Sir. 104.
Marburg, Freitag, 5. Mai 1876.
. XL Jahrgang.
gnwtgen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von Th- Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Laasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leipzig, Cöln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
McchcWr Jcitumi
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Die beschwindelte,und bethSrte Menge war in den Häu fern und warf ihr gutes Geld aus den Fenstern und draußen auf der Straße lasen die Wenigen, die den Schwindel her vorgerufen oder genährt, den Gold- und Silberregen auf.
Wer sich einen Begriff von dem Umfang und den Folgen des Krachs milchen will, den verweisen wir auf ein Schriftchen des Abgeordneten für die Stadt Magdeburg, des Geh. Regierungsrathes von Unruh (deffelben, der im Jahre 1848 Präsident der preußischen Nationalversammlung war.) v. Unruh sagt, daß alle Stände unter dem Krach zu leiden gehabt hätten und er berechnet die Einbuße nach Milliarden. Aber diese Milliarden sind nicht aus Deutschland heraus gekommen, wenigstens nicht zum größten Theil. Nein, sie hrben nur ihre Besitzungen gewechselt. ES hat eine ganz enorme, in diesem Umfang in Deutschland viel leicht noch nie dagewesene Aenderung deS Besitzstandes statt-
den Krieg herbeigeführten Niederlage, als man gehalten.
Lage-bericht.
Die „Prov.-Corresp." schließt einen Rückblick auf die Debatte über die Eisenbahn-Vorlage im Abgeordnetenhaus« mit dem Satze: Die Verhandlungen und deren Ergebniß werden unzweifelhaft von großer Bedeutung für die wei- tere Klärung der Meinungen und Stimmungen in ganz Deutschland sein. Die Regierung wird, wenn, wie zu erwarten, demnächst das Herrenhaus den Beschlüssen de» AbgeordnetenhauseS sich anschließt, gestützt durch diese schwerwiegende Zustimmung, mit erhöhter Zuversicht in weitere Verhandlungen eintreten können.
Im Widerspruche mit dem vor Kurzem verbreiteten Dementi ist dem Abgeordnetenhaus« nun doch der Gesetz- entwurf betr. die Umwandlung deS Zeughaus«» in eine RuhmeShalle zugegangen.
Wie aus Paris gemeldet wird, soll General Cialdini zum Nachfolger Nigra'S auf dem italienischen Gesandten- posteu in Paris ernannt sein. Nach einer diesbezüglichen Verhandlung zwischen dem italienischen Ministerpräsidenten und dem General richtete der erstere eine Anfrage an den Herzog von DecazeS und erhielt die Antwort, daß der General persona grata sei.
Mukhtar Pascha ist wieder in Gaczko eingetroffen; aber wie? Darüber sind die Lesarten verschieden. Nach türkischen Berichten hat er im Triumphzuge Nicstk erreicht
Di« deutsche Concurrenz, die, weil sie den französischen Concurrenten nicht glaubte fürchten zu brauchen, häufig weniger solid und vielweniger elegant gearbeitet hatte, mußte bald der alten Nebenbuhlerin daS abgenommene Terrain wieder überlasten und sah sich in Folge der auch in Amerika auSgebrochenen GeschäftSkrisiS wesentlich auf die deutsche Kundschaft angewiesen.
Die deutsche Kundschaft d. h. ein Gebiet mit gegen 42 Millionen Kulturmenschen ist nun ein sehr ergiebiges Terrain für die Industrie, besonders für die Textil- oder Webindustrie. Aber diese Kundschaft hatte in ihrem vermögendsten Theil indesten eine große Veränderung erlitten. Diese Veränderung begann im Mai 1873 mit dem Wiener Krach und bestand darin, daß in Deutschland, d. h. im deutschen Reich ein Besitzstand von mindestens 3—4 Milliarden Mk. aus dem Besitz von vielen Hunderttausenden in den Besitz von wenigen Hunderten übcrgegangen war. Wie daS gu- gegangen ist, das bedarf wohl nicht erst der Erklärung. Die Hunderttausende hatten ihre Ersparniste, ihr Vermögen in jenen durch den Milliarden-Segen hervorgerufenen Grün düngen angelegt. Die Gründer (b. h. eine nicht große Anzahl von Börsenmatadoren, welche mit der Hauste und Baiste ein wohlberechnetes Spiel trieben, besten geheime Künste nur wenige Eingeweihte, die zu der Clique gehörten, kannten)-zogen den riesigen Gewinn an sich und als sie genug eingeheimst hatten, da fiel das Kartenhaus zusammen.
