Sr. 60
Marburg, Sonnabend, 11. März 1876.
XL Mrgang.
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«Pro multo.“
Unter diefenr Titel hat A. ». v. Harlesiem (Leipzig, Verlag von Otto Wigand) eine kräftige Entgegnung der Broschüre »Pro Nihilo« erscheinen lassen.
Wenn die Broschüre »Pro Nihilo« darauf ausgeht, das Berhältniß des Grafen Arnim zu dem Reichskanzler als ein Duell zu charakteristren, bei welchem Jener nur deshalb unterlag, weil Sonne und Wind nicht gleich vertheilt waren, so »eist die Entgegnung nach, daß eine solche Auffassung lediglich au» der Eitelkeit deS Grafen Arnim entsprang, welche ihn verführt, daS sachliche, staatliche Interesse und dir ihm daraus erwachsenden Dienstpflichten zu verkennen, resp. seinen persönlichen Ambitionen unterzuordnen und ihn In Folge dessen der späteren Katastrophe entgegen zu treiben.
Und dieser Nachweis wird geführt aus eben der Schrift, welche den Grafen Arnim wenn nicht zum Verfasser, doch zmn intellektuellen Urheber hat, indem die eigenen Zuge- ständniffe mit den constatirten Thatsachen verglichen werden, um einen natürlichen Zusammenhang herzustellen, welchem gegenüber alle heuchlerisch aufgestellten Hypothesen und boshaften Unterstellungen in Nichts zerfallen.
Auf diese Weise werden namentlich die zwei hauptsäch. lichen Beschwerdepunkte deS Grafen Arnim: wegen vorgeblicher Vermeidung von Jnstruktions-Erlheilung und wegen des nach Berlin verlegten AbschluffeS des Evakuationsvertrages, in daS richtige Licht gestellt. Auf diese Weise, der Lerlheidigung auf ihren Jrrpfadcn Schritt vor Schritt folgend, ko-nnt die Entgegnung zwar zu keinen neuen Resultaten, aber zu der gründlichen allseitigen Motivirung brt von der öffentlichen Meinung Deutschlands gegebenen Verdikt». Und indem dir Entgegnung noch auf die mög lichen Folgen der Broschüre »Pro Nihilo« hinweist, schließt ste: „Dahin hat den Grafen Arnim ein krankhafter Ehrgeiz, eint unglaubliche Selbstüberschätzung gebracht . . . Da» politische Wirken und Schaffen des Fürsten Bismarck, so verschieden von dem de» Grafen Ärnim, wie der Charakter der beiden Staatsmänner, liegt seit 11 Jahren klar und offen1 vor uns; er hat e« erreicht und er kann sagen: ich arbeite pro Germania, pro molto. Auch das Wirken und Schaffen des Grafen Arnim hatte Ein Ziel: die eigene Größe, die Erringung der höchsten Würde in Deutschland um jeden Preis. Graf Harry v. Arnim hat dieses Ziel nicht erreicht, seine Thätigkeit war »pro nihilo.« (D. Z.)
