Marburg, Mittwoch, 10. Mai 1876.
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Die Nachricht von bet Ermorbung des deutschen und französischen ConsulS in Salonichi, einer Stadt an der Südküste der türkischen Provinz Rumelien'S, macht begreif licherweise da» größte Aufsehen und ruft als Symptom der in den türkischen Provinzen herrschenden GSHrung große Bedenken hervor. Schon meidet man, daß das französische Marine Departement vier Panzerschiffe nach der gefährdeten Stelle abgeordnet hat, und die griechische Regierung hat ebenfalls schon Maßregeln getroffen, um ihre Nationalen daselbst zu schützen. Auch von Beilin aus ebenso wie von den übrigen Großmächten sind gleiche Schritte unmittelbar bevorstehend, in der deutschen Admiralität sollen die diesbezüglichen Befehle schon ausgefertigt und unterwegs fein.
Der „Reichs - Anz." schreibt über die Ermordung der Evnsuln tu Salonichi: Rach Eingang der Nachricht in Konstantinopel thaten die Botschafter Deutschlands und Frankreichs gemeinsam mit den übrigen Vertretern der stemden Mächte sofort die nöthigen Schritte bei der Pforte für den Schutz der Christen in Salonichi und die Einleitung einer strengen Untersuchung. Der Großvezier er- värte sich bereit, alle geforderten Maßregeln zu ergreifen. Der Sultan ließ sofort durch seinen ersten Adjutanten den Botschaftern Deutschlands und Frankreichs sein innigstes Bedauern über den Vorfall und die Zusage strengster Bestrafung der Schuldigen aussprechen. Ein türkisches Kriegsschiff ist bereits nach Salonichi abgegangen mit Echref Pascha und Vahann Effendi als außerordentlichen Corn- miffären, denen der deutsche Consul in Pera, Gillet, und der zweite sranzöflsche BotschaftS-Dragornan, Robert, beigegeben wurden. Außerdem ist rin türkisches Panzerschiff mit einer Verstärkung der Garnison nach Salonichi gesendet.
(Siehe unten Konstantinopel.)
Der deutsche Consul in Salonichi, welcher telegraphischen Nachrichten zufolge alfl ein Opfer de» muhammedanischen Fanatismus gefallen ist, ist Herr Henry Adbot.
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" bezeichnet die durch die Blätter gegangenen Meldungen von Verhandlungen zwischen dem Finanzminister und dem Präsidenten des EisenbahnamtS über den Ankauf der preußischen Bahnen, wobei Letzterer mit angeblicher Zustimmung deS Reichs« kanzlerS die Bezeichnung deS Kaulp reifes begehrt habe, mit diesem Ansinnen aber bis zur Vorlegung einer Vollmacht von dem Reichstage und dem BunveSrathe abgewiescn sei, al« au« der Lust gegriffen. — Der „Reichs-Anzeiger"
Tapfere Herze«. f
(Fortsetzung.)
Nur einer iheitte nicht jene allgemeine Freude des Volkes; eS war der Berner, dem die Barone von Eptingen und Hewdorf den Bruder erschlagen. Vergebens war er ihnen, auf die Kunde ihrer Abrcife in’« Lager des Herzog» von Burgund, mit einigen »«trauten Männern nachgesetzt, sie entrannen, um durch ihre unheilvollen Rathschläge jenen Brand der Zwietracht zu schüren, der einen der zerstörendsten, dnhängnißvoUsten Kriege herbeiführte und dem Herzen Europa'» eine ganz andere Staatengestaltung gab.
Wenige Tage später, nach der Gefangennehmung deS Landvogts, erschien der Erzherzog Sigismund in den Dor landen, begrüßt wie ein Vater und Erlöser von dem Volke, Nach dem Zeugniß de» alten Chronisten. Mit ihm und seinen Truppen kamen zugleich zweihundert Züricher, die ju Basel im Namen aller übrigen Eidgenoffen zu ihm gestoßen waren und gemeinschaftlich mit deS Erzherzogs Kriegs boll dir Vorlande zur Abwehr eine» burgundischen Angriffs besetzten.
