Sr. 22.
Marburg, Donnerstag, 27. Januar 1876.
XL Iihrzaig.
Lmerzen nimmt entgegen: ijt Expedition d. Blatte*, fovit die Lnnoncen-Bureaur wn Th- Dietrich & So. in »«ffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M ; L-asensteio L Vogler in Krantturt a. M-, Berlm.Lecp-
ELln :c; Rudolf Stoffe ^Berlin, Frankfurt a. St. rc.
ObtrhtMt Jnlimg.
Anzeigen nimmt entgegen: die Hqmditüm » Blattes, sowie bte Aunoncen-Bureanx von <8. L. Daube k So. in Frankfurt a. M.: Jüger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. St.; Juvalidendank, L. Siete» meyer in Berlin; Sarl Schsß- let in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.
Srscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlnftrirteS Konntngshlatt" durch die Srpedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen 2h Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf«. rexl. Bestellgebühr). — JnsrrtionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und.Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
Ef die OberheMscheZei- ffllpullUlUJlll t«ug für die Monate Februar und März werden sowohl von der Expedition ivie von allen Postanstalten — auf dem Lande auch von den Landpostboten — entgegen genommen.
Vorbereitung zu den Wahlen.
ES ist noch eine lange Zett bis zu den nächsten Wahlen ffrist. Noch ist die zweite Session nicht zu Ende und eine ganze dritte Session ist nicht unwahrscheinlich und doch rüsten Kch dir Parteien bereits zur Wahl. Es ist das ein Zeichen von der größten Bedeutung für die nächste Wahl, indem daraus hervorgeht, daß sich schon jetzt eine Wendung vor Bereitet. Die Fortschrittspartei tritt zuerst auf den Plan, sie hat bereit« den ersten vorbereitenden Schritt gethan; Vie nationalliberale Partei wird nicht zurückbleiben, hat sich überdies so gut organistrt, daß sie jeden Tag mit Leichtigkeit an die Wahlagitation herantreten kann; ebenso ist es mit der CentrumSpartei; endlich haben die konservativen Patteimänner gleichfalls schon einleitende Vorbesprechungen «halten.
Jede Partei gibt sich natürlich der Hoffnung hin, das bisher innegehabte Terrain zu behaupten oder womöglich aoch neues zu gewinnen. Aber darüber ist man sich in allen Parteien einig, daß die gegenwärtige Constellation der Parteien in ihrer Stärke und ihrer Stellung einer nicht unwesentlichen Veränderung unterworfen werden dürfte. Anzeichen liegen genug davon vor; innerhalb der Bevölke rung hat sich eine gewiffe Ermüdung und Abspannung gellend gemacht. Die fortgesetzten Reformen, die Ueber- stürzung der legislatorischen Arbeiten hat in wetten Kreisen eine Unruhe erzeugt, die darauf hinweist, daß der Höhepunkt der legislatorischen Reformen bereits überschritten ist imb Consolidirung beS bisher Erreichten nochwendig wird. Dazu kommt, daß sich die Ansicht weiter verbreitet, daß bisher an der gesetzgeberischen Thätigkeit die Männer der Theorie und der Wiffcnschast in zu großem Maße bether- ligt, während die Praktiker zurückgcdrängt waren. Man anpfindet e« namentlich in weiten Kreisen, daß in den virthschaftlichen Fragen die Theorie vielfach den Ausschlag gegeben hat, und durch daS in den Hintcrgrundwerfen der Praxis wesentliche Uebelstände sich herausgebildet haben.
Dieser Zug, der in der Nation sich mehr und mehr Geltung verschafft, wird sich jedenfalls auch in den Wahlen zeigen. Von einer rückläufigen, particularistisch - feudal klerikalen Strömung kann dabei durchaus nicht die Rede sein. Im Gegentheil, alle die Elemente, welche sich der Entwickelung deS Reiches hemmend entgegengeworfen haben, sind im Rückzüge begriffen oder bereit» vollständig aufgelöst; sie werden schwerlich bei der nächsten Wahl großen, Erfolg haben. Nur diejenigen Parteien, welche die Fahne de» Reiche» hoch halten und sich der Politik des Reichs kanzlerS hingeben, haben die Stimmung der Bevölkerung für sich.
