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Nr. 7S.

Marburg, Donnerstag, 30. März 1876.

Xi. Jahrgang.

«njetgen mximt entgegen: Me Expedition b. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureauk von Th. Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. M-; Laasenstein & Vogler tn Frankfurt a. M>Berlm^ew- L, Cöln re; Rudolf Mofle in Berlin, Frankfurt a. M. re.

Anzeigen nimmt entgegen: die «debitiert d. Blatte«, sowie bie Annoueen-Bureaux von G L Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Juvalidendaul, A. Rete» meyer in Berlin; Carl Schliß» ter in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer ben Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrtrteS Sountagdblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2i Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (e$I. Bestellgebühr). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pfg, Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

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Die Extzkb. d. vterhksfischrn Zeitung.

Eine GeusationS - Nachricht

von weitreichender Bedeutung macht gegenwärtig ihre Runde durch die Europäische Presse: Kaiser Alexander von Ruß land soll die Absicht haben, sich von der Regierung zurück zu ziehen und den Thronfolger zum Regenten zu ernennen. Die Nachricht wird von einer Seite gebracht, die in der Regel in russischen Angelegenheiten gut unterrichtet ist, so daß kaum an der Wahrheit derselben zu zweifeln ist.

Dennoch wird sie vielfach mit großer Reserve ausge­nommen und beanstandet. Gewiß ist, daß die Gesundheit de« Kaiser« Alexander nicht besonders fest ist. Seine Ner­ven sind im hohen Grade afficirt, er leidet ganz besonders an Schlaflosigkeit. Von Jahr zu Jahr hat er sich länger in dem milden Klima der Krim ausgehalten, und «S ist da­her nicht unwahrscheinlich, daß er sich auS Gesundheits- rücksichten ganz und gar nach der Krim zurückziehen will.

Auch noch außer diesen Gesichtspunkten möchte dieser Ent­schluß nicht ganz unwahrscheinlich sein. ES ist bekannt, daß der Thronfolger die nationalrusstschen Bestrebungen begünstigt und die Antipathien gegen Deutschland theilt. ES ist die« allerdings vielfach dementirt worden, aber damit noch keineswegs widerlegt. In Wahrheit ist Kaiser Alexander der einzige aufrichtige Freund Deutschlands am russischen Hose. Seine Gemahlin, eine darmstädtische Prinzessin, hat von jeher in dem großdeutsch - partikularistischen Lager ge» standen, warme Sympathien für ihre kleinen Vettern in Deutschland, für Welfen und Franzosen gehegt und unauf­hörlich gegen Preußen intriguirt. Roch schärfer trat der Haß der Gemahlin des Thronfolger, der Glücksburgerin hervor. Diese kleine deutsche Prinzessin übertrug ihre Vaterlandsliebe auf Dänemark und trat mit der diesem Volk eigenen Prätenflon aus. Nachdem sie nun gar zur russischen Thronfolgerin avancirte, kannte ihr Stolz und ihre Anmaßung keine Grenzen. Sie trug ihren Haß gegen Preußen und Deutschland mit Ostentation zur Schau.

Dem Einfluß dieser beiden intriguanten und deutsch­feindlichen Frauen gab nun auch der an und für sich schwache und unbedeutende Thronfolger nach, indem derselbe bei jeder Gelegenheit seinen Deutschenhaß prononcirt zur Schau trug. Namentlich während deS deutsch französischen Krieges war das PalaiS des Thronfolgers der Mittelpunkt der fran­zösischen Sympathien. Der Thronfolger verbot den Ge­brauch der deutschen Sprache an seinem Hofe und stellte sich an die Spitze einer Sammlung für die Verwundeten der französtschen Heere, während der Kaiser die deutschen Heerführer und viele deutsche Offiziere durch rufstsche De­korationen auSzeichnete und bedeutende Gaben für die deut­schen Verwundeten in'S deutsche Heerlager schickte. Niemals hat Kaiser Alexander den Velleitäten seiner Gemahlin, seines Sohnes und seiner Schwiegertochter nachgcgeben; er hat die Allianz mit Preußen stets zur Grundlage seiner Politik gemacht und in dieser Beziehung niemals geschwankt. ES ist begreiflich, daß die Richtung seines Sohnes bei dem Kaiser Alexander gerechte Bedenken erregt. Es ist nicht bloS die Gefahr vorhanden, daß die Sympathien des Thron­folgers die europäische Politik Rußlands seit Beginn dieses Jahrhunderts in's Schwanken bringen, die Hinneigung zur nationalrusstschen Richtung aber die Culturbestrebungen deS gegenwärtigen Kaisers dermaleinst gefährden könnten.

Unter solchen Umständen findet die Mittheilung, daß Kai­ser Alexander dem Thronfolger die Regentschaft übertragen will, eine erhöhte Bedeutung. ES ist nicht anzunchmen, daß Kaiser Alexander zu einer Veränderung der von ihm bisher befolgten Politik seine Zustimmung geben würde. Wenn sich daher diese Nachricht bestätigen sollte, so würde sie auf keinen Fall Besorgniß zu erregen im Stande sein, vielmehr würde vielleicht eine solche Regentschaft die beste Schule für den russischen Thronfolger sein, indem derselbe sich dann auf praktischem Wege davon überzeugte, daß die Politik seines Vaters für die Interessen Rußlands die ein­zig heilsame und förderliche ist. Dieser Gesichtspunkt hat sehr viel wahrscheinliches für sich.

Je länger Kaiser Alexander lebt, um so länger wird auch das gute Verhältniß zwischen Deutschland und Ruß­land aufrecht erhalten und um so mehr befestigt werden. Man kann daher auch von deutschem Gesichtspunkte aus einem solchen Entschluß de« Kaiser» Alexander nur mit Beruhigung entgegen sehen. So bedenklich ein unver­mittelter Uebergang der Regierung an den Thronfolger sein könnte, ja so bedrohlich derselbe sogar für den tute päischen Frieden werden könnte, so wenig beunruhigendes hat doch eine solche Regentschaft, die in festen Bahnen und nach bestimmten Vorzeichnungen sich bewegen muß und auf keinen Fall fundamentale Veränderungen vornehmen könnte.

dtMt romantische Liebesgeschichte.

Von W. 6.

Der wunderschöne Monat Mai wo alle Knospen springen, stand vor der Thür und zwar unmittelbar, denn e« war am 30. April, al« ein sehr rauher Nordost den Regen an die Fenster peitschte und das Quecksilber im Barometer unterVeränderlich" sinken ließ.

Wie naß werden heut die armen Hexen werden, wenn fie auf ihrem Besenstiel ohne Plaid noch Regenmantel nach dem Blocksberg reiten müssen," sprach ich bedauernd, wäh­rend ich dem Kaminfeuer näher rückte.

ES ist wenig sreundfchastlich von Ihnen," entgegnete mir, sich erhebend, der eine meiner Gäste, ein ebenso genialer Dichter, al« liebenswürdiger Gesellschafter,daß Sie die Tänzerinnen de« HexensabbalhS bedauern und kein Mitleid mit un« haben, bie wir jetzt der Ungunst de« Wetter« trotzen und Sie verlassen müssen."

Müssen? Kein Mensch muß müssen," antwortete ich kopfschüttelnd.Bleiben Sie bei mir, Sie thun damit noch ein gute« Werk, denn e« istgrauslich," bei dem Wetter allein zu sein.

Hören Sie nur, wie e« im Schornstein rumort I Der erste Mai hu! Am Ende bekomme ich gar selbst noch Lust zu der luftigen Reise; also bleiben Siel"

Aber ich habe eine Abhandlung für ein Journal zu schreiben, Über die Metaphysik der Geschlechlsliebe, und Sie," damit wandte er sich zu meinem zweiten Gaste, der nach den un« zum Besten gegebenen Schilderungen seiner Wüsten- reise etwa« ermüdet im Lehnstuhl ruhte,und Sie, Doctor, werden doch sicher auch irgend eine Arbeit vorhaben, die Eie zum Ausbruch zwingt?"

Der Gefragte strich gemächlich seinen blonden Schnurr­bart und erwiderte langsam:

Arbeiten und jetzt, wo alle Welt sich auf dem Blocksberg dummes Zeug wollte sagen, wo sich Andere amüstren fällt mir nicht eia.

Ich will mich unterhalten und das gut und habe ich die Aussicht, dies hier zu können, stimme ich für das Bleiben."

Gut, Ihr Herren," sprach ich, neue« Holz in das Feuer werfend, ,eS ist also in meine Hand gegeben, daß Ihr bleibet.

Ihnen, College Ludwig X., habe ich irgend eine neue Idee für Ihre Abhandlung zu liefern und damit zugleich den faulen Doctor zu unterhalten, der stets nm früh zwei Stunden feine bösen Erzählungen schreibt und darauf den ganzen langen Tag auf seinen Lorbeeren ruht, während er zu seiner Entschuldigung anführt, daß stch alle Welt aus dem Blocksberg amüstrel"

Wir lachten, der blonde College zuckte die Achseln.

Wie, Sie wollten unserm guten X. einen Beitrag oder neuen Gesichtspunkt zu feinem Liebesartikel geben? Sie, der Sie stets die Liebe für eine Zeitfrage erklärt haben?"

Die Dauer der Liebe, mein bester Doctor," fiel ich ihm in's Wort.Wenn Sie mich cititen wollen, so thun Sie e« wenigstens correct."

Gleichviel," entgegnete et achselzuckend,Ihr pessi­mistischer Standpunkt paßt nun einmal nicht zur Erörterung eines so optimistischen Themas." »

Und wissen Sie denn, in welcher Weise dasselbe College X. behandeln wird?" fragte ich.

Dieser lächelte nur in seiner gewöhnlichen kaustischen Manier und ich fuhr fort:

Um auf neutralem Boden zu bleiben und un« in keine aufregende Polemik zu verstricken, wa« schon aus SanitätSrücksichten nach dem Souper stet« zu vermeiden ist will ich Ihnen zum Dessert nicht einen Extract meiner eigenen Ansichten und Begriffe, sondern ganz einfach eine Geschichte geben und zwar eine Liebesgeschichte, welche erst vor Kurzem pasflrt ist, und für deren Wahr­heit ein amtliches Zeugniß garantirt. Ich sollte eine No­velle daran« machen, das ist aber unmöglich; denn kein

Lage-bericht.

Laut offiziöser Meldung sind die Vorarbeiten für einen Gesetzentwurf betr. die Umwandlung des Zeughauses in eine Ruhmeshalle nunmehr beendet. Wahrscheinlich wird eine bezügliche Vorlage dem Landtage nicht mehr in gegenwärtiger Session zugeheu.

Der Antrag de« Abg. Dr. Lasker zum Berichte der Eisenbahn-Untersuchungs-ComMission bezweckt im wesentlichen Folgende«: Das Haus erwartet, daß die Staatsregierung den hervorgetretenen Mißständen mit den Mitteln der Concession« - Befngniß und Aussicht über den Eisenbahnbau entgegentreten werde. In Betreff de« Aktien- wesens möge die Staatsregierung dahin wirken, daß die Reform im Sinne a., eines besseren Schutzes aller im öffentlichen Interesse gegebenen Gesetzvorschristen, b. bet verstärkten Verantwortlichkeit aller bei Gründung, Leitung und Beaufsichtigung des Unternehmens beteiligten Personen, c. einer selbstständigen und wirksameren Controle über die Verwaltung und leichteren Verfolgbarkeit der Uebetttetungcn der im öffentlichen Interesse gegebenen Vorschriften durch die Reichsgesetzgebung baldigst in Angriff genommen werde. Dem Anträge ist eine glänzende Majorität sicher, da er von den Nationalliberalen, den Freiconservativen, den Conservatlven und der Fortschrittspartei unterstützt wird.

Wie aus Potsdam geschrieben wird, findet die nächste Sitzung der Reichs-DiSciplinarkammer voraussichtlich Aus­gangs April oder Anfangs Mai statt und kommt in der­selben die Anklage wider den einstweilig in den Ruhestand versetzten Kaiserl. Botschafter Wirkt. Geh. Rath Dr. jur. Grafen Harry von Arnim zur Verhandlung. Der Zutritt zur Sitzung wird nur gegen speciell auszugebende Einlaß­karten gestattet werden.

Der Gesetzentwurf über den Austritt aus den Syna­gogengemeinden liegt jetzt dem Staatsministerium zur Be­schlußfassung vor und wird binnen Kurzem dem Landtage zugehen.

Aus Paris wird telegraphirt, daß im diplomatischen Dienst folgende Aenderungen In Aussicht genommen seien: St. Ballier für Berlin, Jules Ferry für Madrid, Lanpey für Haag, der Herzog von Choiseul für Konstantinopel.

Deutsches Reich.

Berit», 28. März. Die gestrige Erklärung de« Flnanzminister« im Abgeordnetenhause, nach welcher der Finanzabschluß ein Mehr von 15 Millionen nachweist, wird gewiß Überall einen befriedigenden Einfluß gemacht haben und dürste hoffentlich auch dazu dienen, der industriellen Bewegung einigen Muth zu geben. ES ist für diese immer­hin beachtenswert-, daß der Staat im Stande ist, für 1876

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gebildeter Europäer de« neunzehnten Jahrhundert« würde mir die Geschichte glauben, und wenn ich mich noch so abquälte, eine psychologische Motivirung zu Stande zu bringen. Deshalb lasse ich jetzt Ihnen gegenüber nur die Logik der Thatsachen sprechen und gebe Ihnen Alle« so einfach wieder, als ich e« selbst erhalten habe.

Setzen Sie also Ihre Havanna« in Brand, meine Herren, und hören Sie mir mit mehr oder weniger An- dacht zu.

In einer Kleinstadt des deutschen Kaiserreiche« lebte eine Witwe mit ihrer achtzehnjährigen schönen Tochter Magdalene in stiller Zurückgezogenheit.

Frau Randow war eine Frau in den Fünfzigen, von hoher und schlanker Gestalt, mit einem bleichen, durch zahlreiche Sommerflecken entstellten Gesichte, dessen harte Züge durch die großen, schwarzen Augen Reiz erhalten hätten, wäre nicht da« hochblonde Haar durch den grellen Contrast mit denselben noch unangenehmer ausgefallen.

Ihr Gatte war früh gestorben, Gertrud hatte ihm ein treue« Andenken bewahrt und kein neues Ehebündniß ge­schlossen, obwohl sie ihre ziemlich bedrängte Lage dadurch hätte verbessern können.

So heiß und ausschließlich, wie fie ihren Mann ge­liebt, liebte sie jetzt ihr Töchterchen, und Magdalene, weiche zwar der Mutter dunkle Feueraugen, doch des Vater« regel­mäßig schöne« Gesicht geerbt hatte, blühte unter dieser treuen Hut zu einem lieblichen Mädchen heran. Manches Männerauge hatte sie schon auf sich gezogen, wenn sie in dem befcheidenen, aber kleidsamen Sonntagskleide zur Kirche schritt, da« Gesangbuch in der Hand, den Blick gesenkt und scheinbar nur auf die unregelmäßigen Steine de« holperigen Pflaster« gerichtet, von denen sie stch die größten au«zu» suchen schien, um den kleinen Füßen nicht wehe zu thun.

Mutter und Tochter hatten eine kleine Wohnung in einem alten einstöckigen Hause inne, die nur au« zwei Stuben und einer finsteren Küche bestand, doch waren