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Sr. 93.

Marburg, Sonnabend, 22. April 1876

XL Jahrgang.

MtchcMc Zeitung

Deutsches «eich.

Berlin, 20. April. Der viert« Brandenburgische Släbtetag wurde gestern Nachmittag 2 Uhr im Saale des StündehauseS resp. deS ProvinziallandtageS Hierselbst durch den Bürgermeister Fritsche (Guben) mit einem Hoch auf Se. Majestät den Kaiser und König eröffnet. Die Prä jenzliste weist die Anwesenheit von 110 Vertretern der ver schiebenen zum Verbände des Brandenbu'gischen Städte tages gehörenden städtischen Körperschaslen nach, welche von 55 Städten delegirt sind; dazu kommen 16 Vertreter von Städten, welche dem Städtetage nicht angehören. Den einzigen Gegenstand der Tagesordnung bildete die Berathung der neuen Städteordnung, doch kam dieselbe bei dem großen llmsange, den die Discusston der einzelnen Paragraphen annahm, erst heute zu Ende. Rücksichilich des Wahlsystems faßte der Städtetag mit großer Majorität folgenden Be­schluß:Das Drciklafsen«Wahlsystem ist beizubehalten unter Ausschluß anderweitiger ortsstatutarischer Festsetzungen und die Bildung der Wählerklassen ist lediglich nach der

Anzeigen nimmt entgegen: die Eichedition d. Blatte», sowie bie Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Fraiäfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

von den Gcmeindebürgern zu entrichtenden Klassen- und Einkommensteuer zu bewirken.* Die Bildung der Wahl­bezirke re. soll lediglich dem gemeinschaftlichen Beschlüsse der beiden städtischen Behörden überlassen bleiben. Ferner erklärte sich der Städtetag für die Wahl durch Stimmzettel und will nur diejenigen von der Wahl ausgeschlossen wisien, welche seit Ausstellung der Wählerliste notorisch die bürgerlichen Ehrenrechte verloren haben. DerNordd. Allgcm. Ztg." gehen aus Wien folgende beachtenswerte Notizen zu: Di- zwischen den beiden ReichShälften fchwe- benden volkSwirthschaftlichen Verhandlungen haben neuer­dings eine entschieden günstige Wendung genommen und können aller Voraussicht nach schon in den nächsten Tagen zu einem nach beiden Seiten besriedigenden Abschluß geführt werden. Alle Befürchtungen betreffs einer ernsteren Gefährdung des Frieden« im Orient sind, wie aus zuver­lässiger Quelle versichert werden kann, völlig unbegründet.

DreSde», 19 April. DieDreSd. Nachr." schreiben: Es steht nunmehr fest, daß Minister v. Friesen seine Stellung im Staatsdienst ausgibt. Derselbe zieht sich, wie wir von guter Hand vernehmen, im Hochsommer, spätesten« im Frühherbst zurück. Altersschwäche und die Erkenntniß, daß die Ausgaben deS Staates eine tüchtigere Hand erhei­schen, haben nach derselben Quelle diesen Entschluß zu einem letztwilligen gemacht. Auch ohne die Reichs-Eisenbahn- Frage würde Hr. v. Friesen sich nach demAltentheil" umgesehen haben.

Coburg, 19. April. Unter den lebhaftesten und freudigsten Kundgebungen der ganzen Bevölkerung traf gestern Abend gegen 5 Uhr der deutsche Kaiser mit dem Kronprinzen auf der Reise nach Wiesbaden hier ein. Vom Herzog und der Herzogin, der Kronprinzessin und dem Prinzen Friedrich Wilhelm in Galla am Bahnhof empfan­gen, stieg der Kaiser mit dem Kronprinzen zunächst bei der Königin Victoria im Herzog Alsredsch'en Palai« ab, und fuhr sodann nach dem Residenz Schlöffe, wo er den linken Flügel bewohnt. Um 7 Uhr sand bei der Königin Victoria Familien Diner statt, worauf der Kaiser mit den übrigen Herrschaften im Hoftheater der OperSanta Chiara", v. E. H. v. C., bis zum Schluffe nach 11 Uhr beiwohnte und sodann ins Residenz Schloß zurückkehrte, überall mit freudigstenHochs" undHurrahs" begrüßt. Unter den Klängen der vollständigen ReginnntSMusik brachten hierauf die hiesigen Einwohner dem Kaiser einen äußerst imposanten Fackelzug, welcher sich vor dem Schlosse ausstellte. In das vom Bürgermeister auf den Kaiser ausgebrachte Hoch stimmte die unabsehbare Menschenmenge in vollster Begeiste­rung ein, wobei der Kaiser sich mehrmals am Fenster zeigte und dankte. Während der Serenade wurde In dem der i Residenz gegenüber liegenden Park ein Feuerwerk abgebrannt : und durch bengalische Beleuchtung strahlte die alte Veste

