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Marburg, Donnerstag, 27. April 1876.

xi. Jahrgang.

ffr. 97

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Die Exp. d. Oberh. Ztg.

Lage-bericht.

Die „National - Zeitung" widmet anläßlich der Ent­lassung Delbrück's diesem und seiner staatsmännischen Thä- ligkeit Worte der wärmsten Anerkennung und erklärt, in der Lage zu sein, positiv versichern zu können, daß aus- H Hlicßlich persönliche Verhältnisse demselben untersagt haben, 1 ‘in Amt weiter zu führen. Schon während der letzten 1 Reichstags - Session habe Delbrück erklärt, er fühle sich ■> ^rperlich und geistig so angegriffen, daß er einet längeren j HusruhenS bedürfe. Diese Ueberzeugung, die sich inzwischen » noch mehr bestärkte, habe den Entschluß, seine Demission - j geben, hervorgerusen, welchen Entschluß zu erschüttern äuch allen Anstrengungen deS Reichskanzlers nicht gelungen sei. — Der „Nat.-Ztg." wird weiter positiv versichert, daß von einem Wechsel, der an den Namen Delbrück sich an­knüpfenden Politik nicht die Rede sei und daß der Name und die Vorgeschichte eines in Aussicht genommenen Nach­folgers die vollständige Garantie bieten, daß ein Verlassen deS bisherigen WegeS in keiner Weise beabsichtigt sei.

Die Nachrichten zur Orientfrage sind heute etwas spär- lich. Der russische Botschafter in Konstantinopel, General Jgnatieff, ist nach St. Petersburg abgereist, wohl zunächst um seinem kaiserlichen Herrn vor dcsien Abreise in das Ausland seinen Dank für die ihm kürzlich zu Theil gewor« denen Gnadenbeweise zu erstatten und dann wohl auch, um zugleich angesichts der längeren Abwesenheit Sr. Majestät und des Kanzlers Fürsten Gortschakosf von St. Peters­burg die neuesten Phasen der Situation im Orient mit ihnen zu erörtern. — Aus Constantinopel liegt ein Tele­gramm vor, laut welchem Mukhtar Pascha um 10 Bataillone verstärkt worden ist und einen neuen Versuch machen wird, Niksic zu verproviantiren. Fast scheint es, als ob diese Verstärkung und dieser (wohl letzte) Versuch in irgend einem Zusammenhänge mit dem Treffen bei Bitalica steht, über welches die Details noch fehlen.

Die Petersburger Blätter erhalten Telegramme aus Kostajmtza vom 18. und 22. d., von denen das erstere besagt: „Am 11. April erlitten die Insurgenten im Risso- datz - Gebirge eine starke Niederlage. Die Insurgenten flüchteten auf die Petrovacz- und Unna Gebirge, wohin

sie Vesik-Bey verfolgt. Die VerstärkungSabtheilungen sind nach Novi und Doberliu zurückgekehrt." Das zweite Te­legramm berichtet dagegen von einem großen Siege und lautet: „Montag den 17. (5.) haben die Insurgenten 10,000 (?) Türken bei Grmetsch geschlagen, nachdem sie einige türkische Schanzen erstürmt. Am 19. (7.) hat die Abtheilung von Anelic im Risowac die Türken zurückge­drängt. In beiden Jnsurgentenlagern befinden sich gegen 20,000 Einwohner aus der Umgegend, die aus ihren Wohn­sitzen geflohen sind. Es fehlt den Aufständischen an Mu- .nition."

Diese Version steht zum Mindesten in Widerspruch zu der gestrigen Mittheilung der „Ageuce HavaS", oder dient derselben vielleicht als Ergänzung, wonach gerade der rus­sische und englische Botschafter in dieser Angelegenheit beim Großvezier mit Erfolg intervenirt haben.

