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Marburg, Sonntag, 30. April 1876. XI. Jahrgang.
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OhrrhrMr Jrilung.
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langwierigen AuSgleichSverhandlungen, bei denen einmal wieder recht anschaulich wird, wie schwer eS in unfern Zeiten der lebhaftesten politischen Selbstliebe ist, die habsburgische Doppelmonarchie zu regieren, sobald eS gilt, daß der Kaiser von Oesterreich sich mit dem Könige von Ungarn „auSgleichen" muß. OesterreichischerseitS schmeichelt man sich nach wie vor, die Herren Magyaren klirrten zwar sehr laut mit Säbel und Sporen, eS sei ihnen aber nicht rechter Ernst mit ihrer Tapferkeit und Entschlossenheit. Dringt aber Tisza nicht durch, so ist die Cabinetskrise da und ein Systemwechsel wenigstens nicht unmöglich, der auch auf Cisleithanien nicht ohne Rückwirkung bleiben würde. Dazu kommt die unheimliche Verschleppung der orientalischen Wirren. Auch hier ist der österreichische Optimismus immer obenauf; aber besorgtere Gemüther fragen: Welches Durcheinander müßte hereinbrechen, wenn die Spannung mit Ungarn wieder chronisch würde und die orientalischen Verwicklungen zu europäischen Kraftanstrengungen zwängen.
Die internationale Gotthard. Conferenz wird hinausgeschoben werden muffen, da die Vorarbeiten der vom schweizerischen Bundesrath eingesetzten Sachverstindigen- Commisston bis zu d.r für dieselben gesetzten Frist (30. April) nicht vollendet werden können.
Die italienische Abgeordnetenkammer hat am 25. d. M. ihre Sitzungen wieder aufgenommen. Die Regierung legte einen Gesetzentwurf über die Verlängerung die Umlaufsfrist der Banknoten vor. Demnächst sollen auch die Eisenbahnverträge zur Berathung gelangen, wobei die Regierung an dem Grundsätze festhalten will, daß der Staat die Verwaltung deS ganzen Eisenbahnnetzes nicht selbst übernehmen dürfe.
Am 24. April eröffneten in Frankreich sechszig Generalräthe ihre Sefsion; die Reden der Vorsitzenden, die in früheren Zeiten oft sehr bemerkenswerth waren, bewegten sich diesmal im ruhigen Fahrwasser der republikanischen Bersaffung, während die Präfekten sich in Folge der jüngsten Bewegungen in ihren Reihen zurückhaltend ober zustimmend verhielten und eine verfassungsmäßige Amtsführung versprachen. Durch eine solche würde allerdings Ricard's Stellung sehr erleichtert werden, denn daS Mißtrauen gegen sein Versetzungssystem ist wach, wenn auch nicht an seinem guten Willen gezweifelt wird. Die republikanische Idee ist sichtbar im Fortschritte, wie die Nachrichten aus der Provinz und die letzten Wahlen beweisen; die Wühlereien der Radikalen für Amnestirung der CommunardS, wie die immer verwegener hervortretendeü Kundgebung der Ultramontanen, wirken, augenblicklich wenigstens, keineswegs einschüchternd.
Der Prinz von Wales hat auf feiner Rückreise von Indien zum Besuche deS Königs AlfonS von Gibraltar aus einen Abstecher nach Madrid unternommen, von wo er
nach mehrtägigem Aufenthalte nach Liffabon weiter reifen wird. Am 22. gab der Finanzminister Salaverria in der spanischen Kammer den lange erwarteten Aufschluß über die Finanzlage deS Landes. Danach beträgt die eonsolidirte Schuld 9833 Mill., die schwebende 1518 Mill. Pesetas bei einem Aetivbestande deS Schatzes von 493 Mill. Zur Aufbesserung der Lage sollen alle bisherigen außerordentlichen Steuern nicht nur beibehalten, sondern noch erhöht und die Ausgaben, mit Einschluß derjenigen für das Heer, erheblich eingeschränkt werden.
Die Königin Victoria ist aus Coburg nach Windsor, ihre Minister sind von ihren Landsitzen nach London zurückgekehrt, und da auch das Parlament, wenigstens das Unterhaus, seine Osterferien abgeschloffen hat, fo ist die StaatS- maschine wieder in vollem Gange. ES knarrt jedoch im Räderwerk; denn gleich die beiden ersten Sitzungen des Hauses der Gemeinen förderten einen Mißtrauensantrag gegen die Regierung zu Tage. Fawcett stellte ihn, und zwar wegen des parlamentarisch längst erledigten Tttelge- setzcS; selbstredend wirb DiSraeli als Sieger aus dem Kampfe hervorgehen.