Aber das kann auch nicht geleugnet werden, daß man dringend wünscht, es möge in dem Tempo der legislatorischen Arbeiten etwas Mäßigung eintreten und der Theorie etwas weniger Einfluß eingeräumt werden. Man über zeugt sich namentlich immer mehr, daß neben der nationalliberalen Partei auch eine national-konservative Partei noth wendig ist, die denselben Boden mit jener behauptet, aber in der Taktik etwas abwcicht. Bisher hat die Regierung natürlicher Weise zu dieser Frage keine Stellung genommen; alles was darüber behauptet worden ist, muß als übereilt betrachtet werden. Der Reichskanzler selbst bemüht sich, die bisherigen Beziehungen zu der Majorität aufrecht zu erhalten und nie sein hohes Ziel aus dem Auge zu verlieren. Dennoch ist es nicht ausgeschloffen, daß eine Wendung nicht gerade gegen seine Wünsche sein würde, welche die praktischen Elemente mehr zur Geltung brächte und neben die immer vorwärtsdrängenden Fraktionen auch eine ruhiger erwägende, die bisher errungenen Resultate con- servirende Partei schaffe.
Deutsche- «eich.
•• Berlin 25. Jan. Bei den Unruhen, welche jetzt in der Herzegowina herrschen, dürfte es von Interesse sein, Einiges über den Handelsverkehr zwischen Deutschland und dem genannten Lande zu erfahren. Nach einem Consular Berichte über den Handelsverkehr Deutschlands mit Bosnien und der Herzegowina im Jahre 1874 hat sich derselbe gegen die Vorjahre fast gar nicht geändert. Eine Ucberstcht der im bezeichneten Jahre aus Deutschland nach Serajewo eingeführten Maaren giebt den Werth derselben auf 313,450 Mark an. Von diesen kommen 90,000 M. auf Tuch aus Sachsen und der Prov. Lausitz, 50 000 M. auf Rauch- waaren aus Leipzig, 40,000 M. auf Nürnberger Artikel aus Bayern, 35,000 M. auf Webewaaren aus Sachsen und dem Elsaß, 25,000 M. auf Gold- und Dilberwaarrn aus Frankfurt a. M., Nürnberg und Hannover, 20,000 M. auf Eisenwaaren aus Rheinpreußen, 20,000 M. aus Seidengewebe aus Leipzig rc. Es ergiebt sich hieraus, daß dec Handelsverkehr Deutschlands mit Serajewo, also auch aus Bosnien und der Herzegowina, ein sehr unbedeutender ist. Namentlich dürfte dies von der Herzegowina gelten, die nur ein sehr kleine» Gebiet umfaßt, lieber die Handelsbeziehungen Deutschlands zur Herzegowina insbesondere liegen spezielle Angaben nicht vor. Neben der genannten Ucberstcht wird auch eine solche über die Einfuhr aus Oefterreich-Ungarl. nach Bosnien und der Herzegowina im Jahre 1874 gegeben. Nach derselben umfaßt dieselbe 17,729,333 Pfund. Der Werth ist nicht beigefügt, dürfte sich aber wohl auf ca. 10 Millionen Mark belaufen. Unter den angeführten Artikeln sind zu nennen 1,780,066 Pfd. raffinirter Zucker, 167,659 Pfd. Kaffee-Surrogate, 379 235 Pfd. Wein, 122,912 Pfd. Gußeisen, 198,549 Pfd. Wollgarn und Wollwaaren, 80,734 Pfd. Baumwolle und Baumwollgarne, 88,216 Pfd. Baumwollwaaren, 307,717 Pfd.
*™'ii____ _i i —^== ■ .................* - ' - 1
Die Nebelwitwe.
Original-Erzählung von F. L.
(Fortsetzung.)
