Einzelbild herunterladen
 

Sr. 110.

Marburg, Freitag, 12. Mai 1876.

XL Mrgaag.

Anzeigen nimmt entgegen: dir Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Diettich in Frankfurt a. M.; Laasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip- 5ja, Löln ,c; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. re.

WecheMe Jdtung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte», sowie bie Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schütz» ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

vorerst allerdings nichts Anderes als einen im Laufe des

Zur Ergänzung der eingelanglen Telegramme über die

rechligte dann den amerikanischen Konsul, mit Außeracht­lassung der Behörden des Landes sich an der Spitze eine» aufwieglerischen Volkshaufens des Mädchens zu bemächtigen und ihren Uebertrilt zu verhindern? Es muß wohl fein, daß sich der Conful wirklich dieses Uebergriffs schuldig ge­macht hat, denn ohne das Vertrauen auf den Schutz einer fremden Macht hätten die Griechen, deren Zahl in Salo- nicht nur 10,000 neben 30,000 Türken und 30,000 Juden beträgt, ihren Handstreich sicher nicht gewagt. Weiter muß man fragen: Zu welchem Zwecke hatten sich der deutsche und französische Konsul nach der Moschee begeben, wo sich der fa- alistrte türkische Pöbel versammelt hatte? Hierüber schweigt der osficielle Bericht; da sich aber die Wuth der Menge gegen die Konsuln richtete, so muß man annehmen, daß diese ebenfalls die Absicht hatten, den Uebertritt der Christin zu verhindern, wenngleich ein solches Auftreten seitens eines Franzosen und eines Engländers (rer deutsche Konsul Abbott gehörte einer englischen Familie an) schwer zu begreifen wäre. E» versteht sich von selbst, daß ein Verbrechen wie der Mord der Vertreter zweier Großmächte unter allen Umständen nicht ungesühnt bleiben darf und die Pforte Deutschland wie Frankreich durch strenge Be­strafung der Mörder Genugthuung leisten muß. Was aber die Veranlassung zu dem ttaurigen Ereignisse betrifft, so hat eS bis jetzt immer noch den Anschein, als ob eine Aufreizung des muhamedanischen Fanatismus stattgefunden hätte, die unmöglich gebilligt werden^kann. Diese Seite des Ereign ffeS bedarf noch der Ausklärung.

DaS zehate Heft des Heaeralsiabswerkes.

Mit dem kürzlich erschienenen 10. Hefte hat der zweite Theil des von der kriegSzeschichtlichen Abtheilung deS großen Generalstabs redigirten Werkes über den deuisch.sranzöstfchen Krieg von 187071 begonnen. Dieses Heft schildert den Vormarsch der 3. und MaaSarmee gegen Paris und die Einschließung der französischen Hauptstadt, sowie die Ein­nahme von Toul und Straßburg. Wir sehen darin, wie nach der Kapitulation von Sedan die deutsche Heeresleitung keine Zeit verlor, sofort wieder den unterbrochenen Marsch gegen Pa. iS auszunehmen. Schon am 3. Septbr. 1870

Ich hoffe, gnädigster Herr, feit ich die Finanzen führe, ist dem König und dem Hofe nichts abgegangen."

Das glaub ich, Graf, aber dem armen Volke desto mehr. ES weiß die Menge der Steuern und Auflagen kaum noch zu erschwingen. Sie sollten ein wenig barm­herziger mit uns umgehen.

Mit uns? Thue ich nicht Alles für den Hof?"

Nein, barmherziger mit dem Volke sollten Sie ver> fahren, meine ich.

Mein Prinz, ich weiß, welche Achtung ich Ihren Worten schuldig bin. Der König mit seiner erlauchten Familie ist das Volk, dem ich diene; das, was man Volk nennt, kann in keine Betrachtung kommen. Das Land ist deS Königs Eigenthum. Völk r sind nur in so fern acht­bar, als sie, gleich anderen Nullen, die der Hauptzahl folgen, den Werth derselben vergrößern. Aber ist hier nicht der Augenblick, den abgedroschenen Wortkram über den Werth der Völker zu erneuern; sondern ich bitte um gnä­digsten Entscheid, ob ich die Ehre haben soll, Ihre Schul­den auf die bewußte Weise zu beseitigen?"

