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Marburg, Freitag, 19. Mai 1876.
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Nach ben Konferenzen.
Die politischen Beraihungen, welche in der jüngsten Woche im Zusammenhänge mit dem Besuche des Kaisers Alexander von Rußland in Berlin abgehalten worden sind, haben zu einer erneiften vollständigen Gemeinschaft der Entschließungen in Bezug auf die nolhwendigen Schritte gegenüber der Lage der Dinge in der Türkei geführt.
Nachdem der russische Reichskanzler und der österrei- lhisch'Ungarische Minister deS Aeußern vom vorigen Donnerstag ab wiederholte gemeinsame Konferenzen mit dem deutschen Reichskanzler gehabt, war bereis am Sonnabend da» Einverständniß unter den drei Kaisermächte» über die zur Wiederherstellung und Sicherung des Friedens in der rürkei und zum Schutze der Unterthanen europäischer Staaten zu ergreifenden Maßregeln in allen Beziehungen eneicht, so daß die gemeinschaftlichen Auffassungen und Vorschläge alsbald auch den Botschaftern von Frankreich, Großbritannien und Italien Behufs Einholung der Zu- stimmung ihrer Regierungen mitgetheilt werden konnten.
Wenn da- Nähere über da« zu erwartende gemeinschaftliche Borgehen zunächst noch der öffentlichen Mittheilung mtzogen bleiben mußte, so hat doch dos allgemeine politische Bewußtsein vor Allem in der unzweifelhaften Thatsache Befriedigung gesunden, daß die neue Zusammenkunft dem europäischen Frieden neue Bürgschaften gebracht hat und daß auch die orientalische Frage, so schwierig und vernickelt ste ,ist und so drohend fle jeder Zeit für die Beziehungen der Großmächte erschien, Dank der entschiedenen FriedenSgemeinschast, welche jetzt inmitten Europa'» auf gerichtet ist, den allgemeinen Frieden nicht stören soll.
Kaiser Alexander hat bald nach seiner Ankunft unter Hinweis auf die vereinigte Kraft der drei Kaiserreiche seinen festen Willen von Neuem bekundet, an dieser Grund- läge einer mächtigen Friedenspolitik sestzuhalten, und dieser von den anderen Mächten mit gleicher Entschiedenheit ge cheilte und bethätigte Willen hat die großen Schwierig toten der augenblicklich schwebenden Fragen durch willige», bundeSfreundtiche» Entgegenkommen überwinden lassen.
Al» der friedliche Bund der drei Kaiser zuerst geschloffen wurde, da wurde wohl von manchen Seiten darüber ge» spottet, daß der Gemeinschaft jede Unterlage eines bestimmt bindenden Abkommen» und Vertrage» fehle; — man glaubte, te» Kaiserbitudniß al» eine zwar wohlgemeinte, aber de» positiven Inhalt- entbehrende politische Regung von flüch tiger Bedeutung darstellm zu dürfen. Inzwischen hat sich die Kraft de» FriedenSbündntsse» grade dadurch von Jahr zu Jahr wirksamer bewährt, daß es eben nicht ein,Bünd- nitz zu bestimmten besonderen Zwecken, sondern ein Bund aufrichtigen gemeinsamen Strebens für den Frieden über Haupt ist, ein Bund zu jedesmaliger vertraulicher Ver- ßändigung über die Interessen des europäischen Friedens.
Während aber Bündnisse, die zu bestimmten Sonder- Zwecken beschlosten werden, nach Erreichung derselben zumeist auSeinandeefallen und ost gerade entgegengesetzten Verbindungen Platz machen, — entspricht eS dem Wesen des jetzigen Friedensbundes, daß derselbe durch jeden gemeinsamen Erfolg nur noch fester und vertrauensvoller verknüpft wird.
