Nr. 71
Jlforßurg, Sonnabend, 25. März 1876.
XI. Mw
OberheMtMung
Inietgen nimmt entgegen: He Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leipzig, Köln rc; Rudolf Stoffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Anzeigen nimmt entgegen: die @xpebitton d. Blatte», sowie bte Annoncen-Bureaux von G L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'schc Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- ▲ meyer in Berlin; Carl Schuß-
v ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Für m der Expedition ,u ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf,. berechnet. 8 ö V vrB‘
m rechtzeitige Erneuerung, möglichst vor dem 28. A. M., der Bestellung auf das zweite Quartal 1876 der Bberhessischen Zeitung mit ihrer Gratis-Beilage
gilt finites Sonntagsblatt
bei den betreffenden Postanstalten oder den Landpostboten ersucht
Die «xped. I. Oberhrsstfche» Ieitnng.
Tagesbericht.
Au» den Ehrenauszeichnungen, welche au» Veranlassung bd Geburtstage» de» Kaisers stattgefunden haben, verdiene die Ernennung de» Fürsten Bismarck zum General der Kavallerie und die Verleihung de» Großkreuzes des rothen Adlerordens mit Eichenlaub an den Vicepräsidenten Finanz- Minister Camphausen besondere Erwähnung.
Der Reichskanzler hat dem Bundesrathe einen Gesetz- Entwurf, betreffend die Anstellung von Militäranwärtern im Privat«Eisenbahn - Dienste betr. zur Beschlußfäffung vvrgelegt.
Die am StaatShaushaltetat vom Abgeordnetenhause gemachten Veränderungen sind folgende: Abgesetzt sind 2400 M. bet den dauernden Ausgaben, indem durch Aufnahme von 206 Bauinspektoren statt 212, und von 259 Kreisbaumeisterstellen rc. statt 285 sich die Summe des Spezialetats von 1,468,194 M. auf 1,465,794 M. ermäßigt; abgefetzt ferner sind 75,000 M., welche unter den einmaligen und außerordentlichen Ausgaben zur Herstellung einer Dienstwohnung für den Regierungspräsidenten zu Danzig gefordert waren; dagegen sind 18,000 M. bet den Einnahmen ans dem LandeSunterstützungSfond für die Provinz Preußen zugesetzt, nämlich statt der ursprünglich beantragten 75,000 M. tst die Summe von 93,000 M. bewilligt. Dagegen sind bet den einmaligen außerordentlichen Ausgaben zur Ausführung von Schutzbauten an dem Strande der Ostsee bei Kranz rc. statt der ursprünglich beantragten 75,000 M. vom Abgeordnetenhause 93,000 M. bewilligt.
Der Erzbischof von Köln soll in dem am 3. April stattfindenden Conststorium die Cardinalswürde erhalten.
Die PetitionSkommisflon des Herrenhauses hat jetzt ihren Bericht über die Petitionen, betreffend den Religionsunterricht in den Volksschulen vollendet und beantragt, zur Tagesordnung übcrzugehem Der Antrag der Petenten geht dahin, die Staatsregierung aufzufordern, im Einklänge mit den bisherigen Normen die volle Geltung des Artikel 24
der VerfaffungSurkunde mit aller Entschiedenheit aufrecht zu halten und zwar so, daß die Religionsgesellschaften in ihrem Rechte auf volle Freiheit in der Leitung und Er- theilung deS Religionsunterrichts geschützt werden, oder nunmehr die in dem Artikel 20 und 22 der BerfaflungS- Urkunde bereits grundgelegte volle UnterrichtSfreihcit zu gewähren. In der Kommission verkannte man zwar nicht, daß der Artikel 24 der Religionsgesellschaften Rechte in Aussicht gestellt hat, deren Nichterfüllung geeignet ist, zu Agitationen gegen die Maßregeln der Regierung Anlaß zu geben. ES muffe daher erwünscht erscheinen, daß der Art. 24 der VerfaffungSurkunde auf gesetzlichem Wege seine Erledigung finde. Der eventuelle Antrag der Petenten, „ihnen nunmehr die in den Art. 20 und 22 der Verfaflung bereits grundgelegte (sic) volle Unterrichts Freiheit zu gewähren* — entspreche nicht, sondern widerspreche den Vorschriften der VerfaffungSurkunde. Unter der beantragten vollen Unterrichtsfreiheit könne nach dem ganzen Inhalt der Petition nur die Freiheit verstanden werden, öffentliche Volksschulen ohne Mitwirkung und Kontrole der Staats- Behörden zu errichten und Privatschulen der Aussicht des Staates zu entziehen. Das würde den Art. 23 und 24 der VerfaffungSurkunde und allen bestehenden Gesetzen über das Schulwesen widersprechen und auch al» Grundlage für eine künftige Gesetzgebung nicht zu empfehlen sein.
