Mr. 111.
Marburg, Sonnabend, 13. Mai 1876.
XL Jahrgang.
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rage-bericht.
Der Kaiser von Rußland ist am Donnerstag, Mittag« 12 Uhr auf dem Opbahnhofe in Berlin eingetroffen. —
Der neue Botschafter der Türkei, Edhem Pascha, hielt Donnerstag, Vormittag« 11 Uhr, vor dem kaiserl. Palai« in dem Galawagen der Botschaft und 2 Hoswagen glän zende Auffahrt, und wurde von Er. Majestät dem Kaiser zur Ueberreichung de« Beglaubigungsschreibens in feierlicher Audienz empfangen. —
Graf Andraffy war am Mittwoch beim Fürsten BIS- marck zum Diner und wurde Donnerstag, Nachmittags 2 Uhr, von Sr. Majestät dem Kaiser empfangen. — Die Behauptung, daß während der Anwesenheit de« Grafen auch Verhandlungen wegen Abschluffe« eine« österreichisch- benschen Zollbündnisse» geführt werden sollen, wird unterrichteter Seit« alS völlig grundlos bezeichnet.
Der SenatSprästdent von Montenegro, Pehovikch, welcher eine besondere Mission zur Berliner Conferenz erhalten hat, wird wahrscheinlich Freitag früh in Berlin eintreffen. —
Die „Prov. - Corresp." gibt den herzlichen Gefühlen AuSdruck, mit denen die Wiederkehr Kaiser Alexanders vom Kaiserreiche und vom deutschen Volke begrüßt wird, und hebt hervor, wie die feste Verbindung der drei Kaiser bisher dm Mittelpunkt der europäischen Verständigung gebildet habe, so biete die neue Zusammenkunft der Kaiser Deutschland» und von Rußland die naturgemäße Gelegenheit zu weiterer vertraulicher Besprechung. In der Stellung der einzelnen Mächte zu den türkischen Angelegenheiten sei e« begründet, daß die orientalische Frage, vor Allem das Einvernehmen zwischen Rußland und Oesterreich, die Grundlage der Entschließungen bilde und die Aufgabe der deutschen Politik wesentlich darin bestehe, dieses Einvernehmen unter Berücksichtigung der allgemeinen europäischen Ver- hältniffe in jeder Weise zu fördern. Die unmittelbare Theilnahme Oesterreichs an den erneuten Besprechungen sei gerade jetzt besonder» erwünscht gewesen. Die Anwesenheit de» Grasen Andraffy sei ein nmeS Anzeichen, daß die Beziehungen zwischen den drei Kaiser - Reichen, welche den festen Grund ihrer friedlichen Politik bilden, in voller Kraft fortbestehen und eine Bürgschaft ihre» friedlichen Streben» gewähren.
In einem Schreiben, welche» der „Nordd. Allg. Ztg." au« Wien zugeht, werden al« Anschauungen der leitenden Wiener Kreise Oesterreich» über Zweck und Ziele der Kanzlrrkonferenzm in Berlin folgende Hauptpunkte aufgestellt: E» sollen keinerlei gegen den Frieden gerichtete
Abmachungen erfolgen, überhaupt keine Beschlüffe gefaßt werden, die auch nur entfernt zu e ner Erschütterung des Drei-Kaiser-Bündniffes führen könnten. Trotz deS bedenk» lichen Zustandes der Türkei wollen sich die verbündeten Mächte doch nicht zur Verleugnung des Prinzips drängen lüften, welches sie von Anfang an als deS allein maßgebenden für ihr gemeinsames Wirken erklärt haben; dieses Prinzip aber ist eben die ungeschmälerte Erhaltung de« europäischen Besitzstandes der Türkei. Dieser bis jetzt festgehaltene Grundsatz soll bet der Ministerkonferenz nicht allein festgehalten werden, sondern im Gegentheil den Schwerpunkt der Verhandlungen daS Bestreben bilden, eine Lösung dieser schwierigen Frage zu finden, welche, ohne die SouveränetätSrechte der Pforte anzutasten, doch die Herstellung geregelter Zustände in den vom Aufstande zerrütteten Provinzen auf die Dauer stcherstellt.
In der ReichSjustizeommission wird von nationalliberalen Mitgliedem zu § 1 deS Gerichts - VerfassungS - Gesetzes — welches dieser Tage in zweiter Lesung berathen wird — der Antrag eingebracht werden, die Handelsgerichte in der Gestalt von besonderen Abtheilungen der Landgerichte wieder auszunehmm. DaS Resultat wird sich jedoch gegen die 1. Lesung nicht ändern, da die Fortschrittspartei und das Centrum gegen ,ben Antrag zu stimmen entschlossen sind.
