Einzelbild herunterladen
 

Sr. M. Marburg, Sonnabend, 19. Febmar 1876.

SSSÄ8& * J « NH A V'“ E

B Gmrhcssilche Jntung.

XL Mgaig.

Anzeigen nimmt entgegen: bie Ey>editi»n b. Blatte», sowie die Annoncen-Dureaux von ®. L- Daube & Co. in

Frankfurt a. R.-Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete« möget in Berlin; Earl Echüß- ler m Hannover; 6. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wvchenttichen Beilage „Jlluftrirteö SonntagSdlatt" durch die Srpedition (Koch'sche Buch druckerei) bezogen U Wert, durch die Postämter deS Deutschen Reiches L Mart SS Pf«. (exl. Bestellgebühr). - JnsettionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,. Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden t5 Pfg. berechnet.

Die st^evbUdewg der koafervalive» Partei ist, wie die „Post* schreibt, in den vergangenen Monaten Gegenstand vielfacher Gerüchte gewestn, welche — wie das ja die Ratnr eine» jeden öffentlichen Gesprächs ist — auch wieder verstummt sind. Dieser natürliche Hergang läßt die „Kreuzzeiiung* behaupten, daß die Versuche, eine „soge­nannte* konservative Parteibildung (wie. fie sich auSzu- drück» beliebt) za Stande zu bringen, gescheitert find. Mr, die wir uns zu den konservativen Parteien rechnen, gestcheu, unsererseits nichts von einem Mißerfolg in dieser Richtung zu wissen, noch wenig« ist uns das merkwürdige Factum bekannt, „daß die unabhängigen Konservativen der verschiedenen Schattiruagen ausdrücklich die „Kreuzzeitung* für hu» einzig möglich« gemeinsame Parteiorgan «klärt haben.* ■ -

Allerdings lagen den oben erwähnten Gerüchten be­stimmte Thatsachen zu Grunde und auch jetzt, wo die „KrrMtttung* fie für abgrlhan erachtet, ist die konserva­tive Partei in der Neubildung begriffen. Gescheitert find unsere» Wissens nur di« pseubokonservativen Versuche, so diejenigen der Agrari«, die den konservativen Namen miß brauchend ia social-demokratischen Stil Interessen - Politik zu treiben sich bemühten, gescheitert find die Versuche einiger hochkoaservaliv« jünger« Herren, welche unter der Fahne älterer Parlameatari« und. früherer. Parteiführer in die konservative Partei neue« Leben hineinbringen wollten. Diese kleinen politischen Sonderbestrebungen waren schwäch lieh« versuche, die konservativen Elemente zu bethören, an stch zu ziehen und in die Zwangsjacke bestimmter Interessen zu stecken. Sie mußten scheitern, weil Ne Einen die alten, üb« Bord geworfenen und von der Geschichte gerichteten Prtucipien durch da« Ansehen gewiffer politischer Persön­lichkeiten wieder zu Ehren bringen wollten, «ährend die Anderen eine au» Eigennutz entsprungene Parole zum Angel punkte de» politischen Lebens machten. Das Scheitern jener Versuche ist eine Thatsache, die sich nicht allein 'auf da» Verstummen de» Gerücht» von ihrer Existenz stützt; sie waren an sich theil» ungesund, theilö anachronistisch und schon deshalb unrealistrbar... ; . r : u n

Bpn einem Mißerfolg in Bezug auf wahre konservative Neubildungen ist un« nicht» bekannt. Wir glauben viel­mehr, daß die Neubildung her konservativen Partei tm vollen Fluß begriffen ist. Daß stch die liberalen Zeitungen nicht mehr mit ihr beschäftigen, daß die vielgeschäftige Fama noch nicht von den Unterhändlern, von den Principien, welche den Einigungspunkt bilden, von dem Kaufpreis und Vertrage spricht, kurz daß die Versuche der Neubildung bis jetzt noch keine greifbare Gestalt angenommen haben, ist noch kein Beweis von ihrer Nichtexistenz, geschweige denn' von einem Mißerfolg; wir, denen e» Ernst ist um die Wiederherstellung einer großen konservativen Partei, sehen darin vielmehr bk besten Auspicien für ein glückliches Ge liugen diese» politische» Gedanken».

