Mr. HS.
Marburg, Donnerstag, 18. Mai 1876.
XI. Jahrgang.
Anzeigen nizunt entgegen: Ävebitfon d. Blatte», (oiDie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich L Co. in «affel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; fcaafenftein & Vogler in Icantfutt a. SJL, Berlin, Leip.
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Odcrhcßslhc Jeilwig.
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Tage-brricht.
Die zur Vorbcrathung des Entwurfs einer Städte, oiduung für die Provinzen Preußen, Brandenburg, Schlei steu und Sachsen in Folge Beschlusses des Abgeordneten Hauses vom 18. März d. I. eingesetzte Konmiston hat sich ihrer Aufgabe in 22 Sitzungen unterzogen, von denen 15 brr ersten Lesung, 5 der zweiten Lesung, 2 der Feststellung bt- Berichts gewidmet wurden. Die erste Lesung wurde am 1. Mai, die zweite am 10. Mai beendet. Einzelne wichtigere Abschnitte wurden von bestellten Subkommissionen vorbereitet, welche ihre Berathungen theilweise auch während der Osterferien sortsetzten. Die Redaktion der in beiden Lesungen gefaßten Beschlüsse wurde einer besonderen,Sub- kvmmijsion übertragen. Zur schriftlichen Berichterstattung wurden drei Referenten bestellt, denen die Vettheilung des Referats untereinander überlassen wurde. In der Kcmmis- ston har eine Generaldiskusston nicht stattgesunden, da in dieser Beziehupg aus die bei der ersten Berathung im Plenum stattzehabten Verhandlungen verwiesen werden konnte. — Bon der Einjührung der Slävteordnung in Hessen ist nach einer Mittheilung des Regierung» Commis- sar» vorerst Abstand genommen worden.
Verbindung zwischen ihm und dem Panzergeschwader unterhalten. —
Aus Odessa, 14. Mai, wird gemeldet: Ein zweites russisches Kriegsschiff geht heute zur Disposition deS russ. Gesandten nach Konstantinopel ob.
Die Kriegsbudgets der Großmächte und der Türkei
betragen für
Östcrr.-Ungarn bei 11,0000 TZ.u.35 ». 216 ’E
Deutsches Reich „ 9,800 „ „ 41 I 452 ee
Rußland „ 105,000 „ „ 96 ® 634
Italien „ 5,000 „ „26 A 196 5
Großbrittannien„ 6,000 „ „ 31 5 q 502 §
Frankreich „ 9,000 „ „ 36 § 474 a
Türkei „ 6,000 „ „ 9 B 100
Während der Sturz des ottomanischen Ministeriums Mahmud Pascha im Osten Europas als ein schlimmes Ereigniß angesehen wird, begrüßen die französischen Blätter denselben als etwas Günstiges und wissen von dem neuen Großvezier nur das Beste zu erzählen. Danach ist Ruschdi Pascha, welcher jetzt 70 Jahre zählt, schon fünf Mal Großvezier und mehrere Male Seraskier oder Kriegs Minister gewesen. Derselbe spricht die hauptsächlichsten europäischen Kultursprachen und ihm ist die ganze neuere Militärgesetz.