Die Situation in Türkisch-Kroatien ist so ernst gewor­den, daß die Türken nicht mehr wisien, wat sie vornehmen sollen; denn außer den Städten ist die ganze Provinz von Ljevno aus am linken und rechten San - Ufer bis gegen Lanjaluka und von da zwischen der Save und der Ukrinja bis zu Brod hin in Hellem Aufruhr.

Die wichtigste Nachricht über die Orient-Angelegenheit ist jedoch die russische Erklärung im „Russischen Staats- Anzeiger", die wir unten unter Petersburg mittheilen.

Deutsches «eich.

•• Berlin, 25. April. Das Abgeordnetenhaus setzte heute bei einer dürftigen Tagesordnung feine Berathung fort. — Die Nachricht, daß Minister Delbrück seine Ent- lassung erhalten, machte in parlamentarischen Kreisen große Sensation. AIS Nachfolger bezeichnete man Hertzog und in scherzhafter Weise: Kardorff. Die Thatsache der Geneh­migung des Gesuches des Herrn Delbrück ist durch ein Wölfisches Telegramm aus Wiesbaden bestätigt. Die Ur­sache derselben, sowie die Angaben über den Nachfolger sind jedoch, wie sie die Zeitungen geben, durchaus falsch. ES wird aus zuverlässiger Quelle bestätigt, daß Herr Delbrück bereits vor mehreren Wochen sein Entlassungsgesuch einge­reicht hat. Inzwischen sind Versuche gemacht worden, dieses Gesuch rückgängig zu machen, jedoch erfolglos, da Herr Delbrück erklärte, feiner Gesundheit halber auf seinem Gesuch bestehen zu müssen. Unter seiner Mitwirkung sind denn auch Unterhanvlungen wegen eines Nachfolgers anzeknüpft und zwar mit zwei Persönlichkeiten. Es kann kein Zweifel über die Größe diefeS Verlustes für die Verwaltung des Reiches herrschen. Hierin werden alle Stellen und bis zur höchsten einig fein. Herr Delbrück vereint in sich die Tra­ditionen der Reichsverwaltung vom ersten Augenblick ihrer Gründung an mit den Traditionen Preußens und der des Nord­deutschen Bundes. — Die Augsb. 8111g. Zlg. enthält einen längeren Artikel über die Verhältnisse Serbiens, der schließ­

lich die große Kriegslust Serbiens verurtheilt und die Drei- Kaisermächte auffordert, ein Veto einzulegen, welches zunächst in Grenzbesetzung Seitens Oesterreichs sich kund geben müsse. Im Falle der Nichtabhülfe werde Oesterreich Be­satzung nach Serbien schicken müssen, der auch eine deutsche folgen müsse. Der Gedanke einer deutschen Besatzung ist zu originell, als daß er nicht erwähnt werden sollte. Jeden­falls wird dieses Verlangen wohl nicht osficiösen Wiener Ursprunges sein. — Aus mehreren Theilen Norddeutsch- landS liegen Berichte über den Stand der Saaten vor. Hiernach sind die anfänglich gehegten Befürchtungen nicht eingetreten und werden die Saaten als durchaus gut stehend geschildert. Die Bestellung der Frühjahrssaaten hat in diesem Jahre früher erfolgen können.

