Ar. 98.
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Marburg, Freitag, 28. April 1876.
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XI. JehkMg.
Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blattei, sowie bte Amwncen-Bureanx von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: JSger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidenbank, A- Mete« meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
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Die Exp. d. Oberh. Ztg.
Delbrück.
Der Präsident bei Reichskanzleramtei, Staatsminister Dr. Delbrück, ist auf seinen wiederholten und dringenden Wunsch von Sr. Majestät dem Kaiser aus seiner bisherigen Stellung entlassen und in den Ruhestand versetzt worden.
Diese wichtige Kunde wird nicht verfehlen, in allen Kreisen Deutschlands, welche an der stetigen Entwickelung der Reichseinrichtungen ein Interesse nehmen, den Eindruck tiefsten Bedauerns hervorzurufen; denn nächst dem Reichskanzler Fürsten Bismarck hat sich um den Ausbau der BerwaltungSeinrichtungen deS Reiches Niemand grSßere Verdienste erworben, ali Delbrück, und in Bezug auf den gesicherten Gang deS gejammten geschäftlichen Organismus im Reiche ruhte auf dem bisherigen Präsidenten deS Reichs- kanzleramteS das allfeitige volle und zuversichtliche Vertrauen.
Bon den ersten Anfängen des Norddeutschen Bundes her hat Präsident Delbrück die grundlegende und schaffende Thätigkeit der gemeinsamen Verwaltung im Bundesrathe und im Kanzleramte geleitet, und vom ersten Augenblicke an hat fein klarer Geist, seine gereifte Erfahrung und Um sicht, sowie feine ernste Ruhe wesentlich dazu geholfen, das überaus eigenartige und schwierige Werk, für welches es kein fremdes Muster gab, von Schritt zu Schrit, von Stufe zu Stufe vorsichtig und erfolgreich weiter zu führen. Die schöpferische politische Kraft des Kanzlers konnte eine glücklichere Unterstützung und Ergänzung auf dem Gebiete der Verwaltung tm weitesten Sinne nicht finden, als es in dem Prästsenten Delbrück der Fall war, — welcher zugleich keinen anderen Ehrgeiz kannte, als eben seine ganze geschästliche Tüchtigkeit und Energie in den Dienst der großartigen nationalen Politik zu stellen, welche in dem Kanzler ihren geistigen Schöpfer und Führer und ihren Mittelpunkt hat.
Wie Fürst Bismarck selbst die hervorragende Bedeutung bei Präsidenten Delbrück steti freudig und unumwunden anerkannt hat, so ist besten Ansehen namentlich auch im
BundeSraihe zu unbedingter Geltung gelangt, und hierdurch gerade ist seine Wirksamkeit für die Befestigung eine« ersprießlichen geschäftlichen Verkehrs unter den Bundesregierungen überaus erfolgreich gewesen. Nicht minder hatte er sich im Reichstage ein Vertrauen erworben, welches dem fördersamen Zusammenwirken mit den Regierungen in hohem Maße zu Statten kam.
Nach dem Allem bedarf ei keines Wortes der Versicherung, wie schmerzlich die vor mehreren Wochen zuerst kundgegebene Absicht des Präsidenten Delbrück, sich von den Geschäften zurückzuziehen, zunächst den Reichskanzler berührt hat.
Gesundheitsrücksichten allein haben diesen Entschluß herbeigesührt: auch die ungewöhnliche, fast beispielllose Arbeitskraft und Arbeitslust Delbrücks konnten schließlich der austreibenden Wirkung, welche die Ansorderungen bei fertigen Staatslebens aus alle Männer in leitenben Stellungen ausüben, nicht wiberstehen, und obwohl in seiner Wirksamkeit bisher noch kein Anzeichen der Ermattung hervortrat, so hatte er selbst doch daS Gefühl, daß seine Krasi sich aufzureiben beginne. Von dem Augenblicke aber, wo er nicht mehr im Stande zu sein glaubte, sein Amt mit voller Kraft wie bisher weiterzusühren, hielt er eö für Pflicht, demselben überhaupt zu entsagen.