Wir haben bereits gemeldet, daß das deutsche Panzer- Geschwader nach den Gewässern von Salonichi abgehen soll. ' DaS Kommando desselben hat, wie gleichfalls berichtet, der Contre - Admiral Bätsch erhalten. Derselbe wird sich mit seinem Stabe, bestehend aus dem Korvetten-Kapitän Schröder und dem Lieutenant zur See von KrieS an Bord des „Kaiser" begeben. Die beiden Schiffe „Friedrich Carl" und „Kaiser" machen jetzt schon Probefahrten, während die Armirung der übrigen noch nicht vollendet ist. Die gewöhnlichen Stationen der noch dem ägäischen Meere abgehenden Schiffe sind Plymouth, Gibraltar und Malta. Der Sammelplatz der Flotte dürfte Syra mit seinem geräumigen Hafen sein. Nach einer neueren Nachricht der „Kieler Ztg." ist auch die Indienststellung der Korvetten „Gazelle" und „Elisabeth" und Absendung derselben nach dem Mittelmeer befohlen worden. Buch die Indienststellung des Kanonenbootes „Albatroß" wird vorbereitet. Da« Kommando der „Elisabeth" dürfte wohl der Korvetten- K-pitän v. Wickede erhalten, welcher schon für die japanische Mission destgnirt war, an der dieses Schiff theilnehmen sollte. Die Entfernung von Salonichi »ach Konstantinopel dürste von unseren Schiffen in ungesähr 2Vz Tagen zurückgelegt werden. Die unserem Botschafter in Konsta». tinopel zur Verfügung gestellten Kanonenboote werden die
gcbung der Türken zu verdanken. Sein fester und zugleich versöhnlicher Charakter machen ihn vor Allem geeignet, den wichtigen Posten einzunehmen und unter den gegenwärtigen schwierigen Verhältnissen die ottomanische Politik zu leiten.
Die italienische Regierung hat außer den schon in Salonichi angelangten Fregatten noch die beiden Kanonen- Boote „Venezia" und „Palestro" dahin beordert. Dieselben sind, wie uns mitgetheilt wird, am 12. d. M. bereits von Neapel aus dahin in See gegangen.
Italienischen Blättern ist aus Ragusa die Nachricht zuzegangen, daß der Präsident des montenegrinischen Senates im Begriffe stehe, sich nach Berlin zu begeben. Derselbe wolle dort gegen die Konzentration türkischer Truppen bei Podgoritza Protest einlegen und die Erklärung abgeben, daß sich Montenegro in die Nothwendigkeit versetzt sähe, Maßregeln zu treffen, durch welche eS einem Angriffe begegnen könne.
Die Pariser „Amts-Zeitung" veröffentlicht die Ernennung deS bisherigen UnterstaatSsecrelärS Marköre zum Minister deS Innern. — Bei den Nachwahlen aus Corsika Prinz Jerome Napoleon in Ajaccio, die Bonapartisten
Casabianca in Bastia und Gavini.in Corte zu Deputirten gewählt worden.
Deutsche« Reich.
*• Berlin, 16. Mai. Ue6et Ergebnisse der Drei- Kanzler Konferenz werden in der Preffe viele Mittheilungen gebracht, die an und für sich richtig, jedoch nur in einzelnen Zügen die Gesichtspunkte wiedergeben. Jedenfalls ist eine Verständigung der drei Kaisermächte erfolgt, die als Grundlage für Vereinbarungen der sämmtlichen Mächte dient. Herstellung geordneter Zustände in den gährenden Provinzen des türkifchen Reichs und in zweiter Linie, den Christen genügenden Schutz zu schaffen. Die nähern Punkte der Vereinbarung sollen vorläufig Geheimniß der drei Staatsmänner sein. Eine friedliche Lösung der Wirren ist zu erwarten, umsomehr als die drei Mächte nur im Einverständniß mit den übrigen Mächten handeln werden. Die OpposittonSpreffe hat versucht, die Bedeutung der kaiscrtichen Worte: »Voici, la base de ma politique« abzuschwächen, indem sie die Orven als KriegSdecoration darstellt, welche als Zeichen hier bildlich das kriegerische Element repräsentiren. Die Opposition gegen die Vorlage der RuhmeShalle hat die gemeinsame Taktik befolgt, indem sie diese Sache mit der UeberschwemmungSangelegenheit zusammenbringt. Bei näherer Prüfung ist aber die Absicht der Täuschung nicht zu verkennen. So weit ein rasche» Geben für Nothstände erforderlich war, haben die Behörden zunächst Alles gethan, bei der staatlichen Unterstützung, die weiter verlangt werden wird, handelt eS sich nur um Retablissement. In der Presse und auf der Tribüne de» Abgeordnetenhauses vorgebrachte Beschwerden stammen nicht auS dem Kreise der Beschädigten, nur aus Partei- rücksichten. Herr von Patow steht den Beschädigten näher, als Herr Windthorst und Konsorten. Herr von Patow hat ober erklärt, zur Zeit den Schaden nicht abschätzen zu können. Die Interpellation der Uitramontanen wird morgen durch den Minister deS Innern beantwortet werden. DaS metereologische Institut soll von dem statistischen Büreau getrennt werden.
