Sr. 20.
Marburg, Dienstag, 25. Januar 1876.
XL Jahrgang.
«ajetaen nimmt entgegen: ue ®#4>ttfon d. Blattei, tarne die Nnnoncen-Bureaux mm Th. Dietrich <fc Co. in s»ffel und Hannover; Th. Meirich in Frankfurt a- M-; B' lein 4 Logier tu rta.M., Berlin, £etb- In re; Rudolf Stoffe
Werkin, Frankfurt a. St. rc-
ObrrhtMr Jritung.
Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition I. Blattes, sowie bte Aunancen-Bureaur von ®. S. Lande 4 to. in Frankfutt a M_-Jtger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. St.; Juvalidendank, L. Bete- meyer in Berlin; tarl vchsß» lei in Hannover; 6. Schlitte in Bremen.
»scheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlustrtrteS Sonntagidlatt" durch die Sreebition (üvch'fche Buchbruckerei) bezogen 2h Mark, burch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. sexl. Bestellgebühr). — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pf>.
Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
«rairkreich «nd Deutschland im nächsten Frühling.
liebet daö Verhiltniß zwischen Frankreich und Deutsch» sAid und die Gefahr eines neuen Krieges zwischen den ftiden Ländern ist seit der Beendigung des Krieges 1870 Hl 1871 von deutscher, wie von französischer Seite viel geschrieben worden. Selten aber ist darüber in einer ftan- Mschen Publikation ein so vernünftige« Urtheil gefällt gerben, wie in einer kürzlich in Paris erschienenen Broschüre, welche den obigen Titel trägt.
Der ungenannte Verfasser derselben, dessen Ausführungen eine ziemliche Vertrautheit mit den Verhältnissen beider Länder verrathen, legt sich die Frage vor, ob Deutschland, eenn im Frühjahr die anderen Großmächte durch die ihm selbst ziemlich fernliegende orientalische Frage beschäftigt wären, nicht in Versuchung kommen könnte, einen neuen Krieg mit Frankreich herbeizuführen. Militärisch, meint et, sei die Ueberlegenheit Deutschlands noch immer unzweifelhaft, aber wenn dieser Vortheil schon im letzten Frühjahr die deutschen Staatsmänner nicht vermocht hätte, gegen ihr Gewissen eine durch nicht« gerechtfertigt Offensive gegen Frankreich zu ergreifen, so lege sich ihnen jetzt das Bedürfniß einer auswärtigen Verwicklung noch weniger nahe, al« vor neun Monaten. Der Kulturkampf befinde stch heute lange nicht mehr in einem so akuten Stadium, wir damals; die klerikale Partei sei sichtlich ermüdet und hätte selbst in Bayern trotz ihre« Wahlsiege« das liberale Ministerium nicht zu stürzen vermocht; die witthschastliche Lage in Deuschland sei endlich unerfreulich genug, um den Geistern eine friedliebende Richtung zu geben, und anderseits wieder nicht so kritisch, daß die Mehrheit de« Volkes in einem Kriege eine heilsame Diversion von ihren täglichen Sorgen erblicken könnte. Ferner habe sich — und dies scheint dem Versasier die Hauptsache — in dem Urtheile der Deutschen über den Nachbarstaat «ährend der letzten Zeit rin sehr günstiger Umschwung vollzogen. Zwar hätte daS klerikale UniversttätSgesetz jenseits der Vogesen einen höchst üblen Eindruck gemacht; zwar hätte man weiter in dem Bündniß, welche« Orleanisten und Republikaner schloffen, um die Verfassung vom 25. Februar zu Stande zu bringen, ein beunruhigende« Symptom kriegerischer Gelüste erblickt; allein diese Auffaffung wäre seitdem einer viel freundlicheren Anschauung gewichen, da man stch bald und namentlich bei Gelegenheit der Senatorenwahlen in der Nationalversammlung überzeugt hätte, daß e« mit der Republik in Frankreich denn doch Ernst werde und für die nächsten beiden Kammern eine antimonarchie und antiklerikale Majorität die meisten Anustchten habe.