Der Reichskanzler hatte seinerseits schon früher der Besorgnis öffentlich Ausdruck gegeben, daß daS Reichö- kanzleramt in seinem allmälig angewachsenen Geschäjtsum- fange auf die Dauer an eine einzelne Person zu hohe Ansprüche stelle. „Wir werden", sagte er, „nicht immer eine Persönlichkeit von dieser kxzeptionellen Arbeitskraft, wie der jetzige Chef deS Reichskanzleramtes ist, auszutreiben vermögen,^und selbst für diese, — mehrere Personen, möchte ich sagen, in sich schließende — Leistungsfähigkeit wird es auf die Dauer doch zu viel werden," Als nun Präsident Delbrück selbst jetzt die Bedenken wegen Abnahme feiner Kraft kundgab, glaubte man zunächst hoffen zu dürfen, durch eine Verringerung deS Umfange feiner Aufgaben ihn im Amte zu erhalten, aber der Gedanke, feine Wirksamkeit nicht mehr in vollem Maße zu üben und die Furcht, daß eine wirkliche Erlahmung der Kraft ihn noch im Amte treffen könnte, ließen ihn jedem solchen Versuche, sowie jeder Hinausschiebung seines Entschlusteö widerstreben.
Indem Se. Majestät der Kaiser unter solchen Umständen schließlich nicht umhin konnte, dem Anfuchen deS verdienstvollen Staatsmannes zu willfahren, ist doch die Hoffnung nicht aufzugeben, daß derselbe nach einer Zeit der Ruhe das Gefühl feiner Kraft in vollem Maße wievet- geroinne unb feine in mannichfacher Beziehung unvergleich. liche unb unersetzliche Erfahrung unb Tüchtigkeit von Neuem bem deutschen Vaterlande widmen möge, welches ihm mit dem Kaiser und dem Reichskanzler für die bisher erwor«
6-,r ,r it , Tapfe» Herze».
Am Charfreitag des Jahres 1474 bot die Stadt Brei fach im Elsaß meinen seltsamen Anblick dar. Während die ganze Christenheit an diesem Tage in allen Städten und Dörfern sonntäglich gekleidet, zu den Kirchen und Domen eilte, um unter Gebet und Gesang die Todesfeier des Heiland- zu begehen, und in bet Nähe unb Ferne bie Glockentöne hell unb klar durch die Morgenluft klangen und die Gemeinden zum Gottesdienst riefen, in den Wald- dirfern des nahe gelegenen Schwarzwaldes, wie in den Alpenthälern des nachbarlichen Bernerlandes, zog zu Breisach in der neunten Morgenstunde ein dichter Haufen Volks- Männer, Frauen, Jünglinge unb Mädchen in ihren Werktagskleidern mit Hacken, Schaufeln, Spaten, Karren und Aexten ausgerüstet, hinaus aus den Stadtthoren zu den Ufern des Rhein«, welcher unweit der Stadt vorbeifließt. Zur Linken und Rechten der Leute aber ritten mit blanker Wehr und Waffe burgundische Reiter, Flamländer und Picarden, wilde, verwegene Gesichter, die in ihrer rauhen fxemben Sprache die hie und da hinter dem Zug Zurück bleibenden, mit gotteslästerlichen, wüsten Flüchen zur Eile antrieben. Zuweilen traf auch wohl ein Schlag mit der Klingebie Schultern eines alten Mannes ober einer schwachen grau, die seufzend unter der ungewohnten, schweren Last der Hacken und Schaufeln, die sie trugen, mit den rüstigeren Gefährten nicht gleichen Schritt hatten konnten. Erscholl dann ein jäher, schriller Schmerzensschrei der Getroffenen, so blickten die Männer unb Jünglinge mit finsteren, zornigen Blicken zu den Reitern empor, und trotz dem heiligen Tage entfuhr mancher Fluch den Lippen der Bürger und manche Faust faßte den Stiel der Hacke oder Axt fester, während die Zähne im oetbiflenen Grimm knirschten. Doch
die Retter kümmerten fich weder um die drohenden Blicke, noch um die zwischen den Zähnen gemurmelten Flüche. Die Verwünschungen unb Flüche verstauben sie nicht unb über bie Drvhblicke lachten sie im Gefühl jener übermütigen Sicherheit, bie bem Bewaffneten seine Wehr dem Wehrlosen gegenüber fast immer verleiht, nicht beachtend, daß sich in der Hand der haßerfüllten Männer der Kiesel- stein am Wege, ben der Huf ihres Roffe trat, zum tödt- lichen Wurfgeschoß, die Erdhacke zur modernen Streitaxt verwandeln könnte.