Oldenburg, 13. Mai. Ein Extrablatt der „Nachrichten für Stadt und Land" meldet: „Sicherem Vernehmen nach haben Staatsregierung und der Finanz-Ausschuß deS Landtages sich über die Gehaltsregulative vollständig geeinigt, in Folge dessen der Conflikt erledigt zu fein scheint."
Karlsruhe, 13. Mai. In der heutigen Sitzung der ersten Kammer wurde bei Gelegenheit der Budgel-Be-
D»S Abenteuer der Neujahrsnacht.
Humoreske von Heinrich Zschocke.
(Fortsetzung.)
„O Gott!" ries Röschen, und fiel dem Prinz freudetrunken um den Hals und küßte ihn mit glühender Freude: „Mehr als tausend Gulden? Wird man dir auch das viele Geld wohl geben ?"
Unter ihren Küssen vergaß der Prinz daS Antworten. E» ward ihm ganz wunderbar, die zarte, edle Gestalt in feinen Armen zu halten, deren Liebkosungen ihm doch nicht «alten, und die er doch so gern für je ne Rechnung genommen hätte.
„Antworte doch, antworte doch!" rief Röschen ungeduldig : „Wird man dir auch die Menge Geldes geben «ollen?"
„Ich habe es schon; und macht bk’» Freud', so gebe ich'» dir."
„Wie, Philipp, du trägst e» mit dir?"
Der Prinz nahm seine Börse hervor, die er, schwer von Gold, zu stch gesteckt hatte, im sie beim Spieltisch anzuwendeu. „Nimm und wäge, Mädchen!" sagte er, und legte sie, indem er die kleinen, zarten Lippen küßte, in Röschen» Hand. „Bleibst du mir dafür hold?"
„Nein, Philipp, wahrlich für dein vieles Geld nicht, wenn du nicht mein Philipp wärst."
„Und wie, zum Bespiel, wenn ich dir noch einmal so bttl geben würde, und nicht dein Phil PP wäre?"
„So würf' ich dir deine Schätze vor die Füße, und «achte dir einen höflichen Knix!" s gte Röschen.
Indem ging eine Thüre droben auf; man hörte Mädchen- stimmen und Gelächter. Der Schimmer eines Lichts fiel von oben auf die Treppe. Röschen erschrak! und flüsterte: »In einer halben Stunde bei der Gregorieuküche!" und sprang davon, die Treppe hinaus. Der Prinz stand wieder I« Finstern. Er ging zum Hause hinaus und betrachtete das G. bände u»d die erleuchteten Fenster. Die plötzliche
Trennung war ihm natürlich sehr unzeitig geschehen. Zwar dte Geldbörse gereute ihn nicht, mit der das Mädchen davon geflogen war; wohl aber, daß er das Gesicht der nubefannten Schönen nicht beim Lichte gesehen hatte, daß er nicht einmal ihren Namen wußte, und noch weniger, ob sie aus der Drohung, ihm das Geld vor die Füße zu werfen, Ernst machen würde, wenn er ihr in seiner wahren Gestalt erschiene. Inzwischen vertröstete et stch auf da» Finde-mich bei der Grcgorienkirche. Eben dies Plätzchen hatte ihm auch der Nachtwächter angewiesen. Julian verstand bald, daß er fein glückliches Abenteuer nur diesem, doch ohne dessen Willen zu danken hatte.
