Sfr. 19.
Marburg, Sonntag, 23. Januar 1876.
XI. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: He Expedition d. Blatte-, s,wie die Annoneen-Bureaux 8IH Th. Dietrich <t So. in <Uffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; B' stein & Vogler in rt a. M- Berlm.Leip- [n ic; Rudolf Moss» Merlin, Frankfurt a. M. re.
Anzeigen nimmt entgegen: Me Expedition d. Slattes, sowie die Annoucen-Dureaux von ®. L- Dau de * So. in Fraukfutt a. M.: Illger'sche Luchhondlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, 1. Rete» meyer in Berlin; Karl Tchüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
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Politische Wochen-Ueberficht.
Die dritte und voraussichtlich letzte Session deS gegen« Bärtigen preußischen Landtages ist am Sonntag durch den vom König dazu beauftragten Vice-Präsidenten des Staats« Ministerium-, Herrn Camphausen, im Weißen Saale deS gniglichen SchlosieS eröffnet worden. Die verlesene Thronrede war, wie seit Jahren, rein geschäftsmäßig gehalten. Einen sehr guten Eindruck machte der die Finanzlage des Staates und das Budget für 1876 betreffende Satz; und He Erläuterungen und Nachweise zu demselben, weiche der Finanzminister in der vorgestrigen Sitzung deS Abgeord- setenhauseS bei Einbringung des Etats und des HauS- haitSgesetzeS gab, wurden mit lebhaftem Beifall entgegen genommen. Unter den angekündigten Gesetzvorlagen hebt die Thronrede neben dem „Competenzgesetze" für die Einordnung der neuen Selbstverwaltungsbchörden in das System der Staatsverwaltung und die Revision der Städteordnung btt östlichen Provinzen, die zur Vollendung der Vermal- Nmg-reform in den LandeStheilen der neuen Kreisordnung noch erforderlich sind, die General-Synodalordnung hervor, dtten Sanktion dem Landtag in der Thronrede besonders anl Herz gelegt wird. — Der am Mittwoch zum Beginn feiner Nachjesston wieder zusammengetretene Reichstag war leider, seiner Übeln Gewohnheit gemäß, nur unvollzählig nfchienen, was dafür spricht, daß eine Herabsetzung der veschlußfähigkeitSzahl zu erwägen ist. Es sind inzwischen im BundeSrath noch einige neue Vorlagen theilS schon fntig gestellt, theilS in Arbeit, darunter ein für den Ankauf deS Kroü'jchen Grundstücks zum Bauplatz für da» Reichstagsgebäude und eine für die Verlegung des Anfang» btt jährlichen Finanzperiode des Reichs vom 1. Januar auf den 1. April.
Das österreichische Herrenhaus, das in der Regel dem Fortschritt und der Aufklärung huldigt, nahm am 14 Januar seine Arbeiten wieder auf und erledigte in drei Sitzungen unter lebhaft«, Verhandlungen zwischen den liberalen Mitgliedern und den ultramontanen bad Kloster- Gesetz, da» vor zwei Jahren als Regierungsvorlage an» Licht kam, aber bann zwischen Thür unb Angel deö hohen Hause« hangen blieb. Am 17. Januar erfolgte auch bie Annahme de» KlostergesetzcS mit wenigen Aenderungen, dagegen fand baS vom Abgeorbnetenhause angenommene Gesetz über die Regelung der RechtSverhältniffe der Alt- kttholiken keine Gnade vor den Herren; dasselbe wurde abgelehnt.
Am Dienstag wurde zu Bern der zweite internationale Postcongreß tm Ständeraths-Saale des Bundes »Palais eröffnet.
Die kommende italienische Legislaturperiode soll am 6. März mit einer Thronrede eröffnet werden. Victor 6manucl ließ dem General Garibaldi als Gegengeschenk
für das Ziegenböckchen, welches Letzterer ihm am Neujahrstage von Caprera zusandte, eine Mosaiktafel, sowie die Bronzestatuetten Franklins unb Washingtons überreichen. Auf Befehl bes Papstes ist eine Commission von Cardinälen zusammengetreten, um über die Gesuche der Bischöfe zu derathen, welche durch Erlangung des königlichen Exequatur» wieder in den Besitz ihrer Temporalien eingesetzt zu werden wünschen.