Der Marsch, den Mukhtar Pascha in der Osterwoche von Gatzko auf Niksie unternommen, um letzteren Platz mit neuem Proviant zu versehen, ist vollständig mißglückt. Der türkische Heerführer hat auf halbem Wege umkehren müssen und sich der Angriffe der Aufständischen nur unter großen Verlusten erwehren können. Um diese Schlappe zu bemänteln, hat er nach Konstantinopel telegraphirt, er habe den Feind in einer Stärke von 14,000 Mann sich gegenüber gehabt und die Hälfte davon feien wohl bewaffnete Montenegriner gewesen. Diese Behauptung, die sich inzwischen als unwahr erwiesen hat, versetzte die Pforte in helle Aufregung, und um ein Haar wäre dem Fürsten von Montenegro türkischerscits der Krieg erklärt word-n, wenn nicht die Großmächte, auf Rußlands Anregung, dazwischen getreten und ernstlich vor übereilten, unbesonnenen Schritten gewarnt hätten. Die Pforte verstärkt nun einstweilen die Truppen in Skutari und läßt den Friedensverhandlungen ihren weiteren Sauf. Derwisch Pascha, bet beim Ausbruch des Aufstandes persönlich in der Herzegowina zugegen war, ist jetzt KriegSrninister geworden. Die Führer des Aufstandes haben in einer besonderen Schrift ihre Gegenforderungen ausgestellt, die, wenn auch die Pforte nichts davon hören will, von den Großmächten doch wohl einiger Beachtung gewürdigt werden dürften, wenn eS ihnen ernstlich darum zu thun ist, die Gemüther zu beschwichtigen und den Frieden wieder herzustellen.
Die rumänischen Kammern sind auf den 27. April einberufen worben. General Florescu, ber jetzt den Vorsitz im Ministerium führt, hat die Präfekten angewiesen, jeden I Versuch zu Ruhestörungen sofort im Keime zu unterdrücken.
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Palitische WochenrUeberficht.
An der Spitze ber beutfdjen Tagesereignisse dieser Woche steht der unerwartete Rücktritt deS Reichskanzler Amts-Präsidenten, Ministers Delbrück. Sein schon vor Wochen eingereichtes EnilaffungSgesuch ist nach längerem Widerstreben von dem noch in Wiesbaden verweilenden Kaiser angenommen worben. Allen Gerüchten, welche sich bei dem von Herrn Delbrück selbst angegebenen Grunde zwingender Gesundheitsrücksichten nicht beruhigen, sondern von politischen Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und dem Reichskanzler, namentlich hinsichtlich ber Reichseisen- bahnpläne des letzteren, wiffen wollen, ist inzwischen in ber Sitzung deS Abgeordnetenhauses gelegentlich der ersten Lesung der betreffenden Regierungsvorlage vom Fürsten Bismarck aus'S Bestimmteste widersprochen Worten. Der angegebene Grund, daß eine längere Fortsetzung der aufreibenden Thätigkeit deS letzten Jahrzehnts Delbrück'S Gesundheit völlig untergraben würbe, ist bei den bestehenden Einrichtungen der Reichsverwaltung ja auch gewiß glaublich genug. Das Abgeordnetenhaus, welches am Montage nach den Osterferien wieder zufammengetreten ist und an den ersten beiden Tagen verfchiedene Gegenstände von untergeordneter Bedeutung verhandelte, begann am Mittwoch die erste Lesung der Reichseisenbahnvorlage. Fürst Bismarck nahm zwei Mal das Wort. Der gegenwärtigen Vorlage, die freilich nur da» Princip entscheidet, für die Bedingungen der Au»sührung aber noch freie Hand läßt, ist im Abge- ordnetenhause eine große Mehrheit gesichert. In der auswärtigen Politik hat sich die orientalifche Frage, wie eS scheint, in den letzten acht Tagen minder brennend gestaltet und die Besorgniffe vor einer unmittelbaren Gefährdung de» Drei Kaiser-Bündnisse» sind wieder mehr in den Hintergrund getreten.
In Oesterreich dreht sich noch immer Alle» um die
Tapfere Herze«.
d ' . (Fortsetzung.) .
„Laervixl* rief er, außer sich vor Wuth, dem burgundischen Rottmeister, welcher die Reitereseorte befehligte, in flamänbischer Sprache zu, „bindet den Mann und schafft ihn zur Stadt in den Thurm."
War auch die Sprache, in welcher der Landvogt seinen Beseh! ertheilte, den meisten ber versammelten Männer un« verständlich, so erriechen sie doch den Sinn desselben sogleich aus dem Verfahren des RottmeisterS, ber sich mit einigen der Reiter dem jungen Goldschmied, den fein Weib angstvoll umfaßt hielt, näherte, und ein dumpfcS Gemurmel de» Unwillen» lief durch die Gruppen und Reihen deS Volkes. Der Landvogt hörte e» und sich höher im Sattel kmporrichtend, rief er mit dröhnender Stimme:
„An die Arbeit, Ihr Leute, und keine Meuterei, ober ich will Euch einen stillen Freitag anrichten, wie noch keiner zu Breisach gefeiert wurde."