„Das Geld liegt auf der Straße," hörte man 1871 vielmals sagen, „man braucht eS nur aufzuheben!" Ja ganz recht.
neu« Etablissements mit dem Mllliardensegen gegründet.
Man glaubte di« französische Industrie aus dem Felde,.......0—..... .......„ö <,t|iPlmuöte |iau,
schlagen zu können und daS Terrain, welches dieselbe be> | gefunden. DaS früher über viele Hunderttausende verbreitet herrscht halte, für immer zu erobern. Aber eS kam anders, gewesen« Vermögen hat sich in den Händen weniger Hun- Di« französische Arbeit erholte sich schneller von ihrer durch I derte vereinigt. Die Folgen einer so ungeheuren Derän-
Was nun folgte, konnte nicht auSbleiben: Vergrößerung der Fabrikanlagen, Entstehung einer Unzahl neuer Etablissements, thenere Lebensmittel, Vermögensverminderung des consumtionsfähigsten Theils deS PublitzmS, die GeschäftS- krisiS in Amerika — die Bedingungen^ zu den schlechten Zeiten waren da.
Die schlechten Zeiten werden aber auch wieder vorübergehen. Sparsamkeit, gesunde Arbeit und kein« Ueberpro- duktion, die auch darin gesund sein muß, daß nicht dem Ackerbau durch die Industrie die nothwendigen Arbeitskräfte entzogen werden, reelle geschmackvolle Waaren, um mit dem Auslande concurriren zu können, das ist es, was auch die schlechten Zeiten mildern, wenn nicht rasch zu guten machen wird.
Tchlechte Seiten!
Ueberall hört man gegenwärtig über schlechte Zeiten klagen. Und die Zeiten sind auch schlecht, selbst Fürst BiS marck behauptet es und meint, daß man nicht dagegen an- kämpfen könne, sondern, daß sich ein Jeder nach der Decke strecken müste. Nun, die Decke des Fürsten Bismarck bleibt, er mag sich strecken wie er will, lang, breit und warm genug für ihn und wir gönnen daS dem Manne, der so viel für di« Einheit und äußere Machtstellung des deutschen Reiches, unseres theueren Vaterlandes gelhan hat, von ganzem Herzen.
Aber nicht Jede« Decke ist so lang und breit wie die de» Reichskanzlers, bei Millionen hat der Wunsch nach bester«« Zeiten seine vollste Berechtigung.
In einer Anzahl großer Industriezweige stockt eS und diese Stockung Übt ihren Einfluß auf alle Übrigen aus. Die Webindustrie und die EisenindustrieIeide» vor Allem, auch in den Druckereien, in den Möbelwaarengeschästen und vielen anderen macht sich der Einfluß der schlechten Zeit geltend.
Nun fragen die Leute: woher kommen die schlechten Zeiten in Deutschland? In Frankreich, England und Belgien gehen die Geschäfte theilS sehr gut, theilS gut. In Amerika freilich, dem mit Schutzzoll gesegneten Lande, gehen die Geschäfte womöglich noch schlechter, als in Deutschland.
Wir wollen kurz die Ursachen der schlechten Zeilen in Deutschland ansühren, ohne uns dabei zu schmeicheln viel Neues zu sagen. Aber manche Wahrheiten werden nur zu gern verdunkelt und können deshalb nicht oft genug ins Licht gestellt werden. 1870 gingen die Geschäfte recht gut, da brach der Krieg aus. Der für Deutschland so überaus günstige Verlauf ließ unS den Druck destelben nur wenig empfinde«. Nach einer kurzen Pause nahm man überall die Arbiit wieder auf, ja eS war noch niemals eine solche Nachfrage nach Arbeitern, da nahe an 1 Million der kräftigsten Männer im Felde stand.