Zn der That hat jede» Jahr der Drei - Kaiser - Politik und jede neue Zusammenkunft der Träger derselben da» Bewußtsein von ihrer segensreichen Bedeutung nicht nur für die eigenen Staaten, sondern für ganz Europa neu gestärkt und gehoben, und in diesem Sinne wird ganz besonders dem jüngsten Besuche deS Kaisers Alexander in Berlin und .den mit demselben verknüpften Konferenzen eine hohe Bedeutung für die friedliche Entwickelung Europas beizumessen fein. (Prov.-Corresp.)
Tage-brrtcht.
Da» Staat-ministerium hielt am Donnerstag nach Schluß der Plenarsitzung im Abgeordnetenhaufe unter dem Vorsitze deS Vireprästdenten eine Sitzung ab. Außer den schon vorher im Hause anwesenden Ministern der Finanzen des Innern, des Kultus, des Handels und der Landwirth- schast sanden sich dazu noch die Minister der Justiz und deS Krieges ein.
Fürst Bismarck wird, gutem Vernehmen nach, wenn das Welter sich auf dem gegenwärtigen günstigeren Stand punkte erhält, in den ersten Tagen nach feinen lauenburgifchen Besitzungen abreifen.
Die von der deutschen Reichsregierung nach den tüt» kijchen Gewässern beorderten maritimen Streitkräfte belaufen sich nunmehr aus 9 Dampfsahrzeuge: 4 Panzerfregatten („Kaiser", „Deutschland", „Kronprinz", „Friedrich Carl") 1 Glattdecks.Korvette („Medusa"), 1 Kanonenboot („NautiliuS"), 2 Kanonenboote I. Klasse („Ko» met", „Meteor") und 1 Aviso („Pommerania"). Diese neun Kriegssahrzeuge führen 69 Geschütze und ungefähr 2700 Mann Besatzung: die Panzersregatten „Kaiser" und „Deutschland" je 9 Kanonen und 600 Mann, „Kronprinz" und „Friedrich Karl", je 16 Kanonen und 500 Mann, die „Medusa" 9 Kanonen und 190 Mau», „NautiliuS" 4 Kanonen und 95 Mann, „Komet" und „Meteor" je 3 Kanonen «ob 64 Mann. Die Pommerania ist mit ungefähr 50 Mann bemannt.
Da» Neue Wiener Tagebl. erfährt, daß die drei Kanzler außer jener identischen Note, die die Mächte an den Pforte richten werden und welche die erwähnten Punkte enthält,
in ihrer letzten Conferenz noch ein andere- Schriftstück unterzeichnet haben. Dastelbe soll die Vereinbarungen enthalten, welche die drei Kanzler für den Fall getroffen haben, daß die Türkei die ihnen von den Drei-Kaiser- Mächten proponirten Reformen ablehnea, oder daß auf der Balkanhalbinsel Ereignisse eintreten sollten, denen die Türkei nicht gewachsen wäre und die daS Wohl der in diesen Ländern lebenden Unterthanen der drei Kaiserreiche chädigen würden. Diese Vereinbarungen seien bisher den ibrigen Garantiemächten nicht mitgetheilt worden.
Der tmkische Botschafter Edhem Pascha soll nicht wie seine College» eine E nladung zur Entgegennahme von Mittheilungen erhalten haben, er ließ sich beim Reichskanzler und bei Herrn v. Bülow anmelden, aber Beide hatten nicht Zeit, ihn zu empfangen.
Daß Konstantinopel in den letzten Tagen die Scene, einer gewaltigen Panique unter den Fremden gewesen, wird nun auch von dem dortigen Correspondeuten der N. Fr. Pr. bestätigt. Den Anlaß dazu gab der Aufzug der bewaffneten SostaS, welche nicht, wie ursprünglich gemeldet, nur 400 Köpfe stark gewesen, sondern auf .5000 geschätzt wurden.