Die Erfahrungen de«- letzten Jahre haben die verschie

denstea Elemente einer konservativen Richtung zugeführt, und jede» von diesen nimmt im Herzen Theil an d« Be­wegung, die stch ganz von selbst und ohne Einwirkung von außen volhieht. Zum Abschluß wird fie erst gebracht wer­den können, wenn concrete Wahlfragen auftauchen und neue, von allen konservativen Nuancen geachtete Namen als Führer auftreten. Den Zeitpunkt hierfür werden die Ereignisse bestimmen, nicht ab« eine willkürlich ausgegebene Parole, noch viel wenig« persönlicher Ehrgeiz und poli­tisches Streberthum. Dergleichen könnte nur der natür­lichen Entwickelung hindernd in den Weg treten und Denen, die sich noch zuwartend v«halten, alle Lust nehmen, sich an der gemeinschaftlichen Arbeit zu beteiligen.

Aber wie überhaupt von „neuen Parteien* nur in dem Sinne die Rede sein kann, daß vorhandene sich spalten, auflösen und die gleichartigen Elemente zu neuen Gruppen stch vereinigen, so auch die konservative Partei, die unseres Erachtens sich später zwar aus gleichartigen Elementen zu­sammensetzen wird, die aber diese Elemente finden wird in anderen, bis jetzt noch äußerlich getrennten Parteien. Zugleich wird die konservative Partei alle« Schablonenhafte zu v«meiden suchen und einzelnen Gruppen innerhalb derselben ihre Freiheit laffen. Diese neuen Gruppen werden zunächst wesentlich aus den alten Elementen bestehen, was nicht ausschlietzt, daß eine oder die andere neue bedeutende Persönlichkeit bei diesem Prozeß hnvortreten wird. Sie werden naturgemäß, dem Drange der Zeit gehorchend, durch ihren Einfluß die Leitung übernehmen. Wer diese Männer und Namen der Zukunft find, um die sich die Gruppen schaaren werden, wiffen wir nicht, nur soviel steht fest, daß stch unter dem Namen d« Kreuzzeitnng ebenso wenig eine neue große conservative Fraktion zusammenfinden wird, wie unter dem Namen ihre» früh«« Leiter» de» Geheimen RegieruagS- rach Wiener.

Deutsche, Reich. ,

•• Berlin, 17. Febr. Der gestrige Lettartikel dn „Prov.-Correfp." über eine friedliche Strömung in ultra- montanen Kreisen, hat in der Preffe eine beifällige Auf­nahme gefunden. Die öffentliche Meinung stellt stch auf den Standpunkt der Regierung, die Wiederherstellung des Frieden» zwischen Staat und Kftche ist nur möglich auf dem Boden d« Gesetze. Werden diese al» Grundlage für eine Verständigung angenommen, so kann eine solche herbei- geführt «erden. — Es ist richtig, daß im preußischen Finanzministerium Vorbereitungen getroffen werden, wegen der Verlegung de» preußischen Etatsjahrs, in derselben Weise, wie die» für ben Haushaltsetat des Reiches geschehen ist. Es muß daran erinnert werden, daß stet« betont ist, daß eine Verlegung des EtatsjahrS im Reiche auch eine solche Maßnahme für Preußen bedinge. Mit Rücksicht aber auf die mehrfachen Verhältniffe, welche hierbei in Betracht kommen, wird für Preußen die Verlegung fchwie- riger al» für daS Reich. E» müffen vielfache B«handlungen

d« Finanzverwaltung mit den neuen Verwaltungen und Corporationen stattfinden. Es ist daher nicht genau zu berechnen, von wann ab die Veränderung eintreten kann und wann die Vorlage fertig gestellt werden kann. Es wird deßhalb eine Verlängerung deS Etats für 1877 bi» April hinaus notwendig sein. — Die fortschrittlichen Blätter legen die Aevßerungen der Beziehungen der Staat,»- regierung zur Preffe, welche Fürst Bismarck gethan, in dem Sinne aus, als ob alle officiöfe Preßlhätigkeit nicht mehr existire, und daß deßhalb die Mittel für diese Zwecke zu verweigern seien. Derartige Annahmen können natürlich auf die Beschlüsse des Landtages keinen Einfluß üben, zu­mal die Behauptungen von einer falschen Folgerung aus« gehen. Fürst Bismarck hat nur erklärt, daß y die Be­ziehungen des Auswärtigen Amte» zur offiziösen Preffe in Wegfall gebracht Habs, Hamit ist nicht gesagt, daß die Staatsregierung auf die officiöfe Preffe verzichte. — DaS literarische Bureau hat in erster Reihe die Aufgabe, die Centralstellen der Regierung regelmäßig in Information zu halten, über alle Vorgänge, welche in der Preffe Besprechung finden.

