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Marburg, Dienstag, 25. April 1876.
XI. ZahkMg.
I
OkchcMr Znlung
Tagesbericht
Die Frist, binnen welcher diejenigen Osfiziere ihre Ansprüche geltend machen müssen, welche auf Grund ihrer, durch den letzten Feldzug verursaMen Invalidität der mit Bezug hierauf gewährten Benefizien theilhaftig werden »ollen, läuft am 1. Mai ab. Dieselben bestehen außer der zu verleihenden Berechtigung zur Anstellung im Civildienst in einer nicht unbeträchtlichen Erhöhung der gesetzlichen Pension. Wie die außergewöhnlich große Anzahl von Ab- schiedSbewilligungen bewäst, welche in letzter Zeit durch das Militärwochenblatt bekannt gemacht wurden, hat eine sehr beträchtliche Anzahl jüngerer Offiziere von der ihnen zur Seite stehenden Berechtigung Gebrauch gemacht. In der That find gegenwärtig so viele Mtiitäranwärter aus dem Offizierstande vorhanden, daß bei allen Fächern des Sivil- dienstes, welche für verabschiedete Osfiziere zugänglich sind, das Bedürfniß aus lange Zeit hinaus gedeckt ist.
Die „London Gazette" publicirt die Erhebung des britischen Vertreters in Rom Sir Paget zum Range eines
genten klarlegt. Die Note scheint jedoch resultatlos gewesen u sein. In Konstantinopel will man Alles der Waffengewalt überlasten, während die Mächte vorläufig auf einen neuen Waffenstillstand hinarbeiten. Auch England soll in Konstantinopel die Verlängerung deS Waffenstillstandes, wenigstens aber eine Prüfung der Forderungen b<8 Insurgenten angerathcn haben.
Das officielle Blatt der montenegrinischen Regierung Gla« Czrnagora reproducirt die türkische Depesche von der Betheiligung der Montenegriner an den letzten Kämpfen, ohne sie zu dementiren. Von den Vertretern der Mächte iber das Thatsächliche an dieser türkischen Beschuldigung inteipellirt, gab Fürst Nikita eine ausweichende, Antwort. Nach dem Kelet Nepe soll er bereits förmlich der Türkei den Krieg erklärt haben. Vielleicht verdient noch folgende Depesche deS Ragusaner türkischen GeneralconsulS Dänisch Effendi, über die Kämpfe MuktarS mitgetheilt zu werden:
„Ich habe gestern, am 18. April, zwei Telegramme erhalten. DaS erste zeigte mir einen vollständigen Sieg Muktar Pascha'S über die Insurgenten an, daS zweite enthielt folgende Details: Muktar ist siegreich nach Gacko zurückgekchrt, nachdem er sechs Engagements in sechs Tagen bestanden, welche inSgesammt zum Vortheile der Türken ausfielen. Die Armee hat 31 Toole, 79 Verwundete. Die Insurgenten waren 14,000 Mann stark, davon die Hälste Montenegriner. Sie hatten 800 Mann Verlust. Da Telegramme gebieterisch die Verlängerung deS Waffenstillstandes verlangten, ist der Marschall (Muktar) nach Gacko zurückgekehrt, nachdem er die Lebensmittel im Fort PreSjeka deponirt hatte, welches zwei Stunden von Niksic entfernt ist. Diese Nachrichten bekräftigen den von Grahovo gekommenen Rapport. Immerhin weiß ich die neue Einstellung der Feindseligkeiten nicht zu erklären, noch wer den Waffenstillstand verlangt und wer ihn bewilligt hat. Die Rückkehr des Marschalls scheint ein kategorisches Eingehen auf den Waffenstillstand zu sein."
Die Insurgenten gewärtigen, daß Mutkar Pascha nach an sich gezogenen Verstärkungen eine zweite Expedition nach Niksic unternehmen wird, treffen darnach ihre Vorbereitungen und wollen nach dem lctzterrungenen Siege beim Duga Paß von weiteren Verhandlungen nichts wiffen.
