Sr. 77.
Marburg, Sonnabend, 1. April 1876.
xi. Jahrgang.
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ObrrhcMr Iciluna.
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Der Gtaud unserer Finanzen.
Bon allen Seiten nichts als Klagen. Erwerbslosigkeit, Arbeitslosigkeit, Stillstand aller Geschäfte, Auflösung zahlreicher Institute und Fabriken, Bankerotte, das ist die Signatur der Gegenwart. Unter solchen Umständen ist die Erwartung nicht unberechtigt, daß auch der Stand der StaaSfinanzen bedeutend zurückgegangen sei und wesentliche Einschränkungen nothwendig sind. Aber daS gerade Gegenteil ist der Fall. Die Uebersicht über die Finanzergcbnisie des ZahreS 1875 weisen einen Ueberschuß von 17,378,036 Mark aus, d. h. eS ist so viel mehr eingenommen worden, alS überhaupt nothwendig war. Bedenkt man nun aber, daß diese Summe fast die Hälfte der direkten Etnkommen- und Klasiensteuer ausmacht, baß ein sehr großer Theil derselben nur mit Hülfe deS ExecutorS eingetrieben werden konnte, so steigen uns ganz eigenthümliche Gedanken über unsere Finanzpolitik auf.
Wenn man nur nach diesen Uebelständen unsere wirth- schastliche Lage betrachten wollte, so würde man zu dem Urtheil kommen, daß sie nicht blos gesund, sondern sogar ganz vorzüglich fein müsse. In Wahrheit sieht aber die Sache ganz anders aus; unsere wirthschaftliche Lage befindet sich in einem unheilvollen Zustande, der mit furchtbarem Gewicht auf der gefammten Bevölkerung lastet. Unsere Finanzpolitik aber geht Bahnen, die keineswegs mit dem Geiste der altpreußischen Politik übereinstimmen. Dort galt eS nämlich stets als Grundsatz, der Steuerkraft des Volkes nur so viel zuzumuthen, als sie tragen konnte und in Zeiten der Roth den Staatsschatz aufzuthun, um die «irthschaftlichen Kräfte des Volkes zu beleben. Von alledem weiß die gegenwärtige Finanzpolitik nichts. Sie steht auf rein fiskalischem Boden, sie kennt nur einen Grundsatz, den Secket des Staates zu füllen und zwar bis zum Ueber- laufen. Dabei wird die Steuerschraube über alle Gebühr angezogen und wie e« in dem Abgeordnetenhause nachge- wiesen worden ist, rücksichtslos vorgegangea.
Der Vorwurf, den man in dieser Beziehung dem Finanz Minister macht, ist nicht ungerechtfertigt. Er wird aber noch dadurch bedeutend verstärkt, daß dem Extraordinarium des Jahres 1875 aus den Beständen des Jahres 1874 62,420,546 Mk. überwiesen werden; daß dazu für das Jahr 1875 80,812,473 Mk neu bewilligt worden, von denen kein einziger Pfennig zur Verwendung kam. Es ist demnach eine Summe von über 80 Millionen Mark im Jahre 1875 der Steuerkraft des Volkes entzogen worden, eine Summe, die größer ist als der gejammte Betrag der direkten Klaffen- und Einkommensteuer, so daß für das Jahr 1876 keine direkte Steuer zu erheben nöthig wäre. Statt dessen wird höchstens ein Erlaß von 5 Procent stat finden.