Nur die Aussicht auf sichern Erfolg kann den Krieg rechtfertigen. Die Großmächte rathen vom Kriege ab. Der Dreikaiser - Bund schließt eine europäische Intervention im Oriente aus. Der Orient wird sich selbst überlasten bleiben. Aber nothwendig wäre die Kooperation Montenegros, der Bulgaren, Griechenlands und der Arnauten, wie auch min­desten» die Freundschaft Rumäniens. Ist diese Kooperation gesichert, dann wohlan, schlagen wir losl Wir dürfen aber keineswegs die serbische von der orientalischen Frage trennen. Nur die gemeinschaftliche Aktion aller orientalischen Völker gegen die Türkei kann auch die serbische Frage lösen. Sind wir aber isolirt, dann laßt uns gut Acht haben I Lasten wir uns nicht von G-stenspekulationen verführen! Wir lenken die Aufmerksamkeit der Regierung auf diese Betrachtungen. Vergessen wir nicht, wir stehen vor der Entscheidung über Sein oder Nichtsein!"

An andern auf die Orientangelegenheit bezüglichen Nach­richten stellen wir nur noch die folgenden zusammen: Dem Pester Lloyd" zufolge ist ganz Bosnien im Aufstande und demgemäß eine Mobilmachung in Oesterreich als be­vorstehend zu betrachten. Die österreichischen Donaumoni- torS sollen ausgerüstet und nach Semlin dirigirt werden. Der Arsenalkommandant von Polo, Kontreadmiral Baron Sterneck, wurde telegraphisch nach Wien berufen. Die öfter reichische Eskadre liegt bei Lussinpiccolo vor Anker. Der russische Konsul in Jassy ist nach Petersburg berufen wor­den. Einem Wiener Telegramm derHamburger Nach­richten" zufolge hätte England erklärt (wem?), falls die Pacification auf der jetzigen Grundlage scheitere, die volle Freiheit der Action" wieder beanspruchen zu müsten.

Tagesbericht.

Sur Orientfrage, die sich immer ernster gestaltet, siegt heute das nachstehende Telegramm derAgence Rüste, auS St. Petersburg vor: ,

Nachdem General Rodich die Insurgenten in Folge der Äntworrt Vasta-Pascha's direkt an die Pforte gewiesen bat kann auch Rußland ihre Forderungen erst dann auf ibre Annehmbarkeit hin einer genauen Prüfung unterziehen, wenn die türkischen Behörden ihre Geneigtheit darthun, überhaupt zu unterhandeln.

Neuesten Nachrichten aus Konstatinopel zufolge hat btt mforte das Programm Andrasty als erfolglos verworfen und habe Mahmud Pascha aus Furcht, von der Kriegs- Partei gestürzt zu werden, nun Alles der Entjcherdung der Waffen überlasten.

Die Aufgabe der Diplomatie ist e« nun, daß die Ka binette so schnell wie möglich über die gemeinsamen Schritte einig werden, um dieselben Europa zur Pacificrrung des Orients unter Aufrechterhaltung des allgemeinen Friedens ""^Authentische Nachrichten vom JnsurrektionSschauplatz bestätigen, daß Mukhtar nicht nur Niksic nicht verprovian- tiren konnte, sondern nach sünstägigen blutigen Kämpfen »wischen Duga und Gaczko zum Rückzug gezwungen wurde und von allen Seiten von den Insurgenten eingeschlosten ist die, selbst wenn ihnen Munition fehlt, fanatisch mit Dolchen und Steinen den Kampf fortsetzen."

