für. 29.
Marburg, Freitag, 4. Februar 1876.
XL Jahrgang.
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Die Gtrasgesetzrrovelle «»d die soziale» Gefahre».
Die Berathung des Reichstages über die Abänderungen und Ergänzungen des Strafgesetzbuches ist in zweiter Lesung beendigt und damit die wesentliche Entscheidung über die Vorlage der Bundesregierungen erfolgt.
Schon beim Beginn der ersten Lesung galt es auf Grund der vorhergehenden Fraktionsbeschlüsse als feststehend, daß sich der Reichstag die von den Bundesregierungen bean- tt-gte Mitwirkung zur Verschärfung der Strafgesetzgebung Behuf« Sicherung der Gesellschaft gegenüber gewissen sozialen Mißständen und Gefahren nicht in dem gehofften Umfange, und nach einigen wichtigen Richtungen überhaupt nicht zu gewähren geneigt sei. ES wurde damals hervorgehoben, daß die Bundesregierungen von vorn herein einer durchaus bestimmten thatsächlichen parlamentarischen Situation gegenüber befinden, aus deren Äenderung im Großen und Ganzen die weiteren Erörterungen kaum einen erheblichen Einfluß übeu könnten.
Der Reichskanzler Fürst Bismarck.nahm diese Lage der Ding« zum Ausgangspunkte seiner Erklärungen über di« Stellung der Bundesregierungen zu den bevorstehenden Verhandlungen. Er betonte, daß die Regierungen es für Pflicht gehalten, die Anregung zu der Revision des Strafrecht« zu geben, um sich ihrerseits von der Verantwortlichkeit für die Fortdauer bedenklicher Zustände frei zu machen; Sache des Reichstage» fei es, die Stellung zur Vorlage in völliger Freiheit nach seiner Verantwortlichkeit zu nehmen. Wenn, wie vorauSzusehea, das Werk der Verständigung in der jetzigen Session nicht gelinge, so werde die Frage künftig« Reichstag« nach neuen Wahlen weiter beschäftigen. Rur in Bezug auf einige Punkte müßten die Regierungen ein entscheidendes Gewicht auf di« alsbaldige Annahme chrrr Anträge lege», eimStheilS in Betreff der verschärften Bestimmungen zum Schutze der Sicherheitsbeamten, andern- theils in Betreff der strafrechtlichen Verfolgung des Ungehorsams von Beamten im Dienste deS Auswärtigen Amtes. Zn dieser Beziehung namentlich machte der Reichskanzler seine persönliche Verantwortlichkeit sür die Erfolge der auswärtigen Politik in eindringlichen Worten geltend.
Wenn nun die Bundesregierungen einen durchgreifenden Erfolg ihrer Absichten zunächst nicht in Aussicht nehmen konnten, so sind doch schon durch die diesmalige erste Anregung der Revision deS Strafgesetzbuches in mehrfacher Beziehung bedeutendere Ergebniffe erzielt worden, als nach dem allgemeinen Eindruck der ersten Lesung zu erwarten waren; nicht blo« über die vom Reichskanzler als unbedingt wünschenswerth und dringlich bezeichneten Punkte hat eine Verständigung stattgefunden, sondern auch die Anzahl der vom juristischen Standpunkt als revistonSbe. rmzT-ji ui i । ------- " --------------
Der blaue Reiter.
Lriminal-Rovelle von Julie Düngern.
(Fortsetzung.)
