Sr. 1O1.
JHarßurg, Dienstag, 2. Mai 1876.
XI. Jahrgang.
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Tagesbericht.
Die Nachweisung der Einnahmen an Zöllen und gemeinschaftlichen Verbrauchssteuern, sowie anderer Einnahmen im deutschen Reich für die Zeit vom 1. Januar bi» zum Schlüsse des Monats März 1876 ergibt im Vergleiche mit dem Vorjahre an Zöllen und gemeinschaftlichen Ver brauchösteuern 78.996,467 Mark (+ 10,410,668 M.), Wechselstempelsteuer 1,720,098 M. (— 99,989), Post- und Telegraphenverwaltung 28,189,297 M. (+ 782,677), Reichseifenbahnverwaltung 6,894,698 M. (+ 132,958 SD?.).
Der PostanweisungS-Verkehr DemschlandS hat nunmehr denjenigen Englands überholt. Im Jahre 1874 besorgte die deutsche Post 19 Millionen Stück Postanweisungen im Betrage von 765 Millionen Mark; die britische Post dagegen 16 Millionen Stück im Betrage von 520 Millionen Maik. Im Jahre 1875 ist der deutsche PostanweisungS Verkehr aus 23 Millionen Stück mit 1238 Millionen Mark (also 1V< Milliarde) gestiegen. Die Zahlen aus Großbritannien liegen für 1875 noch nicht vor. Der deutsche Tarif ist erheblich billiger als der britische.
Die XV. Commission hat den ihr überwiesenen Gesetzentwurf, betreffend die Aufstchtsrechte des Staates bei der Vermögensverwaltung in den katholischen Diöcesen in zwei Sitzungen berathen. Da der Gesetzentwurf keine neuen Gesichtspunkte enthält, sondern lediglich die in dem Gesetz vom 20. Juni 1875 durchgesührten Grundsätze der staat lichen Aussicht aus die katholischen Diöcesen in Anwendung bringt, so hielt die Commission eS nicht für erforderlich, die allgemeinen Grundlagen des Gesetzes zu diScutiren. Vielmehr beschloß sie, sofort in die Specialberathung ein- zutreten. Auch auf die ursprünglich vorbehaltene zweite Lesung wurde bei der Einfachheit der Vorlage und der Geringfügigkeit der darin während der ersten Berathung vorgenommenen Veränderungen späterhin Verzicht geleistet. Zu bemerken ist nur noch, daß zwischen den Vertretern
der Staatsregierung und der Commission darüber Einver- ständniß herrschte, daß das vorliegende Gesetz nicht den Zweck habe, Vermögensmassen, welche unter dasselbe fallen, mit legal verwaltenden Organen zu versehen, noch that sächlich bestehende Organe der Verwaltung, welche an sich nicht legale seien, zu legalen zu wachen.
Von den Städten Iserlohn und Oberhausen sind dem Hause der Abgeordneten Petitionen bekanntlich eingereicht worden, welche Beschwerde darüber führen, daß der unter diesen Städten betriebene Bergbau Bodensenkungen und in deren Gefolge Zerstörungen an Gebäuden und sonstigen Anlagen Hervorrufe. Die Gemeinde-Commifsion hat darauf beschlossen, dem Hause der Abgeordneten zu empfehlen: 1) die Petition, so weit sie unzureichenden Rechtsschutz behauptet, der königlichen Staatsregierung zur Berücksichtigung insofern zu überweisen, als gemeinschädliche Einwirkungen des Bergbaues vorliegen, gegen welche die Bergbehörden Schutz zu gewähren nach § 196 des Allgemeinen Berggesetzes vom 24. Juni 1865 verpflichtet sind, mit dem Anheim- geben, die Berggesetzgebung nach dieser Richtung hin einer Revision zu unterziehen; 2) die Petition der königlichen Staatsregierung insoweit zur Erwägung zu überweisen, als zur schnelleren Regulirung der Schäden und zur Sicherstellung der Entschädigungen eine Vervollständigung der Gesetzgebung erforderlich erscheint.
Wie aus Rom berichtet wird, sind die Unterhandlungen zwischen dem Vatikan und der Madrider Regierung ganz abgebrochen und der NunliuS ist von Madrid abberusen worden. ES bleibt zunächst nur ein Secretär der Nuntiatur zurück, welcher die laufenden Geschäfte abwickeln soll.
Aus der Herzegowina liegt nichts Neues von Belang vor. Eine Depesche auS Ragusa meldet wieder einen Ueber- fall einer kleinen türkischen Truppenabtheilung bei Gradac, oberhalb Kleck, durch eine Jnsurgentenschaar, wobei erstere 50 Militärpferde und 370 Stück Hornvieh, die von den Insurgenten erbeutet wurden, einbüßte.