Die erste Handlung de» Erzherzogs war die, daß er bem Volke in den Vorlanden die ihm unter der burgun bischen Herrschaft entrissenen Freiheiten und Rechte wieder- 8»b, die zweite, daß er dem gefangenen Landvogt wegen feiner willkürlichen, grausamen und tyrannischen AmtS- Mhrung einen Rechtstag auf den 9. Mai des Jahres W74 zu Breisach setzte, damit jeder komme, der gegen ihn ’U klagen habe
Tine dichte Volksmenge füllte schon in den frühen Morgenstunden deS 9. Mai 1474 den Markt zu Breisach, °uf welchem im Namen de» Erzherzogs und der Vor- litcher, öffentlich vor dem Landgericht, Klage erhoben *«ben sollte wider den Freiherrn Peter von Hagenbach,
veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung, durch welche bet elsaß lothringische Landes • Ausschuß zum 17. Mai einbe« rufeu wird.
DaS in Rom erscheinende Jesuitenblatt „Rome" enthält folgende Notiz, welche al« Illustration zu der im Vatikan herrschenden Unwissenheit und Ueberhebung Beachtung verdient: „Nachdem durch den Tod des Cardinal- Erzbischoss Tarnoczy der erzbischöfliche Stuhl von Salzburg erledigt worden ist, soll der Bischof von Gurk in Kärnthen Msgr. Wiery auf den ersten Bischofsstuhl von Deutschland erhoben werden; denn obgleich der Erzbischof von Salzburg eines großen TheilS seiner früher besessenen Privilegien entkleidet worden ist, so hat er doch noch immer das Primat, übt die Gerichtsbarkeit über ein sehr weit ausgebreitetes Gebiet aus, und der Papst nannte den Erzbischof von Salzburg während deS Concils, als dieser noch nicht Cardinal war, scherzweise nur den kleinen Papst von Deutschland.
Wie der „Polit. Corr." ans Rustschuk mitgetheilt wird, wird augenblicklich unter dem loyalen und wohlhabenderen Theil der bulgarischen Bevölkerung eine Petition an den Sultan colportirt, deren Ziel nichts geringeres als die Schaffung eines eonstitutionellen Staates im absoluten Staate bildet. Mit der Motivirung, jedem etwaigen gewaltsamen Umsturz deS Bestehenden begegnen zu wollen, wird der Sultan ehrfurchtsvoll gebeten, seinem bulgarischen Vilajet eine Reihe von Zugeständnissen gewähren zu wollen, welche die Ruhe deffelben und die loyale Treue seiner bulgarischen Untertanen für ewige Zeiten verbürgen sollen. Die Petition verlangt: 1) Bulgarien soll fortan ein eigene« Königreich bilden. 2) Der Sultan ist „König der Bulgaren". 3) Bulgarien erhält eine Repräsentativ-Verfassung und eine eigene au« Christen und Mohamedanern gebildete Regierung, die der nationalen Vertretung und der Krone verantwortlich ist. 4) Die nationale Vertretung wird in Rustschuk tagen. 5) Die Central-Regierung in Konstantinopel behält nach wie vor die Leitung deS Kriegswesens und der auswärtigen Angelegenheiten. . >
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In Bosnien fanden am Freitag Kämpfe auf allen Linien statt, über deren Ausgang noch keine Mittheilungen vorliegen. '
