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Marburg, Donnerstag, 30. April 1876.
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Die Ablösung der Reallassen iw Gebiete deS Regierungsbezirks Kassel.
Die zur Vorberathung dieses Gesetzentwurfs verstärkte Sgrarkommission des Abgeordnetenhauses hat ihren Bericht erstattet. Ziel und Zweck des Gesetzentwurfs ist die Ab- lbsung der auf Grundstücken oder Gerechtigkeiten zur Zeit noch haftenden beständigen Abgaben und Leistungen, deren sowohl in den vormals kurhesstschen als in den vormals bayerischen Gebietstheilen deS jetzigen Regierungsbezirks Kassel eine größere Anzahl und zwar von recht verschiedenartigem Inhalt noch vorhanden ist. Die dortige Ablösungs- Gesetzgebung, früher unter manchen ungünstigen Verhältnissen leidend, im Uebrigen in beiden Gebietöiheilen ziemlich gleichstehend, war bislang noch nicht in dem Grade entwickelt, wie in den älteren Provinzen des preußischen Staates. In der Generaldiskussion wurde dies von den der Provinz Hesien angehörenden Kommissions-Mitgliedern gern und dankbar anerkannt. DaS vorliegende Gesetz sei ein Wirth- schaftSgesetz von hervorragendster Bedeutung und bezüglich der Ablösung von Holzberechtigungen für die Provinz Hessen um so wichtiger, als die letztere von allen preußischen Provinzen die meisten Waldflächen und die umfangreichste Waldwirthschast aufweise. Würde die Staatswaldfläche in ihrem Verhältnisse zur Gesammtfläche des Landes betrachtet, so ergebe sich, daß von der Gesammtfläche des Regierungs- Bezirks Kassel allein 23pCt.StaatSforstcn ausmachen, wogegen in dem waldreichsten Regierungsbezirk der älteren Provin- zm — Gumbinnen — nur 12pCt. der Gesammtfläche in fiskalischen Forsten vorgefunden werden. ES komme hinzu, daß außer diesen ausgedehnten Forsten des Fiskus weitere umsaugreiche Waldungen in den Händen einzelner großer Gruodherren sich befinden, wogegen die Gemeinde- und Privatforsten in den meisten Gegenden der Provinz Hesien kaum in Betracht kommen. Eine große Menge sogenannter Walodörfer sei bezüglich ihrer wirthschaftlichen Existenz gradezu auf die Waldwirthschast und auf die Erträge ihrer Berechtigungen an fiskalischen und herrschaftlichen Waldungen angewiesen. Da habe man bei gesetzlicher Regelung der Ablösung nicht nach Servitut oder Reallast zu fragen, eS komme Alle« darauf an, und sei allein entscheidend, daß als Aequivalent für die abzulösenden Berechtigungen ein in seinen Erträgen wirklich nachhaltiges Objekt gegeben werde, da« aber sei nicht sowohl Geld als vielmehr Grund und Loden, womöglich bestandener Waldgrund. Erfolge bei den Ablösungen der Holzbrrechtigungm nur Geld — sei eS Renten oder Kapital — so seien die Bewohner der Walddörser fast wie mit gebunlenen Händen dem Forst- fiskuS und den großen Waldeigenthümern überliefert. Bei der fast überall mangelnden Gelegenheit, Waldboden käuflich zu erwerben und bei den erfahrungSmäßig stets steigenden Holzpreisen werde die für die Ablösung der Waldberechtigungen gezahlte Summe im Laufe weniger Dezennien in die Lasche der Waldbesitzer zurückg-flosien sein, das könne mit Sicherheit angenommen werden. Man habe mit der