Antwort: nein, nein und nimmermehr auf Unkosten von hunderttausend und mehr armen Familien.

Königliche Hoheit, es geht ja nur auf Rechnung des Hauses Abraham Levi. Und wenn ich dies Haus nöthigte, Ihnen noch zu den Quittungen Ihrer Schulten fünfzig­tausend Gulden baar zuzulegen? Ich denke, läßt sich machen. Das HauS gewinnt durch bie einzige Operation so viel, daß"

Vermuthlich auch für Sie, Herr Graf, noch ein artiges Trinkgeld herauskommt.

Ihre königliche Hoheit belieben zu scherzen. Ich ge­winne dabei nichts. Ich brenne nur von Begierde, Ihre Huld wieder zu erhalten."

Sie sind sehr gütig.

Also darf ich hoffen, mein Prinz?

von Salonichi Maßregeln vereinbaren werden, um die Christin in der Türkei gegen ähnliche Ausbrüche des Fa­natismus zu sichern. Der Gegenstand wird ohne Zweifel auch «ährend der berliner Konferenz zur Sprache kommen. Man muß nicht vergeffen, daß eine europäische Controle schon thatsächlich besteht. Es würde sich nur darum han­deln, wirksamere Bürgschaften der Anwendung zu finden.

Edhem Pascha wurde gestern Nachmittag bald nach seiner Ankunft in Berlin von dem Minister v. Bülow empfangen. Aristarchi Bey wird sich bei der Kaiserin nach deren Rück­kehr von London in Coblenz verabschieden.

lagen dieselben schließlich unter den Streichen der Angreifer. In Folge dieses Geschehnisses eilten Truppen sowohl von dem türkischen Stationsschiffe als auch aus der Kaserne herbei und gelang es ihnen schließlich, die Aufrührer zu zerstreuen. Der General-Gouverneur traf sofort weitere Vorsichtsmaßnahmen, indem er die Konsulate und einige andere Prtvatwohnungen mit GenSdarmen und Schildwachen zum Schutze versah. Alsbald, nachdem die Ordnung her I gestellt war, wurde die Verfolgung und Verhaftung der I Schuldigen eingeleitet.

Lage-bericht

In Berlin wurde gestern (Mittwoch) der jährliche Buß- und Bettag gefeiert und sind deßhalb weder Zeitungen noch Korrespondenzen heue hier eingeirvffen.

Graf Andraffy ist Mittwoch früh in Berlin einge­troffen und im österreichischen Botschaft« Hotel abgestiegen.

Von dem Abg. Reichensperger ist folgender vom Cen- trum unterstützter Antrag eingebracht worden:DaS Haus ber Abgeordneten wolle beschließen, die Erwartung auSzu» sprechen, daß die königliche Staatsregierung den Erlaß des Herrn Kultusministers vom 18. Februar 1876 einer näheren Prüfung Unterziehen und grundsätzlich feststellen werde, daß traft der im Artikel 12 der VerfaffungSurkunde gewähr» leisteteten ReligionS- und Gewiffenssreiheit der mit der obligotorifchen Volksschule verbundene Religionsunterricht mir im Sinne der betreffenden Kirche, mithin unter der Autorität der verfaffungsmißigen Obern derselben eriheilt werden darf; daß 2) diese Confiquenz des Artikels 12 der VerfaffungSurkunde auch m^dcr Bestimmung des Artikels 24 ibid., daß die betreffenden ReligionSgesellschaften den religiösen Unterricht in der Volksschule zu leiten haben, gezogen worden ist, indem diese Leitung nach der bei Re­vision der VerfaffungSurkunde ausdrücklich ausgesprochenen Willensmeinung der Staatsregierung und des Landtages nicht bloß das Recht der Ueberwochung, sondern auch das der Besorgung dieses religiösen Unterrichts Seitens der ReligionSgesellschaften in sich schließt ; daß 3) dieses Recht der Leitung des Religionsunterrichts innerhalb der staatlich anerkannten ReligionSgesellschaften den gesetzlichen Organen unmittelbar zusteht; daß endlich 4) der Volksschullehrer diesen Religionsunterricht nur traft feiner Ermächtigung der zuständigen Kirchenbehörde zu ertheilen befugt ist."