Nicht so, wie er zagend gehofft hatte, indem er daran dachte, wie gestern in der Seligkeit eine» kurzen Momentes sein Arm sie umschlang, sein Mund den ihrigen berührte. - ES war ein plötzlicher Ueberdruß auf sie gefallen — das launische Kind zerbrach daS Spielzeug, da- eS so lange ergötzt hatte. Sie wollte morgen von hier fort nach dem zlänzenden Wien, und der ländliche Aufenthalt, die ge »ohnte Umgebung langweilten sie mit eincmmale. Mit ruhigem Hohn, mit grausam berechneter Kälte zerschmetterte sie den jungen Thoren, der es gewagt, den kühnen Blick dttlangend zu ihr zu erheben. Er schwankte hinaus in die Finsterniß; sie war tief in sein Innerstes gedrungen, sic verdeckte ihm jeden freundlichen Stern. Er warf sich auf daS Roß und ließ eS in rasendem Laute dahinstürmen, geradeaus, gleichviel nach welcher Richtung. In seinem sinnlosen Schmerz schrie er laut empor in der Einsamkeit, dtu heulenden Wind übertäubend, der seine Locken geißelte. *- Auf einmal erfaßte ihn eine Art wahnsinniger Freude;
fiel ihm ein, daß er bald einem Kampf entgegen gehe Ja, eine Kugel von Blei konnte sein Herz zum Stillstehen Gingen, und dann hatte es zu leiden aufgehört.---
Noch leuchtete der Himmel von jenem feurigen und seltsamen Roth, daS oft an Herbsttagen, von fliegenden Wolkenzügen untermischt, statt des sanft gesättigten Schim Bert, den die scheidende Sonne sonst hinterläßt, sich von tyn au-brritet, ehe et die Dunkelheit des hereinbrechendea
Abends in sich verschlingt, als sich in der Ferne die Gestalt eine» Reiters bemerklich machte, welcher dem Stammsitz der Körmeny immer näher kam. Jetzt war er angelangt; er hielt an der Pforte und sprang vom Pferde, einem her- beigeeilten Diener die Zügel zuwerfend. ES war der junge Schloßherr; er schritt, fester die Umhüllung an sich ziehend, über den geräumigen Flur. — „Wo ist Zarosch?" fragte er einen andern, der ihm im Innern des Gebäudes begegnete. — Er soll auf der Stelle zu mir kommen, sobald er angelangt ist!" beschied er weiter, al« jener die Nachricht erlhcilte, er sei nicht zugegen.
Eine Stunde nachher begab sich der Alte, zurückgekehrt, mit beschleunigten Schritten die Treppe hinauf. Er öffnete die Thür und sah sich um; am Fenster stand sein Herr, sehr ruhig, sehr in Gedanken vertieft, wie es schien; im Hintergrund deS Gemachs brannten zwei Kerzen. Zarosch trat herzu; jener erhob langsam den Kopf und sah ihn an. Er war verwandelt gegen sonst; seine jugendliche Phy. siognomie trug in ihrer Bläffe und Verstörtheit die Finger- male deS Schmerzes, der fie gezeichnet hatte; aber zugleich war ihr ein ungebeugter Wille ausgeprägt, eine ruhige Festigkeit, die seiner Gewalt kampfbereit entgegen trat. „Gut, daß du hier bist, ich habe auf dich gewartet," sagte er klanglos. „Wir sind allein; jetzt erzähle, waS ich damals zu hören verschmähte, sage ohne Rückhalt alles, waS du weißt! Woher kam deine Warnung vor jener Frau, vor der Gräfin Gyormathy?" — Zarosch warf einen langen, fast bedauernden Blick auf ihn, der dem jungen Manne nachfolgte, als dieser die Thür des anstoßenden Gemache« öffnete, um selber nachzu^hen, ob kein Lauscher in der
Eisenwaaren, 65,502 Psd. Kupfer, Bleiglätte, Blei, Quecksilber, Zink, Zinn und andere Metalle, 205,899 Pfd. Stahl, 1.070,535 Pfd. Spiritus, Branntwein und Liqueur rc. — Bei dem starken Verkehr Oesterreich-Ungarns mit Bosnien und der Herzegowina läßt sich auf ein hohe« Jntereffe der Bevölkerung in dem ersteren Lande an einer baldigen Herstellung des Friedens in der Herzegowina schließen.