Der, UM welchrn eben so viele Thränen au« Hanna'S schönen Augen gefloffen waren, hatte noch keine Ahnung »on dem ihm drohenden Gewitter, obwohl er wußte, daß die Wittwe ihm nicht gewogen war, hatte er auch in seinem jetzigen Stand« drn frohen Muth und die Thatkraft deS Soldaten behalten. Die Natur hatte Nicola« eia heiteres Gemüth und eine HoffnungSsähigkeit verliehen, welche oft wie Leichtsinn auSsah, aber durchaus keiner war. Er war sich bewußt, unverdroffen und mit rührender Beharrlichkeit an drm kleinen GlückeSttrnpel auszubauen, welchen er einst seiner Hanna schaffen wollte, er wußte, daß diese ihm unter allen Umständen treu bleiben würde; war nun die Aussicht aus eine solche Seligkeit nicht genügend, ihn leichten Muthe« und heiteren Herzens zu erhalten, da zumal er, al« Wirth, auf seine Gäste Rücksicht nehmen und denselben doch stet« ein freundliche« Gesicht zeigen muhte, zudem hatte rr seinen Zukunstslräumea auch manchesmal Visionen, welche ihn Hanna'S Mutter nicht mehr mit drohender Miene, sondern als die ihren Bund segnende Fee erblicken ließ, hatte er doch in seinem bewegten Reiterleben noch ganz andere Dinge, al« dir Umwandlung einer launischen Frau erlebt und kommen sehen! —
In etwa« wurde diese gehobene Stimmung am Abende freilich getrübt; Hanna hatte nämlich den Reiseplan der Tante erfahren, und denselben durch einen vertrauten Knaben rasch ihrem NicolaS mitgetheilt, und demselben zu gleicher Zeit ein Stelldichein sür den kommenden Morgen zu so früher Stunde gegeben, daß sie gewiß sein konnte, die Pflegemutter würde sie dieseSmal nicht wieder ertappen, und so »ar es auch, Frau Anbtecht schlirf noch lange den Schlaf
dürftig erkannten Bestimmungen de« Strafgesetzbuchs hat sich im Laufe der Berathungen bedeutend umfangreicher herauSgestcllt, als es auf den ersten Blick erschienen war.
So wird denn schon dieser erste Beginn der Revision deS Strafrechts, so schroff abweisend derselbe von Hause auS ausgenommen wurde, durch seine schließlichen Ergebniffe als ein dankenswertheS Werk anerkannt werden, - und man wird den Bundesregierungen die Gerechtigkeit widerfahren laffen, daß sie mit der Anregung der Revision in der Thai eine Pflicht gegen da« deutsche Volk und gegen das öffentliche Rechtsbewußtsein erfüllt haben.
In einer hochwichtigen Richtung freilich hat der Reichstag den Anträgen der Bundesregierungen bis zum letzten Augenblicke den entschiedensten Widerspruch und die schroffte Zurückweisung entgegengesetzt: in Betreff aller derjenigen Vorschläge nämlich, welche eine Verschärfung der Strafbestimmungen gegen politische Vergehen zum Gegenstände haben.
Die Regierungen hatten in dieser Beziehung allerdings gleich aus den ersten Erörterungen die Ueberzeugung gewonnen, daß an eine Zustimmung des Reichstages für jetzt kaum zu denken sei, indem sie jedoch gerade auf diesem Gebiete einer klar erkannten und gebieterischen Pflicht folgten, hielten sie es auch für eine unabweiSliche Aufgabe, ihre Gesichtspunkte und Ueberzeugungen, wenn auch ohne Hoffnung für eine unmittelbare Wirkung im Reichstage, voq für die weitere Erwägung und Würdigung im deutschen Volke selbst unumwunden auszusprcchen.
Von diesem Standpunkte besonders hat der preußische Bundesbevollmächtigte, Minister Graf zu Eulenburg, bei Berathung des Antrags, welcher eine strenge Bestrafung der öffentlichen Angriffe gegen die Institute der Ehe, der Familie und des Eigenthum« bezweckt, dem Reichstage ein Bild von dem Wesen und Treiben der sozial-demokratischen Partei entrollt, um daran die Bitte zu knüpfen, dem Staate die Waffen deS Gesetzes gegen diese« Treiben zu gewähren, ehe eS zur Ueberwiudung deffelben mit friedlichen Waffen zu spät sei.