Hebet die Stärke der bei Nisch coucentrirten türkischen Streitkräfte gehen der „Pol. Corr." einige beachtenswerthe Mittheilungen zu. Das Observations-Corps soll in drei Divisionen eingetheilt werden und jeder derselben nebst der nothwendigen Infanterie noch vier Batterien und drei Cavallerie Regimenter beigegeben sein. „Die Schlagfertigkeit dieser Armee," schreibt die „Pol. Corr.," „läßt kaum etwa- zu wünschen übrig." — Die Armee von Nisch wird auf 40,000 Mann gebracht und in dem fünften Armee- Corps mit 20,000 Mann, das in Sofia concentrirt wird, eine Reserve erhalten, welche gleichzeitig die Bestimmung hat, die bulgarische Bevölkerung zu überwachen. Zu einigen Besorgnissen hat in letzter Zeit die Entdeckung einer im Entstehen begriffenen Verschwörung gegeben, über welche die „Pol. Corr." einige Details mittheilt. Diese Verschwörung sollte in dem Momente auSbrechen, wo türkische
Truppen übet die serbische Grenze rücken würden. Die türkische Regierung hat von einem solchen Complot durch die Verhaftung des Emissärs Nikolaj Slawtschoff in einem Dorfe des Orchaner Kreises Spur bekommen. Man fand bei ihm eine Marschroute, wonach er sich über Orjechowo und Wratz nach dem Orchaner Kreise, welcher das Pivot detz Aufstandes in Bulgarien bilden feilte, zu begeben hatte. Die Instructionen, die für die gediegenen militärischen Kenniniffe ihrer Verfaffer zeugten, sind detaillirt und fielen sämmtlich in die Hand der Behörden. Dieser Emiffär ist nun allerdings unschädlich gemacht; es ist aber sicher, daß derlei Emiffäre schaarenweise nach Bulgarien geschickt wurden.
Deutsche- «eich.
•« Berlin, 28. April. Die Verhandlungen über die Eisenbahn-Vorlage nehmen die öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch und es wird bereits jetzt zu constatiren sein, daß die Regierung offenbar durch diese Verhandlungen selbst und durch die gestern erfolgte Abstimmung einen ersten entscheidenden Erfolg gehabt hat, indem der Oppositionsantrag, an die Commission die Vorlage zu verweisen, keine Annahme sand. Was die Stellung der Parteien betrifft, so ist zu bemerken, daß nur das Centrum in seiner ganzen Stärke für die Verweisung auftrat. Der nunmehrige Erfolg tritt jedenfalls zurück vor dem moralischen, der ein großes Gewicht für alle sich daran knüpfenden Fragen hat. Die Erklärungen der beiden Regierungsvertteter Camphaufen und Achenbach werden zur Klärung der ganzen Sachlage viel beigetragen haben, da sie in weiterer Ausführung die Intentionen des Ministerpräsidenten Bismarck geben. Sie werden viele Jrrthümer beseitigt haben. Ein günstiges Verhältniß für die Regierung war der Umstand, daß in der Richter'schen Rede mit einem Schlage alle die Oppositions-Anschauungen zusammengestellt waren. Die in Re» gierungSkreisen gehegte Hoffnung, datz die Verhandlungen deS preußischen Landtages und die Stellung des Landtages Überhaupt dazu beitragen werden, die Frage einer richtigen Erkenntniß und befriedigenden Lösung entgegen zu führen, hat sich bereits als richtig erwiesen. — Die Ernennung deS Nachfolgers im Reichskanzleramt - Präsidium ist noch nicht erfolgt. — Die Nachricht über einen gefahrdrohenden Bergsturz in St. Goar hat der Regierung zu Coblenz Vrran- laffung gegeben, eine eingehende Untersuchung anzustellen. ES hat sich herauSgestellt, daß die Nachricht große Ueber- iteibung erfahren hat. Der Felsen, auf welchem die Werner» Kapelle steht, ist an feinem Fuße stark verhüttet und hat die Abbröckelung begonnen. Durch eine starke Futtermauer ist jedoch der weiteren Zerstörung Einhalt gethan und hofft man hierdurch das Hebel beseitigt zu sehen.
Leipzig, 27. April. Mit dem gestrigen Tage find mehrere Veränderungen bei der Kavallerie eingetreten. Die
Tapfere Herzen.
(Fortsetzung.)
„Blut," sprach er, die blutige Hand betrachtend, „so hat mich doch Einer von den Schurken getroffen. Ja, ja, die blauen Bohnen jagten mir hart am Kopse vorbei und da mag mich eine wohl etwa» geschunden haben. Indessen," setzte er mit trockenem Humor hinzu, „lieber geschunden ei» gebunden". Er wischte hierauf die blutige Hand an einem Büschel abgerissener Farrenkräuter ab und eilte bann weiter auf den MartinSwald zu, dessen Ende er bald erreichte. „Nun mögen fie suchen," sprach der Waffenschmied, „und wenn e» ihrer so viel sind, al» eS im MartinSwald zur Herbstzeit Buchnüsse gibt, sie sollen mich nicht finden. Wie der Fuchs in feinem Bau, so kenne ich hier jeden Weg und Steg." Und er drang immer tiefer in den Wald ein, nach der Seite zu, wo dieser vom Rhein be grenzt wurde, mit den Armen die Aeste der jungen Tannen Und Fichtenbäume und daS Gezweige der Haselnußbüsche auseinander theilend. Nachdem er auf diese Weise eine Stunde lang vorwättS gegangen war, kam er auf eine kleine Waldwiese, wo er einen Augenblick stehen blieb, um die Gestirne zu betrachten und daran zu erkennen, wie viel es an der Zeit wäre.