Geldablösung der Waldberechtigungen die übelsten Erfahrungen gemacht und man glaube um so mehr berechtigt zu sein, durch eine angemcsiene Umformung deS vorliegenden Gesetzentwurfs Remedur zu schaffen, als ja auch für die Provinz Hannover durch das Gesetz vom 13. Juni 1873 das Ablösungsmittel der Landabfindung für Forstberechtigunzen zugelasien hat. Die RcgierungSkommiffarien fetzten diesen Ausführungen und angedeuteten Anträgen den entschiedensten Widerspruch entgegen. Es müsse unbedingt daran festgehalten werden, daß in den vorliegenden Gesetz- Entwürfen nur die Abstellung von Reallasten nicht aber die Beseitigung von Servituten behandelt werde. Es handelte sich bei dem neuen Gesetze, soweit Holzabgaben in Frage kommen, im Wesentlichen nur um die Abstellung der den Kirchen, Schulen u. s. w. zustehendcn Holzabgaben, welche bislang nicht ablösbar gewesen seien. Eine Vermischung der in der Verordnung vom 13. Mat 1867 geordneten Berhältnisie mit den in dem jetzigen Gesetzentwürfe behandelten Reallasten muffe unbedingt vermieden werden. Die Hineintragung von Bestimmungen aus dem Hannoverschen Ablösungsgcsetze vom 13. Juni 1873 sei aus gleichen Gründen völlig unzulässig. ES müsse mit Entschiedenheit daran festgehalten werden, daß das fragliche Gesetz allerdings nach Inhalt und Fassung und nach seinen Motiven lediglich ein ServitutalablösungSgcsetz sei und sich nicht auf Reallasten beziehe. Auch müsse dafür gehalten werden, daß in der Provinz Hesien Holzbezüge der Gemeinden als Reallasten kaum Vorkommen und daß, wenn dort bei der Ablösung von Holzberechtigungen mit Geld üble Erfahrungen gemacht seien, dies wohl nur in einer ungeschickten Vertretung der Servitutberechtigten bei dem Ablösungsverfahren selbst beruhe. Holzbezüge der Gemeinden, als Reallasten, kommen in der Provinz Hesien kaum vor, sondern nur Holzbezüge Einzelner.
Tagesbericht.
Die Kaisettn wird Ende diese« Monats den großherzoglichen Hof in Weimar besuchen und über Coblenz, in den ersten Tagen des Mai, vor der, wie alljährlich, in Baden bevorstehenden FrühjahrSkur, ans Einladung der Königin Victoria, zu einem Besuch nach Schloß Windsor reisen.
DaS „Memorial diplomatique" bemächtigt sich der neuerdings wieder aufgetauchten Frage wegen Ablösung der Ansprüche deS Herzogs von Edinburg auf das Herzogthum Coburg und fügt hinzu: „Seit Jahren schon hat der preu ßische Hof in London den lebhaften Wunsch zu erkennen gegeben, die eventuelle Thronbesteigung eines englischen Prinzen in einem deutschen Staate zu verhindern und die Rechte deS Prinzen Alfred anzukaufen. Bei der Ordnung dieser Angelegenheit standen sich zwei Vorschläge gegenüber, nämlich die Zahlung einer Summe als vollständige Ablösung oder die Zahlung einer Jahresrente. Die Königin Victoria soll, wie man hört, dem ersteren Modus den Vorzug geben,
während das Berliner Cabinet den zweiten vertritt. Darüber schweben noch Verhandlungen, welche die Zusammenkunft der Königin mit dem Kaiser zu einem besriedigenden Abschlüsse führen dürften." So das „Memorial." Nach den uns von zuverlässiger Seite zugehenden Informationen sind indessen von Berlin aus weder Verhandlungen angeknüpst, noch Wünsche in der erwähnten Angelegenheit ausgesprochen worden.