Es sind demnach gegenwärtig 97,000,000 Mark als Ueberschüsse in den Staatskassen aufgespeichert, dabei ist von einem eigentlichen Steuererlaß nicht die Rede. Man muß sich wirklich über die Taktik, welche der Finanzminister einschlägt, wundern. Am 18. Januar d. Js, als der Finanzminister seine Einleitungsrede zu der Finanzdebatte hielt, da schien ihm noch nichts von jenem großartigen Ueberschuß bekannt zu sein, wenigstens erwähnte er desselben mit keiner Silbe, sondern gab sich den Anschein, als ob er besorgt sei über den Stand der Finanzen. Nun, nachdem daS Budget berathen ist, erfahren wir mit einem Male, daß 97,000,000 Mark Ueberschüsse vorn vorigen Jahre vorhanden sind, und daß auö den Contributionsüberschüssen, die dem Rorddeulschen Bunde zugestanden sind, Preußen noch 19,400,000 Mk. erhalten wird. Demnach tritt nun schon jetzt das Finanzministerium mit einem Ueberschüsse von 112,400,000 Mark in daS Jahr 1876, und da nach der bisherigen Erfahrung durch die scharfe Anziehung der Steuerschraube wieder ein Ueberschuß von 15 Mill. Mk. auS den Steuererträgnissen zu erwarten ist, so würde demnach der gefammte disponible Ueberschuß sich auf 130 Mill. Mark belaufen.
Dieser Zustand ist geradezu krankhaft. Er darf unter keiner Bedingung länger dauern, wenn er nicht unserem Volkswohlstände die allergrößten Wunden schlagen soll. Bedenken wir, daß außerdem dem Ministerium noch ein Credit von 500 Mill. Mk. für Eisenbahnbauten zur Ver sügung steht, so ist Geld im Ueberfluß vorhanden, um auf ganz legale Weise die darniederliegende Industrie zu heben und sie auS ihrem Nothstande zu befreien. Aber in der bisherigen Weise darf eS nicht fortgehen. Wenn der Finanz und Handelsminister nicht selber die Initiative zu einer schleunigen Verwendung dieser Summen ergreifen wird, so hat auf jeden Fall daS Abgeordnetenhaus die Pflicht, die Forderung an das Ministerium zu stellen, durch die Beschleunigung der Eisenbahnbauten und durch Anregung zu anderweitigen Bauten und Unternehmungen dem allgemeinen Nothstand entgegenzutreten.
LageSbericht.
In militärischen Kreisen erörtert man lebhaft die Frage, ob eS nicht Angesichts der bedeutenden Verstärkung, welche die Artillerie der leitenden europäischen Staaten während der letzten Jahre erfahren hat, geboten sei, auch eine Vermehrung der deutschen Artillerie vorzunehmen. Maßgebende Perfönlichkeiten sollen sich entschieden für eine Verstärkung ausgesprochen haben und hält man eS für wahrscheinlich, daß eine diesbezügliche Forderung bereits in der dieSjäh rigen ReichStagSsefsion gestellt werden wird.
DaS Reichskanzleramt hat bcm BundeSrathe eine Zu
sammenstellung über die Ergebnisse der Erhebungen die hinsichtlich der in Fabriken beschäftigten Frauen und minderjährigen Sinder angestellt worden sind, zur Beschlußfassung vorgelegt. Die Vorlage bezieht sich auf einen Beschluß deS Bundesrathes vom 31. Januar 1874, dem zu Folge die einzelnen Bundesregierungen ersucht worden sind, die in Rede stehenden Erhebungen pflegen zu lassen und dem Reichskanzleramte mitzutheilen.
Die Vertagung des Abgeordnetenhauses wird wahrschein> lich am 8. April eintreten und bis über das Osterfest am 20. April dauern. Die Erledigung fämmtlicher Vorlagen wird jedenfalls bis über Pfingsten hinaus dauern.
Die Verwaltung der Königlichen Staatsarchive hat für die nächste Zeit folgende historische Publikationen in Aussicht genommen: 1) die preußische auswärtige Politik von 1813 bis 1815; 2) Preußen und die katholische Kirche im 18. Jahrhundert; 3) Preußische GesandtschafiSberichte aus Paris in den Jahren 1774 bis 1794; 4) Hannöversche Politik in der zweiten Hälfte deS 17. JahrhunderS; 5) Briefwechsel deS Landgrafen Philipp des Großmüthigen von Hessen mit Bucer; 6) Gegenreformatoren in Westphalen in der zweiten Hälfte deS 16. Jahrhundert«; 7) Aeltefte Grodbücher GroßpolenS.