Wie er so ruhig dastand, traf ein Geräusch, wie das »ine» in der Ferne dahinrauschenden Wasser», sein Ohr.
„Da» ist der Rhein," sprach er für sich, „vorwärts, nun bin ich bald an Ort und Stelle; und es ist Zeit, daß ich komme, ste werden schon alle da fein."
Und mit neuer, frischer Hast drang er in daS Dickicht ein. Je weiter er vorwärts schritt, desto deutlicher hörte » da« dumpfe Rauschen der Finthen, und von der Gegend her, wo das Ufer de» Strome» war, glänzte ihm durch
die dunkle grüne WaldeSnacht ein röthlicher Schein entgegen. Allmälig wurde der Lichtschein immer Heller, und als der Waffenschmied vielleicht noch fünfzig Schritt vom Stromufer entfernt war, konnte er eine Gruppe von viel- leicht zehn Männern unterscheiden, die in lebhaftem Gespräch auf einem etwas erhöhten, von Buschwerk und Tannen umgebenen Platz standen, und von denen einige brennende Kienfackeln in den Händen hielten. Ta ihm aber die Meisten den Rücken zugewendet hatten und daS röthliche, vom Wind bewegte, hin und her flackernde Licht der Kienfackeln, sowie der von dem harzigen, brennenben Holz aufsteigende Qualm bie Züge brr Anbern nicht genau unterscheiden liefe, so blieb er stehen, um ganz sicher zu fein, daß jene Männer bie von ihm Gesuchten wären, und ließ jenen eigenthümlichen knarrenden Ton, der dem Spechte eigen ist, erschallen. Ein scharfer Schrei, gleich dem eines Falken, antwortete ihm und bie ganze Gruppe gerieth in eine lebhafte Bewegung. Auf biefeS Erkennungszeichen hin trat bet Waffenfchrnieb rasch an bie Männer heran, die ihn mit herzlichem Gruß und Handschlag bewillkommten. ES waren lauter schlichte Bürgersleute ans den umliegenden Ortschaften, die hier im Walde zu abendlicher Stunde zusammen gekommen waren, einfache JnnungSmeister und Kaufleute aus den verpfändeten Borlanden, die das harte, tyrannische Regiment deS Statthalters von Hagenbach nicht mehr zu ertragen Willens und deshalb entschlossen waren, eS zu brechen auf diese oder jene Weise und wenn eS nöthig, selbst mit Wehr und Waffen und auf die Gefahr deS eigenen Lebens hin. Nur ein einziger unter ihnen war ein Eidgenosse, ein Bürger auS Bern, dem durch deS Hagenbach'S Freunde und Rathgeber, die Barone Bilgeri von Hewdorf und Konrad von Eptingen, der Bruder, wie er mit andern Kaufleuten von Bern nach Frankfurt am Main zur Messe
zog, überfallen und erschlagen worden war. Den erschlagenen Bruder zu rächen an den übermütigen Baronen, war er mit eingetreten in den Verein der Männer, die stch zusammen gethan bei deS Landes Roth, um dem Elend, unter welchem eS seufzte, ein Ende zu machen. Er war eS auch, der zuerst das Wort ergriff.
„WaS für eine Botschaft bringt Ihr, Meister," srug er den Waffenschmied, „gute oder böse?"
„Wie Ihr'« nehmt, schlimme und gute, Herr. Der Landvogt ist übermütiger und Bürger und Bauersmann aufgebrachter als je."
Und er erzählte ihnen deS Landvogts Gewaltthat, die er an dem heutigen Tage wieder zu Breisach an seinem Bruder verübt.
„Und Ihr ließet den Bruder vor Euren Augen gefangen fortführen?" srug der Berner mit einem gewissen Vorwurf im Ton.
„Ja, ich that eS Herr," entgegnete der Waffenschmied, „aber Ihr könnt eS mir wohl glauben, es geschah nicht aus bleicher, hasenherziger Furcht und Feigheit, sondern weil mich die Frauen, die Kinder und die Greise jammerten, die ringS herum stauben, bie wehrlosen Männer, die kaum eine Axt oder einen Spaten als Waffen hatten, und die, hätte ich den Landvogt vom Pferd herunter gerissen und ihm den Schädel eingeschlagen, von den Husen seiner burgundischen Reiter zertreten worden wären. Blutschuld wäre aus die Stadt gefallen und durch'« ganze Land hätten die Adeligen Zeter über den Mord geschricen. Er wirb fallen, bet Landvogt, und noch ehe zwei Monden vergehen, aber durch Henker« Hand."
(Fottsetzmrg folgt ) . , .