„Wenn aber", fährt der Verfaffer wörtlich fort, „der Monarchische Ehrgeiz und der künstliche Stachel des Kleri- kalismuS wegsallen, was bleibt dann in Frankreich noch
übrig, das Deutschland Mißtrauen oder Furcht einflößen könnte? Wer hätte dann noch ein Jntereffe, unbedacht von Revanche zu sprechen? Deutschland weiß recht gut, daß das republikanische Frankreich nicht mehr wie ehedem eine revolutionäre Drohung ist. Worin sollte es revolutionär sein? Frankreich braucht fünfzehn Jahre weiser Reformen, um nur daS Niveau von Gerechtigkeit und praktischer Freiheit zu erreichen, deren sich Deutschland gegenwärtig erfreut. Wenn Einer heut zu Tage einerevolutionäre Wirkung üben kann, so wäre eS eher Deutschland unS gegenüber. DaS republikanische Frankreich aber gegen den Vorwurf zu vertheidigen, daß es ftüh oder spät den Krieg unternehmen wolle, ist wohl überflüssig. Eine Demokratie ist naturgemäß — und dieS ist nicht eben ihre Lichtseite — mit Vorliebe darauf bedacht, besondere und vorübergehende Interessen zu befriedigen, nur durch eine lange und gesunde Erziehung schwingen sich ihre Mitglieder zu dem Grade von Einsicht empor, welchen die Hingebung an allgemeine Jntereffen als nothwendig voraussetzt. Diese Erziehung hat Frankreich erst noch durchzumachen. Sic allein kann auch der Armee Kraft verleihen, denn die Manneszucht, die passive sowohl wie die aktive, steht immer nur im Verhältniß zu dem Maße von Selbstverleugnung, die allen Bürgern gemein ist. Diese Wahrheiten und Konsequenzen sind jetzt bei un« von allen jüngeren und denkenden Köpfen anerkannt, und darin liegt, sobald nur Frankreich Herr seiner Geschicke bleibt, noch auf lange Zeit die sichere Bürgschaft einer friedlichen Politik."
Nachdem der Verfaffer noch auf den versöhnlichen Geist einer in Berlin vor Kurzem unter dem Titel „Nach dem Kriege" erschienenen Flugschrift hingewlesen", schließt er mit folgenden Worten:
„Was auch im Orient geschehen möge, immer wird eS von Deutschland abhingen, dem westlichen Europa den Frieden zu erhalten. Sein wohlverstandenes Jntereffe räth ihm, dieser Rolle treu zu bleiben, und nicht uns steht eS zu, daran zu erinnern, daß die entgegengesetzte Rolle nicht immer eine glückliche ist." -,--
Deutsche, Reich.
Berlin, 22. Jan. Die „Nordd. Allg. Ztg." meldet über die Angelegenheit des im September 1875 in der Nähe von Amoy beraubten SchoonerS „Anna": Der Gouverneur der chinesischen Provinz Tu Kien zeigte Ende November in Folge der Ankunft zweier deutscher Kriegsschiffe, des „Cyclop" und der „Ariadne", im Hafen von Foochow den deutschen Behörden an, er habe den betreffenden Mandarinen unter Androhung von Freiheits- und Vermögens- Strafe aufgegeben, die Schuldigen zu ermitteln «nd das geraubte Gut eiuzuliefern. — Zur Motivirung der an den
Reichstag gestellten NachtragSforderung zum Etat von 1876, welche durch die Erhebung de« Gesandten in Rom zum Botschafter veranlaßt ist, wird in der betreffenden Vorlage Folgende« bemerkt: „Während der Anwesenheit Sr. Majestät des Kaiser« und Königs in Mailand ist auf Anregung der königl. italienischen Regierung eine Verständigung wegen Erhebung der beiderseitigen Gesandtschaften in Rom resp. Berlin zu Botschaften eingeleitet worden. In Folge dieser, die guten und herzlichen Beziehungen der Souveräne und der Länder zum erwünschten Ausdruck bringenden Abrede hat die königlich italienische Regierung in dem Budget des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten für da« Jahr 1876 eine Mehrforderung von 60,000 Liren für die künftige Botschaft in Berlin ausgebracht. Diese Summe ist von der Deputirtenkammer in der Sitzung vom 24. November v. I. ohne jedm Wiederspruch