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Marburg, Mittwoch, 29. März 1876.
XL. Jahrgang.
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Der Weltmarkt im Jahre 1876.
Die „R Fr. Pr." bespricht die Lage dcffelben in einem ausführlichen. Artikel, dem wir Folgende» entnehmen:
In England sind 3pCt. sämmtlicher Firmen, deren Passiven ungefähr 60 Millionen Pfund betragen, fallit. Die Passiven der größeren und bedeutenderen Fallimente in Europa werden auf mindesten» 70 Millionen Pfund geschätzt. Den höchsten Rang unter den salliten Firmen in Europa und Amerika nimmt dir kalifornische Bank mit 14 Millionen Pfund ein. Die Fallimente in Nordamerika allein erreichten mit Bezug auf ihre Passiven 20,106 Mill. Dollar».
Die« find die sprechendsten Zeichen de» ZerstörungS- Prozesse», an dessen Ende wir noch keineswegs angelangt zu sein scheinen. Denn abgesehen von den inneren Ursachen der Krise, wirken jetzt namentlich jene Momente mit besonderer Schärfe, welche im Verlaufe derselben Hinzuge treten find. Man führt gewöhnlich fünf wesentliche Fak. toten an, welche die internationale Krise verursachten: die freiere Entwicklung der Verkehrsverhältnisse in Oesterreich, Ungarn, Deutschland und Italien, welche nach dem Frieden von Frankfurt, gefördert durch die französische Kriegsentschädigung, zum SpekulationSfieber auSartete und eine mit dem Volksvermögen im Mitzverhältniß stehende Konsumtton herbeiführte, die Eisenbahnwuth in Amerika, der Ausbau de« russischen BahnnetzeS und die Eröffnung de» Suez- Kanals, welche nicht allein einen plötzlichen und großartigen Bedarf nach neuen Schiffen hervorrief, sondern auch zahlreiche Interessen verletzte und alte Handelsbeziehungen störte. Alle diese Momente trugen zur Verschärfung des fünften Faktor«, der wett über den normalen Bedarf gesteigerten Erzeugung von Kohle und Eisen bei. Von diesen Jndu- striezweigen ging die große Lohnfteigerung au», welche sich fast aus da« ganze Gebiet de« Gewerbefleiße« erstreckte, nur in AuSnahmesällen durch die größere Leistung des Arbeiter« ersetzt wurde und da« Emporschnellen der Preise verursachte. In dieser Ueberprodukiion der wichtigsten Hilftstoffe sür die Industrie liegt jetzt noch zum Mindesten in England der Schwerpunkt der Krise. E» wird geraumer Zeit bedürfen, bevor die Kapitalien wieder deplazirt, die
Vorräthe verbraucht und die Selbstkosten ^erniedrigt sein werden. Al» erschwerende Momente sind überdies zu be trachten, da» in Folge der Parlaments Etiquste über die auswärtigen Anleihen allseitig erzeugte Mißtrauen in diese Art von Titre», die türkische Zinsenreduktion, die Verlegen heit de» egyptischen Staatsschatzes und in erster Linie die schlechte Ernte, sowie der Sturz de» Silberpreises.
Da» einzige radikale Mittel, welches die Wissenschaft gegen diese zwei Welttheile verheerende Krankheit kennt, ist das unausgesetzte Sinken der Preise. Je nachdem dieser Prozeß vorgeschritten ist, kehrt auch die Gesundung wieder. Danach allein läßt sich das wirthschaftliche Horoskop für die nächste Zukunft aufstellen.