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*• Berit», 9. Mai. In der Wiener Preffe war viel Lärm gemacht über eine Aeußerung der Nordd. Allg. durch Hermann von Eptingen, einen Verwandten jene« Ikonrad von Eptingen, welcher von dem Erzherzog zum Landvogt in den wieder gewonnenen Vorlanden eingesetzt worden war. Umsonst hatte der Herzog von Burgund, den dieses Verfahren gegen einen feiner vornehmsten Diener auf daö Tiefste erbitterte, den Erzherzog und die mit ihm verbündete Eidgenoffenschaft abgemahnt von dem Proceß gegen feinen Landvogl, der nur ihm, feinem Sou- verain, Niemandem weiter verantwortlich wäre; der Erzherzog, auf den Beistand der Eidgenoffen bauend, ließ dem Recht feinen Lauf, und in der siebenten Morgen stunde des genannten Tages wurde der Freiherr von Hagenbach vor seine Richter geführt, sechSundzwanzig an der Zahl, aus den Orten: Breisach, Bern, Basel, Solothurn, Colmar, Schlettstadt, Freiburg, Kitzinzen und Neuenburg. Sechzehn darunter waren Ritter, also StandeS- genoffen des Angeklagten. Vorsitzender de« Gerichts war Schultheiß Thomas Schütz aus Ensisheim, Anwalt deS Erzherzogs und des Landes Hnr Heinrich Jselin auS Basel, Vertheidiger deS Angeklagten der Rechtsgelehrte Herr HanS Jrmi aus Basel. Als der Angeklagte, der noch vor Kurzem so gefürchtete Landvozt, vor den Richtern.erschien, bleich, aber gefaßt und mit unerschrockener Miene um sich schauend, trat eine Todtenstille in der summenden Menge ein, und Aller Augen richteten sich auf den Mann, der, so schwerer Verbrechen angeklagt, barhäuptig vor die Richter trat.
Nachdem der Vorsitzende daS Volk zur Ruhe vermahnt und die Richter an ihren Eid erinnert: Recht zu sprechen, nach bestem Wiffen und Gewiffen, ohne Ansehen der Person, ohne Groll und ohne Haß, erhob sich der öffentliche Ankläger, Herr Heinrich Jselin, und schilderte in lebendiger, ergreifender Rede des Landvogts Gewaltihaten, die Hin richtung vieler unschuldiger Männer zu Tann und Freiburg, die Vernichtung der städtischen Rechte in den Städten de» Landes, die grausame Bestrafung der Freiburger Verschworenen und endlich die rohe, brutale Gewalt, die er
Ztg. in Bezug auf die orientalische Frage. Diese stellten jedoch die Intervention in der Türkei nut als ein Zeichen hin, welche Stimmung in Wien herrsche. Die AugSd. Allg. Ztg. hat diesen Gedanken weiter auSgeführt und eS läßt sich erkennen, daß diese Idee nicht blos eine Combination gewesen. Wiener Blätter geben dieser weitern Ausdruck und eS ist unerfindlich, der Nordd. Allg. Ztg. diese Idee zuzuschreiben, während eS die Wiener Preffe in erster Reihe auf die Tagesordnung setzte. — In Breslau ist bekanntlich die Absicht, Delbrück ein Mandat zum Reichstage zu übertragen und den früheren Abgeordneten v. Kirchmann fallen zu laffen. Die Breslauer und schlesische Zeitung plaibiren für diese Kandidatur. Herr Delbrück wird schwerlich ein solches Mandat annehmen, zumal es als wahrscheinlich gilt, daß Delbrück im BundeSrathe eine Thätigkeit einnehmen würde. — Im , vorigen Jahre erging von den Ministern des Innern und CultuS ein Cirkularerlaß über das Collecten- wesen. Gegen diesen haben Vorstände von Kirchengemeinden Protest erhoben und namentlich in Bezug auf die all» jährliche Einholung der Erlaubniß zu Collecten. In Folge dessen ist der Erlaß von den genannten Ministern beclarirt und zwar dahin, daß der Zeitraum eines Jahres als Regel bezeichnet werben soll, welches jedoch nicht eine Bewilligung auf mehrere Jahre auSschließt auf Vereine, beten Wirksamkeit eine Garantie bietet, daß die Collekten nicht unzulässige Zwecke befolgen. Die Oberprästdien sind ermächtigt, auf eine Reihe von Jahren in diesen Fällen die Erlaubniß zu geben, jedoch mit jed«zeitiger Zurücknahme der Erlaubniß.