Die ausführlichen, rein sachlichen und auf schlagende Beweisstücke gestützten Darlegungen de« Minister« schienen einen erheblichen Eindruck auch im Reichstage nicht zu verfehlen, vermochten aber nach Lage der Dinge nicht, auf die im voraus feststehende nächste Beschlußnahme noch irgend einen Einfluß zu üben. Dagegen werden die Mittheilungen den erwähnten Zweck, die Bevölkerung in weiteren Kreisen über die der Gesellschaft drohenden Gefahren und über die Bemühungen der Regierungen zur Abwendung derselben aufzuklären, wohl nicht unerfüllt laffen.
DaS Land wird Angesichts der von dem Minister charakterisirten sozial-demokratischen Bewegung gewiß nicht
deS Gerechten, nachdem ihr Töchterlein über die stachtichte Hecke hinaus, dem geliebten Manne die Hand gereicht und ihn ihrer beständigen Treue versichert hatte, während er sich abmühte, das holde Antlitz mit seinen Lippen zu berühren, und die Thränen wegzuküssen, welche der Gedanke de« Ab schiedeS Hanna'S Augen entlockte.
„Sei ruhig mein Mädchen und bleibe mir treu/ waren de« blauen Reiters letzte Worte, „und schreibe mir in der Zwischenzeit, damit ich mich schon im Voraus auf da« Wiedersehen freuen kann, ach, eS wird eine böse Zeit für mich werden, wenn ich die langen Tage verleben soll, ohne die Hoffnung, Dich am Morgen oder Abende zu sehen, und durch ein liebe« Wort von Dir wieder zu dem harten Tagewerk gestärkt zu werden! Doch ich will e« als Mann ertragen, unv in dem festen Glauben an Dich Trost und Ruhe finden.
So schieden sie. Angestrengte Thätigkeit, denn der blaue Reiter hatte nur noch einen armen, halb blidstnnigea Burschen und eine alte Magd zur Stütze seine» HauSwesen« bei sich, ließen ihn die Tage weniger lang finden, al« er gefürchtet, und die mit Vorbedacht vor seinem Fenster stattfindende Unterredung deS reichen Wollenwebers mit dem Bäckermeister, wobei Ersterer von seiner baldigen Verhei- rathung mit Hanna sprach, lockten ihm höchsten- ein mit leidige« Lächeln ab, obwohl der Bewerber um Hanna'S Hand auch im Leußern gar kein zu verachtender Freier war. Wolf Leeder« war ein großer, stämmiger Mann, deffen feurig blickende Bugen Energie und Thaikrast verkündeten, ein hochmüthiger Zug um den Mund, deffen aufwärts geschwungene Winkel, demselben stet- ein spöttisches Lächeln verliehen, machten da« Gesicht weniger anziehend, als e» sonst gewesen wäre. Der Bäcker war gerade daö Gegenstück de- selbstbewußten und stolzen Weber-. Klein und dick, hatte er eine gewiffe kriechende Art im Verkehr
der Ansicht des Abgeordneten LaSker zustimmen, welcher der freien Presse auch in Bezug auf die Arbeiterbevölkerung die Kraft zuschreibt, da» Wahre zum Durchbruch zu bringen, — welcher von der freien Erörterung de» Für und Wider, wie sie im Reichstage stattfindet, auch die Ueberwindung der verführerischen Phrasen der Demagogen im Lande erwartet, welcher gegenüber den sozialistischen Verirrungen alle seine Hoffnungen auf „die Verbesserung der Menschen vom Haupt bi- zum Herzen" setzt, sollte dieselbe auch erst in Jahrhunderten zum Abschlüsse kommen.
Selbst von entschieden liberalen Rednern wurden diese Auffaffungen al» allzu vertrauensselig bezeichnet und da» Vorhandensein ernsthafter Gefahren der sozialistischen Bewegung unumwunden zugegeben; — man könne sich nicht bloS darauf verlaffen, daß bei freier Diskussion die Wahrheit von selbst siegen werde, — dazu sei da- Reich der Lüge doch zu groß und mächtig Freilich wurde zugleich kurzhin bestritten, daß strengere Strafbestimmungen irgend eine Kraft gegen die sozialistische Bewegung haben können, ohne daß jedoch über die mögliche Wirksamkeit der vorgeschlagenen Bestimmungen im Vergleich zu anderen Mitteln gegen die drohende Gefahr irgend eine sachliche Erörterung stattgefunden hätte.