Die Nachricht, daß Kaiser Alexander von Rußland sich zurückziehen will und der Thronfolger die Regentschaft übernehmen soll, wird in unterrichteten Kreisen keineswegeS für unmöglich gehalten. In unfern Regierungskreisen verhält man sich dieser Mittheilung gegenüber abwartend. Die Berufung des Grafen von Schuwaloff von London nach St. Petersburg und der Umstand, daß er auf ver Rückreise in Berlin wiederholte Conferenzen mit dem Fürsten Bismarck gehabt hat, sind für unsere politischen Kreise vielfach ein Grund, anzunehmen, daß an der Sache etwas Wahres fei; so wird einerseits von Berlin gemeldet, andererseits wird diese Angelegenheit als „zweifelhaftes Gerücht" gemeldet.
Deutsches «eich.
•• Berlin, 30. März. Die Königliche Gärtnerlehr- anstalt zu Potsdam hat den Aufttag erhalten, in diesem Jahre wieder einen Cursus in der Obstbaumzucht für Lehrer abzuhalten. Dieser EursuS soll am 3. April in Potsdam beginnen. — Der AccltmatisationSverein hat seinen Mitgliedern davon Kenntniß gegeben, daß er in der Lage ist, allen Nach fragen nach ägyptischen Bienenköniginnen im Lause des Sommers genügen zu können. — Für den auf die Stelle eines Ober RegierungSrathS an der Regierung zu Marien- werder Verzicht leistenden früheren Landrath, Herrn von Uietelfchütz, ist der Oberprästdial-Rath Stränmann au« Magdeburg an die Regierung zu Marienwerder versetzt. — Die Bewegung zu den bevorstehenden Neuwahlen wird n allen Parteien lebhaft geschürt. Die „Kreuz-Ztg." bringt
Eitle romantische Liebesgeschichte.
Von W. E.
(Fortsetzung.)
So düster und sonnenlos wie blt Tage de« Novembers war auch die Zeit, welche nun folgte, für Magdalene und Frau Gertrud.
Schmerzliche Kämpfe, Thränen und Betheuerungen, Vorwürfe folgten einander, bis zuletzt jene Resignation bei Magdalene wenigsten« eintrat, die, bei völliger Erschöpfung der Kräfte, apathisch Alle« über sich ergehen läßt.
Max Bernau konnte sie nicht heirathen, nicht sogleich wenigstens. Seine Eltern versagten ihre Einwilligung dazu, dem Leichtsinn de« Sohne« grollend und die Hingebung de« Mädchens streng verdammend. Max schien da« tief zu beklagen, doch vermochte weder Mutter noch Tochter mehr an die Aufrichtigkeit feiner Versprechungen, noch an feinen Schmerz über deren Unerfüllbarkeit zu glauben.
Gertrud hatte ihn mit Thränen der Verzweiflung angefleht, ihr Kind nicht der Mißachtung der Menschen, dem Elende preiszugeben. Er hatte geschworen, die Eltern zum Rachgeben zu bestimmen, oder sich schlimmsten Falls von ihnen zu trennen, um den Ansprüchen Magdalenens gerecht ju werden.
Zur Ausführung dieser mehr nothgedrungenen Zusage besaß Ma; aber weder genug Energie und Festigkeit de« Eharakter«,noch Liebe für das Mädchen, welches sich ihm bet traut.
So standen die Sachen, während schon alle bösen Zungen der Kleinstadt übet die Gefallene und den „leicht- Wtiigen jungen Fant", der in der Residenz solche lose Sitten angenommen, spotteten, al« Gertrud Randow, im Zwielicht, heimkehrend von einem Ausgange, in das Zimmer w Tochter trat. i
Magdalene saß fröstelnd am Ofen, gehüllt in ein großes, schwarzes Wollentuch, das ihre eingefallenen Wangen noch bleicher erschein« ließ. Es war Sylvesterabend; draußen riefen die Glocken zur kirchlichen Feier deS Jahresschlusses. Gertrud zog auS der Tasche ihres Kleides ein Fläschchen mit einer dunklen Flüssigkeit, indem sie fragte:
„Kommt Max heute?"