U-ber die am 6. d. M. in Salonichi erfolgte Ermordung der Konsule Deutschland« und Frankreichs erfahren wir folgende Detail«: Um 10 Uhr des Morgen« vernahm der amerikanische Konsul, welcher sich am Bahnhofe befand, da« Geschrei eine« jungen Mädchen«, da« er an seiner Kleidung als ein christliches erkannte und welche« von etwa 20 Muselmännern umgeben war, die dasselbe nach der nahen Moschee schleppen wollten. Der Konsul der Vereinigten Staaten drängte sich nicht ohne eigene Gefahr bis zu dem Mädchen durch, entriß sie den Türken und brachte sie in seinem Wagen nach seiner Wohnung. Unterdessen hatte sich die Menge sehr vergrößert, sie folgte dem Wagen nach und umringte das Konsulat unter wüthen- dem Geschrei. Dem amerikanischen Konsul lag zunächst daran, die Nationalität des Mädchens festzustellen. Währenddem waren die Konsuln Deutschlands, Frankreichs und Italiens von den Vorgängen mit dem Bemerken unterrichtet worden, daß die Verfolgte ihrer Nation angehöre. Die Konsuln der beiden ersteren Staaten begaben sich sofort an Ort und Stelle, konnten aber nicht durchdringen und wurden ohne Weiteres von der wüthenden Menge angegriffen und mit eisernen Stangen nschlagen, welche herbei- geholt waren, um die Thüren des amerikanischen Konsulats
DaS Uheutrun der XeujahrSnacht.
Humoreske von Heinrich Zschocke.
(Fottsetzung.)
7.
„Wann befehlen Ihre königliche Hoheit, daß der Wagen Vorfahren soll?" flüsterte Philipp eine Stimme zu, als er durch die Masken im Saal entlang ging. Es war ein dicker, holländischer Kaufmann mit einer Stutzerperrücke, der die Worte an ihn richtete.
— Ich iah« nicht.
„Es ist halb zwölf vorbei, Prinz. Die schöne Sängerin «wartet Sie. Sie hat lange Weile."
— So mag sie sich etwas singen.
„Wie, Prinz, hätten Sie Ihren Sinn geändert? — Die reizende Rolllna wollten Sie im Stich lassen: — Den goldenen Augenblick verlieren, nach dem Sie seit zwei Monaten vergebens seufzten? — Ihr Billet, da» Sie diesen Morgen durch mich an Signora Rollina mit der Brillantcn- llhr schickten, that dieses Wunder. Die stolze Spröde er gibt sich, Sie waren den Mittag noch so hoch entzückt, vud nun mit einem Mal so kalt wie Eis? Was ist mit Ihnen vorgegangen? Die Verwandlung begreife ich nicht."
— Das ist mir gleich.
„Sie haben mir aber befohlen, Sie um halb zwölf Uhr zu begleiten. Hätten Sie andere Engagements?"
— Freilich.
„Etwa ein Souper bei der Gräfin Born? Sie ist dicht am Ball erschienen; wenigstms ist hier unter allen Masken keine Spur von ihr. Ich könnte sie an ihrem ®ang und ihrer eigenen Art, das niedliche Köpfchen zu iragen, unter Tausenden unterscheiden. Wie, Prinz?"
— Und wenn es wäre, müßt' ich'« Zhnen anvertrauen?
„Ah, ich verstehe und schweige. Wollen Sie aber der Signora Rollina nicht wenigsten» wissen laffrn, daß Sie dicht kommen weiten?"
— Hat Sie mich zwei Monate nach ihr seufzen lassen, so mag sie auch einmal zwei Monate für mich seufzen. Ich gehe nicht.
„Also au« dem prächtigen Halsschmuck, den Sie ihr zum NeujahrSgeschenk bestimmten, wird e« vermuthlich auch nichts."
— Wenn's auf mich ankommt. schwerlich.
„Wollen Sie ganz mit ihr brechen, gnädigster Herr?"
— Ich habe mit ihr noch nicht angebunden.
„Nun denn, Prinz — so darf ich offen sein. So darf ich die Wahrheit sagen, die Sie vielleicht aber schon wissen. Ich vermuthe e« wenigsten« au« Ihrer schnellen Sinne«- Aenderung. — Nur Ihre Leidenschaft für die Rollina schreckte mich ab, e« Ihnen früher zu gestehen. Sie sind betrogen."
— Von wem?
„Von der listigen Operistin. Sie würden die Gunst derselben mit einem Juden theilen müssen."
— Mit einem Juden?
„Nun ja, mit dem Sohn de» reichen Abraham Levi."
— Ist der Schelm denn überall?
„Sie wissen also noch nicht? Ich sage Ihnen die heilige Wahrheit. Wären Ihre königliche Hoheit nicht dazwischen gekommen, der Jude würde die feile Schöne öffentlich unter» halten. E« thut mir nur die Uhr leib."
— Mir nicht.
„Die Metze verdient den Staubbesen."
— E« wird Mancher nicht nach Verdienst gewürdigt.
(Fottsetzung folgt)
Dir schwedische Heilgymnastik, da« beste Hülfsrnittel für viele Leidende.
Wenn man irgend einem Kranken, Schwachen, Herab- gekommenen oder ton bösen Schmerzen G'plagten die s. g. Heilgymnastik empfiehlt, so erhält man fast sicher die Aut
einzuschlagen. Der italienische Konsul hatte sich unterdessen zum Gouverneur begeben und der letztere begab sich mit den zur Verfügung stehenden Streitkräften nach der Moschee, wohin die Leichname geschleppt worden waren, umzingelte diese und ließ das Konsulat der Vereinigten Staaten mit einem Zuge Mannschaften besetzm. Von den in der Moschee befindlichen Personen wurden 51, darunter zwei Ulena«, verhaftet.