Am 16. Januar fanden in den 36,000 Gemeinden Frankreichs die Wahlen derDelegirten zu den Senats- Wahlen Statt. Der starke Schneefall hemmte oder beschwerte besonders im Süden den Eisenbahnverkehr, und die strenge Kälte, die gerade am Sonntag herrschte, machte die Bürgerpflicht zu keiner leichten Sache. Jndeß trat am Montag Thanwetter ein, unb so werben die Wahlen, die am 16 nicht bewirkt werden konnten, am 18. überall bewirkt worden sein. Ueber den Ausfall beobachtet der Minister des Innern noch eine nicht unbemerkt gebliebene Vorsicht, während die Regierungsorgane eine Zuversichtlichkeit an den Tag legen, deren Probe vorläufig um so schwerer zu machen sein wird, als der Begriff „konservativ" durch die Proclamation Mac MahonS eine wächserne Nase bekommen hat: man schreibt sich alle Delegirten zu, die nicht notorisch der konservativen Republik des Herrn ThierS angehören.
Am Donnerstag war für Spanien der bedeutsame Tag, an welchem die Corteswahlcn begonnen haben. Daß eine der Regierung ergebene Mehrheit auS den Urnen hervorgehen wird, ist nicht dem mindesten Zweifel unterworfen.
In dem am Dienstag inLondon abgehaltenen Minister» Rathe ist nach den bisher an die Oeffentlichkeit gelangten Nachrichten der Beschluß gefaßt worden, den Andraffy'fchen Reformvorschlägen im Grundsätze beizustimmen, jedoch einige Vorbehalte zu machen. Dieselben werden jedenfalls darin bestehen, daß England sich dagegen verwahrt, der Pforte die Reformen mit Gewalt ober auch nur mit Drohungen ausdrängen zu wollen, unb daß eS sich ber Lage gegenüber, bie auf die Annahme oder Ablehnung durch bie Türkei folgen wirb, ganz freie Hanb vorbehält. Der Beschluß würbe bann ganz in bet von ber Times wiederholt empfohlenen Weise ausgefallen {ein.
DaS dänische Fotkething hat eine vom Landsthing bereits durchberathene und angenommene Gesetzvorlage mit 46 gegen 25 Stimmen verworfen. Dieselbe betrifft die zwischen den Inseln ßaalanb unb Falster neu erbaute Eisenbahnbrücke und die mit Bezug darauf von der Privatbank, welche den Bau ausgeführt hat, nachgesuchte Erweiterung ber Zinsgarantie für die Eisenbahn. Die Ablehnung scheint weniger ein Schlag gegen Ministerium unb LandS- thing als gegen bie Privatbank unb deren Director Tietgen sein zu sollen.
Der schwedische Reichstag ist am 19. d. vom König selber eröffnet worden, der mit Bezug auf feine im vorigen Jahre nach Dänemark, Deutschland und Rußland gemachten Besuchsreisen es besonders betonte, daß Skandinavien, welches sich bei Fürsten und Völkern herzlicher Sympathie zu erfreuen habe, sich diese zu wahren wissen werde, indem es fremden Gerechtfamen niemals feindlich entgegentreten, aber auch feine eigene Selbstständigkeit kräftig vertheidigen wolle.
In Rußland hat der Enkel des berühmten Feldmar- schall» Suwarow, Graf Alexander Suwarow Fürst JtaliiSki, sein SOjährigeS OfficierSjubiläum gefeiert unb dabei, wie üblich, des Kaiser» Porträt mit Brillanten, als Orden zu tragen, verliehen erhalten. Er ist zur Zeit Generalinspector der Infanterie unb 71 Jahre alt. Al» Generalgouverneur ber Ostfeeprovinzen (von 1848—1861) hat er sich besonders ausgezeichnet. ,
In der griechischen Depulirtenkammer wurde der Beschluß, das Ministerium Bulgari» in Anklagestand zu versetzen, mit 74 gegen 14 Stimmen gefaßt; 15 Mitglieder, darunter die 7 Minister, stimmten gar nicht mit. Da» Gerichtsverfahren gegen die außerdem ber Simonie (Aemter- vcrkauf) bezichtigten ehemaligen Minister de» CultuS unb der Justiz ist jo weit gediehen, daß bie öffentliche Verhandlung am 7. Februar beginnen kann.