Die „Tribüne" schreibt: „Wie uns berichtet wird, hätte die freikonservative Fraktion deS Abgeordnetenhauses hren FraktionSgenoffen, den Abgeordneten von Ratborff, ersucht, bei der Entwickelung seiner volkswirthschaftlichen, schutzzöllnerisch gefärbten Anschauungen bemerken zu wollen, daß er damit den Standpunkt der fieikonservativen Partei nicht vertrete. Herr von Rarborff hat bekanntlich in letzter Zeit in feiner Eigenschaft als Borsttzenber bes Centralver- danbes beutscher Jnbustrieller ein fchutzzöllnerischeS Pro gramm entwickelt, woraus bie Bermuthung entstaub, daß er damit als Interpret feiner FraktionSgenoffen anftritt. Iu8 bieftm Grunbe soll die Fraktion es auch vermieden toben, Herrn von Kardorff in ihren Borstand zu wählen."
Die „Germania" hat auf telegraphischem Wege von Limburg den Bescheid erhalten, daß die Aufforderung an den Bischof von Limburg, sein Amt niederzulegen, „bis etzt" noch nicht eingetroffen fei.
Deutsches Reich.
■* Berlin, 23. März, lieber den Geburtstagstisch des Kaisers wird mitgetheilt, daß derselbe auch in diesem Zähre überaus reich und festlich geschmückt war. Die Geschenke waren im Empfangszimmer der Kaiserin ausgebaut. Unter denselben befanden sich: Majoliken, Vasen, Lampen, Kunstwerke u. s. w., dazwischen Blumenstöcke und
prächtige Bouquets. Einen besonders schönen Anblick bot daS VortragSzimmer des Kaisers; wohin das Auge sah, erblickte es Blumen: Camelien und Veilchen, Hyacinthen und Edelweiß, Rosen und Azaleen wetteiferten in wundervoller Pracht. Der Hamburger Patriot, der im vergangenen Zahre einen prachtvollen Aufbau an Veilchen gesandt, überreichte diesmal eine höchst geschmackvolle Blumenetagöre. Au» allen Theilen Deutschlands und auch von außerhalb waren Briefe und Telegramme eingelaufen und brachten dem Kaiser frohe Grüße und herzliche Wünsche. — Eine Anzahl von Abgeordneten, die bis jetzt ein Doppelmandat, zum Bbgeordnetenhause und Reichstage, inne haben, werden auf eines dieser Mandate für die nächste Session verzichten. Im Abgeordnetenhause sitzt u. A. ein Abgeordneter, der dem Landtage, dem Reichstage, dem Kreis und Provinziallandtage, der Provinzial- und Generalsynode angehört, zugleich BmtSvorsteher, Standesbeamter, Vormund und zur Zeit sogar Geschworener ist. Mehr ist von einem Sterblichen nicht zu erwarten. Alles drängt nach einer Ver- einfadjung der parlamentarischen Maschine, soll nicht darunter der Parlamentarismus selber zu Grunde gehen. — Die Verhandlungen der orthographischen Conferenz sind jetzt von dem CultuSminister Dr. Falk den Bundesregierungen deS Deutschen Reiches mitgetheilt worden. Bet Berufung der Conferenz hatte der Minister in Aussicht genommen, auf Grund ihrer Beschlüsse, als eines sachkundigen Gutachtens, sich über bie den Schulen zu gebende Vorschrift schlüssig zu machen und durch Miltheilung seiner Absichten an die Bundesregierungen eine gemeinsame Verständigung vorzubereiten. Von diesem Vorhaben hat der Minister jedoch für