Bus Bosnien werden neue Vortheile der Insurgenten gemeldet. Die Ausständischen sollen 6000 Türken ,6e Risovatz geschlagen und deren Gros auf Banjaluka zurück- gedrängt haben, während 1500 Türken sich nach Nov gezogen haben sollen. Der Banjaluker Kreiö scheint stark gefährdet.
In Bulgarien zeigen sich gegenwärtig ebenfalls verblich» tige Bewegungen, die bei der Entblößung deS Vilajets
Orten weggezogen und nach Risch, Widdin und Novibazar diSlocirt.
Aus Konstantinopel wird dem N. W. T. gemeldet; Kiamil Bey aus dem Scraskerat ist in besonderer Mission nach Mostar geschickt worden. Alle verfügbaren Truppen auS Smyrna, KMa, Salonik sind nach Bosnien beordert worden. W. T. D. meldet aus Konstantinopel, 21. April: Durch einen Jrade des Sultans ist die Bildung eines militärischen Lagers in Scutari (Albanien) behufs Ueber- wachung von Montenegro angeordnet worden. — In Börfenkreijen ist das Gerücht verbreitet, daß der Sturz des Großvezirs bevorstehe.
Einer Meldung der „Agence HavaS" aus St. Thomas vom 21. d. zufolge ist der flüchtige Präsident von Haiti Domingue daselbst eingetroffen. Eine neue Regierung von Haiti ist noch nicht organisirt; die sich dort aushaltenden Fremden sind bisher nicht belästigt.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie bie Annoncen-Bureaux von G L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete» ♦ meyer in Berlin; Carl Schußler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.
Anzeigen nimmt entgegen: die Ett>editi°n d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von Th- Diettich & Co. in Kassel und Hannover; Th- Diettich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip- Mn k; liludols Moste m Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Deutsches Reift.;
= Berlin, 22. April. An der Börse war heute auf Grund Wiener ^Nachrichten da« Gerücht verbreitet, Serbien habe an die Türkei offiziell den Krieg erklärt. Ferner wurde ebenfalls von Wien aus gemeldet, daß man in Belgrad in fieberhafter Weise rüstet. Die Beschaffung von 2000 Pferden bestätigt sich. AuS der Festung Belgrad werden Munition und andere Vorrilhe nach Kragu- jewatz geschafft. Ein Erlaß des Kriegsministers verbittet jedem Waffenpflichtigen den Uebertritt ins Ausland, auch nur für die kürzeste Frist, ohne dqzu die spezielle Bewilli- gung deS Brigadiers eingeholt zu haben. Such wird die Schifffahrt im Innern daS Landes beschränkt, muthmaßlich um Entweichungen nach dem AuSlande zu erschweren. Dem gegenüber erfahren wir von diplomatischer Seite, daß eine KriegSerkläiUng Serbiens weder erfolgt sei, noch demnächst erwartct werden kann. ES sei in diesen Tagen ein wiederherholter Druck von Wien und Petersburg aus auf daS Belgrader Kabinet auSgeübt worden, der feine Wirkung nicht verfehlen dürfte. — Der „St. Anz." berichtet: Die Angabe der „Post", daß die Einnahmen an Telegraphengebühren sich für den März laut statistischer Ausnahme um 45,000 M. höher gestellt habe als im gleichen Monat des Vorjahrs, ist richtig. Zene Statistik beruhte indeß nur auf einer zehntägigen Ermittelung, und es war das MonatSresultat durch Multiplikation mit 3 gewonnen. Gegenwärtig liegt der genaue Kastenabschluß für den ganzen Monat vor. Nach demselben hat die Einnahme an Telegraphengebühren im März d. I. 962,486 M. betragen, während sie im März v. I. sich auf 891,066 M. belief. ES giebt demnach ein Mehr von 71,420 M. Dies Rnsultat ist um so höher anzufchlagen, als die Telegraphen Einnahme während
- . . .„her den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrtrteS SonntagSblatt" durch die Expedition («och'fche
W*WBÄb«d“rei) fiS?!SÄ durch di- Postämte? d-S Deutschen Reiche- 2 Mark 50 Psg. -exl. Bestellgebühr). - JnsettionSgebühr für die gespalten. Zelle 1» Pf,.
** Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet. ______________
Botschafters.
Die französischen Zeitungen bemühen sich in neuerer Zeit, ihre Leser über deutsche Verhältniffe zu unterrichten. In welcher Weis« daS geschieht, darüber möge nachstehende wunderbare Geschichte Aufschlußgeben. Der Pariser „Figaro" erzählt: „Im Ministerium des Innern ist man im Begriff, ein ständiges Unterrichtsbureau für die Preffe einzurichten. In Folgendem wollen wir ein Bild von dem geben, was in dieser Beziehung in Berlin und Wien geschieht. In dieser letzteren (soll wohl heißen ersteren) Hauptstadt ist der Baron Hauffmann die wichtigste Persönlichkeit nach dem großen Kanzler mit dieser Mission betraut. Wir haben ihn in seiner Thätigkeit gesehen und wollen jetzt miltheilen, wie er vorgeht. In den Stunden von 10 Uhr bis Mittags ist sein Bureau allen Vertretern der Preffe offen, ohne Unterschied ihrer politischen Haltung. Die Mehrzahl derselben kommt mit einem Fragebogen an und Baron Hauff mann macht sich ein Vergnügen daraus, alle diese Fragen zu beantworten. Diejenigen, welche kein solches Questionnaire haben, finden auf seinem Bureau alle Mitlheilungen und Telegramme, welche fie über die Tagesereignisse im Innern und Aeußern ausklären. ES ist nur die einzige Bedingung daran geknüpft, daß die Nachrichten nicht entstellt werden, sonst werden den Betreffenden die Thüren verschloffen." So der „Figaro." Schade nur, daß er die Adresse des Baron Hauffmann nicht näher angegeben hat, denn er ist in Berlin total unbekannt.
In der Orientsrage scheint fest zu stehen, daß Graf
Zichy der Pforte eine neue Note übergeben hat, welche _ _ _ . _ _
bie Stellung der brei Kaisermächte nach ben Resultaten von Truppen Beachtung verbienen. Die Garnisonen
der Verhandlungen deS Generals Robich mit bem Jnsur- wurden sowohl auS der Hauptstadt wie aus anderen
Kaiser Wilhelm als Dichter.
Daß Kaiser Wilhelm von Deutschland auch einmal einen Ritt auf dery Pegasus versucht hat, dürfte bisher kaum bekannt geworden sein. Und doch existirt von ihm ein Lied und zwar auS einer Periode gereifter Männlichkeit. 43 Jahre war der Kaiser alt, als er die nachfolgenden Verse niederschrieb. DaS war zu jener Zeit, als der Pattser Chauvinismus, fast ebenso laut wie vor 1870 nach einer «Promenade ä Berlin», nach einem Siegcszuge an den Rhein verlangte, als sich in allen Gliedern und Theilen des zerstückelten Reiches mannhaft der Geist nationalen Widerstandes gegen französische KriegSgelüste zu regen be> gann. Die Deutschen schickten damals keine Armee hinüber über den „deutschesten der Flüffe." Ein Lied war es, daS ein Gerichtsschreiber in dem rheinpreußischen Städtchen Geilenkirchen auS patriotischem Herzen und geradem Sinn ohne viel Kunst zu Papier gebracht hatte. Ein Lied, von bem plötzlich ganz Demschland wiberhallte und daS wie ein mannhafter Protest gegen französisches Kriegsgelüste über die grünen Ufer des Rheins klang, das über die Kämme der Vogesen hinüber und bis an die Ufer der Seine rind bi» in eine Poetcnstube tönte, wo freilich ein echter Dichter hauste, ein Dichter, der aber in allererster Linie Franzose mit allen liebenswürdigen Vorzügen und mit allen Schwächen, durch und durch Franzose war. Alfred de Muffet antwortete dem Rheinliede Beckers mit seinem höhnischen «Nous i’avons en votre Rhin allemand», er sang davon, wie die Franzosen ihre Pferde in den Fluchen deS „freien deutschen Rhein" getränkt, wie ihrer Pferde Hufe feinejUfet zerstampft hätten. AuS dieser na.ionalerregten Zeit stammt das Gedicht Kaiser Wilhelms, deS damaligen „Prinzen Wilhelm von Preußen" und bie Gefühle, bie jebe deutsche Brust dazumal durchzuckten, spiegelt es in einfacher und
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schlichter Weise wider, so daß eS auS dem Volke heraus nicht anders hätte geschrieben sein können. Hier sind die hauptsächlichsten Verse des Liedes:
Der Oberrhein.