ES kam der Fried«, mit ihm die Milliarden. Frank reich lag darnieder, seine Industrie gleichfalls. Hunderttausende seiner besten Arbeiter hatte der Krieg und dann die Commune verschlungen, si« waren tobt ober von den siegreichen Versaillern beportirt worden.
Die Milliarden wurden auf den Markt geworfen und ein fieberhafter Unternehmungsgeist aber theilweise auch ein wilder Schwindel bemächtigte sich großer Kreise. Die alten Fabriken wurden zum Theil um über die Hälfte vergrößert,
für möglich | derung für die deutsche Industrie wird man leicht begreifen. | Die vielen Hunderttausende, welche in ihrem Vermögen auf» Tiefste geschädigt worden waren, mußten ihren Consum ein* schränken und sich auf daS Nothwendigste beschränken.
Dazu kam die unoerhällnißmäßige Bertheuerung der Lebensmittel, außer durch die Entwerthung de« WerthmesterS aller Dinge (be8 Gelbes), herbeigeführt durch bie massenhafte Anhäufung von Arbeitskräften in ben Mittelpunkten deS industriellen Lebens.
Tapfere Herzt«.
(Fortsetzung.)
Die beiden Barone erwiederten den Gruß und verließen da« Cabinet, den Landvogt allein in demselben zurück lastend.
Wie spöttisch auch der Freiherr deS Herrn von Ep tingen Mahnung hin genommen, so kamen ihm doch, als n so allein in dem großen mit dunklen Tapeten auSge- ichlagenen Gemach blieb, das nur matt von den zwei WachS- ktrzen auf den silbernen Leuchtern erhellt wurde, die düsteren Worte dieser Prophezeiung wieder in den Sinn, und ver- gkbenS suchte er die unheimliche Stimmung, die sich seiner bemächtigt«, zu bemeistern. Mit einem Male sprang er hrstig von seinem Sitze auf, indem er auSrief:
„Narr, der ich bin, sitze hier und grüble und vergeste, ya6 unten in der Stadt ein hübsches Weibchen, deren Mann j® Thurm« sitzt, sich härmt und traurig bei ihrer «infamen Lampe sitzt. — „He Duval!" Und er klingelte fein m bur« Sundischcn Leibdiener. „Meinen Mantel und Regenhut," affahl tr, „die Nacht ist windig und kühl, und ich muß
hinab zur Stadt. Erwarte mich bis zur Nachhause Mt, Duval."
Der Diener reichte dem Freiherrn Hut und Mantel, worauf dieser daS Zimmer verließ, um hinunter nach der vtadt zu gehen. —
Dem Rathhause auf dem Markt zu Breisach gerade Otflenüber stand damals ein schmales, zweistöckiges Hau« wlt einem Erkerfenster im ersten Stockwerk und einem Ver •auf»gtir8lbe im Erdgeschoß. In diesim Hause wohnte der lange Goldschmied, Meister Heinrich Vögelin, den der Land-' ®°9< am heutigen Mittag draußen am Rheinbau von seinen ®>tgundischen Reitern hatte in Hast nehmen lasten, und »tr schwach, Lichtschimmer, der durch die Gardinen auf ’’t Straße fiel, strömte von der großen kupfernen Lampe,
bei welcher Frau Elsbeth, des Meisters junge« Weib, mit verweinten Augen und in einander gefalteten Händen saß. Zur Linken stand ein Spinnrocken, besten Faden, von Thränen befeuchtet, den Fingern der jungen Frau entglitten, und zu ihrer Rechten schaukelte sich in leiser Be- roegung bie Wiege, in welcher baS erste Kind des jungen Paares, ein Knäblein von kaum einem Jahre, mit rosigen Wangen und Hellem, blondem, goldig schimmerndem Haar, jenen süßen ruhigen Schlaf schlummerte, der dem Menschen nur in seiner unschuldigen Kindheit beschieden. Von Zeit zu Zeit beugte sich die junge Mutter über das schlummernde Kind, um einen leichten Kuß auf seine weiße Stirn zu hauchen, bann aber versank sie »lebet in ihren Trübsinn, unb ihre schönen blauen Bugen begannen von Neuem sich mit Thränen zu füllen. — Di« jungen Gatten hatten bi« auf den heutigen Tag ein so stilles, zufriebeneS, heiteres Lebe« geführt: glücklich in ihrer Liebe unb in btr Liebe zu ihrem Kinde, und eine verhängnißvolle Stunde zerstörte dieses ganze Gebäude stillen, häuslichen Glückes! Der Landvogt war genugsam als ein harter, grausamer Herr bekannt, um Frau Elsbeth das Schlimmste für ihren Gatten fürchten zu lasten, und hatte er nicht mehr als einmal di« Männer der Frauen, nach denen sein wildes, zügelloses Gelüste stand, in den Thurm werfen und unter nichtigem Vorwand foltern und quälen lasten, bis er seinen Zweck erteilt?