Köln, 23. April. Heute hielt der deutsche Verein für die Rhein-Provinz Hierselbst feine General Versammlung unter dem Vorsitze deS Professors v. Sybel aus Berlin ab. Dieser sprach über das Streben der Ultramontanen, über wahre Religion und über die Streitfragen zwischen der liberalen und klerikalen Partei. Dabei stellte ej in Aussicht, in der nächsten Legislatur-Periode werde eine Vorlage über das Unterrichts-Gesetz gemacht; daher gelte es jetzt schon, die Wahl-Agitation zu eröffnen, bei welcher alle liberalen Parteien zusammengehen müßten. AuS dem JahreS-Bericht über die Stärke und Thätigkeit deS Vereins führen wir Folgendes an: Nachdem der Verein feine Wirk­samkeit auch auf die angrenzenden Landestheile ausgedehnt, ist die Zahl der Bezirke von 142 mit 12,485 Mitgliedern auf 184 Bezirke mit 19,144 Mitgliedern gestiegen; von diesen kommen auf den RegierungS Bezirk Düsseldorf 9122, Köln 3514, Coblenz 3425, Trier 1685 und Aachen 1056. In dem abgelaufenen Jahre wurden 26 (23 neue) Schriften in zusammen mit I1/5 Mill. Exemplaren vertheilt; im Ganzen gab man schon 13/4 Millionen Exemplare auS. Vorträge hielten Hr. Zuccalmaglio allein 62 und Dr. Moldenhauer 40. Aus dem Finanz-Bericht ist hervorzu­heben, daß sich in 1875 die Einnahme auf 33,876 und die Ausgabe auf 33,945 M. und der Bestand auf 19,845 M. stellt, welch letzterer Betrag bei der in naher Aussicht stehenden Wahl-Agitation für die besser fttukten Mitglieder als aufbefferungSbebürftig bezeichnet wurde. Hr. Assessor a. D. Jung hielt darnach einen Vortrag, der an seine salyrischen Reden der vierziger und fünfziger Jahre er­innerte. Er charakterisirte die Taktik, das Streben und die Presse der Ultramontanen.

Darmstadt, 24 April. Mit dem 1. Mai tritt aus der Hessischen LuvwigSbahn eine Eisenbahn-Packet-Besörde- rung in'S Leben. Die zu befördernden Colli dürfen nicht unter 1/2 und nicht mehr als 30 Kilogramm wiegen, müssen gut verpackt und mit einer Begleit - Adresse versehen sein. Die voraus zu entrichtende Fracht beträgt für Packete von 1/2—7 Kilogramm bis zu 100 Kilometer Entfernung 20 Pfennige, von 100 —150 Kilometern 40 Pfennige, für

Maikiiferhiutdrl unb Mailiifrrtzrszeß.

Die kleinen Wesen, die niederen Naturprodukte und Dinge hält man im gewöhnlichen Leben meist keines genauen Beobachtens und Erkennens werth, denn sie scheinen ja gar fo unbedeutend und nichtssagend, daß sie — nach all­gemeiner Ansicht — weder nützlich noch schädlich sein können, und wären sie auch das Eine oder das Andere in gewissem Maße, fo dürste eS doch kaum nennenSwerth sein, meint man.

Für denjenigen indeß, der beobachtet und denkt, ist auch das unscheinbarste Wesen nicht unbedeutend, eS ist ein Glied Hner in’S Unendliche verschlungenen Kette, nothwendig für bas wohlgeorbnete Nalurganze. Unb doch unterscheiden ®lr alle Geschöpfe in der Welt darnach, ob und wie weit sie uns nützen oder schaden, und haben von unserem Stand­punkte auS auch Recht. Sind wir Menschen doch gewohnt, ""s als Herren und Gebieter der ganzen erschaffenen Well iu betrachten, wenn auch nicht ein einziges Thier allein um bet Menschen willen vorhanden ist, vielmehr dem Ganzes menen soll unb auch dient.

Der Mensch steht in jeder Sage zeitweise Verhältnisse M sich einstürmen, denen auSzuweichen nicht immer in seiner

*Mt liegt; besitzt er nun die Fähigkeit, daS Unverrneid- "che „mit Würde", d. h. ohne Murren und Knurren und

Fassung zu ertragen, so hat er die erste Stufe zum Philosophen hinter sich, hat er aber die weitere Eigenschaft, j dergleichen Vorkommnissen statt Aerger und Mißmuth legar Vergnügen, zu entdecken, so hat er schon den i»eiten Grad in der schwierigen Kunst der „Weltweißheit" erreicht.