— 25. Jan. Heute hat der Prozeß de« Redakteur« der „Eisenbahn Zeitung", Gehlsen, wegen Verleumdung de» AusstchtsratheS der Rumänischen Eisenbahn - Gesellschaft, begonnen. Nach Verlesung der bereits bekannten Anklage, sowie einer zweiten wegen Beleidigung deS Reichskanzlers Fürsten Bismarck theilte der Präsident mit, daß heute nur dir Verlesung der incriminirten ZeitungS - Artikel erfolgen und Donnerstag dir Vernehmung der Zeugen beginnen werde. Der Angeklagte gibt zu, die fraglichen, von Heßling verfaßten Artikel vor deren Veröffentlichung gelesen zu haben. Der Vertheidiger beantragt die Aussetzung de« Proceffe« bis zur Wiederherstellung Heßling'«, ferner die Vorladung Lasker« und dcö Procuristen der DiSconto- Gesellschaft, Beyer, als Entlastungszeugen. Ersterer habe bei Uebernahme der Bahnen durch die Rumänische Eisenbahngesellschaft ein Gutachten dahin abgegeben, daß Seiten« StrouSberg'S Uebervortheilung der Gesellschaft vorgekommen sei, welche verfolgt werden müsse. DieS Gutachten fei nicht beachtet worden. Beyer würde über die gezahlten Provisionen Auskunft ertheilen können. Der Staatsanwalt widerspricht diesen Anträgen. Der Gerichtshof beschließt nach längerer Berathung, eS bei dem einmal beschlossenen modus procedendi zu belassen, da nicht abzuschen sei, wann Heßling vernehmungsfähig sein werde. Dagegen sollen LaSkcr und Beyer als Zeugen vorgeladen werden. ES folgt nunmehr Verlesung der Zeitungs-Artikel. Gegen 2 Uhr wurden die Verhandlungen auf Donnerstag vertagt. Zm Jnquisitorium gab Gehiscn zu, einen Theil der verlesenen tncriminirten Artikel selbst verabfaßt und alle vor der Veröffentlichung gelesen und zum Druck gegeben zu haben. Nach der verlesenen protokollarischen Erklärung deS kommissarisch vernommenen Heßling in München bekannte sich Letzterer als Verfasser der tncriminirten Zeitung«- Artikcl. Gchlfen bestritt, einen Eorrecturabzug de« ersten veröffentlichten Artikels an den Director der rumänischen Eisenbahn-Gesellschaft, Otterberg, gesendet zu haben.
München, 24. Jan Die „Italienischen Nachrichten" haben dieser Tage die Nachricht gebracht, daß der päpstliche Nuntius in München in Folge gewisser Zeitungs-Artikel, die ihm nachsagten, daß er den Klerus zur Opposition gegen den Staat ermuntere und sogar antreibe, der baierischen Regierung ganz befriedigende Erklärungen über fein loyale« Verhalten und speciell über feine Beziehungen und seinen Einfluß auf die baierische Geistlichkeit gegeben habe. In dieser Form ist der Sachverhalt ungenau dargestellt. Die baierische Regierung kann von einem bei ihr beglaubigten Diplomaten keine Loyalitäts-Erklärung verlangen und also auch nicht entgegen nehmen. Aus eine solche Erklärung Nähe fei. Dann verriegelte er fie, kehrte um und ließ sich in einen Lehnsessel nieder, indem et mit befehlendem Hinweis der Hand den Andern bedeutete, ihm gegenüber sich zu setzen.
Dieser gehorchte sogleich; er fing ohne Umschweis an zu berichten, was jener meist schon au« dem Munde de« OheimS in der Abschiedsstunde erfuhr. Aber er nannte den Namen des Weibe», da» dessen Elend verschuldete, den Stephan verschwiegen hatte, unv der Neffe schauerte zu- sammen beim Klange diese» Namens, der eine fürchterliche Ahnung zur Gewißheit machte. Wie war er so verblendet gewesen, den unseligen Zusammenhang nicht früher zu er- rathenl — Er hörte zu, ohne mit einem Laut, mit einem Worte den Bericht zu unterbrechen. Nur sein Gesicht ward immer starrer, lebloser, sein Auge glühender. Jedes Wort des geliebten lobten, sein hoffnungsloser Gram, seine reuige Selbstanklage, die an dem kräftigen Manne ihn damals so tief erschütterten, traten wieder lebendig vor ihn hin. Er vernahm wieder, aber wärmer, ausführlicher, aus dem Munde treuer Anhänglichkeit, wie jener gelitten, gefehlt und gebüßt, wie er, der Liebende, durch sie, durch da« Drängen ihrer fündlichen Lockung zum Wahnsinn der Leidenschaft hingerissen, damals ihrem ersten Gemahl, dem stattlichen Franziskus von Morlay auf einsamem Pfade begegnet sei und ihn —. — Hier färbte sich die männliche Wange de« Erzählers dunkelroth, er suchte stotternd nach Worten.
Chrysanthus nickte ernst und verständnißvoll. Er wußte es ja, daß jener niedergestreckt worden sei von der Hand des Oheims, dessen Dasein von nun an der rächenden Nemesis verfiel. Da« aber wußte er noch nicht, was Zarosch weiter