9.
Sei es. daß der Geist deS Weins durch die wachsende Kälte der NeujahrSnacht, oder durch Röschens Täuschung in seiner Wirkung gesteigert ward: der Mulhwille deS fürstlichen Nachtwächters nahm überhand.
Milten in einem Haufen von Spaziergängern blieb er an einer Straßenecke stehen, und stieß mit solcher Kraft ins Horn, daß alle Frauenzimmer mit lautem Schrei zurücksprangen und die Männer vor Schrecken steif wurden. Dann rief Julian die Stunde und fang dazu:
Der Handel unsrer lieben Stabt Gewaltig abgenommen hat Selbst unsre Mädchen weiß und braun. Sucht man nicht mehr zu Ehefrau'n. Die Maare putzt sich, wie sie kann, Und bringt sich doch nicht an den Mann.
»Das ist doch unverschämt!" riefen einige weibliche Stimmen im Haufen, „uns mit Maaren zu vergleichen!" Von den anwesenden Männern aber lachten viele aus vollem Halse, ^va oapo!" schrieen einige lustige Brüder. „Bravo 'Nachtwächter!" schrieen Andere. „Was unterstehst du dich, Kerl, unsere Franeizimmer auf öffentlicher Straße zu beleidigen!" schnob ein junget Lieutenant, der ein hübsches Mädchen am Atm hatte, den Nachtwächter an.
(Fortsetzung folgt.)
AuS alten Zeiten.
Aus dem letzten deutsch französischen Kriege wollen wir in Nachstehendem unseren Lesern eine interessante Episode mittheilen, welche unseres Wissens bisher noch nicht veröffentlicht worden, sondern nur in einem ganz engen Kreise bekannt ist: Für den Maire der Stadt Dizier war der 22. August 1870 ein heißer Tag gewesen. An demselben waren nämlich die Preußen dort eingezogen, und da gab es alle Hände voll zu thun. Da wurde gegen B-quar- tierung und Requisitionen protestirl, und unaufhörlich mußte der schweißtriefende Maire bei bet Hanb fein, um Streitigkeiten zu schlichten und Uebelstätrde zu btfeitigen. Der Abend sollte dem geplagten Beamten endlich Ruhe bringen. Da zu später Abendstunde ktopfte eS wieder an die Thüre seines Bureaus, und herein trat eine alte Dame mit glänzendem Silberhaar und mit dem kleinen Schnurrbart unter der Nase, den man so oft bei französischen Matronen trifft. Der Maire fragte Madame Barnier, die angesehenste Dame deS Ortes, nach ihrem Verlangen. Madame Barnier bat um noch einen Olfizier zur Einquartierung, da sie statt der ihr angesagten 21 Herren nur 20 bekommen hatte. „ES liegt mir daran, die Zahl voll zu haben," bemerkte sie mit einem etgenthümlichen Lächeln. Der Maire versprach ihr, einen Dragoner Lieutenant, der so eben gegen sein schlechte» Quartier prottftirt hatte, sofort zu senden. Madame Varnier war eine hochbetagte Witwe, eine Patrizierin der Stadt, Französin durch und durch, aber ihr HauS wollte sie voll haben, als die ersten Preußen kamen, übet 11 Zimmer konnte sie versügen, 10 mit zwei Betten, ein« mit einem Bette, ein Quartier für 21 Mann, daran sollte, daran durste Niemand fehlen, und da« Alle» — zu Ehren deS König« von Preußen Während ihre» Besuche« beim Maire hatten sich im großen Speisesaal der unteren Etage die 20 Offiziere verschiedener Truppengattungen versammelt, um daS Tiner um 7 Uhr Abends gemeinschaftlich einzunehmen. Auch der 21. Gast, der Dragoner - Lieutenant, erschien bald und nahm vor dem