Die WienerPolit. Corresp." bringt eine Mittheilung aus Konstantinopel, laut welcher die türkische Regierung die in Mesopotamien und Bagdad stehenden Truppen nach Konstantinopel berufen habe. Die Kunde davon habe in der türkischen Hauptstadt einen panischen Schrecken hervor- aerufen weil man seitens dieser Truppen die Einschleppung der Pest nach Europa befürchte. DieCorrespondenz" lenkt auf diesen Umstand die Aufmerksamkeit der europäischen Diplomatie und schreibt: v ,

Jahraus, jahrein werden Sanität«- und Cholrrakvn grcste abgehalten, um Europa endlich einmal vor den Be­suchen dieser astatischen Würgengel ftcherzustellen. Nun sollte wegen einiger Bataillone, die zudem noch die Be­stimmung hätten, die mitgebrachten Pcstkeime direkt an den europäischen Westen abzusetzen, die Welt auch noch von dieser orientalischen Frage heimgesucht werden Das ist denn doch eine zu internationale Angelegenheit, al« daß nicht di- Repräsentanten der Mächte ihr mit aller Energie die Beachtung schenken sollten, welche sie sicherlich mehr als Bosnien und die Herzegowina zusammen verdient."

In der serbischen Preße macht ein angeblich von Hrn. MarionovicS herrührender Artikel Aussehen, in welchem dazu gerathen wird, den Krieg gegen die Pforte nur bei voll­ständig sicheren Chancen zu beginnen ES heißt darin:

An,-.gen»nimmt^entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie di- Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. m »affel und Hannover; Th. Dietrich in I^^ier^ in Laafenstein & Vogler in $,ontfutt a. M, Berlin,Leiv- -c; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. rc. ____

--n aufiet den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlluftrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (K o ch'sche

E""«t U <« j, bezogen«; Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. lexl. Bestellgebühr). - JnsertwnSgebühr für die gespaltene Zeile 1» Pf«. ®u(* Mr in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf«, berechnet.

WaS fein fall, schritt sich wähl.

Rovelette.

(Schluß.)

Sahen Sie jemals ein Armband, das dem meiner Tochter gleich ist?" fragte Frau Bertram mit großer Leb­haftigkeit. Ich hätte nicht geglaubt, daß es em Zweites der Art gäbe, da mein Mann selbst die Zeichnung zu den Armbändern entworfen hat, deren eines unglücklicher Wels verloren gegangen ist." . _ t .

Während die Mutter diese Bemerkungen machte, fay unser Freund, deffen Auge ebenso aufmerksam wie sein Ohr waren, daß Marie und Friederike glühend roth wurden. Er sagte natürlich nichts, es war ihm aber ein neuer Be­weis für die Richtigkeit seiner Vermuthung.

Wo sahen Sie, wenn ich fragen darf, das Armband, welches dem meiner Tochter glich?" fragte die Frau Räihin Bertram. , ,,

Da unser Freund nicht wünschte, in diesem Augenblicke das wahre Sachverhältniß zu erzählen, so erwiderte er:

Ich sah es im Schaufenster eine« Juwelierladens ^u Heilbronn, die Form fiel mir als ganz eigenthümlich schön auf und prägte sich meinem Gedächtniß auf das Tiefste ein.

Marie, deren Verwirrung jetzt den Gipfel erreicht hatte, verließ eifrigst das Zimmer, indem sie sagte, daß sie daS Armband holen wolle.

Wenige Minuten später kehrte sie mit demselben zurück und unser Freund erging sich von Neuem in Lobeserhe­bungen über dasselbe. Er bat um die Eriaubniß, eS an den schönen Arm befestigen zu dürfen, den eS gestern ge schmückt habe. Die« wurde mit gutmütiger Freundlichkeit gestattet und alS eS geschehen war, holte er schnell und ruhig da« andere Armband (welches er absichtlich mitge bracht hatte) aus der Tasche und befestigte es mit solcher

Schnelligkeit und Geschicklichkeit an dem anderen Arm, daß Alles in einem Augenblick vollbracht war.