•ihßdi'2 ,'! Deutsche» Strich. |
1 •• Berlin, 9. März. Se. Majestät der König hat in einem eigenhändigen Schreiben an den Minister de» Innern seine lebhafte Theiluahme für die von der Ueber- schwcmmung Betroffenen ausgesprochen und zur Abhilfe der Nvthstände au» seiner Chatulle 20,000 Mark angewiesen. ~ Auch in diesem Jahre sollen die trigonometrischen Feldarbeiten des großen Generalstabes in fast sämmtlichen Pro
vinzen der Monarchie statiffnden. Für die topographischen Vermeflungen find die Regierungs-Bezirke Marienwerder, Köslin, Frankfurt, Bromberg, Magdeburg, Erfurt, Kassel und die Landdrostei Hildesheim in Ausstcht genommen. — Die Allerhöchste Ordre zur Einbringung der Städteordnung au den Landtag ist erfolgt und wird der Entwurf dem Abgeordnetenhause bereits zugegangen sein. Die neue Städteordnung erlangt Geltung in den Provinzen Preußen, Pommern, Schlesten, Sachsen und Brandenburg, sowie Neuvorpommern und Rügen. — In dem letzten Jahresbericht des LandeS-Oeconomie Collegiums über den Stand der Landeskultur in Preußen wird ein in erfreulicher Weise wachsendes Jntereffe der landwirthschaftlichen Bevölkerung, auch der bäurischen, für Vereinswirksamkeit constattrt. Innerhalb der Vereine sind vielfach Pferdezuchtvereine, Stiergenoffen- schaften, Vereinigungen für Bienenzucht hervorgerufen. In der Provinz Hannover sind mehrere der isolirten Vereine dem Centralverband beigetreten. — In der oben bezeichneten neuen Städteordnung ist u. A. bestimmt, daß der Gemeindevorstand (Magistrat) aus der Wahl der Stadtverordneten hervorgeht. DaS Dreiklaffensystem für die städtischen Wahlen bleibt erhalten, nur mit dem Unterschiede, daß die Stimmenabgabe nicht zu Protokoll, sondern durch Stimmzettel erfolgt. Das Bestätigungsrecht ist nur für die Bürgermeister und Beigeordneten beibehalten. — Der „Kreuz-Zeitung" zufolge verlautet, daß das von der Familie des Grafen Arnim an den Kaiser gerichtete Gnadengesuch abschläglich beschieden sei.
Mainz, 8. März. Bischof Ketteler hat soeben bei Franz Kirchheim in Mainz schon wieder eine Broschüre erscheinen lassen, und zwar unter dem Titel: „Warum können wir zur Ausführung der Kirchengesetze nicht mit- wirken?"
München, 6. März. Von der Kammerthätigkeit ist heute nur zu vermelden, daß die Herren Reichsräthe da» Gesetz über die provisorische Steuerbewilligung mit bekannter Geschwindigkeit beschloffen und in der Abgeordnetenkammer der Finanz- und, der Petitionsausschuß Sitzungen gehalten )aben. Im Finanzausschuß wurde ein auf dem vorigen Landtag von ber Reichsrathskammer nicht angenommener Antrag deS Herrn Dr. Freitag von diesem reproducirt und mit den bekannten acht gegen sieben Stimmen beschloffen, welcher ein kleines Mißtrauensvotum gegen den Cultus- Minister enthält und demselben einen UnterstützungSfondS entziehen will. Man sieht, wir kommen aus dm Mißtrauensvoten gar nicht mehr heraus, aber am Ende gewöhnt ich der Mensch — und bk Minister stnb sogar in ben Augen der Ultramontanen wohl immer noch Menschen — an Alles. Die Gehaltsregulirungsfrage, welche vielleicht neben dem CuliuSbudget den Hauptstreitpunkt dieser Session abgeben wird, wenn wir die Wahlprüfungskämpfe außer Rechnung lasten, wird erst am Sonnabend auf die Tagesordnung kommen, da der Druck des Berichts nicht frühzeitig genug fertiggestellt werden kann, um die Verhandlung am Douuerstag zu ermöglichen, und am Freitag wegen de»
Trauergottesdienstes für den verstorbenen König Mar IL keine Sitzung stattfindet.
3te(jen»butg, 9. März. Eine Klage der Vormundschaft des Fürsten v. Thurn und Taxis gegen den Grafen Döring, früheren Chefs der Taxis'schen Gesammt Verwaltung, wegen Rückerstattung von 770,000 Gulden, ist vom hiesigen Bezirksgericht heute abgewiesm worden.
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JuSbruck, 9 März. Am Beginne der heutigen Sitzung des Tyrol'schen Landtage» erklärte der Abgeordnete Graf Brandis, daß die Majorität deS Landtages wegen der in den letzten Jahren dem öffentlichen Rechte Tyrol» zugefügten empfindlichen Kränkungen den Landtag verlaste. Hierauf verließ die Majorität den LandtagS-Saal. Der Statthalter Graf Taaffe wies den Protest als grundlos und gesetzwidrig zurück und bezeichnete d-S Vorgehen der Majorität als ein pflichtwidriges. Der Landtag ist nunmehr nicht mehr beschlußfähig.