Wie dem Sultan die Andraffy'fchen Vorschläge beizu- bringtn sind, wird immer noch erwogen. Unter der Hand haben die Botschafter ber Großmächte bei der Pforte höfliche Bohrversuche gemacht; der Großvezir ist ober sehr schwerhörig geworden. Inzwischen geht Ali Pascha in Be» glcitung Constant Eff-ndt'», eine» christlichen Beamten, nach Mostar, um die Beruhigung der Aufständischen auf friedlichem Wege nochmal- zu versuchen.
In Serbien geht gerade wie in Griechenland bie Volksvertretung mit ihren ehemaligen Ministern in» Gericht. Marinovic und Genoffen sollen sich verfaffungSwidrige Handlungen haben zu Schulden kommen lassen; namentlich hat die Skupschtina e» gar übel vermerkt, daß die Gehälter und Pensionen zu hoch angesetzt worden sind. Im die», jährigen Budget sind alle Gehälter der höheren Beamten bedeutend verringert.
Deutsches «eich.
•• Berlin, 21. Jan. Se. Majestät der König hat bet Synodalorbnung Allerhöchst die Sanction ertheilt und werden hierdurch alle über diese Frage kreisenden Gerüchte widerlegt. — Fürst BiSmarck's Unwohlsein hat sich in den letzten Tagen derartig gesteigert, daß eS ihm unmöglich wird, morgen Abend die angesetzte parlamentarische Soiree abhalten zu können. Dieselbe ist abbestellt. Ebenso wird
Die Nebelwitwe.
Original-Erzählung von F. 2.
(Fortsetzung.)
Auch die alle Namuna trat dem jungen Edelmann nie« »al« wieder in den Weg mit der nnhermlichen Mahnung ihre» Blickes, ihrer Unglück prophezeihenden Warnungen; sie war eS ja gewesen, bie jene damals an ihn gerichtet hatte. — Sie kehrte nicht wieder zu ihrer Herrin zurück, den der sie seit lange gänzlich vernachlässigt war. Sie fühlte sich schwächer werden seit einiger Zeit, unb mit ber Ruhe und Sicherheit einer gewissen, mit bet Natur innig verwandten Begabung ihre» Stammes empfand sie in sich selbst, daß die Jahre ihr Recht verlangten, daß sie bald »us dem Leben scheiden müffe. Gleich dem verwundeten ttnb tvdtkranken Hirsche, der die Schauer des herannahen- btn Endes fühlt unb in bas verborgenste Dickicht beS Valde» sich schleppt, um unbelauscht in bet Oede seinen letzten Seufzer auSzuhauchen, duldete eS auch die Zigeu- Uerin nicht länger in den umschränkenden Mauern des bchloffeS. Sie hatte sich heimlich von dort entfernt, sie »ollte zu ihres Gleichen hin. — In dem Wäldchen, unter einem Baume niebergefauert, erwartete sie den heirnkehren ben ChrysanthuS, die letzte warnende Abmahnung ihm zu- hrufen. Hernach wanderte sie mühselig bie Nacht unb den fclgenben Tag hinburch, bi» sie bie Zelte ihrer Stam kttgenoffen erreicht. Dort unter bie Versammelten tretend, begehre sie, die Tochter der Heimathlosen, in ihrer Mitte fltrben zu dürfen. Man nahm sie willig auf, man gewährte ihr die Gastfreundschaft. Die Frauen unb bie langen Mädchen bereiteten ihr ba» Lager, bedienten und fegten sie, bie nicht viel auf Erben mehr brauchte; bie Männer stimmten bie Todtenklage über ihrer Leiche an, als «t Geist schon nach wenigen Tagen ohne vorhergegangene ■
Krankheit, ohne schmerzhaften Kampf bie von Alter entkräftete Hülle verließ. Sie bereiteten ihr bie letzte Ruhestätte im Walbe, dessen Wipfel das ewige Schlummerlied über ihrem Grabe rauschten.