Man glaubt, daß die Mächte in Folge des Vorganges

D»s Abenteuer der Neujahrsnacht.

Humoreske von Heinrich Zschocke.

(Fortsetzung.)

Philipp wußte eine Weile nicht, was auf den Antrag erwiedern. Endlich, während der Finanzminister auf Ant Wert wartend, eine Brillantdose hervorzog und eine Prise «hm, sagte Philipp: Wenn ich Sie recht verstehe, httr Gras, wollen Sie das Land ein wenig aushungern, um meine Schulden zu zahlen. Denken Sie auch, wie diel Elend Sie anrichten I Und wird e« der König zu geben?

Wenn ich an den Geschäften bleibe, so laffen Sie das meine Sorge fein, gnädigster Herr. Sobald die Preise ter Lebensmittel steigen, wird der König sogleich von selbst «n eine Kornsperre denken und die Getreideausfuhr mit fchweren Zöllen hemmen. Dann gibt man dem Haus Abraham Levi Ausfuhrbewilligungen für zehn Säcke, und $ führt hundert aus. Nichts leichter, als das. Allein, *ie gesagt, kommt der Greifensack an'S Ruder, wird daraus nichts. Ehe et sich in'S Fach hineinfludirt, vergehen Jahre. So lange wird er aus Roth den ehrlichen Mann spielen, Bin nachher den König und da« Land desto ärger zu prellen. St muß erst fein Terrain kennen. ES gibt keinen ärgeren Suben, al« den Greifensack. Sein Geiz ist stinkend,^.

Schöne Aussichten I sagte Philipp: Wie lange glauben Sie, muß ein Finanzminister auf seinem Posten nthen, ehe er die Scheere an das Volk legen kann, um !üt sich und unsereins etwa« zu schneiden?

Hm, wenn er Kopf hat, bringt er'» in einem Jahre Aeit."

So sollte man dem König rächen, alle zwölf Mo Wt einen neuen Finanzminister zu machen, wenn er immer Hrlich bedient sein will.

7. d. M. auf der Pforte eingelangten telegraphischen Be­richt deS General-Gouverneurs von Salonichi zur Grund­lage hat. Der genannte General-Gouverneur meldet seiner Regierung den Hergang in folgender Weise: Ein junges christliches Landmädchen, welches zum Islam übergetreten war, kam auf der Eisenbahn nach Salonich, woselbst sie auf dem Bahnhofe einige ZaptieS erwarteten und dem Her­kommen gemäß nach der Residenz deS General-Gouverneurs führen wollten. Da sammelten sich auf Anstiftung deS Konsuls der Vereinigten Staaten beiläufig 150 Personen, überfielen das junge Mädchen, entrißen ihr ihren Schleier und Mantel und entführten sie gewaltsam in das HauS eines Christen, welcher Vorgang die Muselmänner, die Zeugen dieses gewaltthätigen Austrittes waren, im hohen Grave erbitterte, Alsbald wälzte sich die in Aufruhr ge­ratene Menge zur Residenz des Gouverneurs, um mit Beharrlichkeit zu verlangen, daß die junge Mohamedanerin in die Residenz zurückgebracht werde. Um die Ankunft derselben zu erwarten, versammelte sich die Volksmenge einst­weilen in7einer Moschee. Alle Bemühungen, sowohl Sei­tens der Behörde, wie auch der Notablen, um auf die Menge, welche nicht anders als durch das Erscheinen des jungen Mädchens oder durch das Einlangen von Truppen zu zerstreuen gewesen wäre, Einfluß zu erlangen, blieben ganz ohnmächtig. In diesem Augenblicke wurde der Ge­neral-Gouverneur benachrichtigt, daß die Konsuln von Deutschland und Frankreich in die von der Volksmenge besetzte Moschee eingedrungen seien. Er begab sich unver­züglich persönlich dahin, um die Gemüther zu beruhigen. Aber alle seine Bemühungen waren vergeblich. Sowie die Volksmenge sah, daß daS junge Mädchen nicht eintraf, riß sie die Gitterpflöcke heraus, bewaffnete sich damit, ver­schaffte sich auch untere Waffen und stürzte sich auf die Konsuln. Wiewohl der General - Gouverneur verzweifelte Versuche machte, die Angegriffenen mit seiner Person zu decken, jo blieb er doch ohnmächtig, sie zu, schützen und er-