Die „Germania" hat eS wieder einmal übernommen, die Rolle der Caflandra auf Kosten Preußens und Deutschlands zu spielen, dieseSmal allerdings in einer schroffen Form. Sie prophezeit in ruhiger Gelassenheit, daß Preußen und seine Dynastie einer unheilvollen Zerrüttung entgegengehen und die letztere das Exil oder Schaffst kennen lernen wird, wenn sie nicht den Culturkampf aufgebe. Die „Germania" spricht dieses Urtheil, dessen Vollstreckung sie auf 10 Jahre Zeit sestsetzt, in ihrer jesuitischen Manier im Namen der Socialisten aus. Welche Wahlverwandtschaft zwischen Socialisten und Ultramontanen I
Ueber die vielbesprochene Abberufung des türkischen Botschafters in Berlin erhält das „Memorial diplomatique" eine Mittheilung, welche den Sachverhalt in ganz neuer Weife darstellt. Das Blatt sagt: „Die deutschen Blätter begleiten die Nachricht von der Abberufung Aristarchi Bey'S mit allerhand Bemerkungen, welche den Glauben erwecken könnten, als ob diese Veränderung von der ottomanischen Regierung gegen den Willen des Berliner CabinetS getroffen worden fei. Es ist jedoch leicht begreiflich, daß die hohe Pforte bei einer derartigen Maßregel vorher die deutsche RcichSregierung zu Rathe gezogen hat. Unzweifelhaft ist Aristarchi Bey ein sehr hervorragender Mann, aber Grieche von Geburt, mit einer edlen preußischen Familie verschwägert und ganz außerhalb aller Berührung mit den türkischen Staatsmännern lebend, wurde er schon lange nicht mehr als ein Diplomat angesehen, der geeignet gewesen wäre unter schwierigen Verhältnissen die Jntereffen deS ottomanischen Reiches zu vertreten. Die Pforte hat ihren Entschluß in Uebereinstimmung mit dem deutschen Reichskanzler gefaßt. Sie hat auf den Kaiser Wilhelm und den Fürsten Bismarck Rücksicht genommen, ohne sich indeß um die Wünsche der Berliner Gesellschaft zu kümmern."
Den Dementis, welche von berufener Seite den beunruhigenden Artikeln einiger Wiener Blätter über eine Er- schütterung oder Auflösung des Dreikaiser-Bündnisies mt- gegen gestellt worden sind, dürfte sich in der allernächsten Zett eine Thatsache anreihen, welche den Verdächtigungen und Angriffen auf einen Schlag ein Ende machen wird. Wie wir von gut unterrichteter Seite erfahren, haben die diplomatischen Verhandlungen der drei Nordmächte dahin geführt, daß demnächst eine gemeinsame Aktion in der orientalischen Frage begonnen werden soll.
Die neuerdings von dem „Msmorial diplomatique" veröffentlichten Enthüllungen, welche durch eine leidenschaftliche Zeitungspolemik zu einem politischen Ereignisie auf« gebauscht sind, erweisen sich bei näherer Betrachtung als
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Novelette.
(Fottsetzung.)
Seine Hoffnungen stiegen am Abende deS ersten Reise- tage« bedeutend, als er in demselben Hotel abstieg, in welchem der Gegenstand seiner Nachforschungen am zweiten Tage nach der Abreise gewohnt hatte, denn er hatte bereits einen Tag gewonnen.
Er setz e seine Reise am anderen Morgen mit frohem »nd hoffnungsvollem Herzen fort; allein je weiter er fuhr, »m so schwächer wurden die Spuren, und als er endlich in München ankam, hatte er sie gänzlich verloren und war eben so ungewiß, wohin er gehen sollte, als am Morgen seiner Abfahrt von Heilbronn.
WaS sollte er nun anfangen? Seine Enttäuschung war in der That sehr groß, da er nicht allein eine erfolglose Reise unternommen hatte, sondern auch alle die Pläne oufgeben mußte, welche er vor jener geheimnißvollen Nacht in Ausführung bringen wollte und sich an einem Orte befand, an dessen Besuch er nicht im Entferntesten gedacht hatte. Sollte er nun nach Heilbronn zurückkehren, wohin sein Schicksal ihn geführt hatte, oder weiter vorwärts reisen?