Dagegen wurde von einem liberalen Redner die völlig ruhige und rein sachliche Darlegung deS Bundesbevollmächtigten al- Anlaß zu den erregtesten persönlichen Angriffen und zu den leidenschaftlichsten Parteiäußerungen benutzt, welche einen bedauerlichen Mißton in die Verhandlungen brachten.
Fürst Bismarck hatte bei seiner Erklärung in der ersten Lesung sein Bemühen ausdrücklich dahin gerichtet, die Erörterung der streitigen Fragen „frei zu halten von jedem Anfluge der Erregtheit, von sittlicher Entrüstung über da« Beginn.» deS anderen TheilS und von bitteren Kritiken"; er hatte die Hoffnung ausgesprochen, daß „die vollständig ruhige und konfliktfreie Stellung", die er für die Behandlung der Frage als gesichert erachtete, dazu beitragen werde, der DiScusston im Ganzen einen ruhigen Verlaus zu verleihen.
Die Ankündigung dieser unbefangenen Stellung der Bundesregierungen zu der wichtigen Berathung hatte die tiefgehende politische Beunruhigung, welche sich im voraus an dieselbe geknüpft hatte, wesentlich beschwichtigt und die Bedingungen eine» weiteren vertrauensvollen Zusammenwirkens zwischen den Bunde-regierungen und dem Reichstage gestärkt. Um so mehr wäre e- zu beteuern, wenn durch ein Wiederaufleben überwundener Parteileidenschaften die parlamentarische Wirksamkeit gehemmt und gelähmt würde. (Prov.-Corr.)
....... IHM
mit Andern angenommen, welche da» Renommv von der ursprünglichen Grobheit seiner Zunft gründlich Lügen strafte.
Vierzehn Tage hatte die Wittwe Anbrecht bei ihrer Schwester zugebracht; da sie aber bemerken mußte, daß Hanna'S Wangen sich von Tag zu Tag mehr bleichten, und ihre jStimmung stet» gedrückter wurde, beschloß sie, wieder heimzukehren, da der Hauptzweck ihrer Reise, Hanna von ihrer Liebe abzulenken, mißlungen war. Selbst die alte egoistische Fran wurde von dem matten Freudenschimmer gerührt, welchen diese Nachricht auf de« jungen Mädchen- Wangen lockte, und wenn der blaue Reiter nicht ein so total armer Bursche gewesen wäre, so würde sie vielleicht nachgegeben haben, so aber verließ sie sich auf die Zeit und auf die Liebenswürdigkeit de- WolleuweberS, welcher in ihren Augen der unwiderstehlichste Freier in ganz Holland war.
Die fröhliche Stimmung, welche beide Frauen bei der Heimreise beseelte, sollte jedoch bald «in Ende mü Schrecken nehmen.
Frau Anbrecht halte die alte Magd, welche sie bediente, in der Zwischenzeit in ihr nahe» Heimathsdorf gesandt, und sie jetzt von ihrer Rückkehr benachrichtigt. Sie hatte die Schlüssel zu ihrem Hause mitgenommen, weil ein angeborene» Mißtrauen Frau Anbrecht nicht erlaubte, fremde Pienschen allzusehr^in die Detail« ihrer Häuslichkeit blicken zu laffen. Al- der Fuhrmann, welcher sie zurückbracht«, nun abgelohnt und fortgefahren war, schloß Fran Anbrecht ihr Hau« auf, während Hanna sich bemühte, das Gepäck in den Flur zu bringen. Obwohl eS schon spät am Abend war, halle die Helle de» langen Frühlingstage« noch nicht so abgenommen, daß nicht alle Gegenstände deutlich zu erkennen gewesen wären. Der erste Gang Hanna'S gatt der Küche, wo sie ein Licht anstecken wollte; ein Schrecken«» ruf entglitt ihren Lippen, als st« dort eingelreten war,