Rom, 9. März. Der hiesige Vertreter deS deutschen Reiches, v. Keudell, hat heute dem Könige in feierlicher Audienz seine Beglaubigung als Botschafter überreicht. — Die Teputirtcnkammcr wählte Picoli, Correnti, Peruzzi und Mancini zu Vice - Präsidenten, und nahm ferner die Wahl der 8 Sekretäre und 2 Quästoren vor.
Pari-, 8. März. Die Bemühungen der Republikaner sind jetzt vor Allem darauf gerichtet, den leitenden Kreisen klar zu machen, daß es an der Zeit fei, bet Majorität rückhaltlos daS Zugeständniß eines gleichartig republikanischen Ministeriums zu machen. Davon sind alle Blätter voll, und das ist auch der Inhalt ber Resolution, die gestern in der Dorvcrsammlung der Linken gefaßt wurde. Es wurde bereits früher gemeldet, daß daö linke Centrum von dieser Vorversammlung nichts wiffen wolle; die genannte Fraktion und ihre Organe hielten auch bis zuM letzten Augenblick an ihrem Widerstande gegen dieselbe fest. Aber Gambetta überrumpelte feine Gegner, führte die Abgeord. neten im Triumph zu den Mitgliedern des Senat«, ließ das linke Centrum bei Seite und brachte so, wenn auch nicht eine vollständige Vorvcrsammlung des republikanischen Plenums, so doch eine ziemlich zahlreiche der Majorität »eider Häuser zu Stande. Und diese faßte denn den Be- chluß, welcher so zu sagen dem Präsidenten der Republik kund thut, daß man ein entschlossen republikanisches Ministerium von ihm erwarte. Die Wahl Grevy's zum Prä- identen bet Zweiten Kammer ist in gl-ichcm Sinne gelalten. Das linke Centrum ist noch etwa» verschnupft lber das ungenlrte Verfahren Gambetta'«, aber der Zwie- palt ist nicht von Bedeutung. Er äußert sich unter An- derem dadurch, daß der „Temps" heute die Vorversamm- lung völlig ignorirt. — Es scheint, daß schließlich sogar die Intransigenten den Nutzen gemäßigter Kammern ein- ehen. Dk »Droits de l’homme« sagen heute ihrem Publik», es muffe nicht-die fvforttgr Erfüvmg feine.
-1-4 Gj, Schrei.
Novelle von Ernst von Waldow.
«g-am Sri : Fortsetzung.)
Mit blitzenden Augen und hochathmender Brust stand sie Hm gegenüber, ihre Wangen waren geröthet und ihre rothen Lippen halb geöffnet. Sie sah sehr schön auS; das sand auch Kurt und statt des strafenden Wortes, das er schon auf btt Zunge hatte, schloß er ste mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit in die Arme und sprach:
„Mein liebe«, kleines Weib, lerne doch endlich den Unterschied kennen zwischen der sehnenden und leidcnschaft lichen Liebe, die den Bräutigam zu der Braut zieht und dem ruhigeren, aber heißen und innigen Gefühle, das Mann und Frau verbindet. Meine Liebe ist ja nicht schwächet, sie ist nut eine andere geworden."
„Ja, sie ist eine andere geworden," warf sie bitter ein, bann senkte sie ben Blick zu Boden, die aufgeregten Züge Slätteten sich, ein sinnender Ausdruck breitete sich über die- iklben und mit einer Ruhe, die einen seltsamen Contrast ®it bet eben gezeigten Heftigkeit bildete, sprach sie langsam:
„Du hast Recht wie immer, und ich bin eine Thörin. ®a« ist Liebe auch? — vielleicht ein Nichts, eine Phan- lasmagvrie, eine Fata morgana, ein lockendes Irrlicht, das keine andere Existenz hat, al» die, eine Vorstellung in un- 'trem Kopfe zu sein —, die nur zu bald von einer ber künftigeren abgelöst wird. Ja — so wird e» sein l"
„Diana — fei gut, sei vernünftig, ich muß ja fort 6nb e« wird mit auch recht schwer, Dich zu verlaffen."