Köln, 17. Febr. In Folge der gewaltigen Regen- güffe, welche in den letzten Tagen stattsanben, sind auf der Strecke der Rheinischen Eisenbahn von Hier nach Aachen Abrutschungen entstanden, wodurch dieselbe einstweilen un­befahrbar geworden ist. Der Verkehr nach Belgien wird vorläufig über die Linie Aachen-Gladbach geleitet.

Bückeburg, 16. Februar. Heute Nachmittag fand in der fürstlichen Hofcapelle die kirchliche Trauung b« Prinzessin Hermine, Tochter de« regierenden Fürsten , mit dem Herzoge Maximilian von Würternberg Statt, nachdem die bürgerliche Eheschließung schon einige Stunden zuvor vollzogen war. Der Feier wohnten an der Großherzog von Oldenburg, die Fürsten von Waldeck, Reuß 8. L. und zur Lippe, Prinz Wilhelm zu Schaumburg Lippe, der Graf zu Stolberg-Stolberg nebst Gemahlinnen, die verwitwete Herzogin Mathilde und die Herzogin Pauline von Wür- lemberg, so wieder am fürstlichen Hose beglaubigte königl. preußische Gesandte, Prinz Gustav zu Nsenburg-Lühjngen. Morgen wird Galadiner, und Hofconcrrt und übermorgen ein von der Stadt Bückeburg veranstalteter Ball Statt finden. Die Neuvermählten werden em 19. d. M. von hier nach Regensburg abreifen.

Meiuiuge«, 14. Febr. Gestern brachte unsere Ge­setz-Sammlung die neue Kirchen Gemeinde- und Synodal- Verfaffung, wie dieselbe aus den Landtags - Berathungen hervorgegangen. E» muß anerkannt werden, daß das System der PreSbylerial- und Synodal Ordnung in libe­ralem Sinne durch das ganze Gesetz festgehalten wirb. Von besonderem Interesse ist folgende Bestimmung: ,;£)»» Bekenntnlß bildet keinen Gegenstand d« kirchlichen Gesetz­gebung. Durch diese Bestimmung soll jedoch die freie Forschung in der Schrift und die Fortbildung der Lehre nach deren Ergebniffen Nicht beschränkt stin.* Die Synode besteht au» 22 Mitgliedern, 13 weltlichen und 9 getst-

Der r

Erzählung von S. & ch°rts-hung.) " V., „Ein Wund« ist allerdings,* sagte Herr von Dorn- heim beistimmend, „wie sich da» Mädchen i» elterlichen Hause so gut hat bilden können. Der Vater, sonst ein tüchtig«, frischer Waldmann, ist feit seiner zweiten Heirath doch eine Art Kopshänger geworden, und bie Stiefmutter mag auch keine von den besten fein; da ist es imm«hin gerathen, vom Hause fort! Nun, weine Frau lobt bie Susanne und hält große Stücke auf,.fie und jo mag fie einmal mit ihrem , hübschen Gesichtchen und dem kleinen mütterlichen Erbe eine recht nette, kleine Hausfrau abgeben. — Da wir von den Kitzdern.sprechen, lieber Werner, cS ist Mir recht lieb, baß Sie noch keine solche Anfälle bei dem Fritze wieder bemerkt haben, ich meine, da» verwünschte Herumrumoren und Spazierengehen de« Nachts, wa» mir sonst so viel Unruhe macht«. — Nun, Klein«, komm hn 1 Dir wollen deiner Mama deine Blumen bringen.* i

Der Knabe hing sich an de» V ter» Hand, währ-nd Derner sich für kurze Zeit verabschiedete. Fritzchen sah ih» mit ein« gewissen «eugstlichkeit nach und sagte dann schmeichelnd zu dem Pap», indem « dessen Hand liebkoste und mit bittendem Blick zu ihm auffah: > r