bereitwillig und mit großer Majorität genehmigt worden. Insofern eS nunmehr darauf ankommt, auch die kaiserliche Gesandtschaft in Rom zur Botschaft zu erheben, darf in Bezug auf die gleichzeitig zu beantragende Erhöhung de« Diensteinkommens de« künftigen Botschafter« um 25,000 M. und des ersten BotschaftSjecretärS um 1200 M. vorangeschickt werden, daß, ganz unabhängig von der beabsichtigten Rang-Erhöhung, eine Mehrforderung in der ange- deuteten Richtung schon seit länger Zeil und je länger je mehr al« unabweiSlich sich herauSgcstellt hatte. Die Befriedigung dieses Bedürfnisse« ist bi« jetzt nur um deswillen gegen andere ebenso dringliche Anforderungen zurückgestellt worden, weil die betreffenden Missionschef« in der Lage waren, nicht unbedeutende Summen au« ihren Privat- Mitteln zuzuschießen und dies wirklich gethan haben: eine Nothwendigkeit, welche auf die Dauer der Würde de« deutschen Reichs und der Stellung seiner Vettreter nicht entsprechend erscheint. Da« Diensteinkommen de« kaiserlichen Gesandten in Rom beträgt seit dem Jahre 1867 — neben freier Wohnung — 75,000 M.; dasselbe war ursprünglich für Florenz normirt und hat bei der Verlegung der italienischen Hauptstadt von Florenz nach Rom und später eine Erhöhung nicht erfahren." — Eine weitere Nachtragsforderung betrifft die Erhöhung der Kosten der Betheiligung des deutschen Reich« an der Weltausstellung zu Philadelphia von 450,000 auf 500,000 Mark. „Die mehr in Ansatz gebrachte Summe soll zur Errichtung eine« deutschen Pavillons dienen, welcher, außer den Dienst- localitäten für die deutschen AuSstellungSbevollmächtigtm, den die Ausstellung besuchenden Deutschen geeignete Versammlungsräume bietet. ES wurde vor Allem darauf hingewiesen, daß außer einer größeren Anzahl von minder bedeutenden Staaten namentlich England den Entschluß gefaßt habe, durch Herstellung eines besonderen Gebäude« auf dem Ausstellungsplatze seinen Ausstellern einen würdigen
Die Nebelwitwe. 1
Original-Erzählung von F. L-
(Fottsetzung.)
War nicht der Freund verändert und kalt gegen ihn geworden? Schien er nicht gefliffentlich jedem traulichen Beisammensein, jedem Austausch der Gedanken und Empfindungen, der sonst ihre Stunden so freundlich beglückend ausschmückte, aus dem Wege zu gehen? — Er hatte diese Wahrnehmung mit Kummer empfunden, hatte sich selber gefragt und bei sich nachgesonnen, ob er auch selbst die Schuld trage an der Erkaltung, und war bann herzlich Und warm dem andern entgegen getreten. Aber er fühlte, « war etwa« Entfremdende« zwischen sie getreten; e« bestand, er mußte sich die« eingestehen. Wie gern hätte er »ft die Gefühle und Hoffnungen, die seine Brust fast zum Ueberschwellen bedrängten, dem Gefährten anvertraut. — Seine anschmlegende Natur ließ ihn die« Bedürfniß bald iwpfinden; aber in solchen Momenten erschien dieser wortkarg, finster, abweisend, wie gänzlich verwandelt gegen seine frühere offene und herzliche Weise. E« waren jetzt oft Umschweife und Vorwände zwischen ihnen, wo sonst die lau tttste Klarheit geherrscht. — „Sollte Siegmund vielleicht rbmfall« die Gräfin lieben?" — Jeder, der sie sah, mußte ste bewundern — man konnte sich diesem nicht entziehen, iS erschien ihm so natürlich! Aber eS war Wahnsinn, wenn bet andere jemals an die Möglichkeit glaubte, sie zu Ertingen, sie, die Trägerin eine« stolzen Namen«, die Viel umworbene, Gefeierte. Und überdies war er ja verlobt mit dem lieblichen Mädchen seiner Wahl, welchem er sich zu- fiefagt hatte. ChrysanthuS dachte viel zu ehrenhaft, um ihn tintr Treulosigkeit, eine« Wortbruchs für fähig zu halten. @t beschloß, indem er ihn an seine Pflicht erinnerte, der stinigen al» Freund zu genügen.