Deutsche, Reich.
•# Berlin, 11. Mai. Die Prov.-Corr, widmet ihren Leitartikel dem Ereigniß de« heutigen Tages, das Eintreffen deS russischen Kaisers, die Kanzler-Eonferenz. Der Schluß dieses Artikels verdient besondere Beachtung, indem er da« Einvernehmen Rußlands und Oesterreich« ronstatirt. Die Betrachtungen de« halbamtlichen Blatte« bewegen sich tu allgemeinen und zurückhaltenden Wendungen, wohl aus dem Grunde, weil zunächst nur die Verhandlungen der beiden Reiche Oesterreich und Rußland in Bezug auf die Orient» frage maßgebend sind, während Deutschland nur die vermittelnde Stellung einnimmt. — Im weiteren Verlauf de» halbamtlichen Blatte« wird der Artikel „Zur LandtagSsesflon" Beachtung finden. ES kann diese Auslassung wohl als eine Mahnung an die liberale Partei gelten, welche in einzelnen Stimmen verlangte, daß die Regierung allen Beschlüssen deS Abgeordnetenhauses Rechnung tragen müsse, daS Herrenhaus also außer Acht zu lassen; dies ist woht eine durchaus unconstitionclle Forderung, die die Stellung der legislativen Faktoren außer Betracht zieht. — Aus Veranlassung der im Teltower Kreise aufgetretenen Heuschreckenplage hat dcr Minister für die landwirthschastlichen Angelegenheiten den Gutsbesitzer Deutsch in Charlotlenburg zum CommissarluS ernannt, um die Maßregeln zur Vertilgung der Heuschrecken anzuordnrn und zu überwachen. Die von diesem vorgenommenen Untersuchungen geben zu der Befürchtung Grund, daß die Heuschrecken in diesem Jahre in verheerender Weise auftreten werden. Die Regierung zu Potsdam hat es daher für nothwendig gehalten, eine Verordnung vom Jahre 1731 neu zu erlassen. Nach derselben sind die Grundbesitzer und Gemeinden, sobald sich an einem Orte die Heuschrecken in größerer Menge zeigen, verpflichtet, die zur Ausführung der BertilgungSmatzregeln nöthigen Mannschaften und Gespanne unentgeldlich zu stellen. Der Landrath hat erforderlichen Falls den Umfang dieser Leistungen für jeden Einzelnen zu bestimmen.
Leipzig, 6. Mai. Am 22. April wurde vom ReichS- OberhanvelsgerichtS nach gepflogener mündlicher Verhandlung da« Erkenntniß in einer Streitsache des Deutschen
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wort: „Du lieber Gott! ich kann meine Glieder kaum rühren, und soll turnen — da» ist ja rein unmöglich!" — Dieses von vorn herein abwehrende Unheil entspringt au» dem Namen „Gymnastik," wobei allerdings der Begriff „Turnen" nahe liegt. Dieser Name hat die richtige Würdigung einer Sache sehr beeinträchtigt, welche besser zu kennen und öfter anzuwenden Vielen zum Segen gereichen könnte.
Da« Kurverfahren besteht nämlich nicht allein au« Gliederbewegungen und macht jetzt unter anderem Namen ein weitverbreitetes Aufsehen. Unter dem Namen „Massage" wird e» von einem tüchtigen Arzte in Amsterdam, dem Dr. Mezger, geübt, und von dem Ruse seiner Kuren angelockt strömen Kranke aller Länder bei ihm zusammen. Selbst au« Wien, wo doch die ausgezeichnetsten Specialisten aller Fächer beisammen sind, haben einzelne Patienten die weite Reise nicht gescheut, und haben sie nicht vergebens gemacht, sondern Befterung gefunden.
Das wird eine der Veranlassungen gewesen fein, bk Aufmerksamkeit de« berühmten Wiener Professors der Anatomie, Dr. Billroth, der Sache zuzuwenden. Er hat seine Ansicht in einem Aufsätze der Wiener Mcd. Zeitung ausgesprochen. Er versteht unter „Massage" ein combinirte« Kurverfahren, welche- aus Kneten, Streichen, Reiben, actioen und passiven Bewegungen zusammengesetzt ist, also genau dasselbe, was hier al» schwedische oder medicinische Gymnastik geübt wird. Er erklärt dasselbe für uralt, da z. L. bekannt sei, wie die griechischen und römischen Ringkämpfer durch Streichen ihre Blutbeulcn entfernt hätten. In Deutschland sei eigentlich nie mit Methode maffirt, während Frank- reich eine reiche Literatur über Maffage anfzuweism habe. Da nun aber seit Jahrzehnten in allen deutschen Hauptstädten schwedisch heilgymnastische Anstalten bestehen, so ist der Umstand, daß dort sehr methodisch masstrt wird, anscheinend dem Professor Billroth unbekannt geblieben.
Man kann hon allen Kurmethoden, welche von den