Aus einer von der „R. Fr. Pr." ausgestellten Tabelle über die Preise wichtigtr Artikel 1867 bi» 1875 geht indessen hervor, daß die Preise der wichtigsten und meisten Produkte wohl gefallen sind, im Vergleiche mit den Jahren 1874 und 1875 aber noch immer bedeutend höher sind als im Jahre 1867 rind im Jahre 1870, welches ziemlich übereinstimmend als Normaljahr angesehen wird. Die wirthschaftliche Reaktion hat in den letzten zwei Jahren wohl bedeutende Fortschritte gemacht, muß jedoch das Niveau der Preise noch weiter ermäßigen, wenn alle Krankhcits stoffe auSgeschieden werden sollen. Danach bestimmt sich der Prospekt für 1876 insofern nicht ungünstig, als der GenesungSprozeß bereit» eingetreten ist; es läßt sich jedoch kaum erwarten, daß schon im Jahre 1876 ein großer Umschwung der Verhältnisse, welcher merklich eine neue Wirth- schaftSperiode einleitet, eintreten werde.
Dem verminderten Umsätze der Geschäfte entspricht auch ein verminderter Notenumlauf der wichtigsten Monopol Banken Europas. Derselbe fiel im Verlause deS Jahres 1875 bei der französischen Bank um 8,1 Millionen Pfund, bei der preußischen Bank um 7,7 Millionen Pfund, bei der belgischen Nationalbank um 0,6 Millionen Pfund, stieg dagegen bei der englischen Bank 0,9 Millionen Pfund und schließt bei der österreichischen Rativnalbank mit dem. selben Betrage ab wie am Beginne des Jahres 1875. Die interessanteste Bewegung zeigt die Bank von Frankreich, deren Baarschatz sich im Verlaufe des Jahre» 1875 um 12 Millionen Pfund und feit 1873 sogar um 32,7 Mill Pfund vermehrt und jetzt die Summe von 64,4 Mill. Pfund (Notenumlauf 96 Millionen Pfund) erreicht hat. Dagegen verlor die Deutsche Reichsbank, wohl zumeist durch Einziehung der kleinen Noten - Sppoint», 7 Mill. Pfund, und ihr Metallschatz betrug am Jahresschlüsse 23,2 Mill. Pfund.
Eine nicht zu unterschätzende Calamität, welche ebenfalls die wirthschaftliche Situation erschwerte, war die Ab nähme des englischen Handels mit Indien und der in Folge dessen unterbrochene Silberabfluß nach Ostasien. In England allein verminderte sich dieser Si berexport von 7,09 Mill. Pfund Sterling im Jahre 1874, auf 3,71 Mill.
ff
Nach einer ausgedehnten Zusammenstellung von S ü ß - milch stirbt auf dem Lande jährlich erst 1 Einwohner unter 40; in kleineren Städten dagegen 1 auf 32; in größeren (z. B. Berlin) 1 auf 28; in ganz großen (Paris, London, Rom) 1 auf 24—25.
Al» die fruchtbarste Ursache der großen Kindersterblich keit in Städten bezeichnet bet Herr Verf. he schlechte Ernährung der Kinder, sei e» durch schlechte Ammen, durch verfälschte Kuhmilch, oder durch ungeeignete Ersatzmittel bet Milch. Werden die Kinder von der eigenen Mutter genährt, so sterben im ersten Lebensjahr durchschnittlich nur 18 von 100; werden Ammen dazu verwandt, so steigt die
veffentliche Gesundheitspflege.
(Schluß.)