Ab« das drohende Gemurmel verstummte nicht, und hie und da machten einige junge Leute schon Miene, den Reitern bei der Ausführung ihres Auftrag» Widerstand zu leifttn, al» der Waffenschmied mit lauter Stimme rief:
„Ruhe, Ihr Männer und Leute von Breisach." Darauf fuhr er, zu dem ihn erstaunt anblickenden Freiherrn gewendet, fort: „Utbermorgen ist das heilige Osterfest. Und »u Ostern. gab ber römische Lanbpfleger Pontius Pilatus ben Barnaba» lo», der doch ein Mörder war, warum sollt« der Herr Landvogt mit meinem Bruder, der nicht einmal so schwerer Unihai schuldig, nicht ein Gleiches thun?"
Ein unwilliges Gemurmel ber Frauen war bie Antwort auf diese Rede deS Waffenschmieds, die vielen unbrüderlich Und lieblos klang, und selbst einige der Männer schauten ihn betroffen an, ber Waffenschmied aber kümmer e sich
nicht weiter darum, sondern schlug seinem Bruder tröstend auf die Schulter, indem er dabei sagte:
„Und nun gehe getrosten MutheS, Bruder, der Herr Landvogt wirb eS gnädiglich mit Dir machen und übermorgen ist Ostern."
Der Landvogt, ganz überrascht von dem geschmeidigen Benehmen des Waffenschmieds, den er immer als einen unverzagten, ihm und ber burgundischen Herrschaft abhold gesinnten Mann kannte, wußte für den Augenblick nicht, was er auf deS Mannes Rede entgegnen sollte. Im Grunde war er aber froh über dieses Benehmen des Schmiedes. Denn wenn er sich auch vor einer etwaigen Meuterei zu Gunsten de» Gefangenen nicht fürchtete, fo wäre ihm doch bei den jetzigen politischen Zuständen ein Aufstand inmitten ber burgundischen Herrschaft nicht lieb gewesen. Spöttisch lachend rief er daher fein Pferd herumwerfend:
„Du sollst Recht haben, Waffenschmied, wie Pontius PilatuS den Barnabas, will ich zu Ostern Deinen Bruder freigeben. Und Du, mein schönes Kind," fuhr er, sich zur weinenden Elsbeth wendend, fort, „weine Deine schönen Äeuglein nicht roth und gräme Dich nicht allzu sehr, vielleicht findet sich für den Gemahl ein Stellvertreter."
Seine Begleiter lachten hell auf und weiter jagten die Herren, während die Soldaten den jungen Mann gebunden nach ber Stadt führten, das Volk aber unter heimlichen Verwünschungen gegen die burgundischen Dränger wieder zur Arbeit ging.- AIS sich nun Alles wieder zerstreut hatte, zog ber Waffenschmied seine weinenbe Schwägerin bei Seite unb sprach zu ihr:
„Seid ruhig, Elsbeth, unb härmt Euch nicht allzu sehr — es geht dem Heinrich nicht an den Kragen, nehmt mein Wort darauf. Und nun geht heim zu Eurem kleinen Johannes unb haltet Euch still in Eurem Hause. Wenn Ihr an meinem Laden vorübergeht, so grüßt meine Ger
trude und sagt zu ihr, sie solle unbesorgt sein, wenn ich nicht gleich vom Rheinbau nach Hause käme. Ich habe noch einen Gang über Land zu machen und werde vor Nachts nicht wieder da sein. — Nun Gott befohlen, Elsbeth!" :i
Und während die junge Frau schluchzend zur Stadt ging, kehrte ber Waffenschmieb wieder an feine Arbeit zurück. —
Unweit Breisach lag zu jener Zeit, in ber noch nicht die Axt, wie jetzt, bie Wälber gelichtet unb ihren Boben zu Ackerlanb verwandelt, eine große Waldung, der St. Martin's Wald genannt, der sich nach Westen bis an da» Ufer des Rheins erstreckte, während er im Osten durch eine weite mit bräunlichen Farrenkräuiern bedeckte Haide begrenzt wurde. Es war AbenbS in ber achten Stunde und der Mond warf schon seinen silbernen bleichen Glanz auf bie Halbe, als ein Mann in raschem, fast wildem Laufe über die Haide nach dem Saume jener Waldung zueilte. Zuweilen warf er, immer dabei laufend, einen spähenden Blick hinter sich, wie Einer, der sich verfolgt glaubt und die Entfernung zwischen sich unb seinen Verfolgern berechnen will, unb einmal hielt er sogar im Laufe an, unb legte sich, da» Ohr an ben Boden drückend platt auf bie Erbe nieder; aber feine Befürchtung schien eine vergebliche gewesen zu sein, denn als er sich wieder aufrichtete, flog ein zufriedenes Lächeln über fein offenes, männliches Gesicht und er sprach, sich ben Schweiß von ber Stirn trocknend:
„Die bnrgunbischen Spürnasen waren mir scharf auf ber Fährte, aber eher soll eine Taube einen Sperber oder ein Hase einen Hund fangen, als sie den Friedrich Vögelin — Aber hebal was ist das?" Unb der Waffenschmied — denn er war der Mann — betrachtete seine Hand, die, als er sie von der Stirn zurückzog, mit Blut gefärbt war.
(Fortsetzung folgt«)