Dem Reich» Anzeiger zufolge sind in Salonichi bisher im Ganzen 54 Personen zur Untersuchung gezogen' und 11 sofort der Betheiligung an dem Morde der beiden Eon« suln überführt worden. Hiervon wurden 6 zum Tode verurtheilt und gestern auf öffentlichem Platze bei ziemlich erregter Stimmung der Bevölkerung von Salonichi hingerichtet ; dieselben gehörten der niedrigsten Claffe de» Volke» an. Die Untersuchung dauert fort und wird stch namentlich auch auf die Ermittelung etwaiger höherer Anstifter , und Begünstiger der Mordthaten zu erstrecken haben. '
Wie un» au» Konstantinopel berichtet wird, war einer der ersten, welche in Salonichi verhaftet wurden, der Chef der dortigen Polizei. Uebrigen« sind in Konstantinopel detaillirte Berichte sowohl von Vahan Effendi, dem Präsidenten der türkischen UntersuchungSkommisflon al« von den Konsuln an ihre betreffenden Botschaften eingetroffen. Sie weichen nicht nur untereinander sondern auch von den früheren offiziellen und privaten Schilderungen ab. In einem der KoosulalSberichte wird die vollständig neue Version vorgebracht, daß da» bulgarische Mädchen stch zuerst in da« Hau» des deutschen Konsul« Abbot gepflüchiet habe. Die Menge der Muselmänner aber, welche sich vor dem Hause de« Konsul» angesammelt hatte und den letzteren mit dem Tote bedrohte, nöthigte ihn, da» Mädchen wieder zu entlasten. Die Übrigen Vorgänge werden danach in
D«S Abenteuer der Reujahrsnacht.
Humoreske von Heinrich Zschocke.
(Fortsetzung.)
„Herr Lieutenant, der Nachtwächter singt leider Gotte» die Wahrheit I" entgegnete ihm ein jungkr Müller: „Und gerabe das Weib-bilb, da» Sie am Arm führen, bestätigt die Wahrheit. He, Jüngferchen, kennst du mich? Weißt du, wer ich bin? He? Geziemt stch bas für eine verlobte Braut, de» Nacht» mit andern Männern herumzu- schwärmen? Morgen sag' ich'« deiner Mutter. Ich will nicht» mehr mit dir zu schaffen haben!"
Da« Mädchen verhüllte stch daS Gesicht und zupfte nm Arm de» Offizier«, um davon zu kommen. Der Lieutenant wollte aber, em KriegSheld, vor dem Müller nicht fv leicht ReißauS nehmen, und mit Ehren da« Feld behaupten. Er stieß eine Menge Flüche au«, und da dieser kein Wort schuldig blüb, schwang er de» Stock. Plötzlich »der erhoben stch zwei dicke spanische Rohre, von burger lichen Fäusten geführt, warnend über dem Haupte de« Lieutenants.
„Herr l" lief ein breitschultriger Bierbrauer dem Kriegs- Manne zu: „Hier keine Händel wegen de« schlechten AiidchenS angelangen. Ich kenne den Müller; er ist ein braver Mann. Er hat Recht; und der Nachtwächter hat Recht, so wahr ich lebe. Ein ehrlicher Bürgersmann und Prosesfionist kann und mag kaum noch ein Mädchen aus Unserer Stadt zur Frau nehmen. Die Weibsbilder wollen sich alle über ihren Stand erheben; statt Strümpfe zu Dicken, lesen fie Romane; statt Küche und Keller zu b.- loigen, laufen ste in Komödien und Conzeite. Im Hause k« ihnen ist Unflat, und auf den Gasten gehen sie geputzt «kcher, wie Prinzessinnen. Da bringen sie dem Manne keine Mitgift in« Hau«, als ein paar schöne Röcke, Spitzen,
Bänder und Liebschaften, Romane und Faulheit. Herr, ich spreche auS Erfahrung. Wären unsere LürgerSlöchur nicht so verderbt, ich wäre längst verheirathet."