Ueber die Resultate, welche die Bevölkerungsstatistik, sowie die Sterblichkeit»- und KrankheitSstatistik in einzelnen Lindern und Städten geliefert hat, gibt der Herr Verf. einige vergleichende Zusammenstellungen; nach denselben kommen auf 1000 Einwohner
Todesfälle,
in London durchschnittlich jährlich 23—24
, Liverpool „
, 32-33
, Manchester „
, 31-32
, Brighton
, 21-22
auf der Insel Wight
, 17
in Stuttgart durchschnittlich
, 23-24
, München „
, 31-32
. Wien ,
, 34-35
, Hamburg ,
, 31-32
, Berlin ,
, 26-27
, Frankfurt a. M. ,
„ 18
. Pari« „
, 27-29
Sterblichkeit schon auf 30; bei ganz künstlicher Ernährung durch Mehlsuppen u. s. w. hob sich dieselbe aber hie und da bisher sogar auf 63 pCt.; — und diese letztere Ernährungsweise ist es, welche gerade in Fabrikstädten und unter der armen Bevölkerung so häufig zur Anwendung kommt. Die Verfälschung der Kuhmilch durch Wasserzusatz ist eine allgemein bekannte und verbreitete. Je mehr Wasser zugejetzt ist, um so tiefer sinkt natürlich zunächst der Nähr werth der Milch. Biele Käufer derselben betragen eine solche Verfälschung al« ein kaum vermeidliches, aber auch unwesentliches Uebel. Die Lieferanten verdünnen die Milch einmal, und es ist dagegen, wie sie meinen, nichts zu machen. Ob sie wohl wiffen, daß in dieser Weise schwere Typhu«- epidemien erzeugt sind? Dieser Fall ist innerhalb der letzten 5 Jahre zweimal in London vorgekommen; das erste Mal in Islington, daS zweite Mal in dem vornehmen West-End London'«. In diesen beiden Stadttheilen entwickelte sich eine local beschränkte Typhu« Epidemie. Weder Einschleppung, noch andere gewöhnliche Ursache« der Krank» heit konnten nachgewiesen werden. Schließlich stellte sich heraus, daß der Typhu» in allen denjenigen Familien auftrat, welche ihre Milch von einem bestimmten Milchverkäufer erhielten, und bei weiterer Nachforschung ergab sich, daß diese Milch auS einer bestimmten Landwirthschast herstammte, in deren Gehöften zwei Männer an Typhus krank lagen. Woher bekamen diese Männer den TyphuS? Es wird festgestellt, daß sic das Wasser eines Brunnens tranken, welcher durch den Zutritt von Jauche verunreinigt war. Damit war bann daS RSthsel gelöst. Der Milchmann hatte seine Milch mit diesem Wasser, wie man zu sagen pflegt, getauft, und er hat damit den Typhus in die betreffenden Häuser der Stadt ejngeschleppt und den Tod
Pfund Sterl im Jahre 1875. Da dies zu einer Zeit geschah, wo Silber ohnehin in Mafien demonetisirt und die Produktion gesteigert wurde, so läßt sich kaum annehmen, daß Silber in der nächsten Zeit eine bedeutende Preissteigerung erfahren werde. Die durchschnittliche jährliche Goldproduktion in der ganzen Welt wird auf 18,71 Mill. Pfund Sterling (1867 di« 1871 20,21 Mill. Pfund Sterl. 1862 bis 1866 20,62 Mill. Pfund Sterling, 1857 bi« 1861 22,91 Mill. Pfund Sterling) geschätzt, während an Silber in Amerika schon allein nahezu 6,75 Mill. Psund Sterling gewonnen werden. Die Goldproduktion der letzten 27 Jahre wird auf 570 Mill. Pfund Sterling, und für die deutsche MünzauSprägung wurden bereits verwendet 66 Mill. Psund Sterling. Diese Daten geben ein Bild der großen Nachfrage nach Gold. Daß übrigen» Gold genug da ist, um sännntliche Staaten mit diesem Edelmetall zu versehen, geht selbst aus einer Schätzung Cernuschi'«, bekanntlich eines Gegners der Goldwährung hervor, welcher die Mengen dieses Edelmetalle« mit 30 Milliarden Frc«. beziffert._______________________________________________________________
Deutsche« Reich.