Königsberg, 7. Mai. Höherer Anordnung gemäß fand heute Morgens 7 Uhr durch den Polizeipräsidenten Herrn Devens die Einweisung bet Altkatholiken in bie hiesige katholische Pfarrkirche statt. Auf Anorbnung bet königlichen Regierung waten vorher bem Probst Dinder die Schlüffe! abgesordert worden, so daß hierdurch da» Aetgetniß einer gewaltsamen Oeffimng der Kirchthüren verhindert wurde und die Kirche präzise 7 Uhr betreten werben konnte. Die große Zahl bet trotz bet frühen Stunbe nach 4 Iahten zum ersten Male an alter liebgeworbener Stätte zum Gottesdienste versammelten Katholiken widerlegte am schlagendsten die Behauptung der Neukatholiken von ihren angeblichen numerischen Uebergewichte. In beredten Worten sprach Herr Pfarrer Grunert in der dem Hochamte oorangegangenen Predigt den Dank aus allen Denjenigen, welche eS möglich gemacht, baß enblich nach langer Entbehrung ben Altkatholiken im eigenen GotteS- hause Andacht zu verrichten vergönnt ist, sowie denjenigen protestantischen Brüdern, welche den Altkatholiken in ihrer Kirche bisher eine Freistätte gewährt hatten. Den Schluß der Predigt bildete eine Ermahnung zum Frieden und zur
zu Freiburg und anderen Orten an Ehefrauen, Jungfrauen und Nonnen geübt. Der Eindruck war ein außerordentlicher , überwältigender, als Herr Heinrich Jselin mit ben Worten schloß:
„Solcher schweren Miffethat klage ich Dich, Peter von Hagenbach, als verordneter Fürsprecher dieser Länder vor Gott und den Menschen öffentlich an. Ihr aber, Richter und Schöppen, die Ihr meine Worte gehöret, und In deren Hand ruht daS Schwert der Gerechtigkeit, bestimmt zu richten die Bösen und Miffethäter, zeiget durch Euren Spruch, daß in diesen Landen einem Jeden, Hoch und Niedrig, mit gleichem Maße gemessen wird, und vor Euch weder Rang noch Ansehen der Person gilt, sondern nut jenes Wort des großen Königs und Kaisers deS heiligen römischen Reiches, Friedericus II.: „Fiat Justitia, sipereat mundus.“
Nachdem der Fürsprech geendet, erhob sich Hagenbach und erhob zuvörderst Einsprache gegen die Kompetenz de» Gerichts; nur seinem Herrn, dem Herzoge von Burgund, habe er Rede zu stehen, nicht den Bürgern und Bauern, die hier beisammen sägen. Doch die Einrede wurde verworfen und er ermahnt, zu sagen, waS er gegen die schweren Anklagen vorzubringen habe. Da der Freiherr schwieg, ergriff fein verordneter Rechtsbeistand, Herr Han« Jrmi, daS Wort, und indem er alle Schuld von dem Angeklagten ab und aus ben Herzog, nach dessen Befehl ber Landvogt gehanbelt, zu wälzen fuchte, hoffte er, ben Angeklagten zu retten. Seine Bemühungen waren umsonst. Nachdem man vom Morgen bis zur siebenten Abendstunde gesprochen und berathen, erhob sich der Vorsitzende, Schultheiß Thomas Schütz nebst den übrigen Beisitzern des Gericht«, und indem er über den Angeklagten den Stab brach, erklärte er ihn nach dem Wahlspruch der Richter für schuldig und verurtheilt, mit bem Schwerte vom Leben zum Tobe gerichtet zu werben.
(Schluß folgt.)