jetzt noch Abstand genommen. Es würde dem Zwecke der allgemeinen Einigung geradezu widersprechen, wenn in dem Schulunterricht eine Rechtschreibung einge- sührt würde, welche, sei sie auch noch so zweckmäßig und theoretisch wohl begründet, in dem Schreib - und Druckgebrauch außerhalb der Schule keine ober nur sehr beschränkte Ausnahme fände. Darum ist dasjenige, was der Schule zweckmäßig vorgeschrieben werden kann, mitbedingt durch die Bereitwilligkeit der Zustimmung, welche die fragliche Vorschrift außerhalb der Schule erwarten darf, lieber diese Frage aber, ob das Festhalten an der Gewöhnung ober bie Geneigtheit, Manches auizugeben, was als uu- nöthig ober mißbräuchlich anzuerkennen ist, größeren Einfluß ausüben werde, läßt sich aus theoretischen Gründen der Richtigkeit oder Zweckmäßigkeit eine annähernde Sicherheit bet Antwort nicht gewinnen. In Erwägung dieser Umstänbe ist zunächst bafür Sorge getragen worden, baß die Verhanblungen ber Conferenz jetzt burch den Buch-' handel den weitesten Kreisen leicht zugänglich gemacht werden. Durch die authentische Publication wird, wenn die Vorschläge der Conferenz in den gebildeten Kreisen de»
y.. Ei« Schrei.
Novelle won Ernst von Waldow.
(Fortsetzung statt Schluß.)
Dian« mußte ihre Absicht geändert haben, denn sie legte sich nicht zur Ruhe, sondern ging in den Garten, dem Mädchen bestellend, daß sie das Badezimmer in Be- reitschast halten solle, weil sie nach dem Spaziergange ein 8ab zu nehmen gedenke.
Marie gehorchte pünktlich, mußte aber lange auf die junge Frau warten, die endlich bleich und sichtlich erschöpft mit ungewöhnlicher Langsamkeit bie wenigen Stufen, welche zur Beranba führten, erstieg.
Der Anblick beö Mädchen» jedoch schien ihre Kraft zu Beleben, denn, nachdem sie noch einen Blick in den eben, derlaffenen Garten geworfen halte, über dem die heiße NachmitiagSsonne glühend lag, trat sie schnell in das Zimmer, die offene Thür schließend.
Marie wollte beim Entkleiden behülflich feto, Diana hieß sie jedoch im Ankleidezimmer ihrer zu harren.
Daun, al« daS Mädchen auf ihr Geheiß das Gemach dttlaffen wollte, rief fie, al» fiele ihr plötzlich etwa» ein.
»Ach, da bin ich in der Absicht in den Garten gegan- 8*0, mir die letzten blühenden Rosen zum Kranze zu holen habe unter anderen Gedanken da» ganz vergessen, dute Marie, gehe Du schnell, Du weißt ja den großen »trauch bei der Geisblattlaube. Thuc mir schon die Liebe, H möchte so gern den Kranz heute tragen zum weißen Weibe, Vorher kannst Du aber Tante U.fula bitten, zu ®‘l zu kommen."
Marie, der vielleicht der weite Weg in der Hitze nicht ungenehm sein mochte, wagte eine Einrede.
... »Würden die Ranunkelrosen zu dem weißen Kleide nicht Wntt stehen,!"
Diana hörte nicht darauf. Sie horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit auf ein sich nähernde» Geräusch während sie abgebrochen fragte:
„War das nicht — das Rollen — eine« Wagen« — geh — geh schuäl^ ich habe keine Zeit mehr — zu verlieren!'