So ging der Zug weiter unb weiter bis zu ben Ufern d-S Rheins, von welchem tiefe, frischausgeworfene Erbgräben sich eine ziemlich weite Strecke nach der Stadt hinzogen. Die Reiter stiegen von den Pferden, bie sie zusammen- koppelten, unb trieben bann das Volk zur Arbeit an, bie darin bestand, von bem Rheinufer an breite Gräben bis an die Mauern der Stadt unb um diese herum zu ziehen. — AIS Der ganze Haufe nun in Thätigkeit war und hier von den Männern gehackt und gegraben, dort von den Frauen unb Mädchen die Erde in ben Karren weggefahren unb wiebec an anderer Stelle von ben alten Leuten, bie zum Graben unb Fahren zu schwach waren, die Erde zu sammengeschaufelt wurde, setzten sich die Reiter auf ben grünen Rasen, um, währenb bas Volk fuhr, grub und schaufelte, zu trinken unb zu würfeln. So früh es auch noch im Jahre war — eö war im Monat April — so fielen bie Strahlen ber Sonne boch schon heiß auf die arbeiteten Männer unb Frauen nieber unb lockten, von der durch Anstrengung gerötheten Stirn Helle Schweißtropfen.
Am härtesten aber wurde bie schwere Arbeit ben Frauen unb Mädchen, deren Körperkräfte bie ungewohnte Anstrengung kaum zu ertragen vermochten. Unb doch bat Keine von ihnen einen Retter, die in sorgloser Trägheit zusahen,'
benen so reichen Verdienste immerbar ben innigsten Dank zollen wirb. (Prov. - Corresp )
Tagesbericht.
Immer noch bildet der Rücktritt des Staatsministers Delbrück ben Gegenstand lebhafter Erörterung in den Räumen des Abgeordnetenhauses. Die Vermuthungen über die Gründe des Rücktritts erhielten ihren Abschluß durch die Erklärung des Fürsten BiSmarck (s. Landtagsbericht), daß der Staatsminister sowohl mit seinem Souverän als mit ihm selbst in vollem Einvernehmen geschieden sei. Er berufe sich dabei auf das Zengniß des Ministers selbst, politische oder volkswirthschaftliche Bedenken sprächen dabei nicht im Geringsten mit. Was den Nachfolger Delbrück'« anlangt, so werden in erster Reihe Graf Eulenburg, Ober- Präsident von Hannover, und Hofmann, Ministerpräsident in Darmstadt, genannt.