«Ach, liebste», beste» Väterchen, bitte, bitte l Laß den »r»en Apfelbaum doch noch stehen l Thue deinem Fritzchen da» zu Gefallen. Du sollst sehen, wie viel schäne, rothe Aepfel « diesmal bringen wirb.*

»Wohn weißt du da» so Miß, närrisch« Kauz?*

tagte der Valn gut gelaunt im Weitergehen. „Meinetwegen »ollen wir es noch einmal mit ihm versuchen; ab« seine hübschen, rosenrothen Blüthen, womit « immer prahlt, können doch wieder alle Herabwehm und keine Früchte hin- terlaffen, wie du dir cs denkst.*

^Reiu. ich weiß, wa» ich weiß,* murmelte gehetmniß- »oll der Knabe, „lauter runde, vothe Aepsel; der Apsel- könig hat es mir gesagt.*

Herr von Dornheim, im Begriff «wa» ungehaltm zu werden, indem er wieb« Aberglauben und Geschichten wittette, wurde durch daS Erscheinen feinet Gattin abge­lenkt, welche in Begleitung HnminchenS, d« ältesten Tocht«, eine« hoch aufgeschossenen fünfzehnjährigen Mädchen«, von dem schönen Wett« angelockt, in'» Freie gegangen war. Fritzchen eilte ihr mit dem gesammelten Sträußchen ent- gegen, da» von d« Mutter mit freundlichem Danke aus­genommen und mit einem Kusse vergolten wurde. >

ES war Sonntag und da« Helle Geläute de« Glöckchen» tönte üb« besonnte Flurm, üppige» Grün, segenverheißende Felder hin; der Himmel schaute farbig und wett gespannt darein, mit seinen wechselnden Gebilden von Wolken, seinem sanft weitenden Morgenroth. Man sah schon von f«n die Gruppen dn Andächtigen hnanziehen, in ihrem ein- fachen, althergebrachten Sonntagsstaat, ehrbar und steif, ab« sich bewußt des Feiertag», wovS heißt: siebenten

Tage sollst du ruhen von dein« Arbeit und Gott deinem Herrn dienen.* — Die kirchliche Feier ist beendigt; die Gruppen,'welche noch plaudernd auf dem Kirchhofe bei­sammen stehen, lösen sich allmählich ans; «in Jeder kehrt

in seine friedliche Behausung zurück'/ still beruhigt fein« Sonntagspflicht genügt und dem lieben Herrgott die Ehre gegeben zu haben. — Aber es ist Nachmittag geworden, wo die Kirche für gewöhnlich geschloffen ist, wo die Nach­barn zu einander gehen, ob« über ben Zaun lehnend im traulichen Geschwätz sich erlaben; wo die Schaar roth- bäckig« .Kinder die althergebrachten Spiele vom Haschen und Verstecken spielt und laute», fröhliche» Gelächter au- jugendlichen Kehlen schallt; wo das Vieh, des Feiertag» genießend, behaglich d'rein schaut und selbst der bissige Kettenhund freundlich« geworden scheint. — Susann», die hübsche Försterstochter, trat im netten SonntagSkleib au» der Thür d« herrschaftlichen Wohnung. Sie wollte die Elt«n besuchen, die im Walde anderthalb Stunden ent­fernt wohnten, mitten unter den Eichen und Buchen, die jetzt noch licht und durchscheinend waren. Sie schlug den Fußpfad ein, d« durch die Feld« am Kirchhof vorbei führte. — Im Schlöffe war Besuch, stattliche Freunde an­der Stadt mit schön geputzten Kindern; da würden die jüng«en Kinder de» Hause« fie nicht vermissen, wenn sie mit den ftemden spielen und ihnen1‘ bie Herrlichkeit des Garten» und ihre eigenen Keinen Bette darin zeigen könntm. — Da« Mädchen wanderte rüstig deut dunklen Halbkreis entgegen, der sich am Horizont abzeichntte. Jetzt verweilte sie an der Kirchhofsmau«. Ist da« nicht das Grab de» Selbstmörder»? Welche freundliche Hand war e- wohl gewesen, bie in ber Frühe den schönen Kranz von grünen' Tannengezweig und Stechpalmen mit den rothen Beeren darauf gelegt hatte? Staunend betrachtete sie ihn und sprach im Weitergehen ein kurze» Gebet für die Ruhe der