Da» Mädchen gehorchte. Jndeffen sie oben bei Tante Ursula die Botschaft DianaS ausrichtete, fuhr ber Wagen, besten Rollen bas scharfe Ohr ber jungen grau vernommen hatte, langsam die Dorfstraße hinab und hielt vor ber Schenke.
ES war ein Lohnwagen au« der nächsten Landstadt. Der Bursche Kurl'S stieg vom Bocke und half dem Kutscher bie Pferbe auSspannen.
Sein Herr hatte, als ber Weg ben schattigen Wald verließ unb sich aus der heißen Chanstee fortsetzte, ben Wagen verlasten, um auf bem ihm wohlbekannten Pfade burch ben Tegerhainer Park unb bie Hinlerthür bes Gartens, welche am Tage offen zu fein pflegte, recht überraschend in ba» Haus zu bringen.
Marie hatte inbeffen ihrem Auftrage noch lächelnd hinzugefügt, ber Herr Hauptmann sei wohl ein Freund von weißen Rosen — die gnädige Frau bestände so fest darauf, einen Kranz von solchen Blumen zu haben, fie werde ihn gleich dort winden, — dann war sie frohen Sinnes in den Garten geeilt, während sich Uifula langsamer anschickte, dem Wunsche Diana« zu genügen
Eine Viertelstunde darauf trat Kurt in den Garten. Spähend blickte er sich um — da schimmerte ein helles Kleiv durch das grüne Gerank der Geisblattlaube. — Jg der Hoffnung, Diana dort zu finden, beschleunigt er feinen Schritt, — ein Ausruf ber Ueberraschung von Mariens Lippen, — enttäuscht tritt er zurück. Da gewahrt er bie Blumen in ber Hand der Dienerin, und ihrem Redestrom'
entnimmt er, daß sie zum Schmucke von Diana'ö Locken bestimmt find.
Nun, — ein Jeder hat wohl zu Zeiten kleine poetische Anwandlungen, so auch jetzt Kurt. Er setzt sich in bie Laube und ist bemüht, mit Hülse Mariens bie weißen Rosen unb ihre bunfelgrünen Blätter zu einem vollen Kranze zu »toben. o y
Endlich ist ba« schwierige Werk auch zu seiner Zufrie- benhett gelungen, und in sreubiger Erregung schreitet er ben Kranz in Hänben, burch ben Garten, Marie, bie voran' eilen unb der Herrin die Ankunft des Erwartetm melden will, mit ernsten Worten gebietend, zurückzubleiben.
Er will Diana zuerst sehen unb ohne Vorbereitung. ®er Kranz in seiner Hanb soll ihr eine gute Vorbebeutuna ifeln — ein Friebenspfanb. 8
Schon betritt er ben Rasenplatz, auf ben bie Veranda welche zu ber Hinterthür bes Hauses führt, mündet, -- ba hemmt ba« Geräusch eines Stimmengewirres ben Schritt be« jungen Mannes — bas klingt fast wie Zauimeriufe und Schluchzen. Ein Schauer, ben er vergebens zu unter« brütfen sucht, lähmt seinen Fuß, ba — ein heller Aufschrei. — •-r 1
(Schluß folgt.)
Der adcnteUerliche Simplictns Simplieisfimus.
(Ein Lebensbild aus dem dreißigjährigen Kriege. Nach Christoffel von Grimmelshausen für bie reifere Jugend frei bearbeitet von Elard Hugo Meyer.)
So lautet ber vollständige Titel jener Schrift, «eiche in dem Hause ber Abgeordneten am Donnerstag den 16 unb am Montag ben 20. d. Mtö. Gegenstand einer lebhaften Diskussion war. Am ersteren Tage unterzog ein Mltglted ber CentrumSpartei das vom Norddeutschen Volks- fchrtftenvcrlag in Bremen herau-gegebene Buch „einer harten