„Wa» willst Du noch, bin ich nicht ruhig?"
Der wunderbare Ausdruck ihres Auges befremdete ihn öffnete ber Diener die Thür.
„Herr Hauptmann haben befohlen, daß ich um y28 mit den Sachen nach der Post fahren soll und da __*
»Schon gut, geh' hinab — ich komme gleich nach. — Und nun lebe wohl, Diana, mein geliebte» Weib, denke an mich und vertiefe Dich nicht in diese unseligen pessimistischen Grübeleien. — Lebe wohl — noch einen Kuß — so — Muthi Auf Wiedersehen!"
Sie warf sich noch einmal an seine Brust, ihre Anne umfingen den Scheidenden wie eine süße, lebendige Fessel und in dem Augenblick durchzuckte auch sein Herz ein jähes Schmerzgeiühl. Doch er blieb fest und der feuchte Schim mer, der fein klares blaues Auge umflorte, fiel nicht als Perle auf ihr lockige» Haupt, das an feiner Brust ruhte
»Lebe wohl — und bleibe hier, begleite mich nicht."
Sie nickte stumm — noch einen Abschiedsblick und dies Thür schloß sich hinter dem Gatten, der nach fast einjähriger Ehe zum ersten Male auf lange Zeit von ihr scheiden sollte.
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Diana von Legern wat früh verwaist und von ber älteren Schwester ihrer Mutter, einer wunderlichen und nach dem Unheil ber Leute gänzlich verschrobenen ölten Jungfer, erzogen worben. Tante Ursula hatte in ber Tegetn'schen Familie stets für überspannt gegolten unb man hatte sich nicht wenig gewundert, als das Fräulein mit den hyperschwärmerischen Ansichten übet Liebe unb Ehe in ihrem 26. Jahre noch einen hübschen Cütasstet Lieutenant mit ihrem Jawort beglückte und seine Zuneigung leiden- schaftlich erwiderte.
, Da, vier Wochen vvr der Hochzeit, erkrankte Ursula an den zu jener Zett sehr bösartig grasstrenden Blattern.
Nachdem die sorgfältige Pflege ihr bedrohtes Leben gerettet, sieht sie mit ruhiger Fassung ihr entstelltes Gesicht im Spiegel. Doch der Muth verläßt sie, als ste ihre Züge in dem Auge des Geliebten erblickt, bet crbebenb seinen Schrecken, ja Abscheu nur unvollkommen verbergen kann. Drei Tagt batguf schreibt ste mit fester Hand den Scheibe- Brief, unb wedcr Bitten noch Versicherungen und Thränen können ste von der Ausführung des in der bittersten Stunde ihres Lebens gefaßten Entschlusses abbtingen
Das Erbe eines kinderlosen Onkels, dessen Mebling Ursula stets gewesen, entreißt ste der peinlichen Lage im Eltemhause al« alterndes Mädchen und von den Ihrigen geistig getrennt fvrtzuleben.
Ein einsames, aber reizend gelegenes Landhaus im Gebirge ist da» Asyl, welches ihr die Liebe des Verstorbenen geöffnet; dahin flieht ste, unb dort sühn sie fern von dem lauten Treiben de» LebenSmarktrS ein genußreiche» Stillleben, da» weder die Langweile, noch der heimliche Trieb nach den Genüffen des Lebens stören.
Fünf Jahre darauf, nachdem ihre jüngere vetheirathete Schwester gestorben, nimmt sie die verwaiste Diana in ihr friedliches HauSund in dieser rein geistigen Atmosphäre erblüht das Kind in Iahten die so schnell und sanft verfließen, wie bet Silberstrom eine« tiefen, weder durch Stauungen noch geheime Strudel erregten Wassers, zur lieblichen Jungfrau.
Da führt ber Zufall Kurt von Franken mit einer Gesellschaft ihm verwandter Damen auS dem nahen Babe Salzbach an bie Pforte ihres Hause», das den von einem Gewitter Uebenaschten unb Einlaß Begehrenden sich gast, lich öffnete.