Crscheint täglich autzer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlluftrirleS SonntaaSblatt" durch die Expedition (Äoch'fche Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (exl. Bestellgebühr). - Jnsertionsgedühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme-non Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Vorfälle in Salonich wird aus Konstantinopel folgendes Die vorstehende osficielle türkische Schilderung des osficielle Relation über diese Angelegenheit verbreitet, welches Vorfalls in Salonichi bedarf jedenfas noch der Bestätigung; ' ß * j" " °*£" wäre sie richtig, so müßte man erklären, daß die Vertreter

der fremden Mächte in der Türkei stch eine Rolle beilegen, die nur in einem Lande möglich ist, wo man von Recht und Gesetz überhaupt nur sehr entstellte Begriffe hat. Ein bulgarisches Mädchen kommt also nach Salonichi, um zum MuhamedaniSmuS überzutreten. Ist hier nicht ein Neben- Umstand verschwiegen? Ist der Uebetritt vielleicht nicht freiwillig erfolgt, ist er mit Gewalt erzwungen gewesen? Angenommen, daS Letztere sei der Fall gewesen, waS be-

DnttscheS Reich.

Berlin, 9. Mai. Im Angesicht der Berathungen derdrei Kanzler" trifft die Nachricht von Salonichi ein und wirft ein grelles Licht auf die Verhältnisse in der Türkei. Bis jetzt läßt sich noch nicht feststellen, wie diese Vorgänge weitere Verwickelungen heebeiführen können, jeden­falls werden sie bei den Berathungen schwer in'S Gewicht fallen. Allseitig wird in der Presse anerkannt, daß die Diplomatie ihr begonnenes Werk im Orient nicht aufgeben

Herr Graf, ich werde thun, was recht ist; thun Sie Ihre Pflicht.

Meine Pflicht ist, Ihnen zu dienen. Morgen laffe ich den Levi berufen, schließe den Handel mit ihm ab, und habe die Ehre, Ihrer königlichen Hoheit die besagten Quit­tungen zu überreichen, nebst Anweisung auf fünfj gtaufenb Gnlde/i."

Gehen Sie! Ich mag davon nicht hören.

Und Ihre königliche Hoheit wenden mir Ihre Gnade wieder zu? Denn ohne im Ministerium zu stehen, könnte ich dem Abraham Levi unmöglich"

Ich wollte, Sie und Ihr Ministerium und Ihr Abraham Levi säßen alle drei auf dem Blocksberg. Das sag' ich Ihnen, entsteht eine Kornsperre, läßt die Theurung der Lebensmittel nicht auf der Stelle nach, verkauft Ihr Judenhaus nicht das aufgespeicherte Getreide sogleich um den Ankaufspreis: so gehe ich ohne weiters zum König, decke ihm alle Schelmereien auf, uns helfe Sie fammt dem Abraham Levi ans dem Lande jagen. Verlassen Sie stch darauf; ich halte Wort.

Philipp drehte stch um, ging in den Tanzsaal und ließ den Finanzminister ganz versteinert hingepflanzt stehen.

(Fottsetzung folgt.)