„Er versprach eS," antwortete die Tochter, den Blick senkend.
„So gib ihm zehn Tropfen von diesem Safte — eS ist ein Liebestrank — dann ist dir geholfen l"
„Mutter!" Das Mädchen hatte abwehrend die Hand erhoben.
Frau Randow verstand sie und erwiderte ihr nicht ohne Bitterkeit: „Ich an Deiner Stelle hätte dem schlechten Menschen eher einen andern Trank gemischt, doch das hier ist kein Gift, fürchte nichts l Die Muhme hat eS selbst aus Kräutern bereitet, die ein liebekrankes Mädchen im Vollmond gepflückt hat."
Darauf hatte die Frau das Zimmer verlassen wollen, war jedoch nicht wenig erschrocken, als Magdalene nach kurzem Kampfe, der sich deutlich auf ihrem zuckenden Gesicht kundgab, aussprang, das Fenster öffnete und das Fläschchen mit der wunderbaren Mixtur auf das Pflaster des Hofes schleuderte, indem sie rief:
„Durch Zaubermittel mag ich mir seine Liebe nicht zurückkaufen, sie wird und muß von selbst «iederkehren, denn ich, ich liebe ihn ja so sehr!"
Damit war sie schluchzend am Fenster zusammenge brachen und Frau Randow hatte sich, überwältigt von der Stärke dieser Leidenschaft, welche ihr fast selbst wie ein böser Zauber erschien, entfernt, um der Nachbarin ihre Roth zu flogen.
Doch Magdalenen« gläubige Hoffnung, daß der Geliebte
zu ihr zurückkehren würde, sollte sich nicht erfüllen. Im Gegentheil, Max kam seltener und bald blieb er ganz fort, nut zuweilen noch mit kurzen, flüchtigen Worten einen Grund für sein Wegbleiben angebend.
Der letzte der Briefe, welche Magdalene erhielt, sagte ihr, daß das Benehmen und die Vorwürfe ihrer Mutter ihm jedes Zusammentreffen mit derselben zu einem so qualvollen machten, daß er beschlossen habe, für einige Zeit nach der Residenz zurückzukehren, um feine Studien zu vollenden.
Magdalene hatte sich still in ihr Schicksal ergeben, es kam keine laute Klage über ihre Lippen und sie ertrug alle die kleinen und großen Leiden, welche ihre Lage mit sich brachte, mit einer so sanften Würde und Duldung, daß selbst Diejenigen, welche anfangs mit Härte den Stab über sie gebrochen hatten, versöhnt wurden und zugeben mußten, daß, wenn Magdalene gefehlt, sie auch den Muth habe, ganz allein die Folgen ihre« Fehltrittes zu tragen.
Die ersten Veilchen sproßten, als Magdalene ein Kind in ihren Armen hielt, da« sie, ein Ebenbild de« Vaters, mit dessen braunen Augen anblickte.
Seit Monaten lächelte sie wieder so glücklich wie einst; aber al« der Knabe schon nach Wochen eines kurzen Leben«- träume« die Augen schloß, gleich den Blumen auf der Flur, schmerzlos zurück zum Allgeiste kehrend, da fanden e« alle Leute, vor Allem aber Mutter Gertrud thöricht und gottlos, daß Magdalene sich mit wilder Verzweiflung dem Schmerze über des Kindes Tod hingab und von der kleinen Leiche nicht lassen wollte.
Um so zufriedener war die Familie Bernau mit dieser Gestaltung der Dinge, und selbst Max war weit davon entfernt, den Tod eine« Wesen« zu beklagen, dessen Existenz ihm schon so viele trübe Stunden bereitet hatte.
Er kehrte mit dem Sommer in sein elterliche« Hau«