Alle Umstehenden erhoben ein gellende« Gelächter. Der Lieutenant streckte langsam da« Gewehr vor den beiden spanischen Rohren und sagte verdrießlich: „DaS sehlte auch noch, hier von dem bürgerlichen Pack Bußpredigten zu hören!"
„WaS, bürgerliche« Pack", rief ein Nagelschmied, der das zweite spanische Rohr fühlte: „Ihr adeligen Müßig- ginger, die wir euch mit unfern ©teuer» und Abgaben füttern müssen, wollt ihr von bürgerlichem Pack sprechen? Eure Lüderlichkeit ist an allem Unglück in unser» Haushaltungen Schuld. Es blieben nicht halb so viel ehrliche Mädchen sitzen, wenn ihr hättet beten und arbeiten gelernt."
Nun sprangen mehrere junge Osfiziere dazu; aber auch Meister und HandwerkSburschen sainmelten sich. Buben machten Schneebälle und ließen davon in die dicksten Hausen fliegen; um auch ihre Freude dabei zu haben. Die erste Kugel traf den vornehmen Lieutenant auf die Nase. Dieser hielt e« für Angriff deS bürgerlichen Pack» und eihob abermals den Steck. DaS Treffen begann.
Der Prinz, welcher nur den Anfang dcS Wortwechsel« gehört halte, war längst wohlgemuth und lachend davon gezogen in eine andere Straße, unbekümmert um die Folgen seine« GcsangeS. Er kam an den Palast de» Finanz Ministers Bodenlos. Mit diesem Herrn stand er nicht in bestem Vernehmen, wie daS schon Philipp erfahren hatte, Julian sah alle Fenster erleuchtet. Die Gemahlin de« Min fier« Halle große Gesellschaft. Julian in seiner saty- rischen Poelenlaune pflanzle sich dem Pallaste gegenüber hin und blie« kräftig in sein Horn. Einige Herren und Damen öffneten, vielleicht weil sie eben nichts Bessere- zu
thun hatten, da- Fenster, neugierig, den Nachtwächter zu hören.
„Nachtwächter!" rief einer von den Herren herab: „fing auch ein hübsche« Stück zum Neujahr." Dieser Zuruf lockte noch mehrere von der Gesellschaft der Frau Ministerin an die Fenster.
(Fortsetzung folgt )
Sal« nichi.
Au« einer Reiseslizze in der Wiener »Presse".
ES war ziemlich früh am Nachmittag, al» wir m da« Weichbild von Salonichi gelangten. Freundlich winkten un» schon au» der Firne die Flaggen der europäischen Konsulate; allein, der erste abendländische Bote, der un« begegnete, war eine Lokomotive, die mit orientalischer Ge- schwindigkeit (inen kleinen Lastzug zog. Wußten wir auch, daß diese Equipage nicht so bald ihr nahe« Reiseziel er« reichen werde, so freute e« unS doch, die wir seit Monaten die Heimath nicht gesehen, dieses Wahrzeichen deS neunzehnten Jahrhundert« auch hier zu finden. Gleich darauf gab« wieder orientalische Bilder in Menge. Eine Karawane mit Kameelen, mit Salz, Manufakturen und Kolo- nialwaaren beloben, zog in raschem Paßgänge an unvorüber. Dann begegneten wir zerlumpten Bulgaren, welche schwer bepackte Tragthiere vor sich hertrieben und vom Wochenmarkte au« Salonichi zu komme» schienen.
Je näher wir der Stacl kamen, desto bunter wurde die Staffage. Spagnolen, da« heißt spanische Juden in ihrer eigenthümlichen kastanaitigen aber Hellen Tracht, mischten sich mit Griechen, Muhamedanern, Zigeunern, Negern und — Europäern. Einem schwerfälligen Büffelwagen folgte ein leichte», einspännige« Wägelchen, weiche- feinen „fränkischen" Besitzer in einen der Gärten, welche vor der Stadt liegen, zu führen schien. Dahinter die au-»