Endlich beschloß er, nach Hause zurückzukehren. Er iühlte eine solche Enttäuschung und Niedergeschlagenheit, baß er weder Lust noch Neigung hatte, seine Reise fortzu- setzen und am wenigsten allein. Sein Entschluß, nach Berlin zurückzugehen, stand fest, als ihm einfiel, daß diejenigen, welche er suchte, vielleicht gleichfalls dorthin gegangen sein möchten, da der trübe November stark im Anzuge war.
Demzufolge fuhr er Über Augsburg, Nürnberg, Hof und Leipzig nach Berlin zurück und hielt sich an jedem dieser Orte gerade lange genug auf, um Nachforschungen anstelle» zu können, ob diejenigen, welche er suchte, dort wären oder nicht. Aber alle seine Bemühungen waren umsonst, und er langte endlich in seiner Wohnung zu Berlin wieder an.
Hier versuchte er seine frühere Lebensweise wieder zu beginnen, aber vergebens. Seine Gedanken kehrten immer wieder zu seinem Traume und zu jener mitternächtlichen Scene zurück und das Bild des schönen Mädchens verfolgte ihn überall, wo er sich auch befinden mochte. Er hoffte, der Zufall würde sie ihm eines Tages zuführen; er ließ daher keinen Wagen vorüber fahren, ohne auf jede« schöne Gesicht in demselben genau zu achten und besuchte keinen öffentlichen VergnügungSort, ohne die daselbst versammelten Schönen die strengste Musterung passiren zu lassen. Er sagte sich zwar selbst, daß er sie nicht mit Gewißheit wieder erkennen würde, aber er war überzeugt, daß ihr Bild sich im Allgemeinen seinem Gedächtnisse so fest eingeprägt habe, daß er versicherte, er wolle sie unter Tausenden herausfinden.
So war Weihnachten herangekommen, als et eine« Abends bei seiner Rückkehr aus dem Theater eint Ein ladung zu einer großen Gesellschaft vorfand, welche einer seiner ältesten Freunde, der Hoftath Bertram, gab.
Er hätte die Einladung am liebsten abgelehnt, allein der Gedanke, daß sein Freund dies Übel ausnehmen könnte, bestimmte ihn, dieselbe anzunehmen.
Der Abend kam und mit ihm die Gäste.
Alles war heiter und froh und eS fehlte nicht an glänzenden Toiletten und vergnügten Gesichtern.
Unser Freund war erst seit Kurzem in die Gesellschaft getreten und er hoffte, daß eS ihm nach Verlauf einer Stunde gelingen werde, unbemerkt wieder davon zu schlüpfen, da seine Anwesenheit nur Folgen einer HöflichkeitSrückstcht war, als die Frau des Hauses auS einem der inneren Gesellschaftszimmer zu ihm herantrat und ihn folgendermaßen anredete:
„Wahrhaftig, lieber Rath, Sie müssen tanzen und geschähe eS auch nur mir zu Gefallen. Ich kann mir gar nicht denken, was mit Ihnen vorgegangen sein muß, daß Sie so verdrießlich und theilnahmlos sind. Kommen Sie mit mir und Ich stelle Sie einem sehr hübschen Mädchen vor, die gerade so gut und liebenswürdig ist als sie au«- steht. Ihr Vater und ihre Mutter sind erst seit Kurzem Freunde unseres Hauses und wir finden sie äußerst angenehm. Sie erweisen mir den Gefallen, nicht wahr?"
Was blieb unserm Freunde anders übrig als zu versichern, daß eS ihm Vergnügen machen würde, den Wunsch der liebenswürdigen Wirthin zu erfüllen.
Die freundliche Bittstellerin nahm (einen Arm, kehrte mit ihm in das Zimmer zurück, aus welchem fie eben gekommen war und stellte ihn der jungen Dame vor, von welcher sie gesprochen hatte.
Kaum hatte er einen Blick auf das reizmde Gesicht vor ihm geworfen, al« sich ihm auch die Ueberzeugung auf» drängte, daß die Dame dieselbe sei, welche er im Traume gesehen, welche in jener ewig denkwürdigen Nacht vor seinen