Wir gestehen gern, daß wir durchaus nicht im Stande sind, die Scene, welche nun folgte, zu beschreiben. Alles, deffen unser Freund sich erinnert, besteht darin, daß die arme Marie zu Boden gefallen sein würde, wenn er sie nicht in seinen Armen auf gefangen hätte. Er übergab sie der Pflege der Ihrigen und empfahl sich eiligst mit der Bitte, am Abende wieder erscheinen und sich nach dem Befinden der jungen Dame erkundigen zu dürfen.

Da« nicht," entgegnete die Rälhin Bertram auf diese Bitte deS Bergraths,aber speisen Sie gefälligst heute Mittag bei uns. Es wird uns angenehm fein, Sie um drei Uhr empfangen zu können."

Natürlich lehnte unser Freund diese Einladung nicht

Weise Sie in den Besitz des Armbandes gekommen find, und ich bin meinerseits gern bereit, Ihnen nach Vollendung Ihrer Erzählung jede gewünschte Ausklärung zu geben."

Ich stehe mit Vergnügen zu Diensten," erwiderte unser Freund,muß jedoch vorher bemerken, daß die Angabe, als hätte ich daS Armband im Schaufenster eines Juwe­liers gesehen, eine reine Erfindung war, da ich nicht wün­schen konnte, den wirklichen Zusammenhang der Sache mit» zutheilen.

Er erzählte hierauf den Vorfall und besten Einzelheiten auf baS Gewissenhafteste, fügte fobann hinzu, daß er infolge beffelben, wiewohl vergeblich, bet Familie nachgereist fei, um bas Armbanb wieder zurückzugeben, und hielt zugleich in den feurigsten Ausdrücken um die Hand Mariens an, ba er biefen Augenblick für ben angemessensten ansah, eS

ab unb war, als er zur bestimmten Zeit erschien, baher erfreut zu hören, baß Marie sich völlig wieber erholt habe. Als bie junge Dame in baS Zimmer trat, sah sie immer noch sehr blaß unb angegriffen auS.

Unser Freunb sprach seine lebhafte Freube batüber auS, baß fein Mangel an Vorsicht ohne alle üblen Folgen ge blieben sei, unb entschulbigte sich batübet so gut als er nur irgenb vermochte. Hierauf wurde deS Vorfalles nicht weiter erwähnt.

Er fand in Hofrath Bertram einen Mann von vieler Herzlichkeit, einen alten Rittergutsbesitzer geraden unb gut» mötbigen Sinnes, bet ihn nach aufgehobener Tafel, als sich die Damen, wie es unserem Freunde schien, absichtlich auS dem Zimmer entfernt hatten, freundlich einlud sitzen zu bleiben und »och ein Glas Wein mit ihm zu trinken.

Meine Frau," fing der alte Herr an, al« sie allein waren,hat mit den ganzen Vorfall von heute Morgen erzählt, unb ich gestehe gern, daß ich und meine Fa mitte mit mir sehr begierig bin, zu erfahren, auf welche

zu thun.

Der alte Herr hörte bie etwas lange Rede de« jungen Mannes mit vieler Geduld an und jagte fobann:

Zuerst will ich Ihnen, werther Herr Rath, bie Er­scheinung erklären, welche Sie gehabt haben. In Betreff be« zweiten Punktes aber müßten wir vor allen Dingen baö Herz meiner lieben Tochter zu Rathe ziehen. Haben wir baS erforscht, unb giebt sie ihre Einwilligung, so werbe ich meinerseits Ihnen keine unvernünstigen Hi derniste in ben Weg legen."

Unser Freunb bankte bem alten Herrn aufrichtig, bet sein leere« GiaS wiebet füllte unb bann fpttsuhr:

Wit hielten uns, wie Sie bereits wissen, zu Heilbronn in bemsklben Hotel auf, welches Sie bewohnten, unb waren zu einem Balle im Hause eine« Bekannten eingelaben. Da Frieberike sich nicht ganz wohl fühlte, so begleitete sie uns nicht. Als wir nach Hause zurückgekehrt waren, nahm Marie ihre Lampe, ging die Treppe hinauf unb betrat das Zimmer, welches sie für das Schlafzimmer ihrer Schwester