Sie haben ihn da oben, Den alten deutschen Rhein, Deßhalb soll stets gehoben Das Schw-rt des Deutschen sein.
Mit welcher Schalkheit raubte Der Ludwig uns das Land, Weil Deutschland mit dem Haupte Des Reichs in Fehde stand.
Du Sttaßburg, Burg der Straßen Von Frankreich und Burgund, So lang' dott rasen Franken, Wird Deutschland nicht gesund.
Dein Münster reckt den Finger Zum Himmelszelt empor , Und drohet dem Bezwinger Und tem, der ihn verlor.
Dem Reich und einst dem Kaiser Wohl von des Rheines Strand Sei Du des Weges Weiser Jn's stolze Frankenland-
Der Rhein soll Deutschlands Erden In seinem ganzen Lauf Wohl wieder eigen werden. Rollt Euer Banner auf!
So woll'n wir's wieder haben, Das Gut von unferm Blut, Weil dott schon längst begraben Der deutsche Adler ruht. * Du Volk aus den Vogesen. Und dem Ardenuerwald, Wir wollen Dich erlösen Bon fremder Truggewalt.
Dann mußt auch Du vernehmen Den deutschen Bundesruf Und Dich der Knechtschaft schämen, Die wälsche Art Dir schuf.
Und solltest Du Dich sträuben Und fühlst die Knechtschaft nicht, So wollen wir Dich treiben Zu Deiner Kindespflicht.
Damit einst Deine Kinder Doch mögen Deutsche sein Und sich der Ueberwinder Von ihren Vätern fteu'n- So wollen wir ihn haben, Den alten deutschen Rhein, Dann erst wird ganz begraben Die Schmach der Deutschen (ein.
Wie die „Köln. Zig." bemerkt, ist daS vorstehend mit« gctheilte dem deutschen Kaiser zugeschriebene Gedicht nicht von demselben, sondern der wirkliche Verfaffer eine auch aus den Vornamen Wilhelm getaufte Persönlichkeit in iMörS am Niederrhein, die in dem durch Niklas Becker'S „Sie sollen ihn nicht haben" 1840 angeregten Liedersturm ihre Stimme mit hatte vernehmen lasten wollen.
— ES mag interesstren (nach den Pariser Blättern) eine Zusammenstellung der verschiedenen BerusSarten zu geben, welchen die Mitglieder der Commune angehörten, bevor sie die Zügel der Gewalt in den Händen hielten. Die Commune hatte 79 Mitglieder, die sich folgendermaßen vettheilten: 12 Journalisten, 4 Elementarlehrer, 4 Advo- caten, 3 Aerzte, 2 Apotheker, 5 Maler, 2 Architekten, 2 Ingenieure, 6 Handlungscommis und Verwaltungsangestellte,
1 Bildhauer, 2 Kleinhändler; von Arbeitern: 1 Juwelier, 1 Cifeleur, 1 Buchdrucker, 2 Buchbinder, 2 Färber, 6 Schuhmacher, 1 Hutmacher, 1 Schreiner, dann 1 Cajstr,