Zu den Unvermeidlichen, die gegen UNS anrücken, so­

bald „die KnoSpen sprangen", gehören die Insekten, nütz­liche sowohl wie schädliche, beides aber meist lästige Thiere. Unter den als schädlich verrufenen Insekten hat der Mai­käfer (Melolontha vulgaris) das wenig beneidenSwerthe Loos, daß ihn unsere Jugend nicht eigentlich aus dem Grunde verfolgt, um ihn zu vertilgen, sondern vielmehr, um ihn lebend in Besitz zu bekommen. Die Berliner Ju­gend versteht eS meisterhaft, in sonst als Plage angesehenen Vorkommnissen Vergnügen zu entdecken, und so sehen wir denn auch, sobald der Frühling in’S Land gekommen, so­bald der Mai mit seinem frischen Grün an Baum und Strauch bei unS eingezogen, unsere Knaben und solche, die es werden wollen, schaarenweise nach Wald und Haide pilgern und da — wo die Polizei sich nicht etwa hindernd in’S Mittel legt — auf den Fang der fo geschätzten Mai­käfer auSzugehen. Auf den Maikäfer ist es abgesehen, der in frischem Grün prangende Baum hat eS indeß auszu baden, unb „keiner, keiner bleibt verschont". Jüngere, schwächere Bäumchen werben geschüttelt, ältere, der Kraft des Menschen trotzmde Bäume dagegen mit einem Stein­hagel regalirt, bei dem es ohne Verletzungen und Be­schädigungen derselben nicht abgeht, unb beten Spuren dem Baum meist unauSlöschbar eingedrückt bleiben.

Die bekanntlich am Tage auf und unter den Blättern schlafenden Maikäfer fallen von dem Schütteln herab und emsig ist die Jugend beschäftigt, sie aufzulesen und in ihre mitgebrachten Botanisirbüchsen oder in Ermangelung dieser in leere Cigarrenkisten zu sperren. Je nach ihrem Range in der Maikäfergesellschaft „Kaiser", „König", „Schorn steinfeger", „Müller", werden sie mit mehr oder weniger Freude begrüßt.

In der Stadt und schon auf dem Wege dahin beginnt

nun der Verkauf: „Maikäfer, Maikäfer, Stück vier Nadeln," welcher Preis sich natürlich auch nach Angebot und Nach­frage regulirt; bei massenhaften Vorräthen wird der Preis gedrückt: „Käfermai, Käfermai, für eine Nadel giebt eS drei." Auf alle Fälle bleibt aber der Maikäfer ein be­liebter und begehrter Handelsartikel, dessen Tauschobjekt, die Stecknadeln, die Mutter zu dieser Zeit im Nähtisch „wie eine Stecknadel" suchen mag; unbarmherzig werden sie von den Sprößlingen annectirt, um in diesem „Biehhandel" angelegt zu werden.

Täglich hört man das „Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg rc.", ober wie in anno 1849 „Maikäfer flieg, ber Hecker ist im Krieg, bet Struve ist im Oberland und macht die Republik bekannt" singen, während das arme, geängstigte Thier in seinem FreiheitSdrauge und seiner Herzensangst den Kopf ausstreckt und einzieht, die Schnurren öffnet, den Finger entlang läuft und endlich davon fliegt, um — sofort wieder niedergeschlagen zu werden. Glückt es ihm, den Händen seiner Peiniger zu entkommen, fo ist meistentheilS ein rücksichtsloser Spatz in der Nähe, der es im Fluge hascht und sofort auSweidet.

Von der anderen Seite betrachtet, ist die möglichst große Vertilgung der Maikäfer, die, sobald sie in Massen aus- tteten, sehr lästig und ekelhaft werden können, nicht genug zu empfehlen, denn sie sind wirklich sehr schädliche Thiere, nicht nur als Käser, in welchem Zustande sie in kurzer * * Zeit alle Bäume vollständig kahl fressen, sondern auch, und weit mehr, in ihrem Larvenzustande als Engerlinge. In diesem Frühjahr erwartet man wiederum ein besonders häu­figes Auftreten der Maikäfer, und werden überall Anord­nungen getroffen, sie einzusammeln. In Oesterreich ist für das Einjammeln der Käser und ihrer Larven in diesem