Sie kehrten beide einst an einem Nachmittage von dem Landhause der Gräfin zurück, welche es ausgesprochen hatte, daß fie von dort abzureisen gedenke, indem die schöne Jahreszeit ihr Endegerreicht hatte und sie schon ungewöhnlich lange dort verweilte. Der ehemalige Student brachte in der letzten Zeit meist seine Tage auf der Villa zu, oder in der unmittelbaren Nähe derselben; selten nur besuchte er das Schloß seines Freunde». Dieser hatte ihn diesmal aufgefordert, mit ihm dahin zu kommen, er hielt die Gelegenheit für günstig, feine Absicht auszuführen. „Früher, wo mir der Freund gewiß war," so dachte er heimlich seufzend bei stch, „bedurfte eS nichts der Vorbereitungen und Bedenken, wo das unumschränkteste Vertrauen zwischen uns herrschte."
Er schlug unterwegs dem Gefährten vor, abzusteigen und an einem anmuthigen, von Bäumen eingeschloffenen Plätzchen zu rasten, eine kurze Weile nur; denn e» wehte stoßweise rin scharfer Wind und die Luft war schon herbstlich rauh geworden. Sie schlangen die Zügel ihrer Pferde um einen starken, seitwärts überhangenden Ast und ließen stch neben einander auf einen zum Sitz geeigneten Vorsprung des Bodens nieder. Beide waren ernst, beide schwiegen und schienen in Gedanken zu überlegen; vielleicht erwartete jeder von dem andern die Einleitung des Gespräches. — Der Ort war traulich, zu Mittheilungen auffordernd; eö herrschte hier eine verhältnißmäßig milde Luft, da er, dem Winde entgegen, leidlich vor diesem durch dicht verwachsene« Gesträuch und BaumwuchS geschützt war und die Wärme der schon schräge fallenden Sonnenstrahlen sich auf dem innern, grasbewachsenen Platze sammelte. Endlich ergriff der junge Körmeny die Hand seines Nachbars und fie herzlich in der (einigen pressend, begann er: „Siegmund, mein Bruder, weshalb bist du seit lange so ander« gegen mich geworden wie sonst? Sprich, sage mir, ob ich es verschuldete, wa« ich unwiffend verbrach, daß du dich zurückziehst von
-- - -......- • . —~«■—■»
mir, daß du mir ausweichst, mir, dessen Herz noch immer daffelbe wie ehemals, dessen treue Freundschaft nicht erkaltet ist?"
Der Angeredete saß schweigend da, mit leicht gerunzelter ©tim vor sich hinaus schauend. Er zog mit einer raschen Bewegung feine Hand an sich und kreuzte beide Arme über die 8ruft. Endlich begann er mit unsicherem, fast hartem Tone: „Wozu die Betheuerungen und schwunghaften Ergüffe überspannter Naturen, die vielleicht wohl für die Musestunden von knabenhaften Schülern des Pia« ristenkollegiumS paffen mochten, aber eine« Mannes nicht würdig sind? — Ich bin noch dein Freund wie ehedem — ich bin dir verpflichtet und zugethan; aber verlange nicht die gleiche Erwiederung romanhafter Gefühle, nicht ein Verständniß für Ueberschwänglichkeiten, die unwahr, weil sie unnatürlich sind." — ChrysanthuS fühlte den geheimen Stachel der Kränkung in sich: ober e» galt, sie zu verschmerzen, die Empfindlichkeit zu überwinden, seiner FreundeSpflicht Genüge zu leisten, den Zugang zu einem Herzen zu finden, das sonst ihm angehörte, liebend und verständnißvoll, und nun entfremdet war. Er legte daher die volle Innigkeit des (einigen, alle überzeugende Wahrheit und Redlichkeit der Gesinnung in den Klang (einer Worte, al« er nach einer Pause erwiderte: „Du willst mich nicht verstehen, du willst mir ausweichen! O, Siegmund, warum thust du also? Weise mich nicht zurück, ich habe ein Recht auf dich, auf dein Vertrauen, ein unveräußerliche« und geheiligte« Recht, da« ich nicht aufgeben kann, nicht aufgeben will, weil ich in ihm den Schatz meines Lebens fand."
Der Aufblick des Genoffen begegnete dem feuchtglänzenden Auge de« Sprechers. Er vermochte nicht der Wärme dieser Empfindung zu widerstehen, die so ungeschminkt und lauter ihm entgegen trat. Er sah ihn an, lange, tief und