War eS nicht eine Ahnung ihre« Ehegatten gewesen, als er am heutigen Morgen, da Elsbeth den kleinen Johanne« zu der alten Lase, die mit ihm im Hause wohnte, tragen wollte, damit sie ihn, so lange bie Eltern braußen am Rheinbau wären, warte und pflege, zu ihr sagte, sie solle heute daheim bleiben, er wolle daS Bußgeld von fünf Gulden für sie zahlen; sie wiste doch, daß der Landvogt, seit er sie einst beim Vorbcirciten am Fenster gesehen, ihr nachstrlle, unb wenn er auch sage, daß er in Freiburg sei,
so könne doch der Böse seine Hand im Spiele haben und den Vogt nach Breisach herauf führen. —
Aber sie hatte dazu gelacht unb gemeint, der Freiherr werde ihretwegen nicht von Freiburg nach Breisach reiten, die fünf Gulden könnten sie bester^der Wirthschaft an- wenden, junge Anfänger, bie vorwärts kommen wollten, müßten den Heller zusammennehmen, geschweige fünf Gulden, und dergleichen Dinge mehr. — Und nun war auf einmal daS Unglück gekommen unb staub riesengroß vor ihr! Die junge, kaum neunzehnjährige Frau konnte den Gebanken wcht ertragen, daß e« mit ihrem Glücke uub ihrer Lebensfreude nun zu Enbe sein sollte, unb wie der Gedanke daran mit Gewalt sie erfqßte, verbarg st« ihr Gesicht in ihre Hände und brach in laute« Schluchzen au«, so daß da« Kleine in der Wiege unruhig rouibe unb Frau Elsbeth alle Schlummer-Lieber fingen mußte, um den kleinen Johannes wieder einzuschlifern.
Da« Kind war schon längst wieder «ingeschlafen, bie kleinen Händchen, die auö dem weiß n Rachthemdchen her- vorsahen, vorn auf der Brust zusarnmengefaltet und El«- beth sang noch immer mit leiser Stimme, al« sie die Stieg« unter einem festen Tritt knarren hörte, die Thüre sich öffnete und ein in einen Mantel gehüllter Mann in’« Zimmer trat. Wie Elsbeth ben dunklen Schatten dieses Manne« an der Wand erblickt«, glaubte sie im ersten Augenblick« der Ueberraschung, es sei ihr Gatte, ben bet Landvogt in einer Aufwallung gnfeiger Lau« seiner Hast entlasten, und mit dem AuSruf: „Heinrich, Heinrich!" flog das junge Weib ihm entgegen. Aber bleich unb zum Tode erschrocken prallte sie zurück, als der tretenbe, ben Mantel rasch zurückschlagend, auf sie mit ben Worten zutrat:
„ES ist nicht Heinrich, mein schöne« Weibchen, aber ein Mann, der Euch eben so wie Heinrich und vielleicht noch glühender liebt."
(Fortsetzung folgt )