In den italienischen RegierungSkreisen herrscht, wie aus Rom gemeldet wird, über einen Beschluß deS StaatSratheS hinsichtlich der Civilliste des Papstes große Aufregung. Bekanntlich fetzte da» italienische Parlament auf Grund des Garantiegesetzes dem heiligen Vater 1871 eine jährliche Dotation von 3 V< Millionen Lire au«. Der Papst hat aber bis jetzt noch niemals diese Summe erhoben. ES handelt sich nun darum, waö mit den sich anhäufenden Geldern geschehen soll unb daS Ministerium Minghetti nahm als selbstverständlich an, daß auf dieselben die gesetzliche Bestimmung Anwendung fände, wonach alle an Staatskassen nicht erhobenen Gelder nach fünf Jahren verfallen. Ende dieses Jahres würde daher die erste für den Papst ausgesetzte Summe verfallen sein. Das Cabinet Minghetti legte jedoch, um jede Verantwortlichkeit von sich abzuwenden, die Frage noch dem StaatSrathe zur Entscheidung vor, unb dieser hat sich jetzt dahin ausgesprochen, daß die päpstliche Civilliste zu den Pensionen zu rechnen sei und ben bieSbezüglichen Bestimmungen unterfalle. Pensionen verfallen aber nach italienischem Rechte erst nach 20 Jahren; bet Papst ober sein Nachfolger würde daher das Recht haben, 1891 das Gesammtkapttal seiner Civilliste von 1871 im Betrage von nahezu 65 Millionen auf einmal zu verlangen, ohne daß ein rechtlicher Einspruch dagegen möglich wäre. Welche Wirkung das aus den italienischen Staatsschatz ausüben müßte, braucht nicht erst geschildert zu werden.
Den Bemühungen ber Großmächte ist eS, wie die gestrigen Telegramme meldeten, gelungen, die Pforte von einer Invasion in Montenegro abzubringen. Freilich find die militärischen Maßregeln bei Skutari noch nicht rückgängig gemacht worden. Auch bei Risch, gegenüber bei serbischen Grenze, befinben sich größere türkische Streitkräfte, angeblich auch nur zu defensiven Zwecken. In Serbien ........... 'T - ----------------E= " "",j ?' »L! .....■ Bi . wie sich das arme Volk abmühte und plagte, um Nachsicht oder Befreiung von der Frohnarbeit, denn sie kannten bie rohe Weise dieser verwilderten Krieger, bie weber Zucht noch Sitte achtenb, ber Schrecken aller Frauen unb Mädchen bet Stadt und de« platten Lande» waren. —
Die Arbeit an den Erdgräben mochte ungefähr drei Stunden gewährt haben, als zwei ber Männer, bie am äußersten Ende des einen Grabens arbeiteten unb mit scharfer Hacke bie Erde aufrissen, in bet Ferne leichte, aufwirbelnde Staubwolken erblickten. Der eine bet Männer, eine große, kräftige Gestalt mit breiten Schultern und starken Armen, legte, um die Augen vor den Sonnenstrahlen zu schützen, die Hand an die Sttrn, und blickte dann scharj nach ber Richtung, wo die Staubwölkchen von der Landstraße aufwirbelten.
Er ist eö, Heinrich, „sprach er nach einigen Sekunden unverwandten Hinschauens zu seinem jüngeren und schwächer gebauten Gefährten, und ein Ausdruck des tiefsten Hasse« wurde in ben für gewöhnlich ruhigen, ernsten Zügen de« ManneS sichtbar: „Ich erkenne ihn und seine Begleitet. Es ist ber Vogt des Herzogs mit den beiden Baronen, dem Bilgeri von Hewdotf und Konrad von Eptingen."
„Wer ist es?" rief der Andere mit erschrockener Miene, während fein Auge mit ängstlich besorgtem Ausdruck von bem heransprengenden Reitertrupp zu einer Gruppe junger Frauen flog, die eben im Begriff waren, auf einem grünen Rasenhügel ihr Mittagsmahl zurecht zu legen; „der Landvogt — ber Hagenbach? Und man sagte doch, daß er da» Osterfest zu Freibrng feiern wollte?" Er schwieg einen Augenblick und setzte bann mehr für sich als zu dem Andern gewendet hinzu: „Unb heute gerade muß EtSbeth mit am Rheinbau sein. Geb' der Himmel Friedrich, aber mir ahnt nichts Gute«, er ist ein gar wüster, wilder Herr, ber Land- vogt."