Hätte sich der Jüngling durch die räthselhafien Worte eines alten Weibes, durch den unangemeffenen Eifer feines in blinden Vorurtheilm befangenen Dieners, durch besten flehend auf ihn gerichtete Blicke abhalten lasten sollen, die Nähe der Fr-u zu suchen, zu der er sich mit tausend Fäden hingezogen fühlte? — Di-se Augen voll Himmelskrarheit, der süße Liebreiz ihres Antlitzes konnten nicht trügen; in dieser herrlichen, von harmonischem Ebenmaß durchdrungenen Gestalt konnte nur eine gleich vollkommene Seele wohnen. UeberbieS hörte er von allen Seiten ihr Lob erschallen; man pries nicht bloS ihre Schönheit, man pries auch bie Begabung ihres Geistes, ihre Freigebigkeit, ihren glühenden Patriotismus und die Bewerber selbst ließen ihrer stolzen Zurückhaltung Gerechtigkeit widerfahren. Nein, jeder Zweifel an ihr war ein Frevel, eine Thorheit, die sich selbst bestrafte, denn war eS nicht wohlthumd, nicht entzückend, sie zu bewundern?
Ja, eS war Thorheit, sinnlose Verschmähung deS Köstlichsten, was die Erde bot, wenn er versäumt hätte, ihr zu nahen, wenn er daS Glück hinwegwarf, das eine leise, schmeichelnde Hoffnung ihm in weiter Ferne aufdämmern ließ! — Und doch, alS er nach einigen Tagen, die er un muthig und gelangweilt verstreichen ließ, sich auf sein Pferd schwang, entschlossen, bie Sehnsucht zu enden, und den auf ihn gerichteten Augen seines LeibdienerS begegnete, in denen sich so viel besorgte Anhänglichkeit, so viel heiße» Flehen aussprach, überfiel e» ihn plötzlich, al« stehe er im Begriff, ein Unrecht zu begehen. Es erhob sich ein geheimer Widerstreit in seiner Seele, ein räthselhasteS Bangen kam über ihn: wenn ihn sein Schutzgeist selber warnte,
wenn die abmahnende Stimme, die jetzt dort so dringend sich erhob, von ihm kam? — Er zauderte und blickte un« entschlossen wie suchend umher; einen Augenblick nachher lächelte er verächtlich über seine Schwäche.
„Zarosch," sagte er freundlich zu diesem sich wendend, „ich reite nach der Villa der Gräfin Gyormathy; wenn du mich nicht gern dorthin begleitest, so magst du zurückbleiben.* — „O Herr, du willst?" — ChrysanthuS sah bie männ« iich gebräunten Züge deS ehemaligen Husaren bleich werden, die Muskeln wie von einem körperlichen Schmerze zusavr- rnenzuckeu, sah, wie er beide Arme in unwillkürlicher Bewegung gegen ihn ausstreckte, als wolle er ihn zurückhalten; aber fest entschloffen, sich an diese Thorheit nicht weiter zu kehren, wandte er sich ab. Sein feurige« Roß brauste dahin und trug ihn in gestrecktem Lause bald auS dem Gesichtskreise de» regungslos ihm Nachblickenden, der mit einem schweren Seufzer da» Haupt auf die Brust sinken ließ. „Möge ihn die gedankenreiche Jungfrau in ihren heiligen Schutz nehmen," murmelte er; „ich vermag e< nicht, ihn zu schirmenl"
Seitdem blieb Zarosch zurück, wenn fein Herr diesen Pfad einschlug. Er sagte nicht» mehr, er ward nur immer stiller und sorgenvoller. Der junge Mann beachtete die» nicht weiter; er war zu andern Zeiten gütig und zutraulich gegen ihn wie sonst, vielleicht noch mehr al» früher; aber seinen Verkehr auf dem Landhause der Gräfin, fein Glück aufgegeben? — Nimmermehr! Diese» ward jetzt öfters wieder von edlen Gästen belebt, unb die schöne Wittwe verstand e», mit der sicheren Haltung einer Königin bie beiden Freunde ihnen gleichberechtigt hinzustellen. Sie hatte für alle den Zauber ihrer Blicke, ihre» Lächeln», flammende Sympathien für da» bedrohte Magyarenthum und im engeren Kreise eine entzückende, fast kindlichholde Unbefangen« heit, die unwiderstehlich feffelte. Nur zuweilen auf Moment«