschafter erklärte, daß er die Petition der Regierung der Königin unterbreiten werde."
Urber den Aufstand in Bulgarien wirb gemeldet: Die Zahl der Insurgenten ist zur Stunde bei den wiedersprechenden Angaben schwer zu ermitteln. Immerhin hat eS einig« Wahrscheinlichkeit für sich, daß sie kaum unter 8000 Mann betragen dürfte. Von den Türken selbst hört man, daß die Aufständischen nicht schlecht bewaffnet sind. Größtentheils stnd eö Minisbüchsen und PercussionSgewehre älterer Construction mit welchen sie versehen sind. Nach türkischen Darstellungen ist auch anzunehmen, daß die Insurgenten mit einer fixen militärischen Organisation sofort debutirt haben. Sie bilden größere Körper mit Unterab- theilungen. An Geld soll es ihnen ebensowenig wie an
Lebensmitteln mangeln. Von letzteren sollen sie im Gebirge große Vorräthe seit langer Zeit angehäust haben.
Deutsches «eich.
•* Berlin, 18. Mai. Seit einigen Tagen waren an der Börse und in der Presse Gerüchte über den angeblich bevorstehenden Rücktritt Camphausen'S verbreitet, deren wir weder in bestätigender noch verneinender Weise Erwähnung gethan. Nach den heutigen Nachrichten dürfte eS unzweifelhaft sein, daß eine KrisiS bestanden, aber inzwischen ihre Erledigung gefunden hat. ES scheint richtig, daß Camphausen ein Entlassungsgesuch beim König eingegeben hat, welches Se. Majestät aber nicht angenommen hat. Wie die „Vossische Zeitung" meldet, hat der König durch Vermittelung des Grafen Eulenburg die Differenz ausgeglichen. Was den Gegenstand betrifft, so darf man negativ versichern, daß weder handelspolitische noch wirth - schaftliche Momente in Betracht gekommen sind. Schon vorgestern hatte die „Post" gemeldet, daß diese den Rücktritt betreffenden Nachrichten Erfindungen seien. Die Notiz war vollkommen berechtigt, da über die angegebenen Momente keinerlei Divergenz zu Tage getreten war. Der Wahrheit dürste die Mittheilung einiger Blätter nahe kommen, die aus Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Fürsten Bismarck und Camphausen in Bezug auf die zukünftigen Verhältnisse zwischen dem Reichskanzleramte und dem preußischen Staatsministerium zurückführen. — Die „Germania" widmet der heutigen Frantz'schen Interpellation und dem Gegenstände derselben einen Leitartikel, der für die Haltung der ultramontanen Presse charakteristisch ist. Nachdem sie von einer nothwendig gewordenen Sühne und Warnung gesprochen, schließt sie mit Redewmdungen, die der ganzen Ausführung die Signatur eines maßlosen Fanatismus verleihen. Sie erklärt einerseits, daß sie und alle Führer der Katholiken in allen Stadien des Kulturkampfes nur zum passiven Widerstande geraihe» haben, andererseits aber auch, daß bk preußische Regierung nicht darauf rechnen könne, daß den Katholiken niemals die Leidenschaft Übermannen werde, wenn er die Heiligthümer seines Glaubens bedroht sieht (I). Diese Phrasen erinnern lebhaft an die Zeit des Kullmann'schen Attentats, wo eine ähnliche Polemik üblich war, die auf jeden Unbefangenen den Eindruck gemacht hat, daß die ultramontane Presse sich nicht ent« blöde, für die Ausschreitungen deS Fanatismus wo nicht Freisprechung, so doch mildernde Umstände zu plädiren. (In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses erklärte der Minister, daß den betreffenden Beamten kein Vorwurf zu machen sei.)
Darmstadt, 17. Mai. Heute traten die Finanz- Ausschüsse beider Kammern, unter Hinzuziehung der Regie-
D»S Abenteuer der Renjahrsnacht.
ist. i(i jf Humoreske von Heinrich Zschocke. lf<. s ( I * --- in irr ~ (Fortsetzung.) . •• -Hi -
Julian, nachdem er gewohntermaßen die Stunde gerufen, N mit lauter Stimme gar vernehmlich:
fc i N», die ihr seufzt in Lchuldennoth ...
Und ohne Witz zum Bankerot, ' ,/
Fleht, daß der Herr in dieser Nacht --cy
■ilhi Euch «m Finanzminister macht, ' s”-n £ Der ohne Finanzen läßt das Land, , ,r- v
Weil er sie behält in seiner Hand. 1.?'
„Da» ist ja znm Ohnmächtigwerden i" rief bk Frau Ministerin, die ebenfalls zu einem der Fenster getreten war: „Wer ist denn der niederträchtige Mensch, der sich ^gleichen erfrecht?" , •,
„Frau Cxcellenzi" antwortete Julian mit verstellter Stimme, indem er den jüdischen Dialekt annahm: „Ich wollte Ihnen doch «in kleine» Vergnügen machen. Halten
Gnaden, ich bin nur der Hofjude Abraham Levi; Frau ^itHenj kennen mich doch schon."
„Wei mir!" schrie eine Stimme oben am Fenster: -Ehrvergessener Kerl, wie willst du fein Araham Levi? Bin ich nicht seiber Abraham Levi? Du bist ein Betrüger I"
„Rust die Wache!" rief die Frau Ministerin: „Laßt den Menschen orretirenl"
Bei diesen Worten verließen all« Gäste in großer 8e> Händigkeit die Fenster. Aber auch der Prinz blieb nicht
sondern nahm im Doppelschritt den Weg durch i Ewige kleine Quergassen.
Ein Schwarm Bedienten, begleitet von einigen Finanz- ^rkretären, stürzte auS dem Palaste hervor und jagte um« HA den Lästerer zu suchen. Plötzlich riefen Einige laut: »Wir haben ihn!" Die Anderen eilten dem Rufe nach.
Wirklich hatten sie den Nachtwächter deS Reviers gefunden, der in großer Unschuld auf dem Wege seines Berufes da- hin trabte. Er ward umringt, übermuint und, wie sehr er sich auch sträubte, wegen feiner sarkastischen Einfälle auf die Hauptwache geschleppt.
Der wachthabende Offizier schüttelte verwundert den Kopf und faßte: „Man hat mir schon einen Nachtwächter zugesührt, der durch Verse, die er auf die Mädchen der Residenz abgerufen, eine fatal« Schlägerei zwischen Offizieren und Bürgerlichen verursacht hat."
Der neu eingebrachte Gefangene wollt« durchaus nichts gestehen und lärmte gewaltig, daß ein Haufe junger Leute, die wahrfcheinlich zu viel getrunken haben möchten, ihn in der Ausübung des ihm anvertrauten Amtes gestört hätten. Einer der. Finanzfekretäre sagte ihm aber den ganzen VerS vor, der den gerechten Zorn der Frau Ministerin und aller ihrer Gäste erregt hatte. Sämmtliche Soldaten brachen in ein erschütterndes Lachen au». Der ehrliche Nachtwächter «her schwor mit Thränen, ihm fei so etwas nicht in den Sinn gestiegen. »
Während man noch mit diesem Verhör beschäftigt war, der Nachtwächter seine Unschuld betheuert«, die jungen Herren für alle Folgen ihres Betragens verantwortlich machte und die Finanzfekretäre in der That schon an fingen, zweifelhaft zu werden, ob sie auch den rechten Mann ergriffen hätten, rkf di« Schilpwache draußen: „Wacht heran» ins Gewehr l"
Die Soldaten sprangen davon. Die Finanzfekretäre fuhren fort, den Nachtwächter mit Fragen zu bestürmen. Indem hat der Feldmarschall in bk Wachtstube, begleitet vom wachthabenden Hauptmann.
„Lassen Sie mir den Kerl da krumm schließen I" rief der Feldmarschall, und zeigte mit bet Hand hinter sich. Zwei
Offiziere traten herein, bk einen entwaffneten Nachtwächte bei den Armen führten.
(Fottsetzung folgt.) > ’ •'
— Marseiller Handelsberichte geben an, daß im vergangenen Jahre aus der Levante, aus Klein Asien, Egypten, Hindostan, China, aus Italien und Spanien 75,000 Kilogramm Haare in den Hafen von Marseille eingeführt worden find. 75,000 Kilogramm! — ruft das „Journal des Debats" aus. — Wir wollen uns dies Gewicht etwas näher veranschaulichen. Eine Lokomotive bringt im Durchschnitt 35,000 Kgr. von der Stelle; jene 75,000 Kgr. übersteigen also die Last zweier gewöhnlicher Güterzüge. Diese Ziffer gibt aber bloS den über Marseille gehenden Import an, während in der jährlichen Fabrikation falscher Haare in ganz Frankreich 130,000 Kgr. Haare zur Verwendung kommen, die also die Last von beinahe vier Güter- zügen repräsentiren. Hierbei ist zu beachten, daß diese Haare von lebenden Personen, die dieselben verkaufen, ober von tobten, denen man sie abgeschnitten, herrühren; außerdem gibt eS noch eine andere Kategorie von Haaren, auf die wir weiter unten zu sprechen kommen. AU bi.se bear- bietete, gekämmte nnb gerollte, in ChignonS, Perrücken, breite und schmale Flechten, in Diademe und alle möglichen Formen gebrachte Haarwaare wird fast allein von England und den Vereinigten Staaten abforbirt, ein Export, bet beinahe die Summe von IV2 Millionen Franken einbringt. Man muß wirklich staunen, daß diese gewaltige Menge von Haaren, in allen Ländern und iu Frankreich selbst von lebenden und tobten Personen „geerntet“, für baS Bedürf« niß der Mode und die überspannten Forderungen, die das schöne Geschlecht an den Haarschmuck stellt, noch nicht auS- teicht. Ja, diese 130,000 Kilogramm, diese Berge von Haaren, genügen dem Konsum bei Weitem nicht; man hat