Berlin, 27. März Der bereit« mehrfach erwähnte Gesetzentwurf wegen der Anstellung von Militäranwärtern Im Privateisenbahndienste bezweckt, für die Privateisenbahn» Gesellschaften dieselben Bestimmungen in Kraft zu setzen, welche bezüglich der Anstellung von Militäranwärtern al« Subalternbeamten im Reichs- und Staatsdienste auf Grund der vom LunteSrathe am 22. Februar 1875 erlassenen Vollzugsverordnung zu den §§ 101 —108 des Militär- Pensionsgesetzes vom 27. Juni 1871 und den §§ 15, 16 und 22 der Novelle vorn 4. April 1874 in Kraft find. Nach der Bestimmung des MilitärpenstonSgesetzeS vom Jahre 1871 sollen die Subaltern- und Unterbeamtenstellen bei den Reich«- und Staatsbehörden (ausschließlich de« Forstdienst «) vorzugsweise an Invaliden verliehen werden, welche im Besitze de« CivilversorgungSscheiueS sind. Durch das vorliegende Gesetz soll diese Verpflichtung auch auf den Privateisenbahndienst ausgedehnt werden, um die Anstellung der MilitSranwärter zu beschleunigen und durch Vermehrung der Aussichten auf Civilversorgung ben Unterosfizierstand zu heben. — Die „Nattonalzeitung" bringt in ihrer Sonn- tagsnummer eine Besprechung be« Eisenbahngesetzentwurss, in bet die Ruhe und Nüchternheit der Motive hervorgehoben wird, die über den Inhalt der zwei Paragraphen de» Entwurfs kaum hinauSgehen und die vielbesprochene Frage deS Erwerbe» weiterer Bahnstrecken, man könnte beinahe sagen, unberührt lassen. ES handele sich in der Thal um nicht mehr, als in allen staatlichen Beziehungen zu n Eisenbahnwesen an bie Stelle be» Einzelstaate» Preußen das Reich zu setzen. Von den Befürchtungen de» Parti- kulariSmu» bliebe nur die eine übrig: Jedck Ausdehnung der Reichsfunctionen muß da» Reich stärken: jede Stärkung von jedesmal 20—30 Menschen herbeigeführt. Der fernere Milchverkauf Seiten» dieses Manne» wurde sistirt, und seit dieser Zeit kam fein neuer Fall von Typhu» mehr vor."
Mögen diese Auszüge genügen, auf ein Schristchen aufmerksam zu Machen, da» noch viele Schäden in unserem öffentlichen Einrichtungen, besonder« in den Schulen, Wohnungen, Wasserleitungen, Canalisationen rc. aufdeckt, und al« Zweck dessen Veröffentlichung der Herr Verf. selbst hervor« hebt: „der Anerkennung der öffentlichen Gesundheitspflege in gebildeten Kreisen mehr und mehr Bahn brechen zu Helsen." Möge e« deshalb namentlich auch bei denen, die diesen Zweck zu fördern durch ihre Amtöstellung berufen sind, die allgemeinste Verbreitung und Beachtung finden.
Eine Hochzeit i« House Rothschild.
Au» Paris schreibt man vom 19. ds. Mt».: „Heute Sonntag Abends wird im Hause Rothschild die Unterzeichnung deS HeirathSkontrakte» zwischen Baron AlphonS Rothschild und dem Fräulein Bettina y. Rothschild vorgenommen, welcher Mittwoch den 22. d. M. die Trauung in der Synagoge folgt Die Hochzeit ist für die Gesellschaft natürlich ein sensationelle» Ereigniß. Von der Braut weiß man viel RühmenSwerthe» zu erzählen. Fräulein Bettina v. Rothschild bestand mit 16 Jahren erfolgreich das Lehrrxarnen, um ihrem Luxus noch den eine» Unter« richtSdiplomS beizufügen. Sie unterstützte übrigens jährlich zehn arme Mädchen, die sich dem Lehrfache widmeten. Aus Anlaß ihrer Vermählung stattet sie fünf junge Mädchen au« guten Familien, die jedoch in« Unglück geraten, au«. Fräulein Rothschild bringt ihrem Gatten eine Mitgift von 12 Millionen. Der Brautschatz und die Geschenke aller Art